| Interview

Yannick Wolf: "Eine 100-Meter-Zeit unter zehn Sekunden traue ich mir zu"

© Stefan Mayer
Mit starken 6,60 Sekunden zum Saisonauftakt stellte Yannick Wolf (München Athletics) beim ISTAF Indoor Düsseldorf am vergangenen Wochenende nicht nur seine Bestzeit ein, sondern lief als bester DLV-Athlet hinter Hallenweltmeister Jeremiah Azu (Großbritannien; 6,53 sec) auf Platz zwei. Im Interview spricht der Münchner über die vergangene Sommersaison, sein Training sowie seine Ziele für die 60 und 100 Meter.
Redaktion

Yannick Wolf, herzlichen Glückwunsch noch zu Ihrem erfolgreichen Saisoneinstieg in Düsseldorf. Dort haben Sie in 6,60 Sekunden direkt beim ersten Wettkampf Ihre Bestzeit über 60 Meter eingestellt. Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Rennen?

Yannick Wolf:
Danke. Grundlegend bin ich sehr zufrieden. Es gibt wenig zu meckern, wenn man mit Bestleistung einsteigt – auch wenn ich die zwei Tausendstel, die mir zu einer 50er-Zeit gefehlt haben, gern schneller gerannt wäre. Aber um das zu schaffen, habe ich jetzt in der Halle noch ein paar Rennen.

Wie verlief bei Ihnen nach der langen Sommersaison 2025 der Aufbau im Winter? Wie haben Sie sich im Training auf die Hallensaison vorbereitet?

Yannick Wolf:
Der Aufbau lief insgesamt sehr gut. Es war das erste Jahr, in dem ich ohne kleinere oder auch größere Problemchen durchgekommen bin und ohne eine gewisse Zurückhaltung durchtrainieren konnte. Wir haben zwar erst Anfang November wieder mit systematischem Training begonnen, dafür aber einige Dinge neu ausprobiert und hinzugefügt. Ich war etwa eine Zeit lang in Salzburg, wo ich ein paar gute Impulse mitgenommen habe, um vorbeugend möglichen Problemen aus dem Weg zu gehen und präventiv zu arbeiten.

Planen Sie mit einer kompletten Hallensaison – möglicherweise auch der Hallen-WM im März?

Yannick Wolf:
Bis zu den Deutschen Hallenmeisterschaften plane ich auf jeden Fall, danach ist auch noch ein Start beim ISTAF Indoor in Berlin denkbar. Die Hallen-WM ist – Stand jetzt – kein Thema. Auch weil sie in Hinblick auf den Sommer sehr spät ist.

Im vergangenen Jahr hatten Sie es bei der Hallen-DM als Dritter auf das Podium geschafft. Haben Sie da noch eine kleine Rechnung offen? Wie schätzten Sie aktuell die nationale Konkurrenz ein? Dominiert da ein gewisser Teamgedanke oder sind Sie eher der einsame Wolf, der hinten raus an der Konkurrenz vorbeisprintet?

Yannick Wolf
Starke letzte Meter, das passt bei mir über 60 Meter tatsächlich gut. Im fliegenden Bereich war ich schon immer sehr stark, den Start erwische ich hingegen meist nicht so gut. Obwohl das am Wochenende schon sehr gut funktioniert hat – der Start war in der Vorbereitung ein großer Schwerpunkt und wir haben viel daran gearbeitet. Die anderen Jungs sind auch schon wieder schnell unterwegs. Dass wir derzeit so viele sind, die so gut sind, macht es intensiver und den Reiz des Ganzen aus. Ich würde gern mal Deutscher Hallenmeister werden, gehe da aber mit der gleichen Einstellung rein, wie bei jedem anderen Wettkampf auch: eine Medaille sollte das Ziel sein. Über die Farbe entscheidet dann die Tagesform und wie gut die anderen Jungs drauf sind.

Sie sagen, dass Ihre Stärke im fliegenden Bereich liegt. Sehen Sie sich eher auf den 100 Metern oder den 60 Metern in der Halle zu Hause?

Yannick Wolf:
Die 100 Meter liegen mir definitiv mehr. Die 40 Meter mehr machen viel aus, vor allem wenn am Start nicht alles zusammenkommt.

Eindrucksvoll war über die 100 Meter vergangenes Jahr Ihre in Regensburg gelaufene Zeit von 10,05 Sekunden. Damit rangieren Sie auf Platz vier in der ewigen DLV-Besenliste. Dennoch verlief die Saison für Sie anschließend nicht gleichermaßen erfolgreich weiter. Wie blicken Sie selbst darauf zurück?

Yannick Wolf:
Regensburg war richtig gut, genauso wie das Rennen zuvor in Paris. Da ist mir nur leider der Startblock weggerutscht. Auch beim ISTAF in Berlin hatte ich dann in der Beschleunigungsphase mit dem Läufer auf der Nebenbahn Kontakt, was mich aus dem Konzept gebracht und eine schnellere Zeit verhindert hat. Über die Saison sind einige Dinge zusammengekommen, die hier und da die Leistung etwas gemindert haben, ohne dass ich Einfluss darauf hatte. Am Ende, so ehrlich muss ich sein, ist mir etwas die Luft ausgegangen. Dennoch war die Saison nicht schlecht und mit einer 10,05 Sekunden durchaus zufriedenstellend.

