| Interview

Kathrin Klaas: „Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen“

Der deutsche Hammerwerfer Merlin Hummel macht ein Selfie zusammen mit seiner Trainierin Kathrin Klaas. © Torben Flatemersch
Kathrin Klaas war selbst Weltklasse-Hammerwerferin, heute betreut die 42-Jährige als Trainerin am Bundesstützpunkt Frankfurt am Main unter anderem den WM-Zweiten Merlin Hummel und die Deutsche Meisterin Aileen Kuhn. Anlässlich des „Thanks Coach Day“ am heutigen Freitag (25. September) spricht die ehemalige Olympia-Vierte über lange Arbeitstage, ihren eher zufälligen Weg ins Coaching, prägende Trainer und die Momente, in denen man als Trainer auf der Tribüne nichts mehr tun kann.
Martin Neumann

Kathrin Klaas, am heutigen 25. September ist „Thanks Coach Day“. Wann haben Sie zuletzt „Danke“ gesagt?

Kathrin Klaas:
Wenn man die alltäglichen „Bitte-Danke-Situationen“ ausklammert, habe ich mich gerade erst aus vollem Herzen bei unserem Physiotherapeuten Norbert Müller bedankt. Er hat uns in unserem letzten Trainingslager vor den World Ultimate Championships in Budapest betreut und stand den Athletinnen und Athleten das ganze Jahr über mit Rat und Tat zur Seite. Norbert hat sein Herz an den Sport verloren.

Und wann haben Ihre Athletinnen und Athleten zuletzt „Danke“ zu Ihnen gesagt?

Kathrin Klaas:
Das haben sie zuletzt in verschiedenen Interviews getan, aber auch persönlich. Das ist eine schöne Truppe, und ich spüre eine Wertschätzung dessen, was ich tagtäglich investiere.

Sie betreuen „nebenberuflich“ die aktuell zwei besten deutschen Hammerwerfer, Merlin Hummel und Aileen Kuhn. Hauptberuflich sind Sie Polizistin. Wie bekommen Sie beides unter einen Hut?

Kathrin Klaas:
Ich arbeite aktuell in Frankfurt in einem Projekt und habe das große Glück, dass mein Polizeipräsident Stefan Müller als ehemaliger Turner ein Herz für Sportarten hat, in denen man viel tun muss. Auch mein Vorgesetzter begleitet das wohlwollend und räumt mir viele Freiräume ein. Bei beiden möchte ich mich herzlich bedanken. Trotzdem sage ich oft: „Ich habe sonst keine Freunde und keine Familie.“ Um 7:15 Uhr gehe ich aus dem Haus, um 20:30 Uhr bin ich daheim. Dann habe ich weder eingekauft noch gekocht. Es geht gerade noch, aber es ist fordernd. Man muss das schon wollen.

Dann müssen Beruf und Training sehr gut abgestimmt sein …

Kathrin Klaas:
… das ist auch so dank meiner tollen Gruppe. Wenn ich aus dem Büro zum Training komme, sind alle aufgewärmt, die Netze hochgezogen, der Ring gekehrt. Und auch das Maßband liegt bereit. Egal wie alt: Jeder bereitet sich selbst vor und schaut, dass alles funktioniert. Dann können wir direkt loslegen. Die Rädchen müssen ineinandergreifen, das wissen alle.

„Ich hatte immer großen Respekt vor dem Trainerberuf“

Sie waren WM-Vierte 2009 und Olympia-Vierte 2012. Ihre Karriere haben Sie nach der EM 2018 in Berlin beendet. War Ihnen damals schon klar, dass Sie einmal Trainerin werden würden?

Kathrin Klaas:
Niemals (lacht). Ich hatte immer großen Respekt vor diesem Beruf, dachte aber, ich sei zu ungeduldig dafür. Eher konnte ich mir eine Funktionärsrolle vorstellen. Durch einen Zufall bin ich dann ins Coaching gekommen und habe mein Herz wieder an diesen Sport verloren. Aktuell mache ich meine A-Trainer-Lizenz und kann mir gut vorstellen, den Job noch ein paar Jahre zu machen.

Erzählen Sie doch bitte mehr von diesem Zufall.

