| EM 2026

Birmingham Tag 6 | 18-Meter-Show, drei deutsche Medaillen und ein phänomenaler Julian Weber

© Gladys Chai von der Laage
Mit einem 90-Meter-Konter hat Speerwerfer Julian Weber einem stimmungsvollen Abend im Alexander Stadium von Birmingham das i-Tüpfelchen aufgesetzt. Bei den Europameisterschaften sorgte er am Samstag für eine von drei deutschen Medaillen. Dominante Vorstellungen gab es mit einem 18-Meter-Satz im Dreisprung der Männer, einem Sturmlauf über 400 Meter der Frauen sowie einem Solo über 10.000 Meter der Männer zu bewundern.
Redaktion

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Es lag Hochspannung in der Luft, als Julian Weber (USC Mainz) im Speerwurf-Finale der EM von Birmingham (Großbritannien) für seinen sechsten und letzten Versuch Anlauf nahm. Denn ausgerechnet der zehn Jahre jüngerer Stuttgarter Nick Thumm hatte ihn zuvor von der Spitzenposition verdrängt. Dann aber bewies der Mainzer seine Extraklasse und machte mit einem Wurf auf 90,60 Meter seinen zweiten EM-Titel, einen neuen Meisterschaftsrekord und den deutschen Doppelsieg perfekt. Für Nick Thumm endete die EM-Premiere überraschend als Vize-Europameister, Bronze ging an den Letten Patriks Gailums (82,97 m). Mehr dazu lesen Sie hier.

Ihre Medaillen konnten die deutschen Speerwerfer am Samstagabend mit den deutschen Sprintern feiern, denn alle marschierten sie nach ihren Wettbewerben gemeinsam durch die Mixed Zone. Kevin Kranz (Sprintteam Wetzlar), Marvin Schulte (ASV Köln), Heiko Gussmann (Sprintteam Wetzlar) und Lucas Ansah-Peprah (Hamburger SV) absolvierten ein ebenso souveränes wie schnelles Rennen über 4x100 Meter und mussten nur die Briten (38,45 sec) ziehen lassen. In 38,64 Sekunden machte Schlussläufer Ansah-Peprah vor Belgien (38,70 sec) die Silbermedaille perfekt. Zwei Jahre zuvor hatte es für die DLV-Sprinter noch EM-Bronze gegeben. In der 4x100 Meter Staffel der Frauen stürmten anschließend ebenfalls die Britinnen vorneweg und machten in 42,05 Sekunden mit großem Vorsprung die EM-Goldmedaille klar. Die deutsche Frauen-Staffel war nach einem verpassten letzten Wechsel im Vorlauf nicht im Finale dabei. Mehr dazu lesen Sie hier...

Überraschungs-Coup über 1.500 Meter

Der neue Europameister über 1.500 Meter heißt Stefan Nillesen – und damit hatten angesichts eines hochklassigen Feldes und Platz 14 auf der Meldeliste wohl die Wenigsten gerechnet. Auch der Deutsche Rekordler Robert Farken (SG Motor Gohlis Nord Leipzig) hatte sich Medaillenchancen ausgerechnet, konnte aber auf der Zielgeraden nicht ganz vorne mitspurten. In 3:39,43 Minuten gab's für ihn Platz neun. Mit Weltmeister Issac Nader (Portugal), Ex-Weltmeister Jake Wightman (Großbritannien; 3:37,18 min) oder Norwegens Laufhoffnung Narve Gilje Nordås (3:37,31 min) auf den Plätzen zwölf, sechs und sieben war er im Kreise derjenigen, die sich mehr erhofft hatten, in bester Gesellschaft. Auf den letzten 200 Metern sprintete noch ein Pulk um die Medaillen, hervor stach der unwiderstehliche Schlussspurt des Niederländers Stefan Nillessen (3:35,70 min). Nach zwei EM-Titeln in der U23 konnte der 23-Jährige sich nun auch in der Männerkonkurrenz behaupten. Mehr dazu lesen Sie hier.

