Bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid im vergangenen Sommer haben neun Athletinnen und Athleten ihren ersten nationalen Titel in der Aktivenklasse gewonnen. Die meisten von ihnen stehen am Anfang ihrer Karriere, andere feierten den Erfolg nach schwierigen sportlichen Zeiten. Wir stellen alle vor, dieses Mal Weitspringerin Mikaelle Assani (Karlsruher SC).
Mikaelle Assani
Karlsruher SC
Bestleistung:
Weitsprung: 6,91 m (2023, 2024)
Erfolge:
Achte Hallen-EM 2025
Vierte EM 2024
Vierte Hallen-WM 2024
Sechste U23-EM 2023
Bronze U20-EM 2021
Deutsche Meisterin 2026
Mit ihren 24 Jahren hat Mikaelle Assani in ihrer Karriere schon einiges erlebt. In der Jugend trug die Weitspringerin das Nationaltrikot, auch in der Frauenklasse hat sie bereits bei allen Großereignissen bis hin zu Olympischen Spielen teilgenommen. Dabei fehlte bei Freiluft-EM und Hallen-WM mit Rang vier jeweils nur ein Zentimeter bis zu einer Medaille. Die Bestleistung von 6,91 Metern ist nicht weit entfernt von der Sieben-Meter-Marke.
Aber auch schwierige Zeiten wie Fußprobleme in der Corona-Zeit hat die Athletin vom Karlsruher SC schon erlebt. Bei der Hallen-EM im vergangenen Jahr verletzte sich die Studentin im Fach Bioingenieurwesen schwer am Oberschenkel, musste um die Fortsetzung ihrer sportlichen Laufbahn bangen. Mit Geduld und Unterstützung ihres Umfelds gelang in diesem Sommer die Rückkehr in den Wettkampf.
Gekrönt wurde dieses Comeback im Sommer bei den Deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid. Einfach nur dankbar, wieder auf der nationalen Bühne zu stehen, flog die Rückkehrerin im fünften Durchgang mit 6,67 Metern an die Spitze und erfüllte damit auch die Bestätigungsnorm für die EM in Birmingham. Serien-Titelträgerin Malaika Mihambo (LG Kurpfalz) konnte an diesem Tag nicht mehr vorbeiziehen. Damit war der erste nationale Titel für Mikaelle Assani in der Frauenklasse perfekt.
Im Zuge ihrer Reha reifte außerdem die Entscheidung, nach jahrelanger erfolgreicher Zusammenarbeit mit Udo Metzler als Trainer, neue Wege zu gehen. Uli Knapp hat die Betreuung übernommen. Großes Ziel sind die Olympischen Spiele in Los Angeles (USA).
Zielstrebigkeit und Teamgeist führen früh ins Nationaltrikot
Im Alter von elf Jahren brachte ihr Sportlehrer Mikaelle Assani auf die Idee, es mit der Leichtathletik zu probieren. In ihrer Heimatstadt bei der LG Region Karlsruhe startete sie in der Gruppe von Sofia Gausmann. Platz vier bei der U16-DM (5,49 m) und die Bestleistung von 5,81 Metern als W15-Athletin zeigten Potenzial vor allem im Weitsprung. Trainiert wurden aber dennoch auch noch andere Disziplinen.
Zuerst im Stützpunkt-Training und ab dem Herbst 2018 als Heimtrainer übernahm Udo Metzler die Betreuung. Die junge Athletin wollte mehr und mehr herausfinden, wie weit sie es im Sport schaffen kann. „Wenn ich etwas anfange, dann ziehe ich es auch durch. So ein Typ bin ich“, erzählt die heutige Leistungssportlerin. Anderseits entstanden in der Trainingsgruppe auch Freundschaften. Bei dieser Mischung aus Ehrgeiz und Teamgefühl fiel es nicht schwer, dass die Zahl der Trainingseinheiten stieg und der Sport immer mehr Zeit im Alltag beanspruchte. Dazu stellten sich weitere Erfolge ein.
In ihrem zweiten U18-Jahr gelangen Mikaelle Assani ihre ersten Sprünge über die Sechs-Meter-Marke und die Qualifikation für die Europäischen Jugendspiele in Baku (Aserbaidschan). Diese Erfahrung im Nationaltrikot brachte den nächsten Motivationsschub und deutete an, dass eine professionelle Karriere im Sport möglich sein könnte. Bevor sich die damalige Schülerin endgültig auf den Weitsprung konzentrierte, sammelte sie bei der Mehrkampf-DM zum Saisonabschluss 2019 noch einmal 4.751 Punkte im Siebenkampf und trug damit zu Mannschafts-Bronze für ihren Verein bei.
