| Erinnerungen

Mein Moment – Christina Schwanitz: Die "Grande Dame" verlässt den Ring

Das Leichtathletik-Jahr 2022 mit der WM in Eugene und der Heim-EM in München ist fast Geschichte. Wir haben in den letzten zwölf Monaten von zahlreichen nationalen und internationalen Meisterschaften in Text, Bild und Video berichtet. Zum Jahresende erinnert sich die leichtathletik.de-Redaktion in persönlichen Rückblicken an besondere Momente der Saison. Heute: Der letzte Stoß von Christina Schwanitz.
Martin Neumann

Christina Schwanitz hatte Tränen in den Augen. Genauso wie jede Menge Zuschauer am 26. Februar 2022 bei der Hallen-DM in der Arena Leipzig, die eine besondere Athletin mit Standing Ovations feierten. Ein bewegender Augenblick im Leichtathletik-Jahr. Ganz abseits von Titeln, Medaillen und Rekorden. Gerade hatte die „Grande Dame“ des Kugelstoßens den letzten Versuch ihrer Karriere absolviert.

Bei 18,24 Metern landete die Vier-Kilo-Kugel. 30 Zentimeter zu kurz, um Katharina Maisch – die Team-Kollegin beim LV 90 Erzgebirge – noch vom Silber-Platz zu verdrängen und sich den Startplatz für die Hallen-WM in Belgrad zu sichern. „Das hier heute war mein letzter Wettkampf. Eigentlich sollte die Hallen-WM mein letzter Auftritt werden“, sagte Christina Schwanitz ins Hallen-Mikro, „aber Kathi war heute besser als ich.“ Damit erlebten die Zuschauer in Leipzig das Ende einer großen Karriere.

Große Erfolge, offene Worte

Bei der Wahl des Schlusspunkts blieb Christina Schwanitz ihren Prinzipien treu. Kein Weitermachen bis zur WM in Eugene oder bis zur Heim-EM in München. Nein, es war eine geradlinige Entscheidung für das Karriereende nach der Hallensaison. Im Moment der sportlichen Niederlage gratulierte die 36-Jährige fair den an diesem Tag besseren Athletinnen. So hatte sie es immer gehalten.

Mit ihrer offenen, fröhlichen Art prägte Christina Schwanitz (Bestleistung: 20,77 m) über anderthalb Jahrzehnte das Frauen-Kugelstoßen in Deutschland und weltweit. Weltmeisterin 2015, „Sportlerin des Jahres“ 2015, Europameisterin 2014 und 2016. EM-Silber 2018 in Berlin – nur knapp ein Jahr nach der Geburt ihrer Zwillinge. WM-Bronze 2019. Lediglich die olympische Medaille blieb Christina Schwanitz bei vier Starts verwehrt. Auch kritische Punkte mahnte sie an. „Da stimmt die Reibung zwischen Daumen und Zeigefinger“, sagte sie etwa zur Vergabe der WM 2019 nach Katar.

In zwei Jahren vom nationalen Talent in die Weltspitze

Dass die gebürtige Dresdnerin, die beim SV Neckarsulm (Landkreis Heilbronn) das Kugelstoßen erlernte, überhaupt den erfolgreichen Weg Richtung Hochleistungssport einschlug, war ihrer famosen Entwicklung zwischen 2003 und 2005 zu verdanken. Innerhalb von drei Saisons steigerte sie sich von 15,25 über 16,98 auf 18,84 Meter. Oder anders gesagt: Von Platz fünf bei der U20-Hallen-DM 2003 zu Platz sieben bei den Weltmeisterschaften 2005 in Helsinki (Finnland).

Auch von Rückschlägen und Verletzungen ließ sich Christina Schwanitz nicht stoppen. Häufiger waren es die Füße, mal die Schulter, dann eine Corona-Infektion. Auf 13 deutsche Meistertitel brachte sie es, den letzten davon gewann sie 2021. Über die Jahre wurde Christina Schwanitz zu einem Vorbild für die jüngeren Konkurrentinnen. An ihr maßen sie sich. Mittlerweile gibt die Ex-Kugelstoßerin ihr Know-how als Trainerin und Ausbilderin bei der Bundeswehr in Warendorf weiter.

Weihnachten und Geburtstag endlich ohne Trainingsstress

Bei den Deutschen Meisterschaften im Juni in Berlin wurde Christina Schwanitz mit dem Rudolf-Harbig-Preis geehrt. Die höchste Auszeichnung, die der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) seit 1950 an besonders verdiente Athletinnen und Athleten vergibt. Nach ihrem Karriereende im Februar wurde Christina Schwanitz auf diesem Portal zur „Athletin des Monats“ gewählt. Sie war die einzige Kandidatin. Ein einmaliger Vorgang bei der Fan-Wahl.

Am morgigen Samstag, dem Heiligen Abend, wird Christina Schwanitz 37 Jahre alt. Erstmals seit fast zwei Jahrzehnten wird sie das „Doppel-Fest“ ohne Planungen rund um Trainingslager und die anstehende Hallensaison verbringen. Zusammen mit ihren „Krümeln“ – den Zwillingen – wird Christina Schwanitz hoffentlich die Zeit finden, um auf ein besonderes Jahr 2022 und auf eine besondere Karriere zurückzublicken. Danke Christina Schwanitz, dass du unseren Sport über so lange Zeit geprägt und besonders gemacht hast!

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