| Interview

Mohamed Abdilaahi: „Ich bin wieder voll zurück im Training“

Der deutsche Läufer Mohamed Abdilaahi breitet im Ziel des Diamond-League-Meetings in Shanghai/Keqiao jubelnd die Arme aus und zeigt mit beiden Zeigefingern zur Seite. Er trägt ein gelb-blaues Trikot und blaue Shorts. Im Hintergrund sind das Stadion mit Omega-Banden und Kameraleute zu sehen. © Gladys Chai von der Laage
Eigentlich wäre Mohamed Abdilaahi bei der EM in Birmingham ein Medaillenkandidat gewesen, doch eine Fußverletzung bremste den Läufer von Cologne Athletics im Sommer aus. Inzwischen ist er zurück im Training. Im Interview spricht er über die verpasste EM, seine Führung über zwei Strecken in der Weltjahresbestenliste, die Pläne für die WM-Saison 2027 in Peking, seine Rekord-Ambtionen und das Halbmarathon-Debüt, das ihn schon lange reizt.
Martin Neumann

Mohamed Abdilaahi, wir stecken mitten in der Straßenlaufsaison. Wie läuft Ihr Training aktuell?

Mohamed Abdilaahi:
Sehr gut. Ich bin gerade die zweite Woche zurück im Training. Davor hatte ich eine Off-Season von etwa vier Wochen eingelegt. Im Sommer habe ich ja leider den EM-Start verpasst. Umso schöner, dass es jetzt schon wieder sehr gut läuft.

Wie viele Kilometer stehen denn auf dem Plan?

Mohamed Abdilaahi:
Heute ein Long Run über 20 Kilometer. Insgesamt habe ich in dieser zweiten Trainingswoche schon wieder 140 Kilometer abgespult. In den nächsten Wochen wird das Stück für Stück mehr werden.

Welche Verletzung hat Sie eigentlich im Sommer ausgebremst?

Mohamed Abdilaahi:
Ich hatte Probleme mit dem Fuß, und zwar schon länger. Im Lauf der Saison ist es schlimmer geworden. Extreme Probleme hatte ich von Mitte Juli an, also ungefähr zum Zeitpunkt der Diamond League in London. Auslöser war, dass ich Ende Februar im Trainingslager in Äthiopien heftig umgeknickt bin. Die betroffene Seite hat danach immer wieder Probleme gemacht: einmal die Achillessehne, öfter auch der Fußrücken. Als ich zum Ende des letzten wichtigen Trainingsabschnitts in Font-Romeu war und sehr viel auf unebenem Boden gelaufen bin, wurden die Probleme noch viel gravierender, weil der Fuß viel Stabilität verloren hatte. Irgendwann ging normales Laufen nicht mehr. Wir mussten das Training so stark reduzieren, dass eine normale Vorbereitung nicht mehr möglich war.

„Ich hatte schnell das Gefühl, wieder umzuknicken“

Vor allem an Laufen in Spikes war wahrscheinlich nicht zu denken. Beim Diamond-League-Meeting in London mussten Sie im Meilen-Weltrekordrennen von Josh Kerr dann aussteigen ...

Mohamed Abdilaahi:
... genau, dort bin ich leider ausgestiegen. Zwischenzeitlich war es wirklich schlimm, aber nichts, was mir in den nächsten Jahren Probleme bereiten wird, weil wir rechtzeitig reagiert haben. In Font-Romeu gibt es einen Rasenplatz, auf dem ich mich einlaufen kann. Dort konnte ich zwischenzeitlich kaum Kilometer laufen, ohne das Gefühl zu haben, wieder umzuknicken. So schlimm war es zu diesem Zeitpunkt. Und mit Spikes hat es sich auch nicht mehr gut angefühlt. Zu Beginn einer Einheit ging es meistens noch, hinten raus wurde es immer schlimmer. Deshalb musste ich meinen EM-Start schweren Herzens absagen.