Große Erfolge in der U20, aber auch Probleme mit dem Fuß
Die U20 begann in der Hallensaison mit der neuen Bestleistung von 6,37 Metern, dem ersten Titel bei der Jugend-DM (6,35 m) und Rang acht bei der ersten Teilnahme bei einer Hallen-DM in der Frauenklasse (6,10 m). Danach kam nicht nur die Corona-Pandemie. Mikaelle Assani wurde auch von einem Ödem am Fuß ausgebremst. Mehr als ein Jahr lang nahm sie deshalb nicht an Wettkämpfen teil.
„Die Verletzung war nicht so schlimm, ich war trotzdem mobil und wegen Corona war sowieso alles zu. Dennoch habe ich schon damals die Erfahrung gemacht, dass ich nach einer längeren Pause zurückkommen kann.“ Davon profitierte sie auf dem Weg zu ihrem Comeback in diesem Sommer.
Im Sommer 2021 meldete sich die Nachwuchsathletin nach 15 Monaten nicht nur auf hohem Niveau zurück, sondern steigerte sich bis auf 6,64 Meter, gewann Bronze bei der U20-EM in Tallinn (Estland; 6,62 m) und holte den Freiluft-Titel bei der Jugend-DM (6,54 m). Damit war endgültig klar, dass der Leistungssport nach dem erfolgreich abgelegten Abitur an erster Stelle stehen sollte.
Nach Rückkehr aus den USA geht es steil nach oben
Der nächste Schritt der Professionalisierung sollte ein Studium an der University of Nebraska sein, verbunden mit einem Stipendium. Aber das Trainingssystem an dem US-College stellte sich nicht als das richtige für Mikaelle Assani heraus. „Es hat nicht zu mir gepasst, zumal ich in Karlsruhe einen Trainer hatte, bei dem ich wusste, dass es funktioniert.“ Nach einem Semester kehrte die Weitspringerin in ihre Heimat zurück, nahm am Karlsruher Institut für Technologie ein Studium in Bioingenieurwesen auf und arbeitete weiterhin mit Udo Metzler an ihren sportlichen Zielen.
Auch wenn eine neue Bestleistung im folgenden Sommer ausblieb, gelang 2022 in Berlin als Dritte (6,54 m) erstmals der Sprung aufs DM-Podest sowie die Qualifikation für die erste EM in der Frauenklasse, die in München auf deutschem Boden ausgetragen wurde. Nur drei Zentimeter fehlten dort für den Einzug ins Finale.
Der Aufstieg setzte sich in den Jahren 2023 und 2024 fort, in denen die Studentin für den SCL Heel Baden-Baden startete. Ihre Bestleistung steigerte die damalige U23-Athletin bis auf 6,91 Meter, die insgesamt dreimal in die Statistiken einging. Bei der Hallen-DM 2023 forderte Mikaelle Assani mit dieser Weite Malaika Mihambo heraus. Die zweimalige Weltmeisterin setzte sich mit 6,93 Metern knapp durch.
Weitengleich mit der Bronzemedaillengewinnerin Agate de Sousa (Portugal) belegte die DLV-Athletin bei der EM 2024 in Rom (Italien) mit 6,91 Metern Rang vier. Diese Position hatte sie auch schon zuvor bei der Hallen-WM in Glasgow (Großbritannien; 6,77 m) erreicht, bei der die drittplatzierte Fatima Diame (Spanien; 6,78 m) gerade einmal einen Zentimeter weiter sprang. Mikaelle Assani war in der internationalen Spitze angekommen. Noch nicht mit dem Finaleinzug klappte es bei den ersten Starts bei großen Meisterschaften auf Weltebene. Die WM 2023 in Budapest (Ungarn) und die Olympischen Spiele in Paris (Frankreich) endeten jeweils nach der Qualifikation. Das zu ändern war das Ziel für die kommenden Jahre.
Zwangspause statt Nationaltrikot
Von nun an im Trikot des Karlsruher SC verlief die Hallensaison 2025 vielversprechend und brachte unter anderem die nächste DM-Silbermedaille hinter der dominierenden DLV-Weitspringerin der vergangenen Jahre Malaika Mihambo und den Finaleinzug bei der Hallen-EM in Apeldoorn (Niederlande). Dort kam es im Anlauf zum sechsten Versuch zu der schweren Verletzung. Vor laufenden Kameras riss eine Sehne im hinteren Oberschenkel des linken Sprungbeins, eine weitere wurde angerissen. Mikaelle Assani musste mit dem Rollstuhl aus dem Innenraum gebracht und später operiert werden.
Erst einmal ging es nicht um die Frage, wann wieder Sport möglich sein würde, sondern wieder stehen und gehen zu können, aber den Weitsprung aufzugeben, kam nicht infrage. Jeder kleine Fortschritt gab neuen Mut, es zurück schaffen zu können. Und mit der Hilfe ihres Umfelds, zu dem ihre Familie, ihr Trainer und ein medizinisches Team gehören, kam die Belastbarkeit Stück für Stück zurück.
