Nach ersten Erfolgen in der Jugend begann die Leistung von Kevin Brucha zu stagnieren. Mit der Verlagerung seines Trainingsstandortes nach Estland nahm seine Entwicklung wieder Fahrt auf und in diesem Sommer folgte schließlich den Durchbruch in der Männerklasse. Dabei sollen sein Sprung auf 8,04 Meter und die EM-Teilnahme erst der Anfang einer langen Reise sein.
Es bedurfte einer Vielzahl von Anläufen, bevor sie endlich angezeigt wurde: Eine Weite über acht Metern. Bereits während der Saison hatte Kevin Brucha (TLV Germania Überruhr) immer wieder an den acht Metern gekratzt und seine Bestweite bis auf 7,95 Meter gesteigert. Bei den Deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid war es dann endlich soweit. Nachdem er im zweiten Versuch bei 7,70 Metern gelandet war, folgten zunächst zwei ungültige Versuche und schließlich ein Satz auf 7,99 Meter – ohne Brett und mit Hilfe von 2,4 m/s Rückenwind. Im sechsten und damit letzten Versuch war es dann vollbracht. Was der 24-Jährige bereits im Sprung gefühlt und in der Interaktion mit dem Publikum mitbekommen hatte, bestätigte sich kurzerhand später auf der Anzeigetafel: 8,04 Meter.
Was folgte, war ein freudiger Gefühlsausbruch. „Ich bin jemand, der in solchen Momenten sehr aus sich herauskommt“, sagt er über sich selbst. Mit diesen 8,04 Metern hatte er nicht nur einen Meilenstein erreicht, den er schon so lange im Visier hatte, sondern sich auch mit Silber hinter Simon Batz (MTG Mannheim) das Ticket zu den Europameisterschaften in Birmingham (Großbritannien) gesichert. Der Durchbruch in der Männerklasse. „Die EM war das große Ziel für die Saison. Und endlich konnte ich das Datum auch fest in den Kalender eintragen“, sagt er.
Erster EM-Start in der Männerklasse
Auf der internationalen Bühne angekommen, reichte es dann in der Qualifikation zwar nicht für den Sprung ins Finale, doch aus der Erfahrung gelernt hat Kevin Brucha umso mehr: „Ich bin den Wettkampf bestimmt schon hunderte Male im Kopf durchgegangen, was da so passiert ist. Im Nachhinein glaube ich, dass mein Fokus nicht zu einhundert Prozent auf dem Wettkampf lag. Einfach weil so viel los war und das so viele neue Eindrücke waren, all die Emotionen waren sehr intensiv. Es war etwas sehr Besonderes, das erste Mal bei den Männern an einer EM teilnehmen zu dürfen und im Nationaltrikot neben Größen wie Miltiadis Tentoglou oder Mattia Furlani zu springen.“
Wenngleich er den verpassten Einzug ins Finale nicht als Scheitern versteht und das auch nicht als das große Ziel ausgemacht hatte, ärgert er sich noch immer etwas über die Weite. „Ich wäre gern noch einmal 7,80 oder 7,90 Meter gesprungen, um mich mit so einem Sprung aus der Saison zu verabschieden. Aber dann machen wir es das nächste Mal einfach besser“, gibt er sich angriffslustig. Nach einer verdienten Off-Season, die er unter anderem im Raum Mexiko und seiner thüringischen Heimat verbracht hat, befindet er sich bereits seit gut zwei bis drei Wochen wieder in der Vorbereitung auf die Hallensaison.
Trainerwechsel zeigt erste Erfolge
Aktuell trainiert er dafür in Tallinn unter dem estnischen 400-Meter-Hürdenläufer Rasmus Mägi sowie dessen Schwester und dessen Eltern. Nachdem er bereits vor drei Jahren nach Estland gegangen war und sich der Trainingsgruppe von Ksenija Balta und Andrei Lesthal angeschlossen hatte, gab das Duo nach der EM in diesem Jahr bekannt, das Land zu verlassen. Entsprechend bedurfte es einer Lösung. „Ich bin sehr glücklich, dass ich nun in einer sehr leistungsstarken Gruppe trainieren kann, in der nicht nur die Zusammensetzung passt, sondern auch die Mentalität“, sagt Brucha.
Und verrät: „Das Training zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass meine Trainer einen unglaublichen sportwissenschaftlichen Hintergrund mitbringen. Dadurch lassen sich gewisse Sachen, die man davor nicht so im Auge hatte, viel besser darstellen und wir haben auch schon ein bisschen was umstellen können. Das hat schon jetzt unglaublich geholfen und ist wirklich ein Mehrwert für das Training. Ich bin jetzt 24 Jahre alt und da kann man so langsam damit anfangen, sich nach den acht Metern noch ein bisschen weiterzuentwickeln. Das sind jetzt nur noch Kleinigkeiten, an denen wir weiter arbeiten müssen. Kleinigkeiten, die aber einen großen Effekt haben können. Ich habe ein gutes Gefühl. Das wird gut.“
Stagnation führte zum Schritt ins Ausland
Zugleich weiß Brucha die Arbeit von Ksenija Balta sehr zu schätzen und sagt: „Auch wenn vieles im Training bei Rasmus Mägi neu war und sich die Trainingsprinzipien teils voneinander unterscheiden, habe ich probiert, die Prinzipien meiner damaligen Trainerin mit einzubringen. Denn wie die 8,04 Meter gezeigt haben, haben diese gut funktioniert und meine Trainerin hat vieles richtig gemacht.“ Letztlich ist er ihr bis heute dankbar, ihn wieder auf Erfolgskurs gebracht zu haben. Denn wenngleich Kevin Brucha bereits in der Jugend erste Titel sammelte und etwa als 19-Jährige sowohl bei der U23- als auch bei der U20-DM Gold gewann, begann seine Entwicklung in den Folgejahren etwas zu stagnieren.
