| Neue Meisterin

Jolina Ernst – Nächster Karriereschritt, weitere sollen folgen

© Theo Kiefner
Bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid im vergangenen Sommer haben neun Athletinnen und Athleten ihren ersten nationalen Titel in der Aktivenklasse gewonnen. Die meisten von ihnen stehen am Anfang ihrer Karriere, andere feierten den Erfolg nach schwierigen sportlichen Zeiten. Wir stellen alle vor, heute Sprinterin Jolina Ernst (TV Wattenscheid 01).
Jan-Henner Reitze

Jolina Ernst
TV Wattenscheid 01

Bestleistungen:

100 Meter: 11,26 sec (2026)
200 Meter: 23,11 sec (2026)

Erfolge:

Bronze World University Games 2025 (Staffel)
Bronze U23-EM 2025 (Staffel)
5. U23-EM 2025
Deutsche Meisterin 2026

Im Alter von 22 Jahren der erste deutsche Meistertitel über 100 Meter, die erste EM-Teilnahme in der Frauenklasse und eine neue Bestzeit. Das klingt nach einem erfolgreichen Sommer, zumal Jolina Ernst bis vor vier Jahren noch gar nicht ernsthaft an eine Sprintkarriere im Leistungssport gedacht hat. Inzwischen ist sie Teil der aufstrebenden Generation im DLV-Frauensprint, die zu den prägenden Figuren der vergangenen Jahre aufschließt.

Die Athletin vom TV Wattenscheid 01 spricht trotz ihrer Erfolge von einer „holprigen“ Saison, denn wegen zwischenzeitlicher gesundheitlicher Probleme konnte sie im Training nicht immer alle Einheiten voll durchziehen und zweifelte zwischenzeitlich an ihrer Form. Auch mit der erfolgreichen Titelverteidigung bei der U23-DM klappte es nicht und im Vorfeld der DM in der Aktivenklasse stellte die spätere Siegerin sogar in Frage, überhaupt an den Start gehen zu können.

Ihre selbstkritische Einschätzung zeigt auch, dass Ehrgeiz und Leidenschaft bei der Deutschen Meisterin inzwischen komplett entfacht sind und sie weiß, dass noch mehr in ihr steckt. Um den nächsten Impuls zu setzen und täglich mit einer Trainingspartnerin auf Augenhöhe an weiteren Fortschritten arbeiten zu können, nimmt die Studentin den Aufbau für das kommende Jahr in einem neuen sportlichen Umfeld in Angriff. Bei David Corell in Frankfurt sollen die Weichen in Richtung Olympia 2028 und darüber hinaus gestellt werden.

Bis in die U20-Zeit ist der Sport ein Hobby

„Meine Mama ist ein Promi.“ Mit diesem Satz versuchte Jolina Ernst in ihrer Kindheit, Gleichaltrige zu beeindrucken, was nur bedingt funktionierte. Und auch ihr selbst war nicht so richtig klar, was ihre Mutter Melanie Paschke sportlich geleistet hatte: Unter anderem stand sie 1997 als bisher letzte DLV-Sprinterin in einem WM-Finale über 100 Meter.

Mit der Leichtathletik begann die damals Sechsjährige, als ihr Vater André Ernst, selbst ehemaliger Dreispringer sowie Sprinter und mit einer 100-Meter-Bestzeit von 10,45 Sekunden einst in der nationalen Spitze, im Jahr 2010 eine Trainerstelle beim TV Wattenscheid 01 annahm und die Familie von Salzgitter nach Bochum umzog. Zuerst in der Kinderleichtathletik bei Barbara Retschat und später in den weiteren Gruppen ihrer Altersklasse wurde der Sport Teil des Alltags. Einmal an die Leistungen ihrer Eltern anzuknüpfen, war für die damalige Schülerin noch kein Thema.

„Ich habe nicht groß über meine Leistungen nachgedacht. Ich bin gern zum Training gegangen, habe den Sport als Hobby gesehen.“ Dass sich der Sprint mehr und mehr als beste Disziplin herauskristallisierte, deutete aber doch auf eine gewisse Veranlagung hin. In der W15 sprintete die Nachwuchsathletin die 100 Meter in 12,68 Sekunden und nahm in der U16 an den Deutschen Meisterschaften ihrer Altersklasse teil. Auch in der U18 und im ersten U20-Jahr gelang die Qualifikation für Deutsche Jugendmeisterschaften, bis ins Finale ging es allerdings noch nicht, die 100-Meter-Bestzeit ging in diesen Jahren runter bis auf 12,04 Sekunden.

