| Interview

Oleg Zernikel: „Ich habe einfach wieder Lust, jedes Wochenende zu springen“

Oleg Zernikel hängt im gelben Deutschland-Trikot am gebogenen Stab und streckt die Beine nach oben. Im Hintergrund ist ein dunkles, unscharfes Stadion zu sehen. © Jan Papenfuß
Seinen letzten Wettkampf bestritt Oleg Zernikel (ASV Landau) im September 2025. Nachdem er bereits auf die Hallensaison verzichten musste, fehlte er verletzungsbedingt auch im Sommer auf der Wettkampfbühne. Im Interview der Woche spricht der Stabhochspringer über seine Zwangspause, mentale Herausforderungen sowie seine Ziele für die kommenden Jahre.
Jane Sichting

Oleg Zernikel, die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen?

Oleg Zernikel:
Inzwischen geht es mir wieder besser. Rückblickend war das Jahr 2026 ein schwieriges Jahr für mich, vor allem emotional gesehen. Aufgrund der Verletzung und der fehlenden Wettkämpfe war lange unklar, wie es weitergeht. Auch sportlich gesehen gab es viele Unsicherheiten. Im September habe ich einen längeren Urlaub gemacht. Das hat mir noch einmal gut getan. Auch arbeite ich mit einem neuen Physiotherapeuten zusammen, der mir viel Motivation und Zuversicht gibt. Das ist genau das, was du als Athlet brauchst: Leute, die dir Motivation und auch eine gewisse Stütze geben im Sport. Dann hast du automatisch sehr viel mehr Energie als sonst. Ohne ein starkes Team bist du sonst irgendwann alleine die ganze Zeit.

Wie sind Sie mit der mentalen Belastung umgegangen? Haben Sie sich auch in dieser Hinsicht Hilfe gesucht?

Oleg Zernikel:
Ja, ich arbeite seit letztem Jahr auch mit einer Psychiaterin zusammen. Nachdem ich mit der DLV-Psychologin Tanja Damaske gesprochen hatte, meinte sie nach Tokio, dass sie mir empfiehlt, zu einem Psychiater zu gehen. Und das habe ich dann auch getan. Unser Ziel ist es, langfristig zusammenzuarbeiten, um einander leichter zu verstehen. Und damit ich mich auch selber noch besser kennenlerne. Bereits jetzt kann ich sagen, dass es schon sehr hilfreich gewesen ist und ich auch ein paar Tipps und Tricks mit ins Training und in den Alltag nehmen kann.

Vergangene Woche haben Sie es auf Instagram spannend gemacht und die Frage nach einem möglichen Karriereende in den Raum gestellt – um wenig später die Auflösung zu liefern, dass Sie auch weiterhin an Ihren Zielen im Stabhochsprung arbeiten wollen. Was hat Sie dazu bewogen?

Oleg Zernikel:
Ja gut, die Leute, die mich kennen und auch die meisten aus dem Sportbereich wussten, dass ich so schnell nicht aufhören werde. Trotzdem gab es viele Rückmeldungen und besorgte Anrufe. Dabei war es eine offene Frage und ich habe nicht gesagt: Schluss, aus, vorbei. Ich hatte einfach die Idee, einen kleinen Cliffhanger zu machen und ein bisschen Aufmerksamkeit zu erzeugen, damit ich eine kleine Story dazu erzählen kann und die Leute auf meinem Weg mitnehmen möchte. Das ist eigentlich alles.

„Ich werde wahrscheinlich der Letzte sein, der jetzt den Stab beiseite legt”

Demnach stand ein Karriereende für Sie nie wirklich zur Debatte?

