Endspurt im Lohrheidestadion: Am dritten Tag der Deutschen U16- und U20-Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid werden die letzten Medaillen vergeben. Hier lesen Sie, welche Athletinnen und Athleten sich am Sonntag bei den Entscheidungen um Titel und U20-WM-Tickets durchgesetzt haben.
| WEIBLICHE U20 |
Auffällig war bei Daryl Ndasi (Munich Athletics) nicht nur die Spitzenzeit aus dem Halbfinale über 100 Meter Hürden, sondern auch ihre Frisur. Mit bunter Perücke erinnerte der Style ein wenig an die jamaikanische Sprinterin Shelly-Ann Fraser-Pryce – und scheint der richtige Glücksbringer gewesen zu sein. Denn nachdem die 13,08 Sekunden aus dem Halbfinale aufgrund von zu viel Rückenwind (+2,2 /sec) nicht rekordlistenfähig gewesen waren, passten die Bedingungen im Finale wieder und die Münchnerin konnte sich nicht nur über Gold, sondern auch über eine neue Bestzeit freuen. In 13,11 Sekunden lief sie mit beachtlichem Vorsprung zum Feld als Erste über die Ziellinie und jubelte ausgelassen über ihren deutschen Meistertitel sowie das sichere Ticket für die U20-WM in Eugene.
Begleiten wird sie auf der Reise zum internationalen Höhepunkt in den USA Shira Kurzawa (LAC Erdgas Chemnitz), die als eine von vier Athletinnen mit der Norm ausgestattet war und Silber gewann. Mit persönlicher Bestzeit auf Rang drei nickte die Siebenkämpferin Maria Schnemilich (1. LAV Rostock; 13,70 sec) ein. Auch sie wird mit nach Eugene fliegen – an den Start geht sie dann allerdings wieder im Mehrkampf. Früh geplatzt ist der WM-Traum hingegen für Mitfavoritin Amalia Pannach (Dresdner SC 1898), die im Finale zu Sturz kam.
„Das Halbfinale hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben. Ich wusste, dass ich eine schnelle Zeit drin habe und das einfach nur auf die Bahn bringen muss. Die Umstellung auf die hohen Hürden ist richtig gut gelungen. Bei der WM möchte ich – wie heute auch – wieder mein eigenes Ding machen und schauen, dass ich eine perfekte Zeit auf die Bahn bringe. Passend zur blauen Bahn hier in Bochum-Wattenscheid habe ich mich heute für hellblaue Haare entschieden, weil das gut matcht und ich das voll schön finde", sagte die Siegerin Daryl Ndasi.
Anna Hiesinger fliegt zur Bestleistung
23 Stabhochspringerinnen nahmen am Sonntagvormittag Anlauf. Die Größe des Feldes sorgte dafür, dass der Wettkampf parallel auf zwei Anlagen in unterschiedlichen Gruppen ausgetragen wurde. So zog sich der Wettkampf auch lange hin, bis bei der Vier-Meter-Marke noch sieben Athletinnen Anlauf nahmen. Drei von ihnen mussten bei dieser Höhe die Segel streichen, darunter mit Naya Füllers (TSV Bayer 04 Leverkusen) auch eine U20-WM-Norm-Erfüllerin. Mit übersprungenen vier Metern verabschiedeten sich die U18-Athletinnen Eva Marie Weisbrodt (MTG Mannheim) und Josefin Fischer (SC Potsdam) aus dem Wettkampf. Für die Mannheimerin gab es dank weniger Fehlversuche die Bronzemedaille – eine gute Generalprobe für die U18-EM in Rieti (Italien) in der kommenden Woche.
Den Sieg machten Anna Hiesinger (LAZ Ludwigsburg) und Lotte Gretzler (USC Mainz) unter sich aus. Beide meisterten 4,10 Meter im zweiten und 4,15 Meter im dritten Anlauf. Anna Hiesinger schwang sich dann auch noch über 4,20 Meter und stellte damit ihre Bestleistung aus der Hallensaison 2024 ein. Nach zwei Knie-Operationen hat die 18-Jährige, die am vergangenen Wochenende im Lohrheidestadion als Deutsche U23-Meisterin die U20-WM-Norm abgehakt hatte, nun zurück zu alter Stärke gefunden.