Ähnlich schnelle Beine hatte auf der Zielgeraden über 400 Meter der Frauen die Norwegerin Henriette Jaeger. Die 23-Jährige legte auf den letzten 100 Metern noch eine ganze Sekunde zwischen sich und die weitere Konkurrenz um Natalia Bukowiecka (Polen; 50,04 sec) und Lieke Klaver (50,15 sec). In 49,04 Sekunden stellte sie einen neuen Landeskord auf und durfte sich nach dem Sieg mit Norwegens Mixed-Staffel schon zum zweiten Mail bei diesen Europameisterschaften die Goldmedaille umhängen lassen. Deutsche Athletinnen waren nicht am Start.

Im Hochsprung der Frauen setzte Yaroslava Mahuchikh (Ukraine) ihre eindrucksvolle Titelsammlung fort: 1,97 Meter reichten der 24 Jahre jungen Weltrekordlerin für die dritte EM-Goldmedaille in Folge. Nach dem Olympiasieg 2024, drei WM-Titeln in der Halle und im Freien sowie drei Goldmedaillen bei Hallen-Europameisterschaften war es für Yaroslava Mahuchikh bereits der zehnte große Titel. Silber und Bronze gingen mit 1,95 Meter weg, und zwar an Maria Zodzik (Polen) und Marija Vukovic (Montenegro). Bei dieser Höhe nahm auch Christina Honsel (TV Wattenscheid 01) noch Anlauf, allerdings vergeblich. Nachdem sie 1,92 Meter im ersten Versuch überwunden hatte, wurde sie Vierte. Mehr dazu lesen Sie hier.

18-Meter-Show von Andy Diáz Hernández

Einen Wettkampf auf Weltklasse-Niveau erlebten die Zuschauer im vollbesetzten Alexander Stadium im Dreisprung der Männer. Schon im zweiten Versuch war die magische 18-Meter-Marke fällig: Andy Díaz Hernández (Italien) landete erst bei 18,15 Metern – Weltjahresbestleistung und Landesrekord. Damit schob er sich am zweimaligen Weltmeister und Olympiasieger von 2021 Pedro Pablo Pichardo (Portugal) vorbei, der mit 17,76 Metern vorgelegt hatte. Weiter ging es für beide Ausnahmekönner nicht hinaus. Mit 17,78 Metern konnte der Italiener seine Dominanz aber noch einmal untermauern. Er feierte nach drei Goldmedaillen bei Hallen-Welt- und Europameisterschaften seinen ersten Freiluft-Titel. Auch Bronze ging an Italien, und zwar an Andrea Dallavalle (17,37 m).

Mit einer kuriosen ersten Runde begann das Finale über 10.000 Meter der Männer: Die Athleten überboten sich in Stehversuchen, erst nach 85 Sekunden waren die ersten 400 Meter absolviert. Dann erbarmte sich der Niederländer Mike Foppen und schaltete einen Gang nach oben, anschließend sorgte der Schwede Andreas Almgren dafür, dass sich eine Spitzengruppe mit den drei weiteren Medaillenkandidaten Yemaneberhan Crippa (Italien), Jimmy Gressier (Frankreich) und Dominic Lobalu (Schweiz) absetzen konnte. Als erster Läufer musste Mark Foppen abreißen lassen, dann fielen auch Titelverteidiger Crippa und Gressier zurück. Nach  2.500 Metern rannte Andreas Almgren einsam an der Spitze seinem ersten internationalen Titel entgegen: EM-Gold mit Meisterschaftsrekord von 27:23,44 Minuten mit fast 20 Sekunden Vorsprung! Silber ging an Dominic Lobalu (27:42,67 min), im Duell um Bronze sprintete Jimmy Gressier (28:07,90 min) Yemaneberhan Crippa (28:08,56 min) davon. Deutsche Läufer waren nicht am Start.

Kate O'Connor ist "Königin der Athletinnen"

Nach zwei intensiven Wettkampftagen fiel am Samstag auch die Entscheidung im Siebenkampf. Und zwar in der letzten Disziplin: 51 Zähler trennten die beiden Führenden Kate O'Connor (Irland) und Emma Oosterwegel (Niederlande) vor den abschließenden 800 Metern. Die Niederländerin versuchte ihr Glück von der Spitze weg und holte sich in 2:10,87 Minuten auch den Disziplinsieg. Die Irin blieb jedoch an ihren Fersen und machte nach 2:11,74 Minuten den größten Erfolg ihrer Karriere perfekt. Nach dem Sieg bei den Commonwealth Games Ende Juli krönte sich die 25-Jährige mit Landesrekord von 6.751 Punkten zur Europameisterin. Zwei Bestleistungen und Silber und Bronze gab's dahinter für die Niederländerinnen Emma Oosterwegel (6.713 pt) und Sofie Dokter (6.664 pt).