Oleg Zernikel:
Ich muss ehrlich zugeben, dass man als Profisportler manchmal schon mit solchen Gedanken spielt, vor allem jetzt mit 31 Jahren. Das sind dann Momente, in denen du dich fragst, ob du da noch richtig bist. Wo dein Platz ist, wenn andere Athleten bereits 6,20 Meter springen. Ob du dich weiterhin damit zufriedengeben willst, die nächsten fünf Jahre ein Platz in der Top Ten zu sein. Und du fragst dich, ob das alles noch Sinn macht – vor allem, wenn du verletzt bist. Letztlich muss ich auch ein bisschen an die Zukunft denken, an Familie und all diese Dinge. Aber im Endeffekt ist es immer so, dass du wieder zu der Erkenntnis kommst: Hey, das ist Blödsinn. Du machst weiter! Dann setzt du dir neue Ziele und konzentrierst dich auf den Weg, diese zu erreichen. Ich werde wahrscheinlich der Letzte sein, der da jetzt geht und den Stab beiseite legt. Ich bin emotional viel zu sehr mit dem Stabhochsprung verbunden. Sobald ich meine Stäbe wirklich irgendwann einmal weglege, wird es mir wahrscheinlich sehr schlecht gehen und ich werde sehr schnell eine Alternative brauchen und irgendwas anderes im Leben als ein großes Ziel.

Sie haben bereits selbst angesprochen, dass Sie verletzt waren. Dies war auch der Grund, wieso Sie in diesem Jahr keine Wettkämpfe bestreiten konnten. Was genau hatten Sie für eine Verletzung?

Oleg Zernikel:
Eigentlich ist es dasselbe, was ich schon mal 2024 hatte. Eine einfache Erklärung gibt es allerdings nicht. Da ist kein einzelner Punkt, der wehtut oder Probleme bereitet. Vielmehr sind es Schmerzen, die sich teils von der Lendenwirbelsäule über den Po bis in das Knie hineinziehen. Hinzu kommen noch weitere kleine Baustellen, die wir wieder in den Griff bekommen müssen. Ich konnte das ganze Jahr über fast kaum schmerzfrei trainieren. Nachdem ich bei vielen Ärzten war und wir auch einiges umgestellt haben und etwa an der Hüfte viel Mobilität und Kraft trainieren sowie versuchen, mehr Stabilität in das gesamte Bewegungssystem zu bekommen, sind wir aktuell auf einem guten Weg. Seitdem ich aus dem Urlaub zurück bin, konnte ich auch zum ersten Mal seit langer zeit wieder komplett schmerzfrei trainieren. Ich hoffe, das bleibt so.

Wie haben Sie den Leichtathletik-Sommer in der Rolle des Zuschauers erlebt? Haben Sie das Wettkampfgeschehen aktiv verfolgt und sich etwa die EM in Birmingham angesehen? Oder haben Sie von allem Abstand genommen?

Oleg Zernikel:
Ich habe auch ein bisschen Abstand genommen, definitiv. Vor allem nachdem sich Torben Blech zu Beginn der Saison so verletzt hatte und ich das live mitansehen musste. Danach habe ich versucht, die Zeit einfach zu nutzen, um mich auch wirklich mal von dem Ganzen zu distanzieren und ein bisschen auf mich zu fokussieren. Die EM habe ich mir allerdings angesehen.

„Es motiviert mich, wenn ich merke, dass es läuft und dass ich schmerzfrei bin”

Entgangen sein dürfte Ihnen auch nicht, dass es neben Mondo Duplantis mit dem Griechen Emmanouil Karalis einen weiteren Springer gibt, der die 6,20 Meter übersprungen hat und in diesem Jahr insgesamt sechs Athleten die sechs Meter gemeistert haben. Ist das für Sie eher Motivation oder hinterlässt das ein resigniertes Gefühl?

Oleg Zernikel:
Ich würde nicht sagen, dass mich das motiviert. Ich glaube, das ist nicht der Grund, warum ich Stabhochsprung mache und woraus ich meine Motivation schöpfe. Ich konzentriere mich lieber auf meine eigene Entwicklung und bin Realist. Motivation bekomme ich meistens dann, wenn ich merke, dass es läuft und dass ich schmerzfrei bin. Wenn die Dinge einfach funktionieren und die Zahnräder ineinandergreifen, dann bekomme ich Bock drauf. Dann fängst du an zu arbeiten und gibst nochmal Vollgas.

