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Lisa Nippgen tastet sich Schritt für Schritt an ihre Ziele heran

„Dabei sein ist alles“ – unter diesem Motto stand die Reise von Sprinterin Lisa Nippgen zu den Europameisterschaften in München. Als Ersatzläuferin der 4x100-Meter-Staffel kam sie nicht zum Einsatz. Nach zwei schweren Verletzungen in den drei letzten Jahren war für die Mannheimerin jedoch bereits die Nominierung ein Erfolg. Was nicht heißt, dass die 25-Jährige sich damit auf lange Sicht zufriedengeben würde.
Svenja Sapper

Resilienz – ein Begriff, der die Fähigkeit beschreibt, Rückschläge wegzustecken und aus schwierigen Situationen das Beste zu machen. Eben das häufig zitierte „Hinfallen und wieder Aufstehen.“ Eine Eigenschaft, die für Sportlerinnen und Sportler essenziell ist.

Eine Athletin, die trotz ihrer erst 25 Jahre schon oft mit Enttäuschungen konfrontiert wurde und ihre Resilienz bereits zahlreiche Male unter Beweis stellen musste, ist Lisa Nippgen (MTG Mannheim). Zu ihren größten Erfolgen zählen Gold (4x100-Meter-Staffel) und Bronze (100 Meter) bei den U23-Europameisterschaften in Gävle (Schweden) 2019. In der aktuellen Saison reiste sie als Ersatzläuferin über 4x100 Meter mit zur Heim-EM nach München.

Schwieriges Jahr als Sinnbild der bisherigen Karriere

„Man möchte natürlich lieber selbst auf der Bahn stehen, aber nach dem letzten Jahr bin ich froh, dass ich überhaupt dabei bin“, sagte Lisa Nippgen vor den Europameisterschaften – ganz getreu dem olympischen Motto „Dabei sein ist alles“. Zu den Olympischen Spielen nach Tokio (Japan) hätte sie ihr Weg im vergangenen Jahr führen sollen. Mit einer neuen Bestzeit von 11,20 Sekunden hatte sich die Mannheimerin für die 4x100-Meter-Staffel empfohlen.

Doch nicht zum ersten Mal in ihrer Karriere machte ihr eine Verletzung einen Strich durch die Rechnung: Ein kompletter Sehnenabriss verhinderte kurz vor Beginn der Spiele eine Anreise nach Tokio. Unverrichteter Dinge musste die Mannheimerin vom Trainingslager in Miyazaki wieder nach Hause reisen. Zurück in Deutschland folgte eine Operation, fünf Wochen war Lisa Nippgen auf Krücken angewiesen, bevor sie mit der Reha beginnen konnte.

Erst Anfang des aktuellen Jahres konnte die 25-Jährige wieder normal trainieren. Allerdings verliefen auch die darauf folgenden Monate nicht beschwerdefrei. Eine Ansatzreizung an der Stelle, an der sie operiert worden war, belastete, dann kam eine Corona-Infektion dazu. „Das hat es mir auch vom Kopf her schwer gemacht“, sagt Lisa Nippgen. „Ich habe zeitweise nicht gedacht, dass es noch für die EM reichen wird.“ Bei den Deutschen Meisterschaften Ende Juni in Berlin war sie noch nicht gut in Form, die WM in Eugene (USA) daher kein Thema für die Sprinterin. Im Juli lief es dann wieder besser, mit 11,30 Sekunden näherte sie sich ihrer Bestmarke und schaffte es als Ersatzläuferin ins EM-Team.

Schwerer Trainingsunfall nach größtem Erfolg

Es war nicht das erste Mal gewesen, dass sich Lisa Nippgen in den Leistungssport zurückkämpfen musste. Im Winter 2019, nach ihrem erfolgreichsten Sportjahr, erlitt die im baden-württembergischen Ludwigsburg geborene Sportlerin in Mannheim einen schweren Unfall. Beim Training an der Sprintschiene stoppte das Gerät plötzlich, die Athletin knallte an die Decke und brach sich zwei Halswirbel. „Es war schon ein Schock“, blickt Lisa Nippgen zurück. „Ich hatte großes Glück, dass das Knochenmark nicht verletzt wurde.“

Glück im Unglück hatte sie auch, weil ihr der Arzt bereits drei Tage nach der erfolgreichen Operation mitteilte, dass einer Fortsetzung ihrer Karriere nichts im Wege stehe. „Er meinte, eigentlich könnte ich schon wieder alles machen, was die Halswirbelsäule nicht belastet. Ich habe vor Erleichterung geheult, als ich das gehört habe.“ Drei Wochen später konnte sie wieder mit dem Training einsteigen, wenngleich die Sprinterin bis heute sturzgefährdende Aktivitäten unterlässt und beispielsweise keine schwere Hantelstange auf ihren Rücken legt.