Wechsel der Trainingsgruppe bewirkt Initialzündung

Da sich ihre Trainingsgruppe auflöste, stellte sich am Ende der Saison des Jahres 2022 die Frage, wie es sportlich weitergehen sollte. Eine Möglichkeit war der Wechsel in die Trainingsgruppe ihres Vaters, zu der nur ältere und leistungsorientierte Athletinnen und Athleten gehörten. „Da war klar: Wenn ich das versuche, dann richtig“, erinnert sich Jolina Ernst. „Also habe ich einfach ausprobiert, ob das ernsthaftere Training etwas für mich ist.“

Die Antwort lautete: Ja! Und das auf den Leistungssport ausgerichtete Training brachte schnell Fortschritte. In ihrem zweiten U20-Jahr steigerte die Sprinterin ihre 100-Meter-Bestzeit bis auf 11,85 Sekunden, lief die 200 Meter in 24,61 Sekunden und erreichte bei U20- und U23-DM ihre ersten Finals. Ein noch größerer Schub folgte 2024 mit 11,43 Sekunden über 100 Meter und 23,61 Sekunden über 200 Meter. Silber und Bronze bei der U23-DM im Einzel sowie der Titel mit der Staffel eröffneten endgültig die Perspektive auf eine Karriere im Leistungssport.

Mit den ersten Starts im Nationaltrikot setzte sich der schnelle Aufstieg im Jahr 2025 fort: Platz fünf über 100 Meter bei der U23-EM sowie Bronze mit der Staffel. Ebenfalls Bronze über 4x100 Meter gewann die Athletin, die neben dem Sport Fashion Management studiert, bei den World University Games in ihrem Heimatstadion in Wattenscheid. National verbuchte sie ihren ersten Titel bei der U23-DM sowie die ersten Finalteilnahmen in der Frauenklasse als Siebte über 100 Meter und Vierte über 200 Meter bei den Deutschen Meisterschaften in Dresden.

Sommer mit Höhen, aber auch schwierigen Momenten

Im vergangenen Winter gehörte Jolina Ernst dann zu den aufstrebenden DLV-Sprinterinnen, die bei der Hallen-DM mit einem Dreifach-Sieg unmissverständlich klar machten: Es gibt eine junge, hungrige Generation, die langfristig die internationalen Erfolge der vergangenen Jahre insbesondere der deutschen Sprintstaffel fortsetzen möchte. Im 60-Meter-Finale der Titelkämpfe in Dortmund wurde die Wattenscheiderin mit Bestzeit (7,24 sec) Dritte hinter Siegerin Philina Schwartz (Berlin Athletics; 7,18 sec), 19 Jahre alt, und Sina Kammerschmitt (MTG Mannheim; 7,21 sec), 23 Jahre alt.

„Es motiviert, gegen die erfahreneren Athletinnen anzutreten, von denen wir außerdem viele Tipps mitnehmen können.“ Die Möglichkeit zum Austausch gab es zum Beispiel bei der gemeinsamen Reise zur Staffel-WM nach Gaborone (Botswana).

Auch die Sommersaison begann mit Zeiten auf einem höheren Niveau als im Vorjahr. Und das, obwohl nicht immer eine volle Belastbarkeit im Training gegeben war. „Ich hatte vor drei Jahren Pfeiffersches Drüsenfieber und habe immer noch den Eindruck, dass ich dadurch in Stresssituationen anfällig bin oder die gesundheitlichen Probleme reaktiviert werden.“ Dazu kamen Schmerzen im Knie. Ihr medizinisches Team gab alles, um sie zu unterstützen.

Nach Schmerzen plötzlich Deutsche Meisterin

Auch in den Tagen vor den Deutschen Meisterschaften zu Hause in Wattenscheid war die 22-Jährige nicht sicher, ob sie im Lohrheidestadion antreten könne. Erst kurzfristig fiel die Entscheidung, es zu versuchen. Mit dem Finaleinzug als Fünftschnellste der Halbfinals verlief der Tag dann schon zufriedenstellend, die Erwartungen für den Endlauf waren nicht allzu hoch. Entsprechend groß waren Überraschung und Freude, als der Titel mit Bestzeit (11,26 sec) herauskam.

