Jahrelang war der Dreisprung Imke Daalmanns sportliche Heimat. Dann machten eine Fußoperation und eine Rückenverletzung den Leistungssport zeitweise unmöglich. Die 27-Jährige musste zurück an die Basis, lernte ihren Körper neu kennen und wechselte schließlich zum Weitsprung. Was zunächst wie ein Ausweg aussah, wurde zu einem neuen Kapitel: 2025 sprang Daalmann zu DM-Silber, 2026 steigerte sie ihre Bestleistung auf 6,69 Meter und erfüllte sich mit der EM-Teilnahme in Birmingham einen lang gehegten Traum. Heute weiß die Leverkusenerin vor allem eines: Sie will sich nie vorwerfen müssen, es nicht versucht zu haben.
Über Jahre war der Dreisprung Imke Daalmanns (TSV Bayer 04 Leverkusen) Disziplin gewesen, dort hatte sie ihre größten Erfolge gefeiert und war auch international im Einsatz. Beispielsweise 2021 bei der U23-EM. Ein Jahr später sprang sie mit 13,37 Metern ihre bis heute gültige Bestleistung. Dann kam der Rücken dazwischen. Eine Spondylolyse (Unterbrechung des Wirbelbogens) am fünften Lendenwirbel zwang sie Anfang 2025 zu einer langen Pause – und plötzlich wurde ausgerechnet der Weitsprung zum Rettungsanker.
Heute ist aus dem vermeintlichen Umweg eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte geworden. 2025 wurde Daalmann Deutsche Vizemeisterin, 2026 steigerte sie ihre persönliche Bestleistung zunächst auf 6,60 Meter und schließlich auf 6,69 Meter. Und dann stand sie im August erstmals bei einer Europameisterschaft auf der internationalen Bühne. In Birmingham blieb ihr zwar nach drei ungültigen Versuchen der Einzug ins Finale verwehrt. Doch allein die Tatsache, dort überhaupt zu stehen, bedeutete für sie viel. Denn noch vor nicht allzu langer Zeit wusste Daalmann nicht einmal, ob sie jemals wieder einen Wettkampf bestreiten würde.
Plötzlich ging gar nichts mehr
Rückenschmerzen waren für Imke Daalmann zunächst nichts völlig Neues. Schon vor der Diagnose Anfang 2025 hatte sie immer wieder Probleme im unteren Rücken. „Normalerweise gingen die immer wieder weg. Die Schmerzen gingen dann wirklich über Wochen und Monate nicht weg.“ Physiotherapeuten, Osteopathen, verschiedene Behandlungen – nichts brachte die erhoffte Erklärung. Irgendwann folgte ein MRT. Die Diagnose: Spondylolyse im fünften Lendenwirbel, eine Art Ermüdungsbruch. Bei Daalmann sogar an zwei Stellen. Dazu kam ein Ödem im Wirbel. Der betroffene Knochen war instabil, eine Vorstufe des Wirbelgleitens.
Sechs Wochen durfte sie ihren Rücken überhaupt nicht belasten. Kein normales Training, keine Sprünge, kaum etwas, das den Körper komprimierte. Stattdessen: Ruhe und anschließend kleinste Stabilisationsübungen. Muskeln, die den Wirbel entlasten und ihm die Arbeit abnehmen sollten. Gleichzeitig lief auch privat nicht alles unbeschwert: Im Herbst 2024 war bei ihrer Mutter Brustkrebs diagnostiziert worden. „Das sind halt alles Sachen, die neben den eigenen Problemen noch dazukommen – Dinge, um die man sich irgendwie kümmert und die man die ganze Zeit im Hinterkopf hat.“ Heute kann Daalmann darüber mit etwas Abstand sprechen. Damals zog ihr die Diagnose den Boden unter den Füßen weg. Nicht nur sportlich musste sie sich neu orientieren – auch abseits des Sports gab es Dinge, mit denen sie umgehen musste.