Kathrin Klaas:
Ende 2021 stand in Frankfurt mit Lucie Holzapfel eine Hammerwerferin plötzlich ohne Trainer da, obwohl noch Hessische Meisterschaften anstanden. Der Hessische Leichtathletik-Verband fragte mich, ob ich sie betreuen könnte. Das habe ich bereitwillig gemacht, weil ich mir in so einer Situation auch Hilfe gewünscht hätte. Nach diesem Prinzip richte ich bis heute alles aus. Sie war wissbegierig und wollte das professionell angehen. Also haben wir gesagt: 2022 probieren wir es einfach weiter. Schnell kamen ein, zwei Athletinnen dazu. Parallel habe ich recherchiert, mit ehemaligen Hammerwurf-Kolleginnen und -Kollegen gesprochen, in andere Trainingssysteme geschaut und so mein eigenes System aufgebaut.

Wie ging es dann weiter?

Kathrin Klaas:
Ende 2024 kam Aileen Kuhn nach Frankfurt, weil ihre Trainerin Stuttgart verlassen hatte. Im Herbst 2025 folgte mit Curly Brown ein großes Diskuswurf-Talent, wodurch für mich auch eine zweite Disziplin dazukam. Wenige Wochen später kamen dann Merlin und Matti Hummel nach Frankfurt. Mit Larissa Rollberg ist außerdem eine weitere Athletin aus der ersten Stunde dabei. Und jetzt sind wir da, wo wir sind: Zur Trainingsgruppe zählen fünf Athletinnen und Athleten. Dazu kommt regelmäßig ein Trio aus dem hessischen Landeskader. Mit dem neuen HLV-Kader für 2027 werden noch weitere Athletinnen und Athleten dazustoßen, die dann auch regelmäßig am Bundesstützpunkt trainieren.

Hilft es Ihnen als Trainerin, die Athletenseite zu kennen?

Kathrin Klaas:
Ich kenne es nicht anders, empfinde es aber als großen Vorteil. Das ist keine Blaupause, doch ich kann vieles besser einordnen, sei es ein Gefühl bei einer Bewegung oder etwas Organisatorisches wie: „Ich habe kein Auto, die Bahn fährt später und muss heute später anfangen.“ Das kann ich komplett nachvollziehen und versuche, es im Sinne der Leistung möglich zu machen. Genauso bei Ernährung oder bei Kontakten zu Physiotherapeuten und Sportärzten. Und bei der Technik weiß ich, wo wir den Fokus setzen müssen, weil ich selbst ein Problem hatte oder es von anderen kenne.

„Manches Wissen kann ich erst heute einordnen“

Welche Trainer haben Sie damals als Athletin geprägt?

Kathrin Klaas:
An viele denke ich mit einem Lächeln zurück. Manches Wissen, das mir nebenbei mitgegeben wurde, kann ich erst heute richtig einordnen und umsetzen. Manches ist auch ein Negativbeispiel, aus dem man lernt: So möchte ich das nicht machen. Bei Michael Deyhle war ich noch jung und war noch nicht so interessiert daran, warum wir etwas trainieren. Später war genau das mein Punkt. Helge Zöllkau hat mein Nachfragen nie als Hinterfragen begriffen, sondern viel mit mir geteilt, gerade in der Trainingsplanung: Warum machen wir das? Wie gehen wir vor? Was ist das Ziel? Das gebe ich heute weiter. Ich rede sehr viel, was für meine Athletinnen und Athleten manchmal irritierend ist. Aber ich möchte, dass sie wissen, warum sie die Dinge machen. Viel übernommen habe ich außerdem aus Kanada, dem aktuellen Maß der Dinge im Hammerwurf. Dort hat der ausgewanderte ukrainische Trainer Anatoliy Bondarchuk eine Hammerwurf-Schule begründet, die ihresgleichen sucht. Dieses System erforsche ich weiter und lerne jeden Tag dazu.

Wie hat sich die Trainerarbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Kathrin Klaas:
Durch Internet und Social Media haben viele Zugang zu Informationen, und es wird viel mehr preisgegeben. Wissen wurde sozusagen demokratisiert. Früher saß man eher auf seinem Wissensschatz. Heute gibt es viel mehr internationale Kooperation, in Trainingsgruppen, bei Wettkämpfen und in Trainingslagern. Das empfinde ich als Bereicherung, denn am Ende haben alle das gleiche Ziel. Ein Ass im Ärmel zu behalten, schadet aber trotzdem nicht (lacht). Auch am Bundesstützpunkt Frankfurt schätze ich den Austausch sehr, etwa mit Philipp Schlesinger aus dem Mehrkampf oder mit Langhürden-Trainer Christian Kupper. Man sieht, dass manche Probleme überall gleich sind, es aber unterschiedliche Lösungen gibt.

