| Neue Meisterin

Dorothea Gantert – Steiler Aufstieg vom Auslandsjahr bis zur EM

© Theo Kiefner
Bei den Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid im vergangenen Sommer haben neun Athletinnen und Athleten ihren ersten nationalen Titel in der Aktivenklasse gewonnen. Die meisten von ihnen stehen am Anfang ihrer Karriere, andere feierten den Erfolg nach schwierigen sportlichen Zeiten. Wir stellen alle vor, heute Hochspringerin Dorothea Gantert (SpVg Laatzen).
Jan-Henner Reitze

Dorothea Gantert
SpVg Laatzen

Bestleistung:

Hochsprung: 1,89 m (2026)

Erfolge:

Deutsche Meisterin 2026

Eine Reihe von DLV-Hochspringerinnen steht an der Schwelle zur internationalen Klasse und springt Höhen um 1,90 Meter. Einen besonderen Aufstieg hat Dorothea Gantert hingelegt. Die 19-Jährige steigerte ihre Freiluft-Bestleistung im vergangenen Sommer um neun Zentimeter auf 1,89 Meter. Gleich bei drei Wettkämpfen blieb die Latte bei dieser Höhe liegen, unter anderem auch im ersten Versuch bei den Deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid. Diese Leistung brachte der Athletin von der SpVg Laatzen nicht nur überraschend den Titel ein, sondern auch die Qualifikation für die EM in Birmingham.

Das deutlich verbesserte Niveau ist damit zu erklären, dass die Schülerin noch verhältnismäßig neu im leistungsorientierten Sport ist. Einen strukturierten Trainingsaufbau hat sie erstmals zur Vorbereitung auf dieses Wettkampfjahr absolviert. Vorher entdeckte die U23-Athletin gemeinsam mit ihrem Trainer in Eigenregie ihre Leidenschaft und ihr Talent für den Hochsprung. Mittlerweile hat sie die Weichen in Richtung Leistungssport gestellt, lebt im Sportinternat in Hannover und trainiert dort am Olympiastützpunkt. Das alles soll erst der Anfang der Karriere gewesen sein.

Kindheit im Olympischen Dorf

Aufgewachsen ist Dorothea Gantert in München im Olympischen Dorf der Spiele von 1972. „Die Leichtathletik-Anlage war fünf Minuten zu Fuß entfernt und meine Mutter kannte eine Trainerin dort.“ Damit lag es nahe, dass die damals Sechsjährige zum Kindertraining bei der LG Stadtwerke München ging. „Wir haben viele Spiele gemacht und ein bisschen die verschiedenen Disziplinen der Leichtathletik ausprobiert“, erzählt die heutige Leistungssportlerin. Ein besonderes Talent für den Hochsprung fiel damals noch nicht auf.

Auch für Wettkämpfe kam noch keine große Begeisterung auf. „Ich habe schon mal bei einer Staffel oder an einem 800-Meter-Lauf teilgenommen. Das hat Spaß gemacht. Die Wettkämpfe waren aber auch immer voll und trubelig. Ich war auch frustriert, weil ich zu den Jüngsten in meinem Jahrgang gehört habe.“ In der sechsten Klasse hatte die Schülerin keine Lust mehr auf Leichtathletik und hörte damit auf.

Umzug und Auslandjahr führen zurück zur Leichtathletik

Nach einem Umzug nach Laatzen bei Hannover im Jahr 2019 suchte die damals 13-Jährige wieder nach einer sportlichen Freizeitbeschäftigung und landete in der Trainingsgruppe von Niels Langpap bei der SpVg Laatzen. „Dort ging es erstmal auch nur darum, sich zweimal pro Woche zu bewegen. Auch wegen Corona waren Wettkämpfe schwierig.“ Im Schulunterricht sprang sie später als Neuntklässlerin über 1,55 Meter, ohne zu wissen, wie diese Höhe einzuordnen war.

