Bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid im vergangenen Sommer haben neun Athletinnen und Athleten ihren ersten nationalen Titel in der Frauen- bzw. Männerklasse gewonnen. Die meisten von ihnen stehen am Anfang ihrer Karriere, andere feierten den Erfolg nach schwierigen sportlichen Zeiten. Wir stellen alle vor, diesmal Sprinterin Judith Mokobe (USC Mainz).
Judith Mokobe
USC Mainz
Bestleistungen:
100 Meter: 11,41 sec (2026)
200 Meter: 22,78 sec (2026)
Erfolge:
U20-Europameisterin 2025
Deutsche Meisterin 2026
Erst vor vier Jahren hat Judith Mokobe mit dem Leichtathletik-Training begonnen und schon in diesem Sommer im Alter von 19 Jahren ihren ersten deutschen Meistertitel in der Frauenklasse gewonnen. Obwohl im Wattenscheider Lohrheidestadion Gegenwind herrschte und die 200-Meter-Spezialistin schon eine lange College-Saison in den USA hinter sich hatte, ließ sie starke nationale Konkurrenz hinter sich, steigerte erneut ihre Bestzeit auf 22,78 Sekunden und erfüllte damit die Direkt-Norm für ihre erste EM-Teilnahme bei den Frauen.
Ihren Aufstieg erklärt die Athletin vom USC Mainz mit einer Mischung aus entfachter Leidenschaft für die Leichtathletik, dem Gemeinschaftsgefühl, das sie aus ihrer Familie kennt und in ihrer Trainingsgruppe in Mainz sowie ihrem neuen Umfeld an der University of Alabama wiederfand, sowie ihrem Glauben. Der hilft ihr, dass sportlicher Erfolg nicht zu einem zu großen Faktor in ihrem Leben wird.
Im zweiten Anlauf voll durchgestartet
Einen ersten Versuch, es mit der Leichtathletik zu versuchen, hat Judith Mokobe schon in ihrer Grundschulzeit gestartet. Bei den Bundesjugendspielen lief sie allen davon und ihre Lehrerin war begeistert. „Sie hat mir vorgeschlagen, in einen Verein zu gehen und meine Eltern haben mich angemeldet“, erzählt die Mainzerin. „Aber ich habe nicht so richtig Spaß daran gefunden und nach anderthalb Jahren wieder aufgehört“, blickt sie zurück. Stattdessen entschied sie sich für Basketball als sportliches Hobby. Für ihre Schulmannschaft am Theresianum ging die Schülerin aber doch auch auf der Sprintgeraden an den Start: Beim Wettbewerb "Jugend trainiert für Olympia". 2022 gelang die Qualifikation für das Bundesfinale in Berlin, wo die damals 16-Jährige unter anderem die 100 Meter in 12,65 Sekunden zurücklegte und auch im Weitsprung antrat.
Im Rahmen dieser Einsätze wurde Jürgen Bernhart, Trainer beim USC Mainz, auf das Talent aufmerksam. „Er hat mich gefragt, ob ich mal bei ihm im Training vorbeischauen möchte.“ Das Timing war günstig, denn die Jugendliche hatte zu diesem Zeitpunkt schon darüber nachgedacht, sich eine neue Sportart als Alternative zum Basketball zu suchen. Und diesmal passte es. Der Spaß am Training wurde geweckt, in der Gruppe wuchsen neue Freundschaften und auch der sportliche Erfolg ließ nicht lange auf sich warten.
Schon in ihrer ersten Hallensaison 2023 qualifizierte sich die Neueinsteigerin über 60 Meter für die U20-DM. Im darauffolgenden Sommer sprintete sie bei der Jugend-DM in der Altersklasse U18 zu Bronze über 100 Meter (11,83 sec / +2,6 m/sec) und sogar zum Titel über 200 Meter (24,34 sec). „Es war toll zu sehen, für die Arbeit im Training etwas zurückzubekommen. Nachdem ich es ja schon einmal vergeblich mit der Leichtathletik probiert hatte, war mir aber umso wichtiger, mit Spaß zum Training zu gehen.“
Internationales Debüt und Nachwuchstitel
In der Altersklasse U20 ging die Entwicklung mit den ersten Zeiten über 200 Meter unter 24 Sekunden rasant weiter, die mit der Qualifikation für die U20-WM in Lima (Peru) den ersten Start im Nationaltrikot bei einer internationalen Nachwuchsmeisterschaft ermöglichten. „Dorthin zu reisen und zu sehen, dass so viele Gleichaltrige weltweit die gleiche Leidenschaft teilen und sportlich ihr Bestes geben, war eine weitere Motivation für mich.“ Es ging bis ins Halbfinale (23,86 sec), so dass der Entschluss fiel, es zum Abschluss der U20 ein Jahr später bei der EM dieser Altersklasse noch weiter nach vorn schaffen zu wollen.
Das gelang der jungen Sprinterin. Bei der U20-EM in Tampere (Finnland) erreichte sie nicht nur das Finale, sondern stürmte bei 2,0 m/sec Gegenwind sogar zu Gold (23,40 sec). „Ich kannte mein Potenzial, habe mich in der gesamten Saison wohl gefühlt. Ich habe auf meine Stärke vertraut, ohne mir Druck zu machen", sagt Mokobe.