Andere hätten wohl nach derartigen Rückschlägen den Kopf in den Sand gesteckt. Nicht so Lisa Nippgen, für die der dritte Platz bei den Deutschen Meisterschaften 2020 – weniger als neun Monate nach dem Unfall – ein besonderes Karriere-Highlight war. „Ich glaube, das kommt durch die Leidenschaft“, meint sie. „Sprinten ist das, was ich immer machen wollte. Ich habe mit vier angefangen mit der Leichtathletik und eigentlich nie etwas anderes ausprobiert.“

Europameisterin-Trainer als verständnisvoller Begleiter

Zum Sport kam sie, als ihre Mutter ihren älteren Bruder in der Leichtathletikgruppe des TSV Schwieberdingen anmeldete. Lisa war eigentlich noch zu jung, um sich ebenfalls dem Training anzuschließen, aber: „Ich durfte trotzdem immer mitmachen.“ Die ganze Familie ist sportlich, so betrieb etwa Lisa Nippgens Mutter selbst Leichtathletik, ihr Vater geht gerne bergsteigen oder laufen.

Seit gut sechs Jahren hat die 25-Jährige nun einen der erfahrensten und erfolgreichsten Sprinttrainer Deutschlands an ihrer Seite: Valerij Bauer, der einst Verena Sailer zum Europameistertitel 2010 in Barcelona (Spanien) führte. In Mannheim trainiert Lisa Nippgen unter anderem mit Vereins- und Disziplinkollege Felix Frühn zusammen, manchmal mischen sich die verschiedenen Sprint-Trainingsgruppen der „Quadratestadt“ auch untereinander. Mit Jessica-Bianca Wessolly, dank ihres Vorlauf-Einsatzes in München Staffel-Europameisterin, und dem Deutschen U23-Meister Robin Ganter absolviert Nippgen gelegentlich das Starttraining gemeinsam. Ab und an schließt sich auch U20-WM-Starterin Sina Kammerschmitt (TG Worms) der Gruppe an.

Ihrem routinierten Coach vertraut die 25-Jährige voll und ganz. „Valerij hat natürlich extrem viel Wissen und macht sich sehr viele Gedanken. Er baut auch Trainingsgeräte selbst.“ Vor allem menschlich sei die Zusammenarbeit ein großer Gewinn. „Er hat für alles Verständnis und ist sehr hilfsbereit, ob im Training oder wenn privat etwas nicht rundläuft.“ Im vergangenen Jahr ist Lisa Nippgen, nach ihrer Verletzung noch mit Krücken unterwegs, umgezogen. „Da ist er mit mir Möbel kaufen gegangen und hat mich die ganze Zeit in der Gegend rumgefahren.“

Schritt für Schritt den Zielen näher kommen

Mit 25 Jahren hat Lisa Nippgen noch einige Karrierejahre vor sich. Fragt man die Mannheimerin nach ihrem größten Wunsch für die sportliche Zukunft, kommt die Antwort schnell und bestimmt: „Verletzungsfrei bleiben!“ Die Sprinterin erläutert: „Ich weiß, dass ich schneller laufen kann als bisher, wenn ich mal einigermaßen gut durchtrainieren kann.“ Zudem hat sie eine Wette mit Trainer Valerij Bauer abgeschlossen: 11,10 Sekunden muss sie als Bestzeit erreichen, wenn sie gegen ihren Coach gewinnen will – im Übrigen genau jene Zeit, mit der Verena Sailer sich in Barcelona den Europameistertitel ersprintete.

Für Lisa Nippgen hat die Zahl jedoch eine andere Bedeutung. „Ich setze mir realistische Ziele. Jetzt würde ich noch nicht von einer Zeit unter elf Sekunden sprechen. Wenn ich mal in die Nähe der Schallmauer komme, dann kann ich auch mal von einer Zeit darunter träumen. Vorher nicht.“ Eine Zehntel fehlt noch von ihrem Hausrekord zur angepeilten Zeit. Doch dieses Ziel visiert die Sprinterin ebenso an wie alle anderen Herausforderungen: Schritt für Schritt.

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