„Das hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben“, resümierte sie anschließend. „Nachdem ich ein Jahr raus war, bin ich mega zufrieden. Ich traue mir auch Höhen von 4,30 oder 4,40 Metern zu.“ Die Ludwigsburgerin, die bereits vor zwei Jahren bei der U20-WM dabei war, hat sich für Eugene den Finaleinzug vorgenommen. „Ich freue mich vor allem auf das Stadion und die Atmosphäre.“
Überraschungssieg im Speerwerfen
Als sogenannter Underdog in der Speerwurf-Konkurrenz nach Bochum-Wattenscheid angereist, überraschte Martha Seidel (1. LAV Rostock) direkt im ersten Versuch. Stand ihre Bestweite bislang bei 42,45 Meter, sollte der Speer im Lohrheidestadion mehr als drei Meter weiter fliegen: 45,82 Meter wurden für sie gemessen. Und dass dies kein einmaliger Ausrutscher war, zeigte etwa auch ihr letzter Wurf, bei dem sie ihr Arbeitsgerät noch einmal auf 45,47 Meter brachte. Beide Weiten hätten für den Titel gereicht. Die deutsche Jahresbeste ihrer Altersklasse ließ hingegen einige Meter liegen und konnte nicht an die im Mai geworfenen 49,74 Meter anknüpfen. So wurde es für Lena Benne (LC Jena; 45,55 m) am Sonntag Silber, Bronze ging an Savanna-Sara Wölfer (TK zu Hannover; 44,78 m).
| Männliche U20 |
Fachlich richtig formuliert heißt es Hürdensprint, doch was Marc Leonard Hildebrand (Dresdner SC 1898) am Sonntag im Lohrheidestadion gezeigt hat, erinnerte eher an Fliegen. Mit einer exzellenten Technik überwand er die knapp ein Meter hohen Hürden so geschmeidig und rasant wie kaum ein anderer Athlet. Bereits im Halbfinale setzte er mehr als ein Ausrufezeichen und verbesserte den deutschen U20-Rekord über 110 Meter Hürden von Gregor Traber (13,31 sec) aus dem Jahr 2011 mal eben auf starke 13,29 Sekunden. Für große Jubelstürme war es angesichts des bevorstehenden Finallaufes allerdings noch zu früh.
Umso ausgelassener konnte er sich dann nach dem Medaillenrennen freuen. Nach einem guten Start schien er Meter um Meter besser in das Rennen zu finden und stetig das Tempo zu erhöhen, ab der Hälfte der Strecke zog er der Konkurrenz dann auf und davon. Und dann kam der große Moment: Der Blick auf die Anzeigetafel. Mit 13,22 Sekunden konnte sich der 18-Jährige, der sogar noch ein U20-Jahr vor sich hat, nochmals steigern. Mit dem deutschen Meistertitel, dem deutschen U20-Rekord und einer großen Portion Selbstvertrauen geht es für den Dresdner nun zur U20-WM nach Eugene.
Freudentränen nach dem Halbfinale
„Ich weiß noch gar nicht, was ich dazu sagen soll“, fehlten Marc Leonard Hildebrand unmittelbar nach seinem Hürden-Coup noch die Worte. Und weiter: „Die Saison war schwierig. Letzte Saison war ich verletzt und auch dieses Jahr hatte ich ein Knochenödem im Schienenbein, mit dem ich kämpfen musste. Aber wir haben das super hinbekommen, das über die Saison zu kompensieren. Nach Mannheim habe ich noch mal super trainieren können und dass es heute so gut klappt, das ist einfach nur unglaublich. Schon nach dem Halbfinale sind mir ein bisschen die Tränen gekommen, aber ich habe mich wieder runter gefahren und meinen Rhythmus gemacht, wie zwischen jedem Lauf. Das Ziel vor der Saison war die WM. Dass ich allerdings in solche Zeitbereiche laufen kann, das haben wir nicht kommen sehen, das planst du nicht.“
Für Vorjahressieger Arne Döring (LAC Erdgas Chemnitz; 13,86 sec) gab es in Saisonbestzeit Silber sowie ebenfalls das Ticket in die USA. Über Platz drei sowie eine neue „PB“ durfte sich Daniel Hehn (USC Mainz; 13,88 sec) freuen, der ebenfalls unter der U20-WM-Norm von 13,90 Sekunden blieb. Jedoch stehen pro Nation und Disziplin nur zwei Startplätze zur Verfügung.