Wie Sie eingangs schon erwähnt hatten, waren Sie zuletzt im Urlaub in den USA. Haben Sie auf Ihrer Reise auch L.A. besucht und schon mal Olympia-Luft geschnuppert?

Oleg Zernikel:
Nein, tatsächlich nicht. Meine Reise führte mich etwa eine Woche nach New York und dann noch einmal zehn Tage nach Miami. In Los Angeles war ich hingegen nicht und habe diese Olympia-Luft noch nicht geschnuppert. Die schnuppere ich dann, wenn ich wieder 5,80 Meter springe und merke: Jetzt geht's los, jetzt bin ich in Richtung Olympia unterwegs.

Damit Sie Ihren Weg bis dahin verletzungsfrei gehen können: Haben Sie in den vergangenen Wochen präventiv etwas bewusst in Ihrem Training verändert?

Oleg Zernikel:
Ja, das sind einige Dinge. Der wichtigste Aspekt dabei ist, dass ich flexibler geworden bin in dem, was ich mache. Das bedeutet, dass ich Trainingsinhalte auch kurzfristig anpassen und umdenken kann, wenn zum Beispiel etwas nicht funktioniert oder ich Schmerzen habe. Anders als früher muss nicht mehr alles exakt nach Plan laufen und wir können einzelne Inhalte auch mal verschieben. Zudem habe ich natürlich viel Physiotherapie und dort die Unterstützung in puncto Stabilität im Bereich Hüfte und Rücken. Am wichtigsten dabei ist, dass meine Übungen dabei genau kontrolliert werden, damit ich auch alles richtig mache. Das spielt aktuell eine wesentliche Rolle in meinem Training, weil ich merke, wo meine Defizite sind und daran arbeiten kann. Und natürlich das Springen selbst, wobei ich daran arbeite, meine Fehler auszubessern und meine Technik zu verbessern.

„Im Winter sind Höhen von 5,75 bis 5,80 Meter mein Ziel”

Werden Sie nach der langen Wettkampfpause eine Wintersaison absolvieren?

Oleg Zernikel:
Ja, ich werde definitiv Wettkämpfe machen und versuchen, wieder an meine Grenzen zu kommen und Höhen von 5,75 und 5,80 Meter zu springen. Auch bei den Deutschen Hallenmeisterschaften möchte ich mich wieder zeigen und gut positionieren. Mein Ziel ist es zudem, auch die Hallen-EM in Valencia mitzunehmen. Ich habe auch festgestellt, dass ich einfach wieder Bock habe, jedes Wochenende auf einen Wettkampf zu fahren und Wettkämpfe zu machen – auch auf der Gefühlsebene. Das ist ein positives Zeichen für mich. Wichtig ist für mich zunächst aber das Zwischenziel von 5,70 Meter. Sobald die sitzen, hoffe ich dann im August auch die Norm für L.A. angreifen zu können und das Ding direkt abzuhaken.

Zuvor steht im Sommer nächsten Jahres noch eine WM im Wettkampfprogramm. Die Direktnorm ist sehr hoch gesteckt und liegt bei 5,90 Metern. Alternativ besteht die Möglichkeit, sich über eine gute Position im World-Ranking zu qualifizieren. Sind das Gedanken, mit denen Sie sich bereits auseinandersetzen?

Oleg Zernikel:
Wahrscheinlicher wird für mich letzteres sein und ich werde mich in dem System über die Punkte hocharbeiten müssen. Ich gehe jetzt nicht davon aus, dass ich 5,90 Meter springe, aber man weiß ja nie. Bei der WM dabei wäre ich gerne. Primäres Ziel ist allerdings erst einmal, 5,70 Meter zu springen – das ist auch die Kadernorm bei uns Männern.

Wie sehen denn die kommenden Wochen bei Ihnen aus, geht es für Sie vor der Hallensaison noch einmal in ein Trainingslager?