Zurück zu den Basics
Der Weg zurück begann deshalb nicht mit spektakulären Sprüngen. Er begann mit Dingen, die im Leistungssport leicht übersehen werden: Rumpfstabilität, Ansteuerung, Körpergefühl. „Ich lernte irgendwie meinen Körper neu kennen, die Zusammenhänge besser zu verstehen, und kann die dann wiederum in der Technik umsetzen und dadurch ein besseres Resultat erzielen.“ Ausgerechnet die Verletzung, die sie zurückgeworfen hatte, wurde damit zu einem wichtigen Teil ihrer sportlichen Entwicklung. Sie wurde stabiler. Sie verstand besser, was ihr Körper brauchte – und vor allem, was er nicht brauchte.
Denn eine der wichtigsten Erkenntnisse war für Daalmann zunächst ungewohnt: weniger Training kann mehr bringen. „Ich habe durch die ganze Phase gelernt, ich guck erst mal, wie es meinem Körper geht. Und dann besprechen wir, was wir von dem Plan machen, was ist der Part, den wir machen müssen, und was können wir weglassen.“ Früher hatte sie Trainingspläne abgearbeitet, weil sie davon überzeugt war, genau das tun zu müssen, um sich weiterzuentwickeln. Heute hört sie zuerst auf ihren Körper. „Ich habe besser gelernt, weniger zu machen.“
Vom Weitsprung zum Dreisprung und wieder zurück
2016 gewann sie bei den deutschen U16-Meisterschaften ihre erste Medaille im Weitsprung. Dann stagnierte ihre Entwicklung. Der Dreisprung wurde zum neuen Versuch, den Kopf freizubekommen – und funktionierte plötzlich besser. Also blieb Daalmann dabei. Über Jahre machte sie beide Disziplinen, den Dreisprung mit Priorität, den Weitsprung parallel. Teilweise ist sie in Wettkämpfen an der Grube stehen geblieben, um direkt im Anschluss die nächste zu absolvieren. 2021 nahm sie bei der U23-EM in Tallinn im Dreisprung teil. Danach folgten schwierige Jahre mit Verletzungen. Eine Fußoperation, weitere Rückschläge und schließlich die Rückenprobleme sorgten dafür, dass Daalmann sportlich kaum noch vorankam. Erst mit der Rückenverletzung kam auch die Entscheidung, den Weitsprung wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Der Grund war simpel: Der Weitsprung bedeutete weniger Belastung für ihren Rücken.
Zunächst ging es überhaupt nicht darum, wieder große Weiten zu springen. Erst musste getestet werden, was der Körper aushält. Sprinten unter Wettkampfbedingungen, dann erste Sprünge im Training. Alles war ein Experiment. „Das war ja einfach so ein Trial-and-Error-Ding“, blickt die 27-Jährige zurück. Und dann kam irgendwann der Moment, in dem sie wieder an einem Weitsprung-Wettkampf teilnehmen konnte: „Mit der Rückendiagnose dachte ich ja eine Zeit lang, ich darf nie wieder Leichtathletik machen. Und deswegen, ich bin inzwischen einfach so abnormal dankbar, dass ich überhaupt Leichtathletik machen darf.“
Plötzlich DM-Zweite
Der erste große Beweis, dass der Weg zurück funktionieren konnte, kam bei den Deutschen Meisterschaften 2025. Daalmann war gerade erst aus der Verletzung zurück, hatte mit 6,29 Metern nur die B-Norm und wusste zunächst nicht einmal sicher, ob sie in Dresden überhaupt starten würde. Dann sprang sie 6,52 Meter und wurde Deutsche Vizemeisterin. Eine Woche später steigerte sie sich in Rhede noch einmal auf 6,54 Meter. „Das war krass. Das war wirklich so ein Moment, den werde ich auf gar keinen Fall irgendwann wieder vergessen“, so die Leverkusenerin. Denn nach Monaten voller Schmerzen und Reha war plötzlich wieder Leistung da. Und vielleicht noch wichtiger: Sie bekam die Antwort auf eine Frage, die sie monatelang beschäftigt hatte. „Da dachte ich: Ja, siehste, es war doch alles richtig. Und es hat sich doch gelohnt. Und du kannst es ja doch.“