Ihre Athletinnen und Athleten sind ganz unterschiedliche Typen. Wie wirkt sich das auf die Kommunikation aus?

Kathrin Klaas:
Ich behandle sie individuell. Bei manchen kann ich mehr Informationen platzieren, bei anderen muss ich sie präziser auswählen. Im Diskuswurf lerne ich selbst noch viel, da ist es eher ein Austausch. Das ist eine wilde, aber gesunde Mischung.

„Zuzusehen und nichts mehr tun zu können, ist nicht auszuhalten“

Wie gehen Sie mit Rückschlägen bei Ihren Athletinnen und Athleten um? Das können Verletzungen sein oder Weiten, die nicht dem Leistungsniveau entsprechen.

Kathrin Klaas:
Mein großes Prinzip lautet: Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen. Was im Ring passiert, verantworten Athletin oder Athlet und ich gemeinsam. Zu Aileen Kuhn habe ich nach dem nicht optimalen EM-Finale in Birmingham gesagt: „Das war schwierig, du hast gekämpft, man hat es gesehen. Jetzt analysieren wir, bereiten uns vor und kommen zurück.“ Auch im Training hat jeder mal einen schlechten Tag, weil noch drei Termine waren oder die Bahn zu spät kam. Das ist kein Beinbruch, solange es nicht einreißt. Dann suche ich das Vier-Augen-Gespräch und frage: „Ich sehe da ein Problem, wie können wir es gemeinsam lösen?“ Ich versuche, das auf Augenhöhe zu machen, ohne den Athletinnen und Athleten die Verantwortung für ihre Vorbereitung und Professionalisierung abzunehmen. Mein eigenes Engagement richte ich immer daran aus, was ich auf der anderen Seite sehe.

Was war der bisher schönste Moment Ihrer Trainerkarriere?

Kathrin Klaas:
Es gibt mehrere. Einer ist aus dem Jahr 2025, es war der schönste und zugleich der schwerste. Als Heimtrainerin von Aileen Kuhn war ich als Zuschauerin bei der U23-EM in Bergen im Stadion, als sie den besten Wurf ihrer Karriere hingelegt hat und Europameisterin wurde. So weit weg und doch dabei zu sein, war merkwürdig. Danach habe ich mich bei Helge Zöllkau für das entschuldigt, was ich ihm über die Jahre als Athletin angetan habe. Zuzusehen und nichts mehr tun zu können, ist nicht auszuhalten. Dann natürlich Birmingham in diesem Jahr: Nach der Qualifikation von Merlin Hummel begann das Finale verhalten, weil noch niemand so recht wusste, wie man mit dem Riesenwurf des Ungarn Bence Halász umgehen sollte. Merlin meldete mir zwischen den Versuchen verschiedene Probleme zurück. Dass wir eine gemeinsame Sprache fanden, es bei ihm klickte und er unser Vorgehen umsetzen konnte, war für mich fast noch größer als die Silbermedaille selbst.

Fehlt in der Aufzählung nicht noch der Sieg von Merlin Hummel bei den World Ultimate Championships in Budapest?

Kathrin Klaas:
Das stimmt. Im Vorfeld hatten wir mit Unterstützung des DLV und von Eintracht Frankfurt und dem OSP Hessen ein sensationelles Trainingslager im Schwarzwald. Unsicher waren wir nur, wie es im abgedunkelten, speziell ausgeleuchteten Stadion sein würde. Im Ring sorgten dann Erde, Schmutz und Farbe vom Rasen zusammen mit der Feuchtigkeit vom Regen für Probleme. Allerdings waren damit andere Werfer mehr beschäftigt als Merlin. Ich war sehr stolz, dass er seine Form zeigen konnte, wenn auch noch nicht im vorbereiteten Ausmaß. Das gibt uns Sicherheit für die kommenden Jahre.

Zum Abschluss: Was macht die Trainerin Katrin Klaas in fünf bis zehn Jahren?

Kathrin Klaas:
Ich würde gern wieder Teil des Olympiateams sein und meine Athletinnen und Athleten zu Olympischen Spielen führen. Das Potenzial dazu haben alle, die aktuell da sind. Und ich würde meine Arbeit gern fortführen, in einem Umfang, der sich auch steigern lässt.

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