Was trauen Sie sich für eine Zeit zu, wenn vom Start weg mal alles in einem Rennen zusammenpasst?

Yannick Wolf:
Ganz klar eine Zeit unter zehn Sekunden. Wenn man es in Zahlen betrachtet, dann bin ich in Regensburg auf den ersten 30 Metern mit 3,93 Sekunden gestartet, hatte aber auch schon Rennen, in denen es 3,86 Sekunden waren. Rechnet man das mal aus, bin ich bei 9,98 Sekunden. Ich bin der festen Überzeugung, dass dieses Ziel möglich ist.

Sie sind gebürtiger Münchner und seit diesem Jahr wieder in einem Münchner Trikot am Start. Was schätzen Sie so sehr an ihrer Heimatstadt?

Yannick Wolf:
München ist meine Base und ich habe ein super gutes Umfeld um mich herum.

Die Zusammenarbeit mit Ihrem Trainer Sebastian Hess basiert allerdings auf einem Ferntraining – wie oft sehen Sie sich?

Yannick Wolf:
Abgesehen von der Kommunikation über Video sehen wir uns alle drei Wochen für zwei bis drei Tage, wenn er in München ist. Dennoch funktioniert das Trainingskonzept für mich sehr gut, weil ich mir einerseits mein Training zeitlich so einteilen kann, wie es für mich passt. Und anderseits habe ich ein sehr gutes Körpergefühl und kann alles filmen und mich dann quasi selbst korrigieren.

Trainieren Sie immer allein oder schließen Sie sich auch anderen Trainingsgruppen an?

Yannick Wolf:
In diesem Jahr habe ich damit angefangen, Starts zusammen mit Fabian Olbert zu machen, um mal in eine Konkurrenzsituation zu kommen. Sonst mache ich alles allein, wenngleich ich in der Halle nie allein bin und auch soziale Kontakte habe (lacht). Immer auf sich allein gestellt zu sein, das muss man auch wollen, sonst funktioniert es nicht.

Was bedarf es für Sie neben Willen und Fleiß noch, um erfolgreich zu sein?

Yannick Wolf:
Spaß! Wobei ich zugeben muss, dass mir das Training mehr Spaß macht als der Wettkampf selbst. Einfach weil ich diesen Prozess unfassbar interessant finde, sich täglich zu verbessern.

Um Spaß im Training zu haben, gehört auch dazu, gesund zu bleiben und kontinuierlich trainieren zu können. Welche Rolle spielen dabei die Regeneration und auch die mentale Komponente?

Yannick Wolf:
Um konstant Leistungen zu bringen, ist das Team um dich herum sehr wichtig – vor allem Ärzte und Physiotherapeuten. Aber auch Regenerationsmaßnehmen, die jeder für sich selbst tun sollte. Was das Mentale betrifft, hat sich bei mir viel getan die letzten Jahre. Früher hatte ich im Wettkampf oft zu viel Adrenalin. Am Ende muss jeder seinen individuellen Weg finden, um Zweifel und Probleme von sich fernzuhalten.

Kommt es Ihnen in punkto Regeneration auch zugute, dass Sie mit der Landespolizei Bayern einen Arbeitgeber hinter sich stehen haben, der Ihnen im Rahmen der Sportfördergruppe ermöglicht, sich Vollzeit auf den Sport zu konzentrieren?

Yannick Wolf:
Definitiv, das gibt mir viel Sicherheit. Meist trifft man mich von Oktober bis November auf Münchner Straßen auch mal als Polizist an. Das restliche Jahr habe ich das Privileg und die Freiheit, mich auf das zu konzentrieren, was ich liebe: den Sport.

Schreiben Sie sich noch immer Ihre Zielzeiten über 100 Meter auf Ihre Spikes?

Yannick Wolf:
Die hatte ich mir tatsächlich auch auf die Turnschuhe geschrieben (lacht). Das habe ich in der Form nicht wieder gemacht, die Neun ist aber tagtäglich präsent – sei es in Form von Pins oder Hintergrundbildern. Sie ist allgegenwärtig, damit ich mein Hirn schon mal darauf trainiere, dass ich definitiv unter zehn Sekunden laufen werde.

Wenn wir schon bei Zahlen sind: welche Zeit soll am Ende der Hallensaison über 60 Meter hinter Ihrem Namen stehen?

Yannick Wolf:
Auf jeden Fall sollte eine Fünf hinter dem Komma stehen. Gern würde ich auch Bayrischen Rekord rennen, der liegt bei 6,54 Sekunden. Langfristig würde ich dann gern den deutschen Rekord angreifen, da muss über 60 Meter aber sehr viel zusammenkommen bei mir, um das zu schaffen. Eine mittlere 50 ist das Ziel für diese Saison.

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