„Der Schlüssel war, sich Zeit zu nehmen und dem Heilungsprozess des Körpers zu vertrauen“, erzählt die 24-Jährige. „Klar wollte ich als ehrgeizige Athletin auch wieder so schnell wie möglich an den Start gehen. Aber wenn der Körper nicht ready dafür ist, hat man auch nichts davon.“ So vergingen 15 schwierige Monate.
Wieder da – und national sogar ganz vorn
Beim Cannstatter Springercup in Stuttgart meldete sich Mikaelle Assani im Juni des vergangenen Sommers mit 6,33 Metern zurück und pendelte sich danach bei Weiten um 6,50 Meter ein. Dass die einstige Leistungsfähigkeit noch nicht gleich wieder da war, spielte eine Nebenrolle. Die Weitspringerin war einfach nur dankbar, ihrer Leidenschaft wieder nachgehen und ihr Können wieder im Wettkampf unter Beweis stellen zu können. So ging es auch zu den Deutschen Meisterschaften nach Bochum-Wattenscheid.
Bei schwierigen Bedingungen und nur einer Weite von 6,00 Metern aus den ersten drei Versuchen wäre das Comeback auf der nationalen Bühne dort schon fast vorbei gewesen. Bei wechselndem und böigem Wind folgte dann aber doch noch die Steigerung bis auf die Saisonbestweite von 6,67 Metern, und das bei regulärem Wind (+ 1,0 m/sec). Das bedeutete nicht nur die erstmals erfüllte Bestätigungsnorm (6,60 m) für die EM in Birmingham, sondern auch den ersten DM-Titel, denn die 17-malige Titelträgerin Malaika Mihambo konnte an diesem Tag nicht mehr kontern und wurde Zweite (6,63 m). „Das war mein Wochenende“, so die Deutsche Meisterin, die in ihrem Comeback-Sommer auch gleich wieder im Nationaltrikot an den Start gehen durfte und die EM-Qualifikation mit 6,52 Metern beendete.
Endgültig an Bestleistungen anknüpfen
Auf ihrem Weg zurück hat die Athletin vom Karlsruher SC die Entscheidung getroffen, nach vielen erfolgreichen Jahren mit Udo Metzler als Trainer einen neuen Weg einzuschlagen. Mit Uli Knapp als Heimtrainer und Einheiten zusammen mit Malaika Mihambo möchte Mikaelle Assani endgültig an ihr Leistungsniveau vor der schweren Verletzung anknüpfen und es möglichst noch übertreffen.
„Mittlerweile kann man sagen, dass der Oberschenkel verheilt ist“, so die Rückkehrerin. „Klar muss immer wieder eine Prävention stattfinden. Aber ich kann alle Trainingsinhalte machen. Wir wollen weiter aufbauen und immer stärker werden.“ Das große Ziel sind die Olympischen Spiele in Los Angeles. „Und dort möchte ich mich besser präsentieren als bei den Spielen 2024.“
Video: Titel-Premiere nach langer Verletzungspause: Mikaelle Assani vergießt Freudentränen
Video-Interview: Mikaelle Assani: "Dass ich Deutsche Meisterin werde, hätte ich nicht gedacht"
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Nach der schweren Verletzung hat sich zuerst die Frage gestellt, ob Mika überhaupt zurückkommen kann. In der Rehaphase hat sich rausgestellt, dass man sich viel Zeit nehmen muss. Aber Mika hat das hervorragend gemacht und diese Zeit gemeistert. Es gab immer mehr Fortschritte, auch wenn sie im Training zwischenzeitlich wieder Gas rausnehmen musste, weil das Gewebe reagiert hat.
Bei den Deutschen Meisterschaften hat Mika einen besonderen Tag erlebt, sogar mit ein bisschen Magie. Nach dem dritten Versuch durfte sie nur weitermachen, weil die neue Regelung gegriffen hat, dass zehn Athletinnen in den vierten Versuch kamen. Auch dafür hatte sie nur einen Zentimeter Vorsprung. Im vierten Durchgang hat sich Mika dann gesteigert und im Feld nach vorn geschoben. Im fünften Versuch folgte dann die Siegesweite und gleichzeitig die Bestätigungsnorm für die EM. Das war ihr Tag.
Mika ist eine zielstrebige Athletin, die auch hinterfragt, was im Training passiert. Sie lebt sehr stark von ihrer Schnelligkeit. Da ist Mika noch nicht ganz auf dem Niveau von vor ihrer Verletzung, was absolut verständlich ist. Wenn es gelingt, noch ein paar Prozent draufzulegen und auch in den speziellen Sprüngen noch etwas zuzulegen, dann ist die Schallmauer von sieben Metern möglich. Mika ist eine Kandidatin für einen Finalplatz bei den Olympischen Spielen in Los Angeles. Das ist das große Ziel.