| Rezension

„42,195 Kilometer“: Laufen ist für Amanal Petros mehr als nur Sport

© Jan Papenfuß / Verlagsgruppe Droemer Knaur
„42,195 Kilometer – Mein langer Lauf in die Freiheit“. Unter diesem Titel erzählt Marathon-Europameister Amanal Petros gemeinsam mit Journalistin Mara Pfeiffer seine Geschichte. Von der Kindheit in der kriegsgebeutelten Region Tigray über seine Flucht nach Deutschland und das Ankommen in einer neuen Welt. Der rote Faden: das Laufen.
Svenja Sapper

„Das ist es, was ich tun möchte. Laufen. Und Medaillen gewinnen. Für Deutschland. Mein Blick fällt auf ein Foto von Mama, Yordanos und Amlekawit. Zärtlich berühre ich es mit den Fingern. Wie gerne würde ich die drei gerade in den Arm nehmen, wie schön wäre es, diese Momente mit ihnen zu teilen. Sanft streiche ich über das Gesicht meiner Mama. ‚Und für euch.‘“

Dieser Abschnitt aus dem autobiographischen Werk, das Marathon-Europameister Amanal Petros (Hannover 96) gemeinsam mit Sportjournalistin Mara Pfeiffer verfasst hat, beschreibt in wenigen Sätzen gut, was das gesamte Buch vermittelt. Die Liebe zum Laufen. Die Sehnsucht nach der Tausende Kilometer entfernten Familie, seiner Mutter und den beiden Schwestern. Aber auch seine Verbundenheit zu seinem neuen Zuhause in Deutschland, einem Land, in dem der 31-Jährige seit seiner Flucht vor nunmehr 14 Jahren lebt.

Laufen als Job und Leidenschaft

Das 300 Seiten umfassende Buch ist in vier Teile gegliedert. Die Geschichte wird nicht ganz chronologisch erzählt, bleibt aber stets in ihren Zusammenhängen flüssig und stringent. Das erste Kapitel mit dem Titel „Zum Laufen geboren“ beschreibt, wie der Ausnahmesportler bei einem Stadtlauf, kurz nach seiner Ankunft in Deutschland, seine Liebe und sein Talent für das Laufen entdeckt hat. „Wenn ich laufe, bin ich im Hier und Jetzt“ – schon an diesen Einleitungsworten zeigt sich, dass es das Laufen ist, das den roten Faden der Geschichte bildet und das er als Job und Leidenschaft bezeichnet. 

Dass das in der Ich-Form geschriebene Buch alles andere als leichte Lektüre ist, wird bereits im Prolog deutlich. Gleich zu Beginn geht Amanal Petros auf den Hass ein, der ihm vor allem online aufgrund seiner Hautfarbe und seines Geburtsortes immer wieder entgegenschlägt. Was das in dem Sportler auslöst, kann sich wohl niemand vorstellen, der nicht selbst davon betroffen ist – auch wenn man als eine der Personen, die regelmäßig ebensolche rassistischen Kommentare über Amanal Petros und weitere Athleten unter den Social-Media-Postings des Deutschen Leichtathletik-Verbandes löschen, moderieren und dokumentieren, nur zu genau weiß, wovon er spricht.

Einblicke in eine andere Kultur

Besonders eindrucksvoll liest sich die Auseinandersetzung des Sportlers mit den Themen Heimat und Zugehörigkeit. In den ersten Kapiteln steht seine Kindheit in der Kriegsregion Tigray, die heute zu Äthiopien gehört, aber an der Grenze zu Eritrea liegt. Geboren wurde Amanal Petros in der eritreischen Stadt Assab, aufgewachsen ist er mit seiner Mutter und den Großeltern zunächst in einem Dorf in der Region Tigray, anschließend mit seiner Mutter und zwei Schwestern in der Stadt Wukro. Seinen Vater, der aufgrund seines politischen Engagements inhaftiert wurde und später verstarb, hat Amanal Petros nie kennengelernt.

Wie Amanal Petros seine Kindheit beschreibt, mit weiten Fußwegen in die Schule oder zum Markt, Botendiensten für die Soldaten in der Region, liegt fernab dessen, was viele in Mitteleuropa aufgewachsene Menschen sich je vorstellen können, und bleibt deshalb besonders im Gedächtnis. Zugleich kann man über Politik und Geschichte der Region Tigray einiges lernen.

