| Interview

Anna Langerwisch: „Ich habe erst während Corona mit dem Laufen angefangen“

Die deutsche Marathonläuferin Anna Langerwisch läuft durch ein blaues Zielband mit der Aufschrift Berlin-Marathon 2026. Sie lächelt und hebt ihre Arme seitlich in die Höhe. © SCC Events / Petko Beier
2020 startete Anna Langerwisch (SCC Berlin) ihre Leichtathletik-Karriere als Joggerin. Am Sonntag lief die 25-Jährige beim Berlin-Marathon als schnellste Deutsche ins Ziel. Mit 2:27:31 Stunden blieb die Berlinerin in ihrem erst dritten Marathon klar unter der 2:30-Stunden-Marke. Im Interview der Woche spricht die Kriminaloberkommissarin über ihr Rennen in der Heimatstadt, ihren ungewöhnlichen Weg in die Laufszene und ihre ersten Monate als Profi-Athletin.
Martin Neumann

Anna Langerwisch, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem starken Marathonrennen am Sonntag in Berlin!

Anna Langerwisch:
Vielen Dank.

Wie fühlen sich die Beine am Tag nach 42,195 Kilometern und dem anschließenden Interviewmarathon an?

Anna Langerwisch:
Tatsächlich besser als gedacht. Ein bisschen Muskelkater ist natürlich da, aber insgesamt fühlen sie sich ganz gut an. Ich glaube, ich habe das gestern noch ganz gut rausgetanzt.

Wie sah denn der Marathon nach dem Marathon aus?

Anna Langerwisch:
Nach den ganzen Presseterminen und Interviews ging es abends noch auf die After-Race-Party. Ich bin um eins gegangen, aber ich glaube, die Party ging noch sehr viel länger.

„Das Training hat eine solche Zeit angedeutet“

Kommen wir von der After-Race-Party zum Pre-Race: Mit welchen Ambitionen sind Sie am Sonntag ins Rennen gegangen? Wussten Sie, dass eine Zeit klar unter 2:30 Stunden möglich sein kann? 

Anna Langerwisch:
Vom Training her hätte das auf jeden Fall drin sein müssen. Deshalb habe ich mir schon sehr gewünscht, dass wir diese Marke knacken. Dass es dann tatsächlich 2:27 Stunden werden, war mir nicht bewusst. 2:27 Stunden war wirklich das Optimum, mit dem ich gerechnet habe. Aber ob der Plan dann auch aufgeht, ist immer eine kleine Wundertüte.

Sie sind sogar etwas schneller angelaufen, die Halbmarathon-Durchgangszeit lag bei 72:35 Minuten …

Anna Langerwisch:
… genau, das war so nicht geplant. Man kann sich im Nachhinein natürlich die Frage stellen, wie es gewesen wäre, wenn ich konstant gelaufen wäre. Aber ich glaube, es hat trotzdem ganz gut gepasst.

Haben Sie auf der zweiten Rennhälfte den „Mann mit dem Hammer“ getroffen?

Anna Langerwisch:
Nein, nicht direkt. Aber man merkt natürlich irgendwann die muskuläre Ermüdung. Die tritt aber so oder so irgendwann ein.

„Das Laufen war zunächst der Ausgleich für den Berufsalltag“

Sie sind als Berlinerin strahlend vor dem Brandenburger Tor ins Ziel gelaufen. Wann wussten Sie, dass Sie in Ihrer Heimatstadt als schnellste Deutsche ins Ziel kommen würden? 

Anna Langerwisch:
Das hat sich tatsächlich schon relativ früh im Rennverlauf abgezeichnet, als irgendwann das Auto mit der Aufschrift „Erste deutsche Frau“ vor mir herfuhr. Das hat mich total überrascht. Ich dachte zuerst, es wäre ein Fehler, weil es so früh kam. Ich glaube, ab Kilometer 15 oder so war das Auto vor mir. Das war sehr, sehr überraschend.

Bisher waren Sie allenfalls Insidern der deutschen Laufszene bekannt. Wie sind Sie zur Leichtathletik gekommen? 

Anna Langerwisch:
Ich komme tatsächlich gar nicht aus der klassischen Leichtathletik. Ich habe 2020, in der Corona-Zeit, ganz normal mit dem Joggen angefangen und einfach kontinuierlich weitergemacht, weil es mir Spaß gemacht hat und ein guter Ausgleich zum Dienstalltag war. Letztes Jahr bin ich dann meinen ersten Marathon gelaufen. Da scheint irgendwie der Knoten geplatzt zu sein, und seitdem rollt es.