Das zehnte Schuljahr verbrachte Dorothea Gantert in den USA und meldete sich dort für das Leichtathletik-Team ihrer Highschool. „Der Trainer hat überlegt, wer welche Disziplin machen soll. Ich habe mich für den Hochsprung interessiert.“ Wettkämpfe hatten in diesem Umfeld plötzlich einen hohen Stellenwert. „Das ist in den USA so, nur zum Spaß geht das nicht. Ich habe mich drauf eingelassen und es hat mir gefallen.“ Andererseits waren die sportlichen Rahmenbedingungen auch noch alles andere als professionell. „Ich habe mir aus einer Lost-and-Found-Kiste alte Spikes herausgesucht, die eigentlich für die Mittelstrecke waren.“

Ohne große Anleitung begannen die ersten Versuche im Hochsprung. Und die waren erfolgreich. Die Austauschschülerin steigerte sich bis auf 1,68 Meter, qualifizierte sich für die Highschool-Meisterschaften des Bundesstaates Missouri und belegte dort den zweiten Platz. Zurück in Deutschland wollte die Neueinsteigerin ihre Ambitionen im Hochsprung weiterverfolgen. „Mir haben nur zwei Zentimeter für die Qualifikation zur U18-DM gefehlt.“ Damit stand das Ziel für das folgende Jahr fest: Die Norm von 1,71 Metern für die Jugend-DM in der Altersklasse U20.

„Von null auf hundert“ in der U20

Ein Spezialist für den Hochsprung war Niels Langpap nicht, aber auch er wurde von der entfachten Begeisterung und dem Ehrgeiz seiner Athletin angesteckt. „Mein Trainer hat sich in die Disziplin eingelesen, sich ausgetauscht und wie ich alles versucht, um das Beste rauszuholen.“ Unter anderem ohne eigene Anlage und Halle waren die Möglichkeiten in Laatzen zwar begrenzt, dennoch übertraf das Duo die eigenen Erwartungen.

Zu Beginn der Freiluftsaison 2024 übersprang Dorothea Gantert nicht nur die angepeilten 1,71 Meter, sondern floppte über 1,78 Meter. Das bedeutete nicht nur die Norm für die U20-DM, sondern sogar für die Deutschen Meisterschaften der Frauenklasse, die im Olympiajahr schon Ende Juni in Braunschweig ausgetragen wurden. „Das war dann meine erste Deutsche Meisterschaft überhaupt. Ich bin zwar 13. und damit Letzte geworden, hatte aber mit 1,70 Metern einen gültigen Sprung. Ich war einfach nur stolz, dabei zu sein.“

Professionalisierung führt zur U20-EM

Bei der U20-DM kam später noch Rang sechs (1,74 m) dazu und nach der Saison wurde die damals 17-Jährige in den Bundeskader aufgenommen. Für erste Trainingseinheiten fuhr sie an den Olympiastützpunkt im nahegelegenen Hannover, schließlich bis zu fünfmal pro Woche. Um die täglichen Pendelfahrten zu beenden, entschloss sich die Hochspringerin zu Beginn des Jahres 2025, ins Sportinternat nach Hannover umzuziehen. Die um ein Jahr gestreckte Schulzeit bringt mehr Freiraum für den Sport. Stützpunkttrainerin Annett Stein übernahm endgültig Trainingsplanung und Betreuung.

Im zweiten U20-Jahr steigerte sich Dorothea Gantert auf 1,82 Meter, lieferte konstante Höhen ab und gewann zuerst Bronze bei der Jugend-DM in der Halle (1,75 m) und im Freien sogar den Titel (1,80 m). Bei der U20-EM in Tampere (Finnland) durfte sie erstmals im Nationaltrikot starten und belegte dort im Finale den elften Platz (1,77 m). „Insgesamt ging es für mich in der U20 von null auf hundert. Einen großen Anteil daran hat mein Trainer aus Laatzen Niels Langpap, der sich total reingehängt hat, um mich zu unterstützen.“

Erste Stresssituationen gemeistert

Das Jahr 2026 ging die Schülerin locker an. Sie gehörte nicht mehr der U20 an, eine internationale Meisterschaft für die U23 gab es nicht und so ging es erstmal nur darum, weiter im Leistungssport anzukommen und weitere Erfahrungen zu sammeln. Die Hallensaison endete mit der Bestleistung von 1,84 Metern bei der Hallen-DM in Dortmund, was die Bronzemedaille bedeutete. Das nächste Erfolgserlebnis.