2026 ging die Entwicklung weiter. Erst 6,60 Meter im Mai, dann 6,69 Meter am 11. Juli – persönliche Bestleistung. Die 6,69 Meter waren dabei keine völlige Überraschung. Daalmann hatte bereits im Jahr zuvor gemerkt, dass sie eigentlich weiter springen konnte, als sie in den Wettkämpfen zeigte. Der Unterschied war nun, dass sie immer öfter etwas davon abrufen konnte. Bei ihrem Rekordsprung spielte ausgerechnet der Wind eine Hauptrolle. Es war eine regelrechte Windlotterie. Vor dem entscheidenden Versuch stand die Leverkusenerin am Anlauf und wartete auf einen Moment, in dem der Wind etwas ruhiger wurde. „Du musst jetzt sofort los. Du rennst jetzt einfach, weil gerade ist es windstill.“ Der Sprung gelang. Dann begann das Warten auf die Windmessung. Erst die Weite, dann die Ziffern an der Windanzeige. Und dann durfte sie sich freuen. „Dann konnte ich mich einfach nur freuen. Und ja, das war toll.“
In Birmingham wird ein Traum wahr
Mit ihren Leistungen qualifizierte sich Daalmann schließlich für die Europameisterschaften 2026 in Birmingham. Es war genau das Ziel, das sie Jahre zuvor einmal für sich formuliert hatte. Als U23-Athletin hatte sie sich vorgenommen, irgendwann bei den Frauen international zu starten. Nun war es tatsächlich so weit. „Ich habe immer noch nicht so ganz begriffen, dass ich da starten durfte“, so die 27-Jährige. Vor allem eines machte sie stolz: Sie war nicht einfach nominiert worden, weil ein Startplatz frei war. Sie hatte sich die Teilnahme mit ihren Leistungen selbst erarbeitet.In Birmingham selbst lief dann nicht alles nach Plan. In der Weitsprung-Qualifikation kam Daalmann mit den schwierigen Windbedingungen nicht zurecht und übertrat alle drei Versuche. Damit war die EM für sie nach der Qualifikation beendet. Enttäuschung war dabei natürlich vorhanden. Gleichzeitig blieb der Stolz auf das Erreichte: „Und ja, dann da starten zu dürfen und Deutschland vertreten zu dürfen ... Ach, das war einfach schön. Also, ja, ich bin stolz.“
Imke Daalmann ist heute 27 Jahre alt, hat ihren Master abgeschlossen, arbeitet in der Unternehmenskommunikation und trainiert am Bundesstützpunkt Leverkusen bei Charles Friedek. Der Leistungssport ist noch immer ein wichtiger Teil ihres Lebens – aber er steht nicht mehr über allem. Ihr wichtigstes sportliches Ziel ist deshalb überraschend wenig spektakulär. Gesund bleiben: „Mein primäres Ziel, was über allem steht, ist, dass ich auf meinen Körper höre.“ Denn Daalmann weiß inzwischen, was passiert, wenn sie über die Signale ihres Körpers hinweggeht. Natürlich möchte sie weiter springen. Sie möchte irgendwann bei einer Weltmeisterschaft dabei sein. Sie möchte ein internationales Finale erleben und nicht nach drei Versuchen wieder nach Hause fahren.
Für das kleine Ich
Vielleicht ist das die größte Veränderung in ihrer Karriere: Früher ging es darum, einen Plan abzuarbeiten. Heute geht es darum, herauszufinden, was möglich ist – ohne den eigenen Körper dabei zu übergehen. Die 6,69 Meter sind deshalb nicht nur eine persönliche Bestleistung. Sie sind das Ergebnis eines Weges, der zwischendurch kaum noch nach Leistungssport aussah. „Das lohnt sich für die kleine Imke, die irgendwie früher schon die ganze Zeit Spaß daran hatte, in die Grube zu springen, irgendwann festgestellt hat, ich kann das ganz gut, das macht mir ganz viel Spaß.“
Und sie weiß: Die Umwege waren nicht umsonst: „Dass all diese Entscheidungen jetzt nicht irgendwie Quatsch waren. Sondern dass ich schon sehr wohl diesen Weg gehen durfte. Dass es sich dann doch irgendwann auszahlt, die ganzen Umwege zu gehen.“ Vielleicht ist genau das die Geschichte hinter ihren 6,69 Metern: Nicht die Geschichte einer Athletin, die nach einer Verletzung einfach zurückgekommen ist. Sondern die einer Sportlerin, die ihren Weg mehrmals neu finden musste – und dabei gelernt hat, dass ein Umweg nicht zwangsläufig vom Ziel wegführt. Manchmal führt er genau dorthin.