Die 400 Meter Hürden der Männer haben in diesem Sommer national wie international für viel Aufsehen gesorgt. Mitten drin: Emil Agyekum. Nach einer erfolgreichen Freiluft-Saison mit deutschem Rekord, EM-Silber und einem konstant hohen Leistungsniveau stellt er sich zum Abschluss noch einmal der absoluten Weltspitze. Und verstecken muss er sich bei den World Ultimate Championships keinesfalls.
Während sich die Sommersaison dem Ende neigt und eine Vielzahl von Athleten bereits die Off-Season genießt, ist Emil Agyekum (SCC Berlin) noch voll im Wettkampfmodus. Am Wochenende stellt er sich bei den World Athletics Ultimate Championships in Budapest (Ungarn) einem absoluten Spitzenfeld und will seine ohnehin sehr starke Saison mit einem weiteren Top-Resultat erfolgreich zum Abschluss bringen. Zu seiner Konkurrenz im Gyula-Zsivotzky-Stadion gehören unter anderem der neue Weltrekordler Alison dos Santos (Brasilien; 45,80 sec), Tokio-Olympiasieger und Ex-Weltrekordler Karsten Warholm (Norwegen; 46,52 sec) sowie Olympiasieger Rai Benjamin (USA; 46,67 sec).
Zudem reisen insgesamt 13 Starter mit Saisonbestzeiten unter 48 Sekunden an, zu denen auch U23-Europameister Owe Fischer-Breiholz (Königsteiner LV) gehört, mit dem Emil Agyekum gemeinsam am Bundesstützpunkt in Frankfurt am Main trainiert. Aus der Ruhe bringt ihn ein solch hochkarätiges Feld allerdings nicht. Schon im letzten Jahr hatte er sich die Teilnahme an dem neu eingeführten Wettkampfformat zum Ziel gesetzt und sagt selbstbewusst: „Ich habe mir meinen Platz da definitiv verdient. Ich gehöre zu einem der besten 400-Meter-Hürdenläufern der Welt und ich bin da, um meine Leistung zu zeigen. Ich brauche mich nicht verstecken.“ Und weiter: „Ich möchte das Beste aus mir rauszuholen und zeigen, was in mir steckt. Das ist für mich immer das Wichtigste, einfach mein Bestes zu geben. Mal schauen, was da noch drin ist. Ich freue mich schon sehr darauf.“
Wichtige Meilensteine erreicht
Ein Ansporn, den Einzug ins Finale zu schaffen, dürften für ihn nicht nur Rang acht der Meldeliste sein, sondern auch sein konstantes Leistungsniveau der vergangenen Wochen. Allein in fünf Rennen brachte er Zeiten unter 48 Sekunden ins Ziel, davon seinen deutschen Rekord (47,45 sec) sowie den Lauf zu EM-Silber in Birmingham (Großbritannien). In einem hochkarätigen Aufgebot verpasste er zuletzt eine Podiumsplatzierung im Finale der Diamond League nur um wenige Tausendstel und wurde Vierter. Zeit, all das Erreichte in dieser Saison zu verarbeiten, hatte der 27-Jährige allerdings noch nicht. „Das mit dem deutschen Rekord war schon echt krass. Da wurde mir relativ schnell klar, was für eine besondere Leistung das war. Aber danach ging alles wieder Schlag auf Schlag direkt weiter. Wirklich Zeit zum Reflektieren gab es auf jeden Fall noch nicht“, sagt der Deutsche Meister über die Langhürde.
Ausgehend von der Saison im letzten Jahr, in der Emil Agyekum über 400 Meter Hürden bereits die Nummer zwei in Europa war, verrät er: „Der deutsche Rekord und eine Medaille bei der EM, das war auf jeden Fall auf meiner Liste. Da ich den zweiten Platz jetzt auch super gehalten und verteidigt habe, kann ich sagen, dass es wirklich wie am Schnürchen gelaufen ist.“ An seinem Mindset geändert haben diese zwei Meilensteine – der Deutsche Rekord stammte zuvor aus dem Jahr 1982, die letzte deutsche EM-Medaille über 400 Meter Hürden gab es 1986 – für Emil Agyekum jedoch nichts. „Mir ist schon bewusst, dass es lange her ist, mein Fokus bleibt aber der gleiche. Ich habe noch viel vor, ich will noch schneller laufen. Diese Meilensteine jetzt erreicht zu haben, ist nur ein Schritt, um zu wissen, dass es in die richtige Richtung geht und dass ich den richtigen Weg gehe“, sagt er.
