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Tatjana Pinto – In 7,07 Sekunden in die Weltspitze

Tatjana Pinto (LC Paderborn) kam mit einer Saisonbestzeit von 7,29 Sekunden nach Leipzig – und verließ die Arena Leipzig als Deutsche Hallenmeisterin über 60 Meter und Nummer drei der Welt. Mit dieser Leistungsexplosion auf 7,07 Sekunden hatte wohl niemand gerechnet. Nun scheint für die 23-Jährige sogar das Durchbrechen einer Sprint-Grenze möglich, die 25 Jahre lang von keiner Deutschen überwunden worden ist.
Martin Neumann

Tatjana Pinto (LC Paderborn) und Thomas Prange wollten sich gar nicht mehr loslassen. Als der Trainer seinen Schützling in der Mixed Zone nach dem sensationellen 60-Meter-Finale endlich erreicht hatte, schloss er die Sprinterin lange in die Arme. So manche Träne sollte in den folgenden Minuten und Stunden noch kullern. Tränen der Freude. Denn Tatjana Pinto gelang nach einem schwierigen Jahr 2015 ein Comeback wie aus dem Bilderbuch – und das mit einem furiosen Drei-Akter, der auf dem Leipziger Sprint-Thron endete.

7,19 Sekunden im Vorlauf, 7,12 Sekunden im Zwischenlauf, 7,07 Sekunden im Finale. So lief der Traum-Samstag in der Arena Leipzig für die 23-Jährige. Damit katapultierte sich Tatjana Pinto auf Platz vier der ewigen deutschen Bestenliste, nur drei Hundertstel fehlten zum deutschen Rekord von Marita Koch und Silke Möller. Bei Deutschen Hallenmeisterschaften war lediglich Katrin Krabbe schneller; eine Hundertstel – 18 Monate vor Tatjana Pintos Geburt. „Ich habe in meinen kühnsten Träumen nicht damit gerechnet, dass es so laufen kann“, gab die Paderbornerin offen zu.

Von 7,29 auf 7,07 Sekunden

Schließlich war sie lediglich mit einer drei Jahre alten Bestzeit von 7,23 Sekunden nach Leipzig gereist. Bei ihrem bis dato einzigen Saisonwettkampf vor zwei Wochen in Gent (Belgien) musste sie sich noch mit 7,29 Sekunden begnügen. „Eigentlich war keine Hallensaison geplant. Doch als das Training besser als gedacht lief, haben wir uns für einen Start entschieden. Gent war ein guter Einstieg zum Reinkommen“, klärte sie auf.

Wie Tatjana Pinto aber das „gute Training“ in der Arena Leipzig im Wettkampf umsetzte, ließ die Zuschauer staunend zurück. Schließlich lagen die Stärken der Paderbornerin bisher nicht unbedingt in der Startphase und in der Beschleunigung. Sie spielte ihre Asse im „fliegenden Bereich“ aus. Doch am Samstagnachmittag ein vollkommen anderes Bild: Pfeilschnell katapultierte sich Tatjana Pinto im Finale aus den Blöcken (Reaktionszeit: 0,116 sec), blieb in der Beschleunigung lange unten und zog bei Höchsttempo ihren langen Schritt bis ins Ziel. Nach 7,07 Sekunden stoppten die Uhren. „Mein Trainer Thomas Prange hat den größten Anteil daran. Ich möchte allen danke sagen, die mich unterstützt haben, immer daran geglaubt haben“, sagte Tatjana Pinto.

Starker erster Streckenteil

Der Trainer scheint genau seine früheren Stärken als Sprinter auf seine Athletin übertragen zu haben. Der 41-Jährige war mit einer Bestzeit von 6,68 Sekunden ein ordentlicher 60-Meter-Läufer, auf den 100 Metern (Bestzeit: 10,41 sec) konnte der spätere Bob-Anschieber das nicht ganz umsetzen. Aber der Coach hat für Tatjana Pinto ein Konzept gefunden zu haben, wie sie ihren schwächeren ersten Streckenabschnitt durch viel Techniktraining verbessert hat, ohne ihre Stärken im „fliegenden Teil“ zu vernachlässigen.

In diesem Jahr waren weltweit nur 200-Meter-Weltmeisterin Dafne Schippers (Niederlande; 7,00 sec) und Marie-Josee Ta Lou (Elfenbeinküste; 7,06 sec) schneller als Tatjana Pinto. Auf beide wird die Paderbornerin bei der Hallen-WM in Portland (USA; 17.-20. März) treffen. Im Gegensatz zu vielen anderen plant sie mit einem Start: „Das ist ein gute Generalprobe für den Sommer. Solche Rennen muss man mitnehmen.“

Im Sommer unter elf Sekunden?

Um die Zeit von 7,07 Sekunden noch einmal genau einzuordnen: Vier deutsche Sprinterinnen waren schneller oder genauso schnell wie Tatjana Pinto. Das Quartett (7,04 bis 7,07 sec) lief in seiner Karriere die 100 Meter zwischen 10,81 und 10,89 Sekunden. Nach der Leipziger Sprint-Gala muss man Tatjana Pinto im Sommer auch einen Leistungssprung über 100 Meter zutrauen. Dort steht ihre Bestzeit (noch) bei 11,19 Sekunden. Vielleicht ist sogar eine „Zehner-Zeit“ für Tatjana Pinto möglich. Die letzte Deutsche, die über 100 Meter unter elf Sekunden blieb, war Katrin Krabbe vor 25 Jahren.

Verena Sailer kam 2013 bis auf drei Hundertstel an die magische „Zehner-Zeit“ heran. Mittlerweile hat die Europameisterin von 2010 ihre Karriere beendet. In Leipzig verfolgte sie die Rennen von der Tribüne aus. Dass Tatjana Pinto eine Hundertstel schneller lief als sie selbst, ärgerte Verena Sailer nicht. „Ich freue mich sehr für sie. Es war schon im Vorlauf zu sehen, dass sie nur schwer zu schlagen sein wird“, sagte die Mannheimerin. Wenige Augenblicke lagen sich die beiden Staffel-Europameisterinnen von 2012 in den Armen.

Video:

<link video:13759>Tatjana Pinto brennt 7,07 Sekunden auf die Bahn

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