Neben ihrer Familie und ihrer Trainingsgruppe ist auch ihr Glaube ein großer Rückhalt, erklärt sie: „In der Leichtathletik-Bubble kann man versinken. Mir ist wichtig, mich nicht nur darüber zu identifizieren. Das hält mich auf dem Boden, ob ich gewinne oder nicht.“
Nächster Schritt: Sport & Studium in den USA
Nach ihrem Abitur entschied sich Judith Mokobe im vergangenen Sommer für ein Studium in den USA. Verbunden mit einem Stipendium ging sie an die University of Alabama, studiert dort Wirtschaft und gehört zum dortigen College-Team. „In die USA zu gehen, war ein Kindheitstraum von mir. Viele Top-Athleten sind aus diesem System hervorgegangen“, so die Mainzerin. Der Umzug um die halbe Welt bedeutete natürlich auch eine Umstellung: „Dafür habe ich mich bewusst entschieden, auch wenn ich dafür aus meiner Komfortzone raus musste. Ich bin überzeugt, so auch sportlich weiter wachsen zu können.“
Dabei half es ihr, sich im neuen Umfeld einzuleben, dass an ihrer Uni zahlreiche weitere Studierende aus verschiedenen Ländern in der gleichen Situation waren. „Ob im Training, an der Uni oder beim Essen, wir verbringen viel Zeit zusammen und sind schnell zusammengewachsen.“ Auch bei Trainern und dem medizinischen Team fühlte sie sich schnell gut aufgehoben.
Die größte Umstellung in der ersten College-Saison war die kürzere Pause zwischen Hallen- und Freiluftwettkämpfen. Schon Anfang April standen die ersten Rennen des Sommers auf dem Programm. Mit der neuen Bestzeit über 200 Meter (22,90 sec) und der Qualifikation für die US-College-Meisterschaften gelangen dennoch die nächsten sportlichen Fortschritte.
Rennen zurück in der Heimat führen bis nach Birmingham
Nach dem Ende der College-Saison Mitte Juni blieb Zeit, vor dem Start des nächsten Semesters nach Deutschland zu reisen. „Die U23-DM wollte ich gern noch mitnehmen und schauen, was noch möglich ist“, erzählt die 19-Jährige. „Ich war selbst überrascht, dass es dann nach der langen Saison im Training von Woche zu Woche besser lief.“ So nahm sie nach ihrem Sieg über 200 Meter bei der U23-DM (22,99 sec) auch noch die Deutschen Meisterschaften der Frauenklasse in ihren Wettkampfplan auf.
„Ich wusste, dass ich eine Bestzeit laufen kann. Gleichzeitig war ich auch die Jüngste im Feld, hatte nichts zu verlieren und konnte mich von der starken Konkurrenz pushen lassen“, blickt sie auf die DM zurück. In 22,78 Sekunden ließ Judith Mokobe über ihre Paradestrecke erneut in Bochum-Wattenscheid Talea Prepens (TV Cloppenburg; 22,89 sec), Jessica-Bianca Wessolly (VfL Sindelfingen; 22,92 sec) und Sophia Junk (LG Rhein-Wied; 22,93 sec) hinter sich und löste damit das Ticket für ihre ersten Europameisterschaften in der Frauenklasse, bei der sie in Birmingham (Großbritannien) den 200-Meter-Vorlauf in 23,24 Sekunden absolvierte.
Den eingeschlagenen Weg weiter verfolgen
Nach ihrer Saison voller Highlights ist die Deutsche Meisterin inzwischen zurück in den USA und startet langsam wieder ins Aufbautraining: „Ein bisschen bin ich aber immer noch damit beschäftigt, die vergangenen Monate zu verarbeiten.“ Das Jahr war eine Bestätigung, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat, den sie weiter verfolgen möchte.
„Das Wichtigste für mich ist, verletzungsfrei zu bleiben und den Spaß an der täglichen Trainingsarbeit zu behalten.“ Wenn es gelingt, im kommenden Jahr wieder fit und motiviert am Start zu stehen, ist die U20-Europameisterin überzeugt, sich noch weiter entwickeln zu können. Und natürlich hat auch sie das große Ziel, einmal bei Olympischen Spielen dabei zu sein.
Die nächsten sind 2028 in Los Angeles (USA), also nicht mehr allzu weit entfernt von ihrer aktuellen sportlichen Heimat. Aber nachdem es Judith Mokobe schon innerhalb von vier Jahren von "Jugend trainiert für Olympia" bis zur EM geschafft hat, warum soll sie es nicht in sechs Jahren bis zu den Olympischen Spielen der „Großen“ schaffen?.
Video: Titel, Bestzeit und EM-Norm für Sprint-Talent Judith Bilepo Mokobe
Video-Interview: Judith Bilepo Mokobe: "Ich bin so, so, so zufrieden"
| Das sagt Bundestrainer Alexander John: |
|---|
Mit ihrer Steigerung auf 23,11 Sekunden zum Saisoneinstieg 2025 in Weinheim hat Judith erstmals so richtig deutlich gemacht, welch großes Talent in ihr steckt. Die Herausforderungen des Schritts in die USA hat sie gemeistert. Nach vielen Wettkämpfen war es umso erstaunlicher, dass sie bei den Deutschen Meisterschaften mit 1,2 m/sec Gegenwind so abliefern konnte. Die Bedingungen werten ihre Leistung noch einmal auf.
Sie ist noch nicht so lange in der Leichtathletik dabei und geht noch mit einer gewissen Leichtigkeit in ihre Rennen. Dazu bringt Judith sehr gute Anlagen für den 200-Meter-Bereich mit. Auch über die 100 Meter hat sie sich schon gesteigert. In der Beschleunigung bestehen noch Möglichkeiten der Verbesserung. Einer weiteren Entwicklung steht nichts im Wege, wenn die kontinuierliche Trainingsarbeit weitergeht. Sie hat schon ein sehr hohes Leistungsniveau und gerne wollen wir Judith in den kommenden Jahren bei internationalen Meisterschaften an den Start schicken.