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Was macht eigentlich… Lars Börgeling?

Er zählte in den 2000er Jahren zu den besten Stabhochspringern der Welt, wurde 2002 Vize-Europameister und 2004 Olympia-Sechster. Als Sieger beim TV-Total Turmspringen machte er darüber hinaus auch abseits des Sportplatzes von sich reden. Zehn Jahre lang hat Lars Börgeling zuletzt nach seinem Abschied vom Leistungssport die Karriere nach der Karriere vorangetrieben – und dabei jetzt wieder den Weg zurück zum Stabhochsprung gefunden.
Silke Bernhart

Eine Bratwurst-Bude in Schottland sollte es sein – das Projekt, mit dem Lars Börgeling nahtlos an seine sportliche Karriere anknüpfen wollte. Eine verrückt klingende Idee, die mit einem Business-Plan im Studium entstanden war und die er durchaus ernst meinte, als er 2010 im Alter von 31 Jahren seinen Abschied vom Stabhochsprung verkündete.

Wir können es vorwegnehmen: Es kam anders. „Ich habe viel Erspartes investiert und ein halbes Jahr daran gearbeitet. Was ich unterschätzt hatte: Ein geeignetes Ladenlokal zu finden. Ein theoretischer Plan ist dann doch was Anderes als das Operative“, blickt Lars Börgeling zurück. Und doch steckt in dem Projekt ganz viel von dem, was den einstigen Stabhochspringer auszeichnet: Lust auf Neues, Kreativität, Ehrgeiz, Mut – und keine Angst vorm Scheitern.

5,80 Meter als 20-Jähriger

So sehr er viele dieser Eigenschaften seiner Zeit im Leistungssport zuschreibt, so sehr werden einige davon ihn auf dem Weg in die Weltspitze begleitet haben. Und der begann früh: Schon mit 17 überflog er 5,21 Meter, im Alter von 18 Jahren wurde Lars Börgeling 1997 Europameister der U20-Altersklasse, 2001 feierte er den Titel bei der U23-EM. Bei seinem ersten Sprung über die 5,80-Meter-Marke war er 20 Jahre jung. Ein vielversprechender Start in den Leistungssport.

Doch längst nicht alle Träume erfüllten sich anschließend: Nach zwei EM-Silbermedaillen in der Halle und im Freien sowie Platz sechs der Olympischen Spiele 2004 wollte Lars Börgeling 2006 bei der EM in Göteborg (Schweden) ganz oben aufs Treppchen – und blieb im Finale ohne gültigen Versuch. 2008 die nächste Enttäuschung: Der Stabhochspringer des TSV Bayer 04 Leverkusen verpasste die Olympia-Qualifikation für Peking (China).

Von „chronischen Wehwehchen“ geplagt konnte er auch im Anschluss nicht mehr an einstige Top-Leistungen anknüpfen. „Es ist schwierig, den richtigen Moment für den Absprung zu finden. Es geht ja nicht nur um die Frage: Was mache ich? Sondern auch darum, sich als Person neu zu finden, wenn man sich immer als Leistungssportler definiert hat“, erklärt Lars Börgeling. „Ich habe mir damals ehrlich gesagt: Du bist jetzt 31, du springst keinen Weltrekord mehr. Und ich hatte auch nicht mehr den Ehrgeiz, alles dem Sport unterzuordnen.“ Mit einem letzten Wettkampf in Aachen setzte er 2010 einen Schlusspunkt unter die Sport-Karriere.

„Wie gehst du mit Rückschlägen um?“

Rückblickend kann Lars Börgeling all diesen Erfahrungen viel Positives abgewinnen: „Ich bin fest davon überzeugt, dass ich über den Sport viel gelernt habe, was mir für den Berufsweg viel gebracht hat. Softskills. Ein Team zu führen. Herausforderungen anzunehmen. Und die Frage. Wie gehst du mit Rückschlägen um?“ sagt der heute 43-Jährige. „Ich war immer eher einer, der geschrien hat: ‚Ja, das traue ich mir zu, das kriege ich hin!‘“

So verwundert es nicht unbedingt, dass sein Einstieg ins Berufsleben zwar „verquer“, aber doch sehr erfolgreich war: Von einer Stelle im Vertrieb einer Unternehmensberatung über eine Rolle im Recruiting und Outsourcing von Fachkräften bis hin zu Presales-Aufgaben in einem französischen Unternehmen, das Software für HR-Prozesse bereitstellt – und bei dem er heute als Geschäftsführer angestellt ist.

Neues Projekt: Vertrieb von Stabhochsprung-Stäben

Zehn Jahre lang spielte der Stabhochsprung für Lars Börgeling keine große Rolle mehr. Mit seinen einstigen Trainingspartnern aus Leverkusen wie Danny Ecker und Richard Spiegelburg oder seinem ehemaligen Trainer Jörn Elberding hielt er regelmäßigen Kontakt („Ich bin ja nie aus Köln weg“), als Co-Moderator begleitete er die eine oder andere Veranstaltung – das war’s. Bis die Idee für ein neues Projekt in ihm reifte, das ein weiterer Weggefährte ihm ans Herz legte: Tye Harvey.

