11.11.2006 | Spezial | Silvia Otto
leichtathletik.de-Analyse – Weitsprung
Der Leichtathletik-Sommer 2006 ist Geschichte. Die deutsche Szene war dabei vor allem von einer erfolgreichen EM in Göteborg (Schweden) gekennzeichnet. leichtathletik.de nimmt die einzelnen DLV-Disziplinbereiche unter die Lupe, macht eine Momentaufnahme, bilanziert das Jahr 2006, blickt auf 2007 voraus und stellt die aktuellen Hoffnungsträger vor.
Oliver Koenig war der einzige Acht-Meter-Springer (Foto: Kiefner)
MÄNNER
Wo stehen die DLV-Asse international?
Die deutschen Weitspringer haben in der Saison 2006 wohl den Anschluss an die Weltklasse verloren. Bei der EM in Göteborg gab es zwei Teilnehmer – mehr nicht. Für beide war bereits in der Qualifikation Schluss. In der Weltjahresbestenliste ist der einzige deutsche 8-Meter-Springer Oliver Koenig (LAZ Leipzig; 8,01 m) an der 57. Stelle zu finden, in der europäischen Liste rangiert er etwas weiter vorne (21. Platz). "Zu wenig", sagt DLV-Disziplintrainer Rainer Pottel. Nils Winter (TSV Bayer 04 Leverkusen; 7,99 m) ist nach einer schwächeren Saison vom 4. auf den 27. Rang abgefallen.
Die Bilanz 2006
"Es war kein tolles Jahr", resümiert dann auch ein merklich unzufriedener Rainer Pottel, der mit drei Teilnehmern sowie dem Erreichen des Finales bei der EM gerechnet hatte. Oliver Koenig (7,36 m) und Sebastian Bayer (TSV Bayer 04 Leverkusen, 7,66 m) konnten ihre Leistung in Göteborg nicht abrufen und hatten mit der Entscheidung nichts zu tun.
Dennoch blieb der 20-jährige Sebastian Bayer, der ohne Normnachweis vom DLV als Hoffnungsträger nominiert wurden war, im Rahmen seiner Möglichkeiten und lässt für die Zukunft hoffen. Der U20-EM-Zweite überzeugte nur etwa ein Jahr nach seinem Mittelfußbruch durch eine schnelle Rückkehr und die Steigerung auf 7,95 Meter.
Der als Finalist von Göteborg gehandelte Nils Winter blieb hinter den Erwartungen zurück. Nach einer überzeugenden Saison 2005 kam er nicht richtig in die Gänge und blieb bei 7,99 Meter hängen. Nur rund zehn Zentimeter zur Acht-Meter-Marke fehlten Christian Reif (ABC Ludwigshafen; 7,90 m), welcher nach einer Fuß-OP im März erst am Ende der Saison in Schwung kam, sowie Kofi Amoah Prah (LG Nike Berlin; 7,89 m).
Die Chancen 2007
Die Hallen-EM mit einer lösbaren Norm von 7,90 Metern schätzt der Disziplintrainer als einen ersten Gradmesser ein sowie die Möglichkeit für junge Leute, sich international zu zeigen. Auch im Sommer sollte sich der Weitsprung wieder besser präsentieren als 2006. "Es sind eine Menge Leute mit viel Potenzial da, die im nächsten Jahr acht Meter springen müssten", formuliert Rainer Pottel seine Erwartungen.
Vorrangiges Ziel ist die Teilnahme an der WM in Osaka (Japan). Die geforderte Norm liegt bei 8,20 Metern. Die Hoffnungen des DLV-Trainers ruhen dabei vor allem auf Nils Winter, der wohl die größten Möglichkeiten besitzt. Für Sebastian Bayer erscheint die doch recht hohe Norm noch unüberwindbar. Weiterhin gute Chancen räumt Rainer Pottel EM-Starter Oliver Koenig ein, "welcher sich aber zunächst im Bereich um acht Meter stabilisieren muss". Nicht zu vergessen ist Acht-Meter-Springer Peter Rapp (LAV asics Tübingen), der nach seinem Ermüdungssyndrom im Wadenbein wieder voll im Training steht.
