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Tanja Spill – Spektakulärer Neuanfang statt leises Goodbye

© Theo Kiefner
Fünf Jahre nach ihrem ersten Triumph in Dortmund hat Tanja Spill erneut Gold bei den Deutschen Hallenmeisterschaften gewonnen. In 2:02,38 Minuten lief die 30-Jährige nicht nur zum zweiten nationalen Hallentitel, sondern auch zu einer neuen persönlichen Bestleistung über 800 Meter. Dabei war ihr Weg zurück aufs oberste DM-Podest kein einfacher.
Sophie Ritter

Als Tanja Spill (TSV Bayer Dormagen) am Sonntagnachmittag in Dortmund ins Ziel läuft, ist da für einen Augenblick nur Ungläubigkeit. Die Halle, die Erinnerungen, das Wissen um die eigene Geschichte. Alles ist gleichzeitig da. „Als ich über die Linie gelaufen bin, war mein erster Gedanke: Wahnsinn, stimmt das wirklich? Und dann auch noch die Zeit und meine neue PB dazu, das fühlt sich gerade total surreal an“, sagt die 800-Meter-Läuferin nach dem Hallen-DM-Finale.

Die äußeren Bedingungen waren mit Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen vergleichbar mit 2021, als sie mit 2:03,06 Minuten triumphiert hatte. „Wir haben im Vorfeld gesagt: ,Lass es uns einfach noch mal genauso machen. Und genau das ist passiert.‘ Es ist ein ganz komisches Gefühl, du rennst über die Linie, weißt, wer alles in der Halle ist. Und dann holst du dieses Ding. Das bedeutet mir einfach unglaublich viel“, sagt Tanja Spill. Nun stand sie in Dortmund erneut ganz oben.

Ein Winter des Vertrauens

Der Titel ist hart erarbeitet. Eine gute Grundlage auf dem Weg zu DM-Gold legte sie mit stabilen Leistungen im Vorfeld von Dortmund. Schritt für Schritt hat sich Tanja Spill in eine Form gearbeitet, die sie selbst als die beste ihres Lebens beschreibt. „Wir haben einen sehr guten Winter gehabt, wir haben viele Programme drin gehabt, auf ich sehr vertraue, und das ist für mich extrem wichtig. Wir haben viele Hallenrennen gehabt, die sehr gut waren. Und das habe ich mitgenommen und versucht, genau hinzubekommen und hier zu reproduzieren“, sagt sie. Zwei 2:03-Minuten-Zeiten konnte sie im Verlauf der Hallensaison schon vor Dortmund anbieten. Im Hallen-DM-Finale – bis zur letzten Runde an den Hacken der Deutschen Meisterin Smilla Kolbe (Eintracht Frankfurt) – folgte die Steigerung um 68 Hundertstel auf 2:02,38 Minuten.

Der Weg zurück an die Spitze war allerdings kein geradliniger. Es gab Phasen, in denen vieles nicht nach Plan lief. Zweifel gehörten dazu. Tanja Spill stellte sich die Frage, ob es weitergehen soll. Oder ob es Zeit ist aufzuhören. „Ich bin in der Form meines Lebens und weiß, dass ich vorn wieder mitspielen kann. Ich bin zurück nach so vielen Jahren, wo es nicht nach Plan lief“, so die 30-Jährige.

Zusammenarbeit mit Jackie Baumann zahlt sich aus

Statt aufzugeben, wechselte sie ihr Trainingsumfeld. Ein mutiger Schritt. Tanja Spill trainiert und wohnt in Dormagen, startet für den TSV Bayer Dormagen, bekommt ihre Trainingspläne jedoch aus Tübingen. Die Zusammenarbeit mit Jackie und Isabelle Baumann sowie der Trainingsgruppe des LAV Stadtwerke Tübingen funktioniert über Distanz. „Ich fahre auch immer wieder hin, wir stehen im engen Austausch, haben fast täglich Kontakt. Und so kommt das Ferncoaching zustande“, sagt sie. Der Titel ist deshalb auch ein Gemeinschaftsprojekt.

„Ich habe vor zwei Jahren bewusst gesagt, dass ich was Neues versuchen will, weil ich beim Alten nicht mehr bleiben kann. Sonst hätte ich aufgehört. Der Titel jetzt gerade ist nicht nur was für mich, sondern ein Dank für alle, die hinter mir stehen. Die immer an mich geglaubt haben“, erzählt Tanja Spill. Und erwähnt dabei explizit die Arbeit von Jackie Baumann. Die zweimalige Deutsche Meisterin über 400 Meter Hürden ist genauso alt wie die Dormagenerin und kennt die Leichtathletik noch aus der Perspektive einer Athletin. „Der Trainerwechsel war ein Risiko, aber ein bewusster Schnitt. Jackie hat mir einfach die Möglichkeit gegeben, damit ich so zurückkomme, wie ich es mir erträumt habe“, sagt Tanja Spill.

Zweiter Titel, neue Perspektive

Der Sieg in Dortmund ist auch ein Push für die Freiluftsaison. Ihre Bestzeit über die zwei Stadionrunden steht seit dem Sommer 2021 bei 2:00,66 Minuten „Ich möchte in der Freiluftsaison an die aktuelle Form anknüpfen und unter 2:00 Minuten laufen. Ich hoffe, dass wir uns einen harten Kampf um die EM-Plätze liefern“, blickt die Dormagenerin voraus. Die Norm für die EM in Birmingham steht bei 1:59,80 Minuten.

Sie müsste also ihre Bestzeit um knapp eine Sekunde drücken. Und natürlich wird es ihr die nationale Konkurrenz nicht einfach machen. Mit Smilla Kolbe (1:59,02 min), der EM-Fünften Majtie Kolberg (LG Kreis Ahrweiler; 1:59,52 min) und Jana Becker (Königsteiner LV; 1:59,59 min) blieb 2025 ein DLV-Trio unter der Zwei-Minuten-Marke.

Am Scheideweg die steinige Route gewählt

Diese „goldene Comeback-Geschichte“ von Tanja Spill erzählt nicht nur von einer Athletin, die ein Rennen gewinnt. Sie erzählt von einer Sportlerin, die an einem Scheideweg stand und sich für den schwierigeren Weg entschieden hat. Für einen Neuanfang statt Rückzug.

Der Sieg in Dortmund ist deshalb nicht nur eine Wiederholung des Erfolgs von vor fünf Jahren. Er ist eine Weiterentwicklung. Ein Beweis, dass Vertrauen Zeit braucht. Dass Geduld sich auszahlen kann. Tanja Spill hat in 2:02,38 Minuten nicht nur ein Rennen gewonnen. Sie hat sich selbst bestätigt. Der Blick geht nun Richtung Sommer. Dortmund war der Beweis. Was jetzt kommt, soll noch schneller werden.

Mehr:
Tanja Spill nach Goldlauf im Interview

 

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