„Ich habe einen guten Start erwischt und auch in der Beschleunigung sowie im fliegenden Teil hat das Rennen so gut gepasst wie kein anderes in der Saison“, erzählt Jolina Ernst. „Und ich habe gesehen, dass ich eine sehr gute Leistung bringen kann, auch wenn im Vorfeld nicht alles optimal läuft. Das macht den Erfolg besonders wertvoll.“

Ein Wechselbad der Gefühle war dann auch die EM in Birmingham (Großbritannien). Als Startläuferin brachte die Deutsche Meisterin erstmals bei einer ganz großen Meisterschaft das DLV-Quartett ins Rennen, musste dann aber mit ansehen, wie verletzungsbedingt der letzte Wechsel misslang. Weitere wertvolle Erfahrung im Nationaltrikot brachte als versöhnlicher Saisonabschluss der sechste Rang mit der DLV-Mixed-Staffel bei den Ultimate Championships in Budapest (Ungarn).

Neue Impulse in Frankfurt

Im kommenden Jahr möchte die Aufsteigerin ihre Entwicklung fortsetzen und wieder so häufig wie möglich das Nationaltrikot tragen. Chancen dazu bieten die WM in Peking (China; 11. bis 19. September), die World University Games in Chungcheong (Südkorea; 1. bis 12. August) oder die Team-EM in Istanbul (Türkei; 18. bis 20. Juni). Im Hinterkopf sind auch schon die Olympischen Spiele in Los Angeles 2028.

Um einen neuen Impuls für weitere Steigerungen zu setzen, hat sich Jolina Ernst entschlossen, sich der Trainingsgruppe von David Corell in Frankfurt anzuschließen. Ihrer sportlichen Heimat bleibt sie durch ihre Vereinszugehörigkeit beim TV Wattenscheid 01 treu, an der sich nichts ändern wird. „Nachdem ich meine gesamte sportliche Laufbahn in Wattenscheid verbracht habe, möchte ich als junger Mensch etwas Neues kennenlernen. Ich habe schon zeitweise in Frankfurt mittrainiert und bin überzeugt, mich hier weiter entwickeln zu können.“

Außerdem gehört mit Sophia Junk (LG Rhein-Wied) eine Sprinterin aus der DLV-Spitze als Trainingspartnerin mit zur Gruppe. „Das hatte ich in Wattenscheid nicht.“ Nächstes Ziel ist es, im neuen Umfeld anzukommen – selbst wenn die Sprinterin mittlerweile genau weiß, wie die Bestzeiten ihrer Mutter (100 Meter: 11,04 sec; 200 Meter: 22,48 sec) einzuordnen sind und diese Zeiten auch gar nicht mehr so weit von ihren eigenen Bestleistungen entfernt sind.

Video: Jolina Ernst im Tausendstel-Finish vor Emma Goretzka
Video-Interview: Jolina Ernst: "Glücklicher könnte ich gar nicht sein"  

Das sagt Bundestrainer Alexander John:

Jolina hat in den vergangenen Jahren eine gute Entwicklung genommen. Bei den Deutschen Meisterschaften hat sie schon in der Halle ihre große Stärke demonstriert: Zur Stelle zu sein, wenn es drauf ankommt, das hat sie auch in Wattenscheid geschafft. Sie ist in der deutschen Spitze angekommen.

Ihre Stärke im Rennen ist die Beschleunigung. Potenzial besteht noch darin, den Topspeed über 100 Meter länger zu halten. Die Zubringerleistung über 200 Meter mit 23,11 Sekunden ist eine gute Voraussetzung dafür. Eine weitere Entwicklung ist möglich.

Jolina gehört zu den jungen, starken Nachwuchssprinterinnen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das gesamte Puzzle für noch bessere Leistungen über 100 Meter zusammengesetzt ist. Erste internationale Erfahrungen hat sie schon gesammelt und Jolina ist eine Top-Kandidatin für weitere Einsätze in den kommenden Jahren.

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