13.11.2003 | Reportage | Ursula Kaiser
Schwedische Leichtathleten als Vorbilder und Stars
Schweden? Früher dachte man bei der Erwähnung dieses skandinavischen Landes in Sachen Sport in erster Linie an Eishockey, Skifahren oder Handball. Doch seit einigen Jahren sprießen auch die Leichtathletik-Talente geradezu wie Pilze aus dem Boden. Vor allen Dingen die Springer sorgen seit geraumer Zeit für Furore. Doch einen geheimen Masterplan sucht man vergeblich.
Schwedisches Erfolgsmodell Christian Olsson. (Foto: Chai)
Dennoch spricht man bei den Hochsprung-Assen Kajsa Bergqvist, Staffan Strand, Weitspringerin Erica Johansson oder Dreispringer Christian Olsson keineswegs von Zufalls-Erfolgen. Im Gegenteil, die Sportler sind zu konstanten Weltklasseathleten herangereift. Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle, die einfach zusammenpassen.
Geheimnis Leichtathletikhallen?
Der bekannte schwedische Leichtathletik-Fachjournalist Lennart Julin erzählte einmal der deutschen Fachzeitschrift "Leichtathletik", dass ein Erfolgsgarant die vielen Leichtathletik-Hallen seien, die in Schweden existieren und mit keiner anderen Sportart geteilt werden müssen. In den letzten 20 Jahren wurde fast jedes Jahr eine neue Halle gebaut. Was in einem Land wie Schweden, wo die Winter so kalt und dunkel sind, dass man im Freien kaum trainieren kann, unerlässlich ist. Dass das Training unterm Dach durchaus ein Argument ist, beweist die Tatsache, dass die Weltklasseathleten fast alle in der Nähe solcher Sportstätten groß geworden sind.
Dann gab es noch Viljo Nousiainen, der Patrick Sjöberg entdeckte, ihn zu Olympiasilber und zum damaligen Hochsprung-Weltrekord (2,42 m) führte. Plötzlich liebten unzählige Jugendliche die Disziplin. Nousiainen plädierte für eine Erneuerung der Trainingsinhalte. Durch seine Begeisterung hat er andere Trainer inspiriert, sie haben seine Philosophie übernommen. Seine Devise war immer: Technik und Koordination, anstatt Gewichte stemmen. Heute hat man in Schweden begriffen: das Wichtigste ist, dass die Bedingungen auf die Stärken und Schwächen der Einzelnen abgestimmt sind.
Patrick Sjöberg Idol einer ganzen Generation
Als Nousiainen im Frühjahr 1999 starb, hatte er das nächste Supertalent entdeckt: Christian Olsson. Der begann mit Sprüngen in die Höhe, nicht in die Weite. Doch der junge Athlet fuhr zweigleisig, wurde 1999 Junioren-Europameister im Hochsprung und Zweiter im Dreisprung. Seine heimliche Liebe ist heute noch der Sprung in die Wolken. "Wenn ich 18,50 Meter gesprungen bin, wende ich mich wieder dem Hochsprung zu", pflegt der 23-Jährige zu sagen und es ist nicht sicher, ob er das wirklich nur zum Spaß sagt.
Ein Hochspringer war auch verantwortlich dafür, dass Olsson überhaupt bei der Leichtathletik gelandet ist. "Mein Idol ist Patrick Sjöberg gewesem", sagt der Blondschopf. Mit einem Freund, Yannick Tregaro, landete er bei dem ehemaligen Trainer des Superstars. "Als der starb, habe ich das Training von Christian übernommen", erzählt Tregaro, der nur zwei Jahre älter ist. 1998 hatten beide noch gemeinsam 2,04 Meter überquert. "Da waren wir gleich, dann habe ich gesehen, dass ich nicht mehr viel weiterkomme, aber Christian ein großes Talent ist, da wollte ich ihm helfen."
Teamwork spielt eine große Rolle
Inzwischen ist Christian Olsson so bekannt in seiner Heimat, dass er nicht unerkannt auf die Straße gehen kann. Er pendelt hin und her, zwischen Norden und Süden – lebt teilweise in Monaco und versteht sich gut mit der Hochspringerin Kajsa Bergqvist, die es ebenfalls vorgezogen hat, ein Appartement im monegasischen Fürstentum zu beziehen.
Doch Trainer Tregaro hat neben Olsson noch mehr Athleten. "Auch ganz junge Leute, die international nicht so bekannt sind", sagt der junge Coach. Dass Olsson es im Drei- und Hochsprung (Bestleistung 2,28 Meter) zu Ehren gebracht hat, führt Yannick Tregaro auf die Vielseitigkeit des Trainings zurück. "Wir machen viel Sprungkraft und Mehrfachsprünge." Seiner Meinung nach ist Teamwork der Schlüssel zum Erfolg. Anstatt Neid und Missgunst, arbeitet man in Schweden eng zusammen. "Wir helfen uns gegenseitig", erklärt Tregaro. Der 25-Jährige hat es nie bereut, sich für eine Trainerlaufbahn entschieden zu haben. "Manchmal bin ich überrascht über die rasante Entwicklung. Ich bin sehr jung, kann noch viel lernen", sagt er bescheiden.
Carolina Kluft löste Run auf Mehrkampf aus
Und dann ist da ja auch noch Supertalent Carolina Kluft, die seit 2002 die internationale Siebenkampf-Szene aufmischt. Im vergangenen Jahr holte sie erst den Junioren-Weltmeistertitel, dann die Krone bei der EM in München. Heuer demonstrierte sie ihr unerschöpfliches Potenzial, wurde mit 7001 Punkten Weltmeisterin. Diese junge Frau hat eine Begabung, die man selten findet. Doch die Athletin aus Växjö in Südschweden hat auch das Umfeld, das sie braucht, um Höchstleistungen zu bringen – und sorgt mit ihrer offenen, lebenslustigen Art dafür, dass in ihrer Heimat ein Run auf den Mehrkampf begonnen hat. Eine 20-jährige Athletin als Vorbild der Jugend in Schweden und ein Geschenk für den Siebenkampf, der lange ein Schattendasein führte.
Die Hochsprunggarde – von Europameisterin Kajsa Bergqvist über Stefan Holm bis zu Staffan Strand – ist die Generation, die sich Patrick Sjöberg zum Idol auserkoren hat. Sie sind fast alle im gleichen Alter – ziehen sich gegenseitig nach oben, animieren und motivieren viele Kids durch ihre Vorbildfunktion. So "produziert" man in Schweden die Stars der nächsten Generation. Und die stehen dort schon in den Startlöchern.
Bildergalerie
Auch Staffan Strand hat die Leichtathletik-Euphorie in Schweden mitentfacht. (Foto: Chai)
Carolina Kluft ist der neue Stern am Siebenkampf-Himmel (Foto: Chai)