Oleg Zernikel:
Im Oktober bin ich jetzt noch hier und trainiere ganz normal, wie üblich. Im November habe ich dann voraussichtlich bis zum 9. Dezember noch einen Lehrgang bei der Bundeswehr – wie einige andere Athleten auch. In dieser Zeit muss ich dann schauen, wie ich die überbrücke, weil die Vorbereitung wichtig ist. Wahrscheinlich werde ich jeweils über das Wochenende nach Hause pendeln und dort dann meine Sprung-Einheiten absolvieren und Behandlungen haben. Wie das Training unter der Woche ablaufen wird, weiß ich noch nicht. Die ganze Vorbereitungssache kann ich noch nicht sagen.

Neben dem Leistungssport und Ihrem Dienst bei der Bundeswehr engagieren Sie sich auch für den Umweltschutz und arbeiten bei der gemeinnützigen Organisation Wasser 3.0 an verschiedenen Projekten mit. Warum ist Ihnen das Thema Umweltschutz und sauberes Wasser so wichtig?

„Es macht mir sehr viel Spaß, mich mit dem Thema Umweltschutz zu beschäftigen”

Oleg Zernikel:
Zum einen ist es eine schöne Ergänzung zu meinem Studium Umweltingenieurwesen, da ich mich praktisch einbringen kann. Zum anderen macht es mir einfach sehr viel Spaß, mich mit dem Thema Umweltschutz zu beschäftigen und wissenschaftlich zu arbeiten – insbesondere in der aktuellen Zeit. Über die Organisation wird versucht, dem Thema mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen.

Wie bekommen Sie den Minijob mit dem Leistungssport, der Bundeswehr und Ihrem Studium alles unter einen Hut?

Oleg Zernikel:
Hilfreich dabei ist zum einen, dass ich ein Fernstudium mache. Das ist für mich viel entspannter und ich spare mir viel Fahrerei. Zum anderen ist es einfach eine gute Planung. Vorausschauend zu planen und sich einfach so zu strukturieren, dass man weniger unproduktive Räume zwischen seinen Terminen hat. Also zum Beispiel so, dass man vormittags etwas für die Uni macht, dann gibt es Mittagessen, nachmittags folgt das Training und am Abend noch einmal Uni oder auch mal freie Zeit.

Lassen Sie uns ein wenig in die Zukunft blicken. Was ist Ihr Wunsch für das Jahr 2027 und darüber hinaus?

Oleg Zernikel:
In erster Linie ist es mein Wunsch, gesund zu bleiben und stressfrei zu sein. Hinzu kommt, dass ich wieder viel Spaß auf die Bahn mitbringen möchte und meinen Sport wieder mehr genießen will. Einfach diese Freude für den Stabhochsprung zu verspüren und dieses Erfolgsgefühl zu erleben, wieder ein bisschen irgendwo im Mittelpunkt zu stehen und einfach zu sehen, wie viel Spaß das Ganze machen kann.

Wie steht es um das Thema Olympische Spiele? In Paris haben Sie 2024 Platz neun belegt. Haben Sie auch schon ein konkretes Ziel, sollte es mit einem Start 2028 in L.A. funktionieren?

Oleg Zernikel:
Das ist noch ein bisschen zu weit weg, um da schon an ein konkretes Ziel zu denken. Allerdings war ich nach Paris schon sehr enttäuscht gewesen. Auch hat mich dieser neunte Platz meine Bronzemedaille bei der EM in Rom vergessen lassen, über die ich kurz zuvor noch so glücklich war. Für L.A. wünsche ich mir natürlich ein besseres Ergebnis als wieder nur die 5,75 Meter zu springen. Gern möchte ich ins Finale kommen und dort nicht versagen, sondern an meine Grenzen gehen und mich komplett auslasten. So, dass ich am Ende sagen kann, dass ich alles gegeben habe, dass ich alles probiert habe. Das sind aktuell meine Gedanken, was die Spiele in Los Angeles betrifft. In einem Jahr schauen wir dann noch einmal, wie es dann aussieht.

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