| Disziplin-Check 2020

ZEHNKAMPF MÄNNER | Nachwuchs arbeitet sich in den Vordergrund

Abgebrochene Trainingslager, phasenweise sportlicher Stillstand, die Olympia-Absage, eine zaghafte Rückkehr ins Training, erste Wettkämpfe und dann doch noch eine Late Season mit einigen bemerkenswerten Leistungen: Die Saison 2020 im Jahr der Corona-Pandemie war eine ganz besondere, die allen Beteiligten viel abverlangt hat. Wir blicken mit den Disziplinverantwortlichen im Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) zurück auf die vergangenen Monate, ziehen Bilanz und wagen einen Ausblick auf die Olympia-Saison 2021. Heute: der Zehnkampf der Männer.
Alexandra Dersch

Fazit des Bundestrainers

Christopher Hallmann, wie haben Sie persönlich das Corona-Jahr 2020 erlebt  – als Bundestrainer und als Heimtrainer?

Christopher Hallmann:

Während des traditionellen März-Trainingslagers in Südafrika nahm die weltweite Entwicklung dynamisch zu und wir haben dann im DLV-Leitungsteam schnell und entschlossen die frühzeitige Rückreise organisiert. In zahlreichen Videokonferenzen tauschten wir uns dann über die teilweise sehr unterschiedlichen Trainingsmöglichkeiten an den Stützpunkten aus. In Ulm war ich ebenfalls damit beschäftigt, den Trainingsbetrieb aufrechtzuerhalten und einen Trainingsrhythmus bei den Topathleten herzustellen. Dies war gar nicht so einfach, da nach und nach immer mehr Wettkämpfe abgesagt wurden und die Motivation rasant abfiel.

Was waren die größten Herausforderungen für Sie und die deutschen Zehnkämpfer?

Christopher Hallmann:

Die größte Herausforderung war es, die Zielfokussierung neu zu gestalten und dieses Jahr ohne internationale Höhepunkte bzw. Zehnkämpfe überhaupt so zu nutzen, dass jeder Einzelne 2021 noch leistungsfähiger sein kann. Die Topathleten wählten allesamt individuelle Wege als Vorbereitung auf die Olympiaqualifikation in 2021, teils durch Einzelwettkämpfe, teils Mehrkämpfe, teils Technikumstellungen, auch intensives Schwerpunkttraining mit Spezialtrainern, Umstellung auf neue Periodisierungsmodelle oder auch OPs wurden vorsorglich durchgeführt. Der Blick in die Weltbestenliste 2020 zeigt, dass auch die anderen Nationen einen ähnlichen Weg mit einer Reduzierung der Intensitäten gegangen sind. Ich bin sehr gespannt, wie es in 2021 aussehen wird. So oder so: Die Mehrkämpfe werden sehr spannend werden.

Welche Athleten haben sich 2020 trotz der veränderten Rahmenbedingungen am positivsten entwickelt?

Christopher Hallmann:

Vor allem im Nachwuchs sind positive Ergebnisse zu verzeichnen: In der U18 stehen zwei Athleten mit über 7.000 Punkten an der Spitze der DLV-Bestenliste. Und auch in der U20 war Marcel Meyer mit 7.607 Punkten überdurchschnittlich stark. Und dies trotz des längeren Lockdowns für Nachwuchsathleten in diesem Corona-Frühjahr und Sommer. Das zeigt, dass unsere Talente mit ihren Heimtrainern in diesen schwierigen Zeiten kreativ agiert haben.

Wie wollen und können Sie die Kader-Arbeit in Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in den kommenden Monaten gestalten?

Christopher Hallmann:

Ich werde mit den Trainerkollegen und Trainerkolleginnen weiterhin viel Kontakt halten und mich mit ihnen über das Training austauschen. Das ist wichtig für uns und soll noch intensiviert werden. Hinzu kommt, dass wir in kleinen Teams versuchen werden, Kurz-Trainingslager in Deutschland zu organisieren. Auch hier bin ich mit den Kompetenzteams im engem Kontakt, um die Qualität von Training und Leistungsentwicklung sicherzustellen.

Welche Präsenz und Leistung erhoffen Sie sich in Tokio von den deutschen Zehnkämpfern?