Step by Step an die Weltspitze
Reserven sieht er bei sich selbst vor allem noch zu Rennbeginn, wenn es darum geht, mehr Druck zur ersten Hürde aufzubauen – ohne jedoch den eigenen Rhythmus zu vernachlässigen, damit die erste Hürdenüberquerung gut gelingt. Mit der ersten Gegengerade ist er zufrieden und in der zweiten Kurve gilt es, seinen 13er-Rhythmus weiter zu festigen – diesen läuft er erst seit diesem Jahr bis zur achten Hürde durch, zuvor kam er nur bis zur sechsten Hürde, bevor er ihn wechseln musste. Die Zielgerade ist seine Stärke, vor allem wenn er noch einen Konkurrenten vor sich hat: „Wenn man jemanden jagt, dann schaltet das nochmal Kräfte frei, weil man dann ein Ziel hat, ihn irgendwie noch zu catchen und zu sehen, dass da noch was drin ist. Dann kann man die letzten Reserven aus sich ausholen.“ Zugleich sieht er auch hier noch Möglichkeiten, besser zu werden. „Auch da muss ich es noch hinbekommen, geschmeidiger über die Hürden zu kommen. Deshalb würde ich sagen, dass noch eine Menge zu tun ist und ich noch sehr viel Potenzial habe.“
Motivation, stetig an sich zu arbeiten und besser zu werden, zieht er zudem auch aus dem international steigenden Niveau über 400 Meter Hürden. „Ich denke, wenn ein Athlet den anderen zeigt, was möglich ist – so wie in den letzten Jahren etwa Karsten Warholm –, dann motiviert das auch jeden anderen Sportler in dieser Disziplin. Dadurch steigt dann das Niveau, weil das neue Limits und Grenzen setzt“, sagt der EM-Zweite. Entsprechend ordnet er für sich auch den Weltrekord von Alison dos Santos ein: „Das ist auf jeden Fall ein Ansporn, dass man so schnell laufen kann. Auch wenn ich das selbst nicht geglaubt hätte, zeigt es einfach nochmal, zu was der menschliche Körper imstande ist. Ich habe noch viel an mir zu arbeiten, um auf so ein Level zu kommen. Und ich gebe mein Bestes, um da hinzukommen. Ich habe weiterhin Spaß dabei, bleibe trotzdem fokussiert und mache mein Ding. Step by Step komme ich dann an die Weltspitze.“
Positives Mindset führt zum Erfolg
Was Emil Agyekum auf seinem Weg zugutekommt, ist seine Herangehensweise, sich den Gegebenheiten anzupassen und Bedingungen, die er nicht beeinflussen kann, anzunehmen. So läuft er zwar als großgewachsener Athlet gern auf der Außenbahn, weil dort die Hürde ein bisschen weiter hinten steht und er dadurch einen angenehmeren Kurvenradius hat, sagt aber zugleich: „Ich laufe einfach da, wo man mich hinstellt.“ Auch konzentriert er sich weniger auf eine konkrete Zeit, da ihn das nur limitieren würde. Beinah lachend sagt er: „Ich laufe einfach immer und dann schaue ich mir am Ende die Zeit an. Im Rennen selbst weiß ich nie, was rauskommt. In London zum Beispiel, als ich den deutschen Rekord gelaufen bin, da bin ich auch einfach gelaufen und habe nicht viel darüber nachgedacht. Zwar habe ich gesehen, dass Warholm vor mir und keiner direkt hinter mir war, was für eine gute Zeit spricht, aber dass es dann auch der deutsche Rekord geworden ist, habe ich im Rennen noch nicht gemerkt.“
Als insgesamt sehr positiv eingestellter Mensch hört der Berliner stark auf seine innere Stimme und sein Bauchgefühl, was ihm auch dabei hilft, teils schwierige Situationen zu lösen, ohne etwas zu erzwingen, sowie die perfekte Balance zwischen motivierender Anspannung und nötiger Ruhe zu finden. „Mir ist es wichtig, mich so zu regulieren, dass ich diese Spannung zulasse, ohne dagegen zu kämpfen, damit ich einfach im Fokus bin, damit ich in meiner Zone bin und den Wettkampf so gut wie möglich bewältigen kann“, sagt er. Doch auch nach einem Wettkampf behält er sein positives Mindset – wie etwa nach dem Diamond-League-Finale in Brüssel. „Meine eigenen Erwartungen waren natürlich höher. Aber ich bin als Siebter an den Start gegangen und dann Vierter geworden, das ist auf jeden Fall was Positives. Vierter Platz in meinem ersten Finale in der Diamond League, das ist nicht schlecht. Damit habe ich mich zumindest von der Platzierung her gesteigert, auch wenn ich gern das gezeigt hätte, was ich drauf habe. Am Ende waren alle ein bisschen über der jeweiligen Bestzeit. Das war auch viel den Bedingungen geschuldet“, sagt der Berliner.