„Nach den U20-Europameisterschaften in Tallinn, wo ich auch meine Freundin, eine estnische Hürdensprinterin, kennengelernt habe, war es leider so, dass ich danach keine Leistung mehr gebracht habe. Und nach zwei Jahren dachte ich mir dann, dass ich etwas Neues brauche und meine Karriere nicht einfach gegen die Wand fahren will“, sagt er. Eine willkommene Möglichkeit bot ihm der Wechsel nach Estland. Denn indem er seinen Trainingsschwerpunkt nach Tallinn legte, war er nicht nur seiner Freundin Anna Maria Millend näher, mit der er zwei Jahre lang eine Fernbeziehung führte, sondern lernte auch ein neues Trainingsumfeld kennen. „Das Training hat sich schon sehr von dem unterschieden, das ich zuvor in Deutschland absolviert habe. Allein das Krafttraining und der hohe Stellenwert von Core-Training waren neu für mich. Aber auch die Trainingsmentalität hat mir sehr gut gefallen und mich vorangebracht“, erzählt er.
Leidenschaft fürs Fliegen
Parallel zum Sport studiert Kevin Brucha Luftfahrtmanagement und sagt: „Da ich online studiere, bin ich sehr flexibel und kann von überall aus lernen – egal, ob ich in Deutschland, in Estland oder im Trainingslager bin. Ich bin nie nur an einen Ort gebunden und sowohl in Tallinn als aktuell auch in Weimar zu Hause, das wechselt meist alle drei Monate.“ Zudem geht er mit seinem Studiengang einer Leidenschaft nach, die auch sehr gut zu seinem Alltag als Spitzensportler passt. „Ich bin unglaublich gerne unterwegs. Für mich ist das Reisen etwas unglaublich Schönes. Ich finde Flughäfen und alles, was dazu gehört, alles sehr interessante Plätze. Ich bin ein großer Fan davon, zu fliegen – auch eine schöne Parallele zum Weitsprung“ sagt er und lacht.
Am liebsten hebt er bei Wettkämpfen ab, die er gemeinsam mit Simon Batz bestreiten kann. „Wir haben eine unglaublich gute Connection. Simon ist jemand, der nochmal auf einem anderen Level springt und der mich immer dazu motiviert hat, weiterzumachen und mir etwa die Zeit zu geben, bis die acht Meter fallen. Dafür bin ich ihm unheimlich dankbar.“ Entsprechend wünscht er dem Mannheimer auch eine erfolgreiche Recovery nach dessen Verletzung in der EM-Qualifikation – vor allem auch in Hinblick auf die WM im kommenden Jahr.
Konstant acht Meter springen
Für sich selbst schätzt er eine Teilnahme in Peking (China) eher gering ein. „Da bin ich realistisch. Um die Direktnorm von 8,25 Metern zu springen, bräuchte ich den perfekten Sprung unter optimalen Bedingungen“, sagt er. Stattdessen fokussiert er sich zunächst darauf, die acht Meter auch unter dem Hallendach zu bestätigen und konstant abrufen zu können. Ist diese Konstanz gegeben, könne es dann durchaus auch mal einen Ausrutscher nach oben geben. „Rein vom Potenzial her traue ich mir irgendwann auch Weiten im Bereich von 8,30 Metern zu. Wenn es der Speed und die Kraft hergeben, halte ich das körperlich für möglich.“
Ein Schwerpunkt für die Zukunft wird es unter anderem sein, die Geschwindigkeit aus dem Anlauf besser in Weite umzuwandeln. „Ich bin nicht der Schnellste im Anlauf. Wenn ich es schaffe, meine Geschwindigkeit um 0,2 bis 0,3 m/s zu verbessern und dies dann in den Sprung perfekt umgesetzt bekomme, dann sind auch Weiten von 8,20 Metern möglich.“ Für die Hallensaison hat er sich die Qualifikation für die Hallen-EM im spanischen Valencia vorgenommen, der Saisoneinstieg ist für den 17. Januar bei einem Meeting in Luxemburg geplant. Bis dahin stehen neben dem Training in Tallinn, wo er es sich zur Gewohnheit gemacht hat, zweimal in der Woche zu saunieren, noch ein kleines Trainingslager im Süden von Estland sowie im Dezember ein Trainingslager in Potchefstroom an.
Und wenngleich der Plan für sein Wettkampfprogramm im Winter noch nicht steht, hofft er darauf, es in die Starterfelder von Meetings mit einer hohen Kategorie zu schaffen. Denn dort gibt es nicht nur die Möglichkeit auf wertvolle Punkte im World Ranking, sondern auch eine starke Konkurrenz. „Je besser die Konkurrenz und je öfter ich gegen die Weltspitze antreten kann, desto besser gewöhne ich mich daran. Denn das sind genau die Athleten, gegen die ich dann auch bei Welt- und Europameisterschaften antreten werde.“ Um sich in diesen Sphären fest zu etablieren, zählt für Kevin Brucha vor allem eins: „Das Wichtigste ist, gesund zu bleiben und einfach dort weiterzumachen, wo man im Sommer aufgehört hat. Ich glaube, mental geht es mir besser denn je. Voller Fokus, motiviert und gutes Umfeld in der neuen Trainingsgruppe.“