Ebenso bescheinigt der Bundestrainer Kofi Amoah Prah nach wie vor hohes Leistungsvermögen für die nächste Saison. Nach langer Verletzungsmisere hat sich dieser 2006 wieder eine stabile Ausgangsposition aufbauen können. Schließlich verweist der Coah auf Christian Kaczmarek (Berliner SV 1892; 7,65 m), der inzwischen das zweite Jahr mit Beugerproblemen kämpft. "Wenn er endlich einmal gesund ist, verfügt er über 100 Prozent Potenzial, auch für ihn kommt 2007 die entscheidende Phase", meint der vom Verletzungspech geprägte Rainer Pottel. Um der auffallend hohen Verletzungsanfälligkeit deutscher Weitspringer vorzubeugen, setzt der Disziplintrainer auf das Sprungteam des DLV, dem zur Zeit auch vier Weitspringer angehören.
Die Hoffnungsträger
In der Jugend sah es 2006 nicht besser aus. So gab es keinen nationalen Vertreter bei der U20-WM in Peking (China). Es gibt sogar Probleme, entsprechende C-Kader zu bilden. "Ich weiß nicht, wer bei der U20 dabei sein könnte" analysiert DLV-Trainer Rainer Pottel eine Lücke und sieht auch keine positiven Veränderungen in Aussicht.
Immerhin die U23 EM (Jg. 85-87) scheint aussichtsreich abgesichert. Neben Hoffnungsträger Sebastian Bayer gibt es weitere Kandidaten. Diese sind Christian Böhm, der nach seinem Trainerwechsel 2006 noch Anpassungszeit benötigte (SG Kronshagen/Kiel; 7,54 m) sowie den Neu-Frankfurter Nils Sammert, der den Anschluss nach dem Kreuzbandriss im letzten Herbst noch nicht wieder gefunden hat. Es gilt abzuwarten.
FRAUEN
Wo stehen die DLV-Asse international?
Bei internationalen Großereignissen suchte man 2006 vergebens nach deutschen Weitspringerinnen. Wirft man jedoch einen Blick in die europäische Jahresbestenliste, springt Claudia Tonn (LC Paderborn) mit 6,75 Metern im internationalen Vergleich vorne mit (12. Platz). Bei der EM in Göteborg musste sie allerdings nach einer Verletzung am Oberschenkel passen. In der Weltjahresbestenliste rangiert die Siebenkämpferin hinter vielen der nach wie vor überlegenen Russinnen an 19. Stelle.
Die Bilanz 2006
"Wir haben dieses Jahr Pech gehabt", umschreibt DLV-Disziplintrainer Ulrich Knapp das Weitsprungjahr 2006 der Frauen - geprägt durch Ausfälle sowie Verletzungen. Anhand des Fünferschnitts in der deutschen Bestenliste analysiert er dann auch die Saison als "ein eher schwächeres Jahr". Nach starken 6,75 Metern von Claudia Tonn folgt Urzula Gutowicz-Westhof mit 6,60 Metern, an dritter Stelle steht bereits die A-Jugendliche Anika Leipold (Schweriner SC; 6,55 m), dann geht es schnell auf 6,33 Meter herunter.
Ein großer Wermutstropfen war der Ausfall von Claudia Tonn bei der EM, die mit ihrer Bestweite gute Chancen gehabt hätte. "Sie wäre mit ihrer derzeitigen Leistungsfähigkeit sowie Konstanz sicher im Finale der letzten Acht gewesen." Unterstrichen wird diese Vermutung durch die Vergabe der Bronzemedaille in Göteborg an die Russin Oksana Udmurtova mit nicht unlösbaren 6,69 Metern. Dass die derzeit beste deutsche Weitspringerin eine Siebenkämpferin ist, stört den DLV-Trainer zwar nicht, macht jedoch den Ausfall der eigentlichen Springerinnen deutlich. Vor allem die entstandene Lücke durch Bianca Kappler (LC Asics Rehlingen), welche durch die Geburt ihres Kindes im Mai keine Wettkämpfe bestritt, konnte nur bedingt gefüllt werden.