Bei der EM in Birmingham wären Sie Medaillenkandidat gewesen. Haben Sie die Rennen im Fernsehen verfolgen, oder haben Sie lieber gar nicht eingeschaltet?

Mohamed Abdilaahi:
Doch, ich habe zugeschaut. Ich war aber sehr traurig, dass ich nicht dort sein konnte, weil das wirklich das Jahr war, in dem ich gezeigt habe, was möglich ist. Ich habe mich in der Weltspitze etabliert und konnte Diamond-League-Siege feiern. Meine schlechteste Platzierung in der Diamond League war ein zweiter Platz. Das ist sehr vielversprechend und gibt mir viel Mut für die Zukunft. Gott sei Dank habe ich meine Probleme jetzt wieder im Griff. Verletzungen gehören dazu, und ich glaube, dass ich noch viel erreichen kann. Wie die Medaillen teilweise vergeben wurden, hat mir gezeigt, dass ich in den nächsten Jahren vorne mit dabei sein kann.

Sie sprechen es an: Sie haben sich in der Weltspitze etabliert. Sie führen Ende der Saison sogar die Weltjahresbestenliste mit Ihren Deutschen Rekorden über 3.000 Meter mit 7:25,77 Minuten und 10.000 Meter mit 26:56,68 Minuten an. Ist das wenigstens eine kleine Genugtuung nach der verpassten EM?

Mohamed Abdilaahi:
Es zeigt mir auf jeden Fall, dass ich dieses Jahr der Beste war, auch wenn ich es bei der EM leider nicht zeigen konnte. Zwischenzeitlich hatte ich sogar das Gefühl, dass ich noch viel schneller laufen kann. Auf meiner Paradestrecke, den 5.000 Metern, habe ich mich gar nicht richtig gezeigt, weil wir in Xiamen nicht die besten Bedingungen hatten. Am Wettkampftag hatten wir 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und 30 Grad. Dass ich trotzdem unter 13 Minuten laufen konnte, ist mit Zeiten, die in Europa gelaufen werden, nicht zu vergleichen. Da geht noch deutlich mehr. Ich glaube, in den nächsten Jahren reden wir nicht mehr über Deutsche Rekorde. Ich konzentriere mich auf ganz andere Zeiten.

„Ich glaube, dass ich weitere Rekorde brechen kann“

Da machen Sie uns neugierig. Welche Zeiten spuken Ihnen für die kommenden Jahre im Kopf herum?

Mohamed Abdilaahi:
Ich glaube, es ist besser, das offen zu lassen. Aber es sagt ja schon einiges aus, wenn man sich nicht mehr auf Deutsche Rekorde konzentriert. Dann bleiben nur noch Europarekorde und Weltrekorde. Ich sage mal so: Ich habe keine Angst davor und glaube durchaus, dass ich sie brechen kann.

Blicken wir auf 2027. Wie sehen Ihre Pläne für die kommende Saison aus?

Mohamed Abdilaahi:
Ich hoffe, dass ich jetzt eine super Vorbereitung haben kann. Im Winter weiß ich noch nicht genau, bei welchen Straßenläufen ich starten werde. Ich kann mir vorstellen, Rennen über 5 und 10 Kilometer mitzunehmen, vor allem über 5 Kilometer. Dort kann man jetzt offiziell einen Deutschen Rekord laufen. Das reizt mich sehr. Es ist sehr schön, dass der DLV da nachgezogen hat, denn es gab ja schon offizielle Europa- und Weltrekorde über diese Strecke. Das ist eine Sache, die ich abhaken möchte. Und ein 10-Kilometer-Lauf gehört bei mir meistens auch dazu. Dann muss ich schauen, ob ich eine Hallensaison bestreite. Eine volle würde ich nicht machen, eher würde ich mich mal präsentieren, vielleicht über 3.000 und 1.500 Meter. Danach geht es wieder in die Vorbereitung, um topfit in die Sommersaison zu gehen.