Sie haben also nie klassische Bahnrennen bestritten? 

Anna Langerwisch:
Nein. In der Kindheit und Jugend habe ich Fußball gespielt, aber Leichtathletik war eigentlich nie ein Thema.

„Ich kann unter Profibedingungen trainieren“

Sie haben Ihren ersten Marathon angesprochen. Den haben Sie vergangenes Jahr bestritten und sind knapp 2:42 Stunden gelaufen. Inzwischen haben Sie drei absolviert und sind bei 2:27 Stunden angekommen. Wie sehen Ihre nächsten Ziele aus?

Anna Langerwisch:
Das Ziel ist natürlich immer, sich weiter zu verbessern. Ich bin ganz gespannt, was noch gehen kann. Ich glaube, das Potenzial ist noch nicht ausgeschöpft. Wir haben noch einige Stellschrauben, an denen wir drehen können. Ich lasse mich da auch ein bisschen überraschen. Die nächste Saison haben wir noch nicht geplant. Das machen wir mit etwas Abstand zum Marathon, und dann schauen wir, was wir nächstes Jahr vorhaben.

Blicken wir zwei Jahre zurück auf die Unterdistanz: 2024 sind Sie über 10 Kilometer 37:54 Minuten gelaufen, in diesem Jahr 32:17 Minuten. Was ist das Geheimnis dieser enormen Steigerung? 

Anna Langerwisch:
Das weiß ich tatsächlich auch nicht, für mich kommt das alles ebenfalls überraschend. Die Steigerung kommt natürlich durch strukturiertes Training. Aber wir haben bisher nie ein 10-Kilometer-Rennen mit dem Fokus auf dieses Rennen vorbereitet. In der Regel bin ich aus dem Marathontraining heraus gelaufen. Ich kann es mir selbst gar nicht richtig erklären. Wahrscheinlich liegt es wirklich am guten Training, das ich seit Anfang des Jahres absolvieren darf.

Trainieren Sie in Berlin allein oder in einer Gruppe?

Anna Langerwisch:
Sowohl als auch. Die Tempoeinheiten und die marathonspezifischen Einheiten mache ich sehr gerne mit meiner Trainingsgruppe bei Timo Göhler. Lockere Läufe absolviere ich auch mal allein.

„In St. Moritz kamen 180 Wochenkilometer zusammen“

Sie sind eine noch sehr „trainingsjunge“ Athletin. Wie viele Kilometer kommen in der Spitze der Marathonvorbereitung pro Woche zusammen?

Anna Langerwisch:
Im Trainingslager in St. Moritz haben wir versucht, ein bisschen etwas zu riskieren und zu schauen, was geht. Da ging es in der Spitze schon bis zu 180 Wochenkilometern.

Sie haben angesprochen, dass Sie seit Jahresbeginn von der Spitzensportförderung der Berliner Polizei profitieren. Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aktuell aus?

Anna Langerwisch:
Ich bin zu 100 Prozent freigestellt, kann mich komplett auf Training und Regeneration konzentrieren. Darauf liegt der Fokus. Ich muss nicht zwischendurch noch zum Dienst, das ist eher für wettkampfarme Zeiten vorgesehen. Das sind aber eher Tagesseminare, um die Berechtigungen zu behalten. Lehrgänge muss ich zumindest nach aktuellem Stand nicht besuchen. Da ich ausgelernt bin und im polizeilichen Sinne Berufserfahrung habe, steht erst einmal nichts an.

Ausgelernt heißt: Polizeikommissarin?

Anna Langerwisch:
Genau, inzwischen bin ich Kriminaloberkommissarin. Nach meinem Studium war ich knapp drei Jahre im Dienst, bevor es in die Sportförderung ging.

Bei bis zu 200 Kilometern pro Woche – wofür bleibt abseits der Laufstrecke noch Zeit?

Anna Langerwisch:
Natürlich treffe ich mich super gern mit Freunden. Das ist manchmal etwas schwierig, wenn man vor allem tagsüber Zeit hat und die anderen arbeiten. Und ich muss ehrlich sagen: Wenn man sein Hobby zum Beruf macht, ist es quasi, als hätte man auf einmal kein Hobby mehr. Deshalb probiere ich mich gerade ein bisschen aus. Man hat viel mehr Zeit, gut zu kochen, zu backen, sich kreativ auszuleben und immer wieder Bücher zu lesen.

Mehr:
Rennbericht Berlin-Marathon

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