Für Anna-Elisabeth Ehlers ist es ein Jahr voller Highlights gewesen. Nach ihrem Durchbruch im Siebenkampf folgte ein Einzelstart bei der EM im Hochsprung sowie ein erfolgreicher Saisonabschluss mit Bestleistung in Talence (Frankreich). Im Interview spricht die 20-Jährige über ihre starke Leistungsentwicklung, die Liebe zum Siebenkampf sowie ihre nächsten Ziele.
Anna-Elisabeth Ehlers, herzlichen Glückwunsch zur neuen Bestleistung von 6.374 Punkten im Siebenkampf sowie Platz zwei beim "Decastar"-Meeting in Talence.
Anna-Elisabeth Ehlers:
Vielen lieben Dank.
Mit sechs Bestleistungen in sieben Disziplinen waren die zwei Wettkampftage sicherlich der perfekte Saisonabschluss für Sie. Wie haben Sie den Mehrkampf erlebt?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ja, auf jeden Fall. Der Mehrkampf hat unglaublich viel Spaß gemacht, sonst wäre das auch gar nicht möglich gewesen. Die Zuschauer und die Atmosphäre in Talence waren total krass. Ich wollte einfach noch einen Wettkampf machen, dann hat irgendwie alles funktioniert und ich habe einen nahezu perfekten Siebenkampf hingelegt.
Der Wettkampf ist Mitte September gewesen, Sie haben schon eine Saison mit vielen Highlights hinter sich gehabt. Da wäre es verständlich gewesen, dass die Luft eher raus ist. Sie hingegen haben noch einmal sehr stark performt. Wie haben Sie sich vor dem Wochenende in Talence gefühlt?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ich muss zugeben, dass es nach Birmingham vor allem sehr schwer war, die Motivation fürs Training aufzubringen. Besonders weil bei uns auf dem Track in Leverkusen so viele in die Off-Season gegangen sind und ich eigentlich immer alleine war. Aber ich habe auch im Training schon gemerkt, dass da einfach unglaublich viel geht. Zudem hat das Training trotz der schweren Motivation viel Spaß gemacht.
Können Sie für sich bei gleich sechs Bestleistungen trotzdem ein Highlight ausmachen, über das Sie sich besonders gefreut haben?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ja, das waren tatsächlich gleich am Anfang die 100 Meter Hürden. Weil ich über diese Distanz im letzten Jahr das erste Mal unter 15 Sekunden gelaufen bin und dieses Jahr jetzt das erste Mal unter 14 Sekunden. Dass ich dabei direkt 13,78 Sekunden laufe, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Das hat mich gleich von Anfang an so unglaublich happy gemacht und war wirklich cool.
Wie fühlt es sich für Sie an, in einem internationalen Feld direkt hinter der belgischen Olympiasiegerin Nafissatou „Nafi“ Thiam Zweite geworden zu sein?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Unglaublich! Auch damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Weil ich als Neunte angereist bin, wollte ich noch mal einen guten Wettkampf machen und ein paar Punkte auf die „PB“ packen. 150 Punkte hatte ich allerdings nicht erwartet, auch nicht den zweiten Platz – und das direkt hinter Nafi, einer mehrfachen Olympiasiegern. Auch weil ich eine der noch relativ jungen Athletinnen in diesem starken und erfahrenen Feld war. Ich muss sagen, dass ich die Punktzahl noch gar nicht so ganz realisiert habe.
