| Interview

Julian Weber und Nick Thumm: „Der Doppelsieg fühlt sich einfach mega an“

Die deutschen Speerwerfer Julian Weber und Nick Thumm jubeln mit einer Deustchlandfahne um den Schultern und einer Gold- und Silbermedaille um den Hals. © Stefan Mayer
Am Samstag haben die deutschen Speerwerfer in Birmingham mit einem EM-Doppelsieg begeistert. Im Interview sprechen Julian Weber und Nick Thumm über das spannende Finale, ihre unterschiedlichen Ambitionen in Birmingham und ihre weiteren Ziele.
Martin Neumann

Julian Weber, Nick Thumm: Herzlichen Glückwunsch zum überraschenden EM-Doppelsieg im Speerwurf!

Beide:
Vielen Dank.

Wir sprechen am Tag nach dem Finale. Wie haben Sie die Stunden nach der EM-Entscheidung bisher erlebt und wie fühlen Sie sich heute?

Nick Thumm:
Kurz gesagt: anstrengend und müde. Es ist alles noch ziemlich surreal. Ich kann noch gar nicht richtig begreifen, was da passiert ist. Aber ich glaube, das wird nach und nach kommen.

Julian Weber:
Es wurde richtig spät. Nicht wegen Feierlichkeiten, sondern weil wir einige Stunden noch auf dem Stadiongelände bleiben mussten, da die Polizei einige Straßen aufgrund einer Fahndung gesperrt hat.

Nick, wenn Sie eine Woche zurückdenken: Mit welchen Zielen sind Sie nach Birmingham geflogen?

Nick Thumm:
Eigentlich, um zu lernen. Ich bin ja erst 21 Jahre alt, speziell für Speerwerfer ist das extrem jung. Für mich war die Europameisterschaft vor allem eine Gelegenheit, Erfahrungen zu sammeln. Dass jetzt auch noch eine Medaille dazugekommen ist, macht das Ganze natürlich perfekt.

Sie haben in der Qualifikation mit 83,49 Metern schon Bestleistung geworfen. Sind Sie mit einer anderen Einstellung, mit anderen Zielen ins Finale gegangen?

Nick Thumm:
Nein, eigentlich nicht. Ich wusste, dass ich diese Weiten werfen kann. Im Finale habe ich einfach versucht, genau das umzusetzen.

Mit 83,76 Metern lagen Sie sogar in Führung. Was ging Ihnen dabei durch den Kopf, als Sie die Chance auf EM-Gold hatten?

Nick Thumm:
Ehrlich gesagt kann ich mich gar nicht mehr so genau daran erinnern. Ich war einfach komplett im Wettkampfmodus.

Haben Sie damit gerechnet, dass ein Konkurrent noch weiter werfen würde?

Nick Thumm:
Zu hundert Prozent. Ich war fest davon überzeugt, dass irgendjemand noch weiter werfen würde. Dass es dann Julian war, ist natürlich umso schöner.

Und im Anschluss hatten Sie mit dem letzten Wurf das letzte Wort …

Nick Thumm:
das hatte ich, leider hatten meine Beine aber andere Pläne (lacht). Und natürlich hat Julian mit 90,40 Metern ja einen Mega-Wurf hingelegt.

Wie fühlt sich so ein deutscher Doppelsieg an?

Nick Thumm:
Einfach geil.

Julian Weber:
Wirklich mega geil. Natürlich habe ich darauf gehofft und wusste, dass ich das Potenzial habe. Im sechsten Versuch hat dann endlich alles gepasst: guter Anlauf, guter Rhythmus, guter Wurf. Dass Nick in der Qualifikation schon persönliche Bestleistung geworfen hat, im Finale nochmal nachlegt und am Ende hinter mir liegt, macht die Sache noch besonderer. Dass wir gemeinsam bei der Siegerehrung stehen und zusammen die Nationalhymne hören durften, ist einfach großartig. Vor allem zeigt es: Die nächste Generation im deutschen Speerwurf ist da. Das ist ein richtig gutes Signal für die Zukunft.

Julian, Sie waren ja mal selbst Teil dieser jungen Generation. Können Sie nachvollziehen, wie Nick sich gerade fühlt?

Julian Weber:
Absolut. Bei der ersten großen Meisterschaft direkt so erfolgreich zu sein, ist etwas Besonderes. Diesen Erfolg hatte ich in den ersten Jahren meiner Karriere noch nicht. Aber ich glaube, Nick ist jemand, der sich dadurch keinen unnötigen Druck macht. Er kann diesen Moment einfach genießen. Das ist ein riesiger Erfolg.