Beide trainieren in den Niederlanden gemeinsam mit der besten deutschen Siebenkämperin Sophie Weißenberg (TSV Bayer 04 Leverkusen), die für die Trainingsgruppe die dritte Bestleistung beisteuerte. Zwei Jahre nach ihrem Achillessehnen-Riss bei den Olympischen Spielen in Paris (Frankreich) konnte sie die Rückkehr in die internationale Spitze feiern, auch wenn nach fünf starken Disziplinen im Speerwurf (44,34 m) und besonders über 800 Meter (2:21,22 min) ein wenig die Kräfte ausgingen. Mit 6.496 Punkten wurde sie in Birmingham Fünfte. Die beiden weiteren deutschen Siebenkämpferinnen Vanessa Grimm (Königsteiner LV; 6.119 pt) und Sandrina Sprengel (VfB Stuttgart; 6.057 pt) kämpften sich durch zwei Tage mit mehr Tiefen als Höhen. Sie belegten in der Endabrechnung Platz 14 und 15. Mehr dazu lesen Sie hier.

Premieren in den Geh-Entscheidungen

Die ersten Medaillen des Tages waren schon am Vormittag in den Geh-Wettbewerben vergeben worden. Und das in einem für alle ungewohnten Set-up. Auf einem Ein-Kilometer-Rundkurs in Birminghams Innenstadt fiel zeitgleich der Startschuss für vier Entscheidungen: über die Halbmarathon- und die Marathon-Strecke der Männer und der Frauen. Auf enger, hügeliger Strecke mit zahlreichen Kurven stellten die großen Teilnehmerfelder eine zusätzliche Herausforderung dar, bis sich nach dem Halbmarathon die Reihen lichteten.

Für das beste deutsche Resultat sorgte einmal mehr Christopher Linke (Eintracht Frankfurt), der sich im Marathon trotz Fersenproblemen in 3:02:58 Stunden auf Rang acht ins Ziel kämpfte. Seine Zeit auf dieser für die Geher neuen Strecke liegt deutlich unter dem Referenzwert, der zur Ratifizierung eines deutschen Rekords vorausgesetzt wird. So dürfte sich der 37-Jährige auch über diese Distanz in die deutschen Rekordlisten eintragen. Johannes Frenzl (SC Potsdam; 3:09:12 h) wurde 15. In der Entscheidung der Frauen konnte die 21 Jahre junge Ada Junghannß (Erfurter LAC; 3:40:37 h) als Neunte einen Achtungserfolg feiern, Bianca Maria Dittrich (Spiridon Frankfurt) kam nicht ins Ziel. Die Goldmedaillen gingen beide nach Italien, an Massimo Stano (2:56:49 h) und Sofia Fiorini (3:15:11 h). Mehr dazu lesen Sie hier...

Der Halbmarathon wurde aus deutscher Sicht zu einem Wechselbad der Gefühle: Leo Köpp (LG Nord Berlin), EM-Achter von Rom (Italien) 2024, ging aussichtsreich in der Spitzengruppe mit und belegte dabei lange einen der Medaillenplätze. Nach etwa zwei Drittel der Strecke war der Wettbewerb für ihn jedoch jäh beendet: Fehlende Kniestreckung lautete das Urteil der Gehrichter, die ihn nach vier Verwarnungen disqualifizierten. Der zweite deutsche Geher im Feld Frederick Weigel (OSC Potsdam; 1:30:04 h) wurde 18. Auf dieser ebenfalls neuen Strecke für die Geher gingen zwei Spanier ganz oben aufs Podest: Bei den Männern setzte sich Paul McGrath (1:23:23 h) durch, bei den Frauen María Pérez (1:20:06 h). Eine deutsche Geherin war nicht am Start. Mehr dazu lesen Sie hier...

Wie die DLV-Athletinnen und -Athleten am Samstag in den Vorrunden abgeschnitten haben, lesen Sie hier...

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