So quälten die Berlinerin Urzula Gutowicz-Westhof Verletzungssorgen und sie blieb hinter den von ihr erwarteten Leistungen zurück. "Bei Urzula muss endlich der Knoten platzen, indem es gelingt, ihre guten Trainingsleistungen umzusetzen", spricht ihr Ulrich Knapp viel Potenzial zu. Weiterhin mit Problemen zu kämpfen hatten Sofia Schulte (LG Staufen; 6,29 m), die die Saison bereits nach zwei Wettkämpfen abbrechen musste, sowie Kathrin van Bühren (KSV Kevelaer; 6,35 m), die aufgrund von Prüfungen zum Studienabschluss nur schwer zu ihrer Form fand. "Ich traue ihr jedoch zu, im nächsten Jahr wieder in den Bereich ihrer Bestleistung von 6,65 Meter zu springen", kommentiert der Disziplintrainer ihre Entwicklung.
Im Jugendbereich hat Anika Leipold mit ihrer Steigerung von über dreißig Zentimeter auf 6,55 Meter überzeugt. Sie gewann bei der U20-WM in Peking (China) in einem nervenstarken Wettkampf Silber und somit die einzige internationale Medaille bei den Weitspringerinnen.
Die Chancen 2007
Nach dem "Übergangsjahr" soll vor allem im Sommer 2007 wieder an alte Erfolge angeknüpft werden. Claudia Tonn verzichtet auf die Hallensaison, um ihren Oberschenkel völlig auszukurieren. Ebenso fällt die Nachwuchshoffnung Anika Leipold aus, die eine Knieverletzung auskuriert. "Wenn sie ihre Knieprobleme übersteht, rechne ich im Freien wieder voll mit ihr", blickt Ulrich Knapp nach vorn.
Dafür will sich Bianca Kappler bereits in der Halle zurückmelden und ihre Ambitionen auf die WM in Osaka (Japan) verdeutlichen. "Ihre Kraftwerte sind momentan so gut wie noch nie und ich erwarte viel von ihr." Neben Claudia Tonn ("Sie bleibt vorrangig beim Mehrkampf") setzt der DLV-Trainer auf Urzula Gutowisz-Westhof als Kandidatin und "vielleicht sorgt auch eine Springerin aus der zweiten Reihe für eine Überraschung". Die A-Norm liegt bei 6,70 Metern. Seiner Meinung nach sollten bei der WM 6,60 Meter für das Finale genügen.
Leistungssteigerungen verspricht sich der Disziplintrainer wie bei den Männern vor allem durch das neu gegründete Sprungteam. Neben Kooperationen im Bereich Sportmedizin und Leistungsdiagnostik sind Absprachen mit den Heimtrainern sowie gemeinsame Trainingsmaßnahmen mit international erfolgreichen Trainern geplant. Außerdem besteht für interessierte Athleten und Trainer die Möglichkeit zur regelmäßigen Hospitation bei den besten deutschen Sprungtrainern.
Die Hoffnungsträger
Nachwuchssorgen plagen die weibliche Weitsprungszene derzeit nicht. Noch kann die Jugend den Anschluss zur Spitze zwar nicht herstellen, dennoch kündigt sich ein Generationswechsel an. "Praktisch der komplette C-Kader kann sich für die U20-EM in Hengolo (Niederlande) qualifizieren", blickt Ulrich Knapp optimistisch in die Zukunft. Hoffnungsträger sind die U20-WM-Starterin von Peking, Melanie Bauschke (LG Nike Berlin; 6,30 m), Alexandra Ophey (LAV Bayer Uerdingen/Dormagen; 6,21 m) sowie die lange verletzte Stephanie Unger (LAC Erdgas Chemnitz; 6,06 m). In Hengolo rechnet Knapp mit Platz drei bis sechs. Für die U23 EM kommt neben Anika Leipold, welche in gesundem Zustand Medaillenambitionen anmeldet, auch Nadine Jacobs in Frage, deren Form erst Ende der Saison anstieg (TSV Bayer 04 Leverkusen; 6,30 Meter).
Nach wie vor eine Hoffnung ist Sophie Krauel (TuS Jena), die zwar wieder belastbar ist, wohl aber noch einige Zeit bis zur ersehnten Rückkehr in die Weitsprunggrube benötigt.
Bildergalerie
Sebastian Bayer meldete sich nach einer schweren Verletzung zurück (Foto: Chai)
Anika Leipold sorgte bei der Junioren-WM für eine Medaille (Foto: Möldner)