Dankbarkeit und Demut

Zudem wird anschaulich dargestellt, wie Amanal Petros nach seiner Ankunft in Deutschland mit einer ganz anderen Welt konfrontiert wurde – aber auch, wie er mit Hilfe eines Teams an Unterstützerinnen und Unterstützern lernte, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. So kann das Buch auch helfen, verschiedene Kulturen besser zu verstehen. Von den Menschen, die ihn in den ersten Jahren in Deutschland begleitet haben, spricht der 31-Jährige mit großer Dankbarkeit und Demut – ebenso von sportlichen Wegbegleitern wie Disziplinkollege und Freund Richard Ringer (LC Rehlingen).

Auch die Darstellung des „Kulturschocks“ fällt stellenweise humorvoll aus. Beispiele dafür sind Ortsnamen wie „Espelkamp“, deutsche Vereinsnamen mit Abkürzung und Zahlen oder die Anweisung von Amanal Petros‘ Trainer, beim Wettkampf „volle Pulle Gas“ zu geben. So darf man trotz des ernsten Themas hin und wieder schmunzeln.

Heimat, Zugehörigkeit und Identität

Im vielleicht bewegendsten Kapitel des Buches erzählt Amanal Petros von seinem ersten Trainingslager in Kenias Lauf-Mekka Iten – zugleich die erste Rückkehr auf den afrikanischen Kontinent seit seiner Flucht. Schon beim Zwischenstopp in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba schießen dem Sportler Tränen in die Augen, als er hört, wie sich eine Familie auf Tigrinya, der Sprache seiner Kindheit, unterhält. Er realisiert, dass er seiner Familie so nah ist wie seit Jahren nicht mehr. Nimmt Gerüche seiner Kindheit wahr.

Fast schmerzhaft liest sich die Erzählung von der Begegnung mit einer Gruppe Jungen, die Amanal Petros – ebenso wie dessen Trainingskollegen – als „Fremden“ bezeichnen. „Auf dem Rückweg ins Hotel frage ich mich, ob es das ist, was passiert, wenn man seine Heimat verlässt: Man wird überall zum Fremden“, schreibt er. Amanal Petros betrachtet Tigray als seine Heimat, Deutschland als sein Zuhause – und mit den Jahren fühlt er sich auch Kenia sehr verbunden. Der Sportler erklärt in diesem Kapitel auch, warum er die vielfach diskutierte Frage „Woher kommst du eigentlich?“ oft nicht beantworten möchte.

Mehr als nur Sport

Natürlich spielt auch die sportliche Entwicklung von Amanal Petros in dem Buch eine große Rolle. Die Geschichte endet mit zwei seiner größten Erfolge – dem Gewinn der Silbermedaille bei der WM 2025 in Tokio und dem Deutschen Marathon-Rekord im Dezember in Valencia. Zwischen diesen beiden Erfolgen liegt jedoch eine der schwierigsten Phasen seines Lebens, das geprägt ist von der ständigen Sorge um seine Familie, von der der Sportler mit großer Liebe und Zuneigung spricht.

„42,195 Kilometer – Mein langer Lauf in die Freiheit“ ist trotz einiger weniger fachlicher „Stolperer“ im Bereich Leichtathletik ein lehrreiches und eindrucksvolles Buch, das die Geschichte des Sportlers und Menschen Amanal Petros mit viel Herz erzählt. Die Lektüre ist auch für Leserinnen und Leser empfehlenswert, die sich nicht regelmäßig mit Leichtathletik beschäftigen. Denn schließlich ist das Laufen für Amanal Petros weit mehr als nur Sport.

Mehr: 
42,195 Kilometer. Mein langer Lauf in die Freiheit"
Amanal Petros mit Mara Pfeiffer
ISBN 978-3­426-56722-7
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG

Teilen
#TrueAthletes – TrueTalk

Hier finden Sie alle Folgen des Podcasts des Deutschen Leichtathletik-Verbandes!

Zum Podcast
Jetzt Downloaden
DM-Tickets