Nach kurzer, schwerer Krankheit ist am vergangenen Freitag Hans Grodotzki verstorben. Seine größten Erfolge feierte der ehemalige Langstreckenläufer bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom mit zwei Silbermedaillen. Hans Grodotzki wurde 90 Jahre alt.
Er hat das geschafft, was bis heute keinem anderen deutschen Läufer gelingen sollte: Bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom lief Hans Grodotzki über 5.000 und 10.000 Meter mit jeweils Silber gleich zu zwei Langstrecken-Medaillen. Wie nun bekannt wurde, verstarb Hans Grodotzki am vergangenen Freitag (18. September) in Potsdam nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 90 Jahren im Kreise seiner Familie.
„Hans Grodotzki war nicht nur ein Ausnahmeläufer, er hat auch nach seiner Karriere die Leichtathletik weiter begleitet und war bis ins hohe Alter eng mit ihr verbunden“, sagt der DLV-Aufsichtsratsvorsitzende Jochen Schweitzer. Stellvertretend für alle DDR-Leichtathletinnen und -Leichtathleten wurde Hans Grodotzki 1991 nach der Wiedervereinigung mit dem Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis ausgezeichnet.
Zweimal Olympia-Silber innerhalb einer Woche
In Rom musste sich Hans Grodotzki am 2. September 1960 über 5.000 Meter mit 13:44,6 Minuten nur dem Neuseeländer Murray Halberg (13:43,4 min) geschlagen geben. Die zweite Silbermedaille gewann der damals 24-Jährige eine Woche später über 10.000 Meter in 28:37,0 min hinter Pjotr Bolotnikow (UdSSR, 28:32,2 min). Die Zeit sollte fünf Jahre als Deutscher Rekord Bestand haben und erst von Lutz Philipp (28:35,6 min) verbessert werden.
Den Deutschen 10.000-Meter-Rekord steigerte Hans Grodotzki innerhalb von 14 Monaten gleich dreimal um insgesamt 45 Sekunden. So blieb er sechs Wochen vor den Olympischen Spielen in Rom mit 28:57,8 Minuten als erster deutscher Läufer unter der 29-Minuten-Marke. Auch über 3.000 Meter trug er sich in die Rekordlisten ein. Seine am 30. Juli 1960 erzielte Bestmarke von 7:54,6 Minuten wurde erst fünf Jahre später von Siegfried Herrmann (7:46,0 min) unterboten.
Verletzung sorgt für Karriereende
Zu dieser Zeit hatte Hans Grodotzki seine Karriere bereits beenden müssen. Ein 1962 bei einem Rennen in Malmö erlittener Achillessehnenriss unterbrach seine Laufbahn zunächst, 1964 beendete er seine Karriere dann endgültig. Im Anschluss absolvierte er ein Studium an der Pädagogischen Hochschule Potsdam, das er als Diplom-Sportlehrer abschloss. Als Trainer war er später unter anderem für den ASK Vorwärts Potsdam tätig. Nach der Wiedervereinigung arbeitete er in der Verwaltung der der Sportschule der Bundeswehr in Warendorf.
Der am 4. April 1936 in Preußisch Holland (Ostpreußen) geborene Langstreckenläufer musste am Ende des Zweiten Weltkriegs mit seiner Familie seine Heimat verlassen und kam so ins thüringische Menteroda. Dort begann er 1954 mit der Leichtathletik und schloss sich zwei Jahre später, nachdem sein Talent bei kleineren Läufen aufgefallen war, dem ASK Vorwärts Erfurt an. Bis zu seinem Tod war Hans Grodotzki Ehrenmitglied von Rot-Weiß Erfurt.
Vorbild Emil Zátopek
1958 wechselte er seinen Trainingsstandort und trainiert fortan in Potsdam. In der Gruppe von Curt Eins zählte unter anderem Friedrich Janke zu seinen Trainingspartnern. Beide qualifizierten sich für die gesamtdeutsche Olympiamannschaft 1960. Zwei Plätze hinter Hans Grodotzki lief Friedrich Janke in Rom über 5.000 Meter auf Rang vier (13:46,8 min). „Dass ich überhaupt Läufer werden wollte, lag an Emil Zátopek“, sagte Hans Grodotzki einmal gegenüber der „Märkischen Allgemeinen“. Emil Zátopek, der als „Tschechische Lokomotive“ in die Laufgeschichte einging und bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki gleich dreimal Gold (5.000 und 10.000 Meter sowie Marathon) gewonnen hatte, war sein Idol.
Seinen 90. Geburtstag konnte Hans Grodotzki noch mit zahlreichen Freunden und Verwandten feiern. Zu den Gratulanten zählte unter anderem die Potsdamer Oberbürgermeisterin Noosha Aubel. Hans Grodotzki hinterlässt eine Tochter, Enkel und Urenkel. Der Deutsche Leichtathletik-Verband mit seinen 19 Landesverbänden wünscht der Familie und den Angehörigen von Hans Grodotzki viel Kraft in dieser schweren Zeit.
Foto: Das Bild zeigt Hans Grodotzki 1962 bei den Ost-West-Ausscheidungen für die EM.