Sie waren dieses Jahr schon bei der Diamond League in China. Im nächsten Jahr findet die WM in Peking statt. Ist das der absolute Saisonhöhepunkt für Sie?

Mohamed Abdilaahi:
Auf jeden Fall. Wir haben vor, dort unseren Peak zu setzen. Mein Vater, der mich ja trainiert, und ich planen die Saison ein bisschen anders. Wir wollen wahrscheinlich später als üblich in die Diamond-League-Saison einsteigen, um den absoluten Höhepunkt noch besser timen zu können. Ich glaube, ich muss nicht mehr so früh einsteigen. Seit diesem Jahr komme ich in eigentlich jedes Diamond-League-Rennen rein, sogar über 1.500 Meter beziehungsweise die Meile. Deshalb suchen wir uns etwas spätere Termine aus, um uns noch besser auf den Peak vorbereiten zu können. Aber klar: Die WM ist das absolute Ziel. Sie ist der größte Wettkampf im nächsten Jahr, und ich hoffe, dass ich dort in Form bin.

Sie haben das Training in Font-Romeu bereits angesprochen. Sind Sie dort häufiger im Trainingslager, trainieren Sie dort allein oder in einer größeren Gruppe

Mohamed Abdilaahi:
In den letzten zwei Jahren war ich sehr häufig dort, zusammengerechnet über mehrere Monate. Ich verbringe dort viel Zeit, weil es einfach ein cooler Ort ist. Man ist schnell bei den Wettkämpfen, Barcelona liegt nur zwei Stunden entfernt. Ich trainiere meistens allein, weil ich keiner Trainingsgruppe angehöre. Aber in den Höhentrainingslagern, ob in Flagstaff, St. Moritz oder Font-Romeu, findet man immer Athleten, mit denen man sich abstimmen und zusammen trainieren kann. Das ist auch in Font-Romeu der Fall.

„Der Halbmarathon reizt mich sehr“

Eine größere Läufergruppe haben Sie am zuletzt beim Berlin-Marathon mit mehr als 50.000 Startern erlebt. Wie hat Ihnen diese „Laufparty“ gefallen?

Mohamed Abdilaahi:
Extrem gut. Ich bin sehr dankbar, dass Renndirektor Mark Milde mich eingeladen hat. Er wollte die junge Generation schon einmal an den Marathon heranführen, und das ist ihm sehr gut gelungen. Ich kann mir durchaus vorstellen, irgendwann den Berlin-Marathon zu laufen. Aber erst einmal möchte ich natürlich meine Bahnkarriere hoffentlich erfolgreich beenden. Generell hat es Vorfreude auf die Straßenwettkämpfe gemacht, die in den nächsten Wochen und Monaten anstehen.

Das Marathon-Debüt soll also irgendwann kommen. Davor könnten Sie ja zunächst „halbe Sachen“ machen und Halbmarathons bestreiten. Gibt es da bereits Pläne?

Mohamed Abdilaahi:
Gute Frage. Wir reden zu Hause eigentlich schon seit Jahren über den Halbmarathon. Es ist eine Strecke, die mich sehr reizt. Es ist nur schwierig, ihn in die Bahnsaison zu integrieren. Entweder man läuft im Frühjahr und verpasst dadurch vielleicht einen Hallenwettkampf oder einen guten Zehner auf der Straße. Oder man läuft am Ende der Saison, muss dann länger trainieren und kann erst später in die Off-Season gehen. Ich kann mir aber vorstellen, dass es am Ende der nächsten Saison passt. Die ist mit der WM Mitte September in Peking ohnehin lang. Dann müsste ich noch einen Monat länger weitermachen und könnte vielleicht in Valencia starten oder im Frühjahr darauf in Berlin. Allerdings geht die Olympianorm über 10.000 Meter für 2028 in Los Angeles erst einmal vor. Die will ich auf jeden Fall zunächst abhaken.

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