Christopher Hallmann:

Ich arbeite täglich daran, dass sich drei deutsche Zehnkämpfer qualifizieren. Seit 2011 hat es immer eine andere Zehnkämpfer-Konstellation beim Topereignis gegeben. Ich bin sehr gespannt, welche drei deutschen Zehnkämpfer sich im nächsten Jahr gegen die starke nationale Konkurrenz durchsetzen und uns im Olympiastadion in Tokio vertreten werden. Der Zehnkampf schreibt Geschichten: In Tokio sollen dann die deutschen Zehnkämpfer die Hauptrollen besetzen.

Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen blicken Sie aufs Leichtathletik-Jahr 2021

Christopher Hallmann:

Ich hoffe zunächst, dass alle gesund trainieren können. Dies bildet die Basis für tolle Leistungen unserer Athleten. Ganz besonders erfreuen mich positive Überraschungen von in der Öffentlichkeit bisher eher unbekannten Athleten. Im Speziellen haben wir Mehrkämpfer uns in den letzten Jahren viele Trainingslager- und Wettkampf-Rhythmen erarbeitet, die sich bewährt haben. Ich hoffe, dass wir ein Stück weit wieder an diese „Normalität“ anknüpfen können und uns unbeschwert im Training und auf Wettkämpfen bewegen können. Denn eins ist klar: Das Teilen von Emotionen verbindet uns!
 

Unser "Ass des Jahres"

Jannis Wolff (Aachener TG)

Deutscher U23-Meister 2020 mit den meisten Punkten bei den Deutschen Meisterschaften
Jahresbester 2020

Unser "Talent des Jahres"

Marcel Meyer (Hannover 96)

Deutscher U20-Meister
Platz sieben in der Europäischen Bestenliste seiner Altersklasse
 

Die Deutschen Top Ten 2020

Höhe Name Jahrgang Verein
7.670 Jannis Wolff 1998 Aachener TG
7.641 Malik Diakité 2000 Hannover 96
7.601 Jan Ruhrmann 1997 LAV Bayer Uerdingen/Dormagen
7.298 Nico Beckers 1994 Aachener TG
7.227 Carsten Flynn 1988 Wiesbadener LV
7.223 Luca Dieckmann 1998 SSV Ulm 1846
7.152 Severin Zentgraf 1998 USC Mainz
7.139 Lennart Zimmermann 2000 SV Halle e.V.
6.953 Martin Kratz 2000 TV Gelnhausen
6.924 Christoph Lange 1991 TS Herzogenaurach

Statistik – Das sagen die Zahlen

Das deutsche Top-Niveau: Zehnkampf Männer

Jahr Athleten > 8.100 Punkte * Schnitt Top 3 Schnitt Top 5 Schnitt Top 10
2005 1 8.075 7.946 7.740
2006 5 8.260 8.229 7.997
2007 4 8.298 8.246 7.975
2008 5 8.297 8.266 8.004
2009 3 8.418 8.250 8.032
2010 1 7.943 7.890 7.730
2011 3 8.269 8.172 8.016
2012 4 8.369 8.254 8.072
2013 9 8.557 8.486 8.327
2014 3 8.434 8.290 8.065 
2015 3 8.480 8.299 8.038
2016 2 8.357 8.144 7.881
2017 4 8.482 8.335 8.110
2018 6 8.371 8.313 8.153
2019 5 8.448 8.321 8.076
2020 0 7.637 7.487 7.283

Entwicklung der internationalen Jahresbestleistungen

Jahr Deutschland Europa Diff. Welt Diff.
2005 8.316 (A. Niklaus) 8.534 (Sebrle/CZE) 218 8.732 (Clay/USA) 416
2006 8.310 (D. Leyckes) 8.526 (Sebrle/CZE) 216 8.677 (Clay/USA) 367
2007 8.371 (A. Niklaus) 8.697 (Sebrle/CZE) 326 8.697 (Sebrle/CZE) 326
2008 8.372 (A. Abele) 8.585 (Krauchanka/BLR) 213 8.832 (Clay/USA) 460
2009 8.522 (M. Schrader) 8.528 (Pogorelov/RUS) 6 8.790 (Hardee/USA) 268
2010 8.202 (P. Behrenbruch) 8.453 (Barras/FRA) 251 8.483 (Clay/USA) 281
2011 8.288 (J.-F. Knobel) 8.398 (Pahapill/EST) 110 8.729 (Eaton/USA) 441
2012 8.558 (P. Behrenbruch) 8.558 (Behrenbruch) 0 9.039 (Eaton/USA) 481
2013 8.670 (M. Schrader) 8.670 (Schrader) 0 8.809 (Eaton/USA) 139
2014 8.477(A. Abele) 8.616 (Krauchanka/BLR) 139 8.616 (Krauchanka/BLR) 139
2015 8.561 (R. Freimuth) 8.561 (Freimuth) 0 9.045 (Eaton/USA) 484
2016 8.605 (A. Abele) 8.834 (Mayer/FRA) 229 8.893 (Eaton/USA) 288
2017 8.663 (R. Freimuth) 8.768 (Mayer/FRA) 105 8.768 (Mayer/FRA) 105
2018 8.481 (A. Abele) 9.126 (Mayer/FRA) 645 9.126 (Mayer/FRA) 645
2019 8.691 (N. Kaul) 8.691 (Kaul) 0 8.711 (Warner/CAN) 20
2020 7.670 (J. Wolff) 8.260 (Hubert/FRA) 590 8.260 (Hubert/FRA) 590