Freundin als Inspiration und mentale Stütze
Dass Emil Agyekum in diesem Sommer nicht nur sein Leistungsniveau steigern konnte und sich auf der Bahn allgemein ein neues Level erarbeitet hat, führt er auf zwei entscheidende Faktoren zurück. Zum einen auf sein stimmiges Umfeld in Frankfurt, wo er in einer sehr leistungsorientierten Gruppe unter Christian Kupper trainiert, beste Rahmenbedingungen mit naheliegender Physiotherapie hat und für Reisen in Trainingslager und Wettkämpfe bestens angebunden ist. Und zum anderen auf die mentale Ebene, auf der er viel dazugelernt hat. Neben Einflüssen aus seinem Studium des „Life-Coachings“, in dem er sich unter anderem mit unterschiedlichen Denkweisen von anderen Menschen beschäftigt und sich somit auch in seiner eigenen Lebensphilosophie gefestigt fühlt, spielt dabei vor allem seine Freundin, die U20-Europameisterin und U20-WM-Dritte im Hammerwerfen Nova Kienast (Berlin Athletics), eine wichtige Rolle.
Nicht nur hat er sich von ihr vieles im Hinblick auf die Mentalität eines absoluten Wettkampftyps abgeschaut, immer nochmal alles aus sich rauszuholen und die letzten Prozente zu mobilisieren, auch sagt er: „Nova inspiriert mich auch sehr als Mensch. Dafür danke ich ihr sehr und bin glücklich, dass ich so einen tollen Menschen in meinem Leben habe und kennenlernen durfte.“ Darüber hinaus verrät er, dass er sein Leben dem Sport unterordnet und etwa auch viel auf verschiedene Maßnahmen wie Meditation, Atemübungen, Eisbaden und Qigong setzt, um seinen Körper fit zu halten und seinen Geist zu beruhigen.
Große Ziele für die Zukunft
Beides gilt auch für die kurze Pause, die er sich nach den World Athletics Ultimate Championships nehmen will, um den Sommer in Ruhe zu verarbeiten und neue Energie zu tanken. Am besten gelingt ihm das unter anderem in seiner Heimat, wenn er Zeit mit seiner Familie verbringt. Diese war es nicht nur in seiner Jugend, die ihn von seinem Talent für die Hürden überzeugen konnte, sondern steht ihm auch heute noch zur Seite und gibt ihm Support im Stadion. „Vor allem bei großen Höhepunkten sind meine Eltern ganz oft bei Wettkämpfen dabei. Das ist nochmal Motivation, wenn die da sind, weil ich dann immer das Bedürfnis habe, noch mehr oder vor allem auch etwas Großes zu erreichen. Das ist auch eine gewisse Energie, die sie mir geben“, sagt er.
Für seine langfristigen Ziele werden die Reiserouten für die Familie dann wahrscheinlich etwas länger werden – zumindest in den kommenden zwei Jahren. Denn sowohl die WM 2027 in Peking (China) als auch die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles (USA) stehen bei Emil Agyekum bereits fest im Wettkampfplan. Motivation geben ihm dafür nicht zuletzt auch die Erfolge der noch laufenden Saison: „Es ist natürlich sehr schön, wenn alles so klappt, wie man sich das vorgestellt hat. Das pusht einen auch und gibt auf jeden Fall Zuversicht für die Zukunft.“ Bevor er jedoch in die konkrete Wettkampfplanung für die nächsten Jahre geht, steht er am Wochenende in Budapest am Start und sagt: „Jetzt habe ich erst einmal den Fokus darauf, diese Saison alles zu geben und sie erfolgreich zu beenden. Danach gönne ich mir eine kleine Pause und schaue, wie ich meine Ziele für die nächsten Jahre umsetzen kann, um wieder alles rauszuholen, was geht.“