Wie stark Ihre Leistung war, zeigt unter anderem auch Ihre Vielfalt an Bestmarken – Sie haben sich in allen Bereichen des Mehrkampfes steigern können. Worauf hatten Sie im Vorfeld mögliche Schwerpunkte im Training gesetzt, dass in nahezu jeder Disziplin ein weiterer Leistungsschub möglich war?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ich glaube, dass wir im Training vor allem einen Schwerpunkt auf Geschwindigkeit gesetzt haben. Weil das dann natürlich bei allen Disziplinen viel gut macht. Auch haben wir viel an der Hürden- und Speertechnik gearbeitet. Bei dem Rest haben wir einfach darauf vertraut, dass es läuft. (lacht)
Rückblickend war bereits Ihr Saisoneinstieg sehr erfolgreich, als Sie Ihre „PB“ aus dem Vorjahr in Arona um mehr als 500 Punkte steigern und erstmals über 6.000 Punkte erzielen konnten. Wie erklären Sie sich diese starke Leistungsentwicklung?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ich denke, dass ist vor allem auf den Trainerwechsel zurückzuführen. Im November letzten Jahres bin ich von der Jugendgruppe bei uns in Leverkusen zum Frauen-Bundestrainer Jörg Roos gewechselt und da waren dann die Trainingsinhalte schon um einiges intensiver und haben bei mir wirklich unglaublich gut angeschlagen. Die waren top auf mich abgestimmt, das hatte sich auch in der Hallensaison schon gezeigt, als eine Bestleistung nach der anderen gefallen ist.
Was waren nach dem Wechsel die größten Veränderungen im Training, die neu für Sie waren?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Zum einen die Anzahl der Trainingseinheiten – statt sechsmal die Woche trainiere ich jetzt neunmal. Zum anderen ist das Training um einiges härter, zugleich aber auch sehr verletzungsvorbeugend. Dieses Jahr zum Beispiel hatte ich keine einzige Verletzung.
Eine Gemeinsamkeit, die Sie mit Nafissatou Thiam haben, ist die Stärke im Hochsprung. Mit Gold bei der U23-DM sowie der EM-Teilnahme in Birmingham haben Sie unter Beweis gestellt, dass sie bei den Spezialistinnen durchaus konkurrenzfähig sind. In Talence konnten Sie noch einmal ihre Bestmarke knacken und sind über 1,91 Meter gefloppt. Woher kommen diese Höhenflüge? Noch vor ein paar Jahren haben Sie den Hochsprung eher weniger gemocht...
Anna-Elisabeth Ehlers:
So genau weiß ich das auch nicht, irgendwie hat sich diese Disziplin über die Jahre so ein bisschen eingegroovt und dann ging es einfach. Da habe ich mir dann nicht mehr so viele Gedanken darüber gemacht und dann ist mir das auch leichter gefallen. Umso leichter es einem fällt, desto lieber macht man es dann natürlich auch.
Käme für Sie ein Wechsel zum Hochsprung in Frage?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Nein, auf keinen Fall nicht. Dafür liebe ich die Vielschichtigkeit des Siebenkampfes viel zu sehr. Ich glaube, dass wenn ich mein Leben lang immer das Gleiche trainieren würde, dann wäre mir das auf jeden Fall zu langweilig. Auch würde ich sagen, dass mein Potenzial im Siebenkampf viel höher ist als im Hochsprung. Zudem macht es einfach unglaublich viel Spaß, über diese zwei Tage hinweg siebenmal mein Bestes zu geben.
In welchen Disziplinen sehen Sie noch ihr größtes Potenzial?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Im Sprint und über 800 Meter könnte auf jeden Fall noch ordentlich was gehen. Auch hoffe ich, dass mit dem Speer noch ein bisschen mehr kommt.
Die zurückliegende Saison war für Sie nicht nur sehr lang, sondern hielt auch einige Höhepunkte für Sie bereit. Wie sind Sie damit zurechtgekommen, solch ein hohes Pensum abzuliefern?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Von meiner Seite aus war das wirklich in Ordnung, auch wenn es nach außen vielleicht so gewirkt hat, als ob es sehr viel war. Mein Coach hat mir da sehr viel Freiraum gelassen in dem, was ich auch wirklich machen wollte. Für den Kopf war es schon ein krasses Gefühl, so viele Saisonhöhepunkte zu haben. Körperlich hingegen war es weniger schwierig. Die Mehrkampf-DM in Hannover habe ich dann zum Beispiel ausgelassen, um in Talence noch einmal ordentlich Punkte für das World-Ranking zu sammeln.