Auch zu dem ehemaligen US-Stabhochspringer war der Kontakt nie abgerissen, bei Geschäftsreisen in die USA hatten sie sich wiedergesehen. Dort arbeitet Tye Harvey nebenbei für ESSX, einen US-amerikanischen Hersteller von Stabhochsprung-Stäben. „Die wollten in Europa Fuß fassen und haben Leute gesucht, die das Geschäft in Europa exklusiv ausbauen“, berichtet Lars Börgeling, aber auch: „Ich hatte ja einen Job, für mich hatte das nie Hand und Fuß.“

Partnerschaft mit Ex-Weltmeister Rens Blom

Interesse hatten die Gespräche mit Tye Harvey aber doch entfacht. Und mit der Corona-Pandemie kam 2020 auch die Zeit, sich intensiver mit der Idee zu beschäftigen. Wenn nicht er alleine – wer käme als Partner in Frage? Es fand sich einer. Und zwar der Stabhochsprung-Weltmeister von 2005 Rens Blom. Der Niederländer zählt zu den engen Freunden von Lars Börgeling, war nach der Karriere mal im Sport, mal in der Wirtschaft beschäftigt. Und ist heute ebenso wie Lars Börgeling seit knapp drei Jahren Geschäftsführer von ESSX Europe.

„Rens arbeitet Vollzeit für die Firma und ist für das operative Geschäft zuständig“, berichtet Lars Börgeling, „ich kümmere mich um die Strategie und den Vertrieb und arbeite weiter in meinem Hauptjob.“ Was ihn zu dieser Doppelbelastung anspornt? „Es ist kein Business, bei dem ich erwarte, dass ich damit reich werde. Aber ich freue mich, dadurch ein bisschen mehr zum Sport zurückzukommen. Da steckt mein Herzblut drin. Und ich finde die Stäbe geil!“ Viele Stabhochsprung-Stäbe würden heute noch immer so hergestellt wie vor 30 Jahren. „ESSX ist die erste Marke, die Innovation treibt – das hat mich gereizt!“

Viele neue Erkenntnisse

Wenn Lars Börgeling von seinem neusten Projekt erzählt, spricht Überzeugung und Motivation aus ihm – und der Wunsch, neues Wissen zu teilen. Denn mit Vielem, was er im Verlaufe der zurückliegenden drei Jahre über Stabhochsprung-Stäbe gelernt hat, hatte er sich selbst als Athlet nie beschäftigt. Die gängigen Hersteller, Längen, Flexgrade: ja. Aber Gewichte und Durchmesser von Stäben, Unterschiede in der Messung der Flexgrade, Herausforderungen in der Standardisierung der Herstellung, Details zur Materialzusammensetzung und zum Biegeverhalten – in all diese Themenfelder ist der 43-Jährige erst jetzt tief eingetaucht.

Der zweimalige Weltmeister Sam Kendricks und Chris Nilsen (beide USA) sind beide bereits mit ESSX-Stäben über sechs Meter gesprungen. In Europa ist das Unternehmen dagegen noch wenig bekannt. Und so geht es für Lars Börgeling nun darum Aufklärungsarbeit zu leisten. „Carbonstäbe haben keinen guten Ruf, vielen denken, sie sind unsicher und brechen schnell – das ist aber längst nicht mehr so“, sagt er. „Unsere Stäbe haben einen Carbonanteil und sind daher leichter und dünner, springen sich aber ähnlich wie Stäbe aus Glasfaser.“

Stabhochsprung-„Happening“ in Sittard

Wer sich davon selbst überzeugen will, für den lohnt sich vielleicht Ende April ein Ausflug nach Sittard: In den Niederlanden in der Heimat von Rens Blom lädt das Stabhochsprung-Duo ein zu zwei Test-Tagen, die begleitet von Musik und Vorträgen die Stabhochsprung-Familie zusammenbringen sollen. „Außerdem gehört es zu unserem beratenden Ansatz, dass wir auch ein Leasing-Modell anbieten, bei dem sich Springer ein Set von acht Stäben zusammenstellen und das sie zweimal im Jahr wechseln können“, erläutert Lars Börgeling.

Auch er selbst hat zuletzt mal wieder zum Stab gegriffen. „Aber ich habe mir direkt im sechsten Versuch die Wade gezerrt“, berichtet der Kölner lachend. Das Potenzial für die Zukunft liegt da sicher eher bei seinem Sohn Mats, fünf Jahre alt. „Wir waren letztens mal beim Training von Leszek Klima in Leverkusen. Da durfte er auch mit dem Stab über die Schnur fliegen. Ihm hat’s super gefallen! Jetzt fragt er immer: Wann fahren wir mal wieder da hin?!“ Früh übt sich, und: einfach mal ausprobieren! Das weiß sicher kaum einer so gut wie Papa Lars Börgeling.

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