Als Nick Ihre Weite von 83,71 Metern um fünf Zentimeter übertreffen konnte und damit plötzlich vor Ihnen lag, haben Sie ihm direkt gratuliert. Hat Ihnen das den entscheidenden Extra-Schub gegeben?

Julian Weber:
Ja, definitiv. In dem Moment dachte ich: „Das kann ich jetzt nicht einfach so stehen lassen.“ Also habe ich noch einmal alles investiert und mich komplett auf diesen letzten Anlauf fokussiert. Ich war extrem glücklich, dass der Versuch dann so gut gelungen ist. Vor allem war ich danach erleichtert, weil ich ziemlich dicht ich an der Abwurflinie dran war. Erst später habe ich gesehen, wie knapp das tatsächlich war.

Welche Tipps haben Ihnen die Coaches für den Versuch mit auf den Weg gegeben?

Julian Weber:
Ehrlich gesagt kann ich mich an vieles gar nicht mehr erinnern. Man ist in so einem Wettkampf voller Adrenalin und komplett im Tunnel. Aber offensichtlich haben sie die richtigen Dinge gesagt. Die Coaches haben auf jeden Fall einen hervorragenden Job gemacht.

Nick, Sie sind mit einer Generation von deutschen Speerwerfern wie Thomas Röhler, Johannes Vetter, Andreas Hofmann und Julian Weber groß geworden. Wann haben Sie gemerkt, dass Speerwurf Ihr Ding ist?

Nick Thumm:
Das liegt bei mir in der Familie. Mein Vater Karsten war selbst Speerwerfer und ist Landestrainer Speerwurf. So bin ich mit diesem Sport aufgewachsen. Dadurch war die Begeisterung schon früh da.

Sie haben nach starken Winterwurfleistungen einen schwierigen Start in die Sommersaison. Wann haben Sie gemerkt, dass der Schalter wieder umgelegt ist?

Nick Thumm:
Erst nach den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid. Nach meinem letzten Versuch dort habe ich gespürt, dass es wieder funktionieren kann.

Wie sehen Ihre nächsten sportlichen Ziele aus, wohin soll die Reise bis 2028 oder sogar 2032 gehen?

Nick Thumm:
Da habe ich ehrlich gesagt noch keinen konkreten Plan. Die zwei persönlichen Bestleistungen in wenigen Tagen müssen erst einmal sacken. Klar ist aber: Da geht noch etwas. Technisch kann man immer Kleinigkeiten verbessern, und vor allem im Kraftbereich habe ich noch Potenzial. Die nächste große Station ist die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr. Und langfristig natürlich die Olympischen Spiele.

Julian, Sie haben mit 90,40 Metern den ersten 90-Meter-Wurf bei Europameisterschaften überhaupt hingelegt. Den EM-Rekord haben Sie dem Briten Steve Backley abgenommen, der 1988 in Budapest 89,72 Meter geworfen hatte, und Ihre Siegerehrung in Birmingham vorgenommen hat. Hat sich dieser Wurf auch wie ein 90-Meter-Wurf angefühlt?

Julian Weber:
Ich habe sofort gemerkt, dass ich den Speer perfekt erwischt habe und zunächst gar nicht auf die Anzeigetafel geschaut habe. Ich wusste, dass der Wurf weit war, ich hatte direkt dieses Gefühl. Deshalb habe ich auch sofort losgebrüllt. Da sind unglaublich viele Emotionen rausgekommen. Es war, als würde mir ein riesiger Stein vom Herzen fallen. Als ich dann die 90 Meter auf der Anzeigetafel gesehen habe, war das ein unfassbares Gefühl. So etwas im letzten Versuch zu schaffen, ist schon etwas ganz Besonderes.

Was steht für Sie in dieser Saison noch an?

Julian Weber:
Wie vor dem Start der Saison muss ich vernünftig sein und meinem Körper die nötige Ruhe gönnen. Ich werde den Fokus auf das ISTAF und die Ultimate Championships legen.

Nick Thumm:
Genau, beim ISTAF werde ich auch noch starten. Darauf freue ich mich riesig. Dann ist diese tolle Saison für mich zu Ende.

Mehr:
Speerwurf-Krimi mit zwei DLV-Medaillen, 90-Meter-Rakete und Gold für Julian Weber

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