Einer dieser Höhepunkte war auch die EM, bei der Sie im Hochsprung zum ersten Mal im Nationaltrikot bei den Aktiven am Start waren. Wie haben Sie dieses Debüt für sich erlebt?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Es hat auf jeden Fall unglaublich viel Spaß gemacht. Ich muss aber auch sagen, dass das Team super entspannt war – ganz anders als in der Jugend. Als Siebenkämpferin etwas komisch für mich war, dass ich für eine Einzeldisziplin nach Birmingham geflogen bin. Da war ich dann mit einem Koffer und ein paar Spikes unterwegs, habe meine paar Sprünge gemacht und war wieder fertig. Umso schöner waren dann noch die Tage danach, als ich jeden Tag im Stadion war und das Team anfeuern konnte. Letztlich konnte ich viel Erfahrung sammeln, so dass es für das nächste Mal dann leichter ist, eine solche Meisterschaft zu bestreiten.
Mit Blick auf die nationale Konkurrenz fällt auf, dass der deutsche Siebenkampf momentan sehr stark vertreten ist und einen kleinen Boom erlebt. Wie empfinden Sie diese Konkurrenzsituation?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ich finde das echt cool. Wir haben jetzt sehr viele Athletinnen mit einer Leistung über 6.150 Punkte. Das ist sehr bemerkenswert. Aber wir sind auch ein wirklich tolles Team. Wir unterstützen uns und wir gönnen uns das auch alle gegenseitig. Letztlich gehört es zum Einzelsport dazu, dass andere auch mal besser sind. Dann gönnst du es denen trotzdem. Von daher finde ich das sehr schön, wie sich alles entwickelt.
Neben Ihrem intensiven Trainingsumfang als Mehrkämpferin kommt noch ein Jura-Studium dazu, was nicht weniger Zeit beanspruchen dürfte. Wie bekommen Sie beides unter einen Hut?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ich glaube, dass man sich das schlimmer vorstellt, als es ist. Weil wir keine Pflichtvorlesungen haben, bin ich recht flexibel und muss nur in der Klausuren-Phase viel lernen. Aber bis dahin ist das alles sehr in Ordnung, man muss einfach gut selbstorganisiert und eigenständig sein.
Auch wenn Sie sich zunächst in die wohlverdiente Saisonpause verabschieden – haben Sie sich bereits Ziele für das kommende Jahr gesteckt? Es steht eine U23-EM und eine WM der Aktiven an...
Anna-Elisabeth Ehlers:
Tatsächlich habe ich mir schon beides ein bisschen angeguckt. Vom Termin her, ist beides möglich. Die U23-EM ist Ende Juli und die WM in Peking sehr spät im September. Da guckt man schon in beide Richtungen, sammelt Ranking-Punkte und dann schaue ich, was dabei herumkommt. Aber da ich jetzt seit einem Jahr erst in diesem Ranking-System drin bin, habe ich mir noch gar nicht so wirklich Gedanken drüber gemacht, was genau ich davon halte. Ich mache das einfach mit und vielleicht reicht es für einen Start in Peking.
Die Direktnorm liegt bei 6.550 Punkten. Angesichts Ihrer Steigerung von knapp 700 Punkten in diesem Jahr wirkt auch dieser Bereich nicht außer Reichweite. Was erwarten Sie von sich selbst für das Jahr 2027?
Anna-Elisabeth Ehlers:
Ich habe vor, weiter zu wachsen und gerade das auszubauen, was jetzt dieses Jahr so gut funktioniert hat. Und die Defizite, also die Lücken, die noch da sind, ein bisschen zu lösen. Welch eine Punktzahl dabei am Ende rauskommt, das wird sich zeigen, da mache ich mir keinen Druck. Ich versuche mir immer zu sagen, dass ich noch Zeit habe. Nächstes Jahr möchte ich auch noch einmal ganz entspannt die U23 mitnehmen, da dies mein letztes Jahr in dieser Altersklasse sein wird.
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