Das fällt auf:

  • Die Statistiken ins Verhältnis der letzten Jahre zu setzen – das ist angesichts der aktuellen Lage schlicht nicht fair. Zu wenig Wettkämpfe fanden statt und die komplette Riege der deutschen Top-Athleten nahm sich eine Auszeit.
  • Eine Entscheidung, die auch auf internationaler Ebene so gehandhabt wurde. Weltrekordhalter Kevin Mayer (Frankreich) testete etwa auch nur in einzelnen Disziplinen. Erst am kommenden Wochenende auf La Réunion will er die Olympia-Quali im Zehnkampf perfekt machen.
  • Niklas Kaul (USC Mainz) nutzte die coronabedingte Wettkampfpause, um sich am Ellbogen operieren zu lassen. Inzwischen ist alles gut verheilt und der Weltmeister hat sein Training für die Olympischen Spiele aufgenommen.
  • Arthur Abele (SSV Ulm 1846) quälte sich in der Saisonvorbereitung mit einer Thrombose herum und schlussendlich machten erneute Probleme an der Achillessehne die Hoffnungen auf eine Late Season zunichte. Aktuell ist der Europameister von 2018 schmerzfrei und zeigt starke Leistungen im Training.
  • Kai Kazmirek (LG Rhein-Wied) stellte sich im Corona-Sommer durchaus der Konkurrenz – in den Einzeldisziplinen. Auf einen kompletten Zehnkampf verzichtete der WM-Dritte des Jahres 2017 im Hinblick auf seine Vorbereitung auf die Olympischen Spiele.
  • Manuel Eitel (SSV Ulm 1846) nahm ein Jahr Auszeit vom Zehnkampf, feilte besonders an seiner Speerwurf- und Stabhochsprung-Technik und pendelte dafür zwischen Ulm und Leverkusen. Inzwischen ist der Dritte der U23-EM wieder dauerhaft in Ulm – sein Ziel ist die Olympia-Qualifikation.
  • Bei den Deutschen Meisterschaften lieferten sich die beiden Youngster Jannis Wolff (Aachener TG) und Malik Diakité (Hannover 96) ein packendes Duell, das mit einem kleinen Kuriosum endete: Jannis Wolff, der Athlet mit den meisten Punkten, wurde nicht Deutscher Meister – sondern holte sich das U23-Gold, da er für diese Altersklasse gemeldet hatte. Den deutschen Meistertitel dagegen feierte mit Malik Diakité ein Athlet, der noch zwei Jahre jünger ist als der U23-Sieger.
  • Marcel Meyer (Hannover 96) wurde bei der U20-DM mit 7.607 Punkten seiner Favoritenrolle gerecht und liegt damit auf Platz sieben in der europäischen Bestenliste.
  • Mit Michael Schrader und Rico Freimuth gaben zwei der deutschen Vorzeige-Mehrkämpfer der letzten Jahre im Oktober ihren finalen Rücktritt vom Leistungssport bekannt.

Die Disziplin-Analysen im Überblick:

Sprint Frauen
Sprint Männer
Langsprint Frauen
Langsprint Männer
Mittelstrecke Frauen
Mittelstrecke Männer
Langstrecke Frauen
Langstrecke Männer
Hürdensprint Frauen
Hürdensprint Männer
Langhürden Frauen
Langhürden Männer
Hindernis Frauen
Hindernis Männer
Hochsprung Frauen
Stabhochsprung Frauen
Stabhochsprung Männer
Weitsprung Frauen
Weitsprung Männer
Dreisprung Frauen
Dreisprung Männer
Speerwurf Frauen
Speerwurf Männer
Siebenkampf Frauen

* als Referenzwert dient die WM-Norm des Jahres 2017

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