Im Freien machte Dorothea Gantert gleich auf diesem Niveau weiter und konnte sich weiter steigern. Ein Ergebnis der vorangetriebenen Professionalisierung. Erstmals beim „Tag der Überflieger“ in Essen meisterte die Hochspringerin 1,89 Meter, gleichbedeutend mit der Bestätigungsnorm für die EM, holte Silber bei der U23-DM (1,86 m) und gewann wieder mit 1,89 Metern in Kortrijk (Belgien) ihr erstes international besetztes Meeting. Plötzlich war im Vorfeld der Deutschen Meisterschaften in Bochum-Wattenscheid sogar eine EM-Teilnahme in Reichweite.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die Aufsteigerin bisher auch in größere Wettkämpfe gegangen war, geriet ins Wanken. „Ich wusste, dass es bei der DM weit nach vorn gehen könnte und es über die Rankingpunkte auch noch um die EM geht.“ Das Einspringen lief überhaupt nicht. „Ich habe 1,70 Meter gerissen und war gestresst. Eigentlich wollte ich später einsteigen, diesen Plan haben wir dann noch geändert.“ Auch unter diesen Umständen klappten die ersten Höhen dennoch. Je höher die Latte lag, desto wohler fühlte sich die junge Athletin. Gleich im ersten Anlauf floppte sie über 1,89 Meter. Keine Konkurrentin konnte das an diesem Tag überbieten. Auch das EM-Ticket war damit sicher. In der Qualifikation in Birmingham sprang die Deutsche Meisterin 1,84 Meter, für das Finale reichte das noch nicht. 

Abitur und U23-EM stehen vor der Tür

Viel Zeit, ihre aufregende Saison zu verarbeiten, blieb nicht. „Die Schule in Niedersachsen hatte schon während der EM wieder angefangen. So ging es für mich direkt zurück in den Unterricht. Das war hart.“ Nach einer kurzen Pause lief auch das Training wieder an.

Im kommenden Jahr steht mit dem Abitur der Schulabschluss bevor. Sportlich bietet der Sommer unter anderem die U23-EM in Bydgoszcz (Polen; 22. bis 25. Juli), die Qualifikation möchte sie im Trikot von Hannover 96 als neuem Verein schaffen. „Die U23-EM ist mein Ziel. Vor allem möchte ich aber den Spaß behalten, den ich auch in der vergangenen Saison hatte, und schauen, was rauskommt.“ Das bezieht sich auch auf die anstehende WM in Peking (China; 11. bis 19. September). 

Dorothea Gantert ist sicher, dass in allen für den Hochsprung relevanten Bereichen noch mehr drin ist. „Allein im Kraft- und Athletikbereich habe ich noch etwas aufzuholen, was mir wegen meiner wenigen Trainingsjahre noch fehlt.“

Video: Youngster Dorothea Gantert fliegt über 1,89 Meter
Video-Interview: Dorothea Gantert: "Ich habe davon geträumt"

Das sagt DLV-Teamleiterin Brigitte Kurschilgen:

Die Entwicklung von Dorothea war die Überraschung des Jahres. Sie hat konstant Leistungen auf höherem Niveau gezeigt. Eine so große Steigerung ist ein Indikator für Talent. Die Belohnung dafür war der Start bei den Europameisterschaften. Dort war Dorothea nicht ganz zufrieden, aber ihre 1,84 Meter waren in Ordnung. Für eine junge Athletin ist die erste Qualifikation bei einer internationalen Meisterschaft eine neue Erfahrung und viele haben nicht gleich beim ersten Mal das Finale erreicht. Andererseits zeigt ihre Enttäuschung ihren hohen Anspruch an sich selbst und wo sie gern hinmöchte.

Dorothea ist eine gute Wettkämpferin und lässt sich nicht von großen Namen beeindrucken. Sie macht ihr Ding, wie der Tag der Überflieger oder auch die Deutschen Meisterschaften gezeigt haben. Sie ist fokussiert und bereit, ihr Leben auf den Sport auszurichten. Es gehört etwas dazu, in ein Internat zu gehen und die Schulzeit zu strecken.

Als Hochspringerin zeichnet sich Dorothea durch ihre Sprunggewalt aus. Potenzial besteht noch bei der Lattenüberquerung. Im Anlauf sind die Bodenkontaktzeiten noch lang. Das liegt auch am späten Einstieg ins gezielte Training. Mit Annett Stein hat Dorothea eine erfahrene Trainerin an ihrer Seite und die Arbeit an den genannten Punkten hat schon begonnen. Im Vergleich zum vergangenen Jahr sind Verbesserungen zu erkennen, die auch den Leistungssprung mit ermöglicht haben.

Für das kommende Jahr sehe ich ein Potenzial von 1,92 Metern. Je nachdem, wie konstant und bei welchen Wettkämpfen diese Höhen gelingen, traue ich Dorothea auch eine WM-Teilnahme zu. Beständigkeit hat sie schon in diesem Sommer gezeigt. Und bei der U23-EM geht es im Bereich von 1,90 Meter um die Medaillen.

Teilen
#TrueAthletes – TrueTalk

Hier finden Sie alle Folgen des Podcasts des Deutschen Leichtathletik-Verbandes!

Zum Podcast
Jetzt Downloaden
DM-Tickets