| Interview

Merlin Hummel: „Ich mache das alles nicht, um nur Silber- oder Bronzemedaillen abzuholen“

Der deutsche Hammerwerfer Merlin Hummel im Nationaltrikot hebt die Arme zur Seite, beugt den Ellenbogen und spannt die Oberarmmuskeln an. © Torben Flatemersch
Nach Silber bei Welt- und Europameisterschaften hat Merlin Hummel (Eintracht Frankfurt) zum Saisonabschluss noch einmal abgeliefert und sich sich beim hochkarätig besetzten Hammerwurf der World Athletics Ultimate Championships in Budapest (Ungarn) durchgesetzt. Im Interview spricht er über das neue Wettkampfformat, sein Potenzial für die kommenden Jahre sowie seinen Ansporn, jeden Tag an seinen Fortschritten zu arbeiten.
Jane Sichting

Merlin Hummel, herzlichen Glückwunsch noch zu Ihrem Sieg in Budapest. Sie sind der Beste der Besten – wie fühlt sich das an, wie ordnen Sie das für sich ein?

Merlin Hummel:
Von der Leistung her ist es für den Wettkampf ein gutes Gefühl. Aber es braucht aus der Erfahrung heraus noch etwas Zeit, bis das im Kopf angekommen ist. Das ist immer ein bisschen überfordernd. Das Gefühl ist aktuell noch schwer zu beschrieben und es war etwas unerwartet. Auf einmal habe ich dieses Ding nach Hause geholt in einer schwierigen Situation, in der die anderen nicht performt haben. Mit den Gedanken bin ich gerade beim Urlaub (lacht). Zugleich blicke ich bereits mit Vorfreude auf das nächste Jahr, weil ich weiß, was noch alles im Tank drin ist.

Ihre ersten Wettkämpfe diese Saison haben Sie bereits im Mai absolviert. Waren die Ultimate Championships von Anfang an mit in Ihrer Wettkampfplanung vorgesehen?

Merlin Hummel:
Auf jeden Fall. Auch wenn das ein komplett neues System war und wir erst einmal ganz viele Daten sammeln mussten. Ursprünglich hatten wir es neben der EM als zweiter Hauptwettkampf eingeplant. Im Endeffekt war es jetzt von der Leistung her eher unfreiwillig der Hauptwettkampf und nicht ganz absehbar. Ich war bei Weitem besser drauf und es war so viel mehr Leistung da, die ich bei diesem Wettkampf nicht zeigen konnte. Aber es waren auch schwierige Bedingungen. Für die nächste Saison ist es aber gut, dass man so etwas weiß und daraus viel für das kommende Jahr mitnehmen kann.

Noch zu Beginn der Saison hatten Sie etwa beim Goldenen Oval gesagt, dass Sie noch viel mit der Technik herumspielen und es Geduld benötigt, bis alles so funktioniert, wie es sollte. Wie nah sind Sie über die Saison hinweg diesem Idealbild noch gekommen?

Merlin Hummel:
Ich glaube, den perfekten Wurf wird man nicht schaffen. Aber wenn man jetzt zum Beispiel den Weltrekord als 98 Prozent von „perfekt“ hinnimmt – bezogen auf die Weite und die Technik –, dann ist man noch meilenweit von „perfekt“ entfernt. Da bin ich etwa bei 60 bis 70 Prozent, wenn überhaupt. Da ist noch sehr viel Potenzial da. Von dem, was ich mir für diese Saison selbst vorgenommen habe, umzusetzen, habe ich eigentlich 100 Prozent erfüllt. Zwar habe ich dafür extrem viel Kapazität gebraucht und damit den ein oder anderen Kurzschluss in meinem Kopf erzeugt, aber wir haben da wirklich sehr hart gearbeitet. Deswegen bin ich überglücklich, dass ich das, was ich mir vorgenommen hatte, sogar ein bisschen übertroffen habe. Das ist sehr schön und deswegen setze ich große Hoffnungen in das nächste Jahr. 

Sie haben bereits die schwierigen Bedienungen in Budapest angesprochen. In Ihrem zweiten Versuch sind Sie im Ring ausgerutscht und gestürzt, was ein ziemlicher Schock gewesen sein dürfte. Wie haben Sie es geschafft, das schnell abzuhaken und direkt im dritten Versuch noch einmal starke 81,44 Meter hinterher zulegen?

Merlin Hummel:
Es passiert ja auch ab und zu im Training, dass es einen blöd hinlegt. Darum bin ich sehr dankbar für meine Reflexe, dass es mich nicht anders hingelegt hat. Das ist eine sehr rutschige Angelegenheit. Ich habe da gar nicht mehr groß drüber nachgedacht. Das wäre wahrscheinlich auch der größte Fehler gewesen, sich dann Sorgen zu machen, noch einmal hinzufallen. Ich wollte all-in gehen und dann wäre es mir auch egal gewesen, wenn ich mich noch einmal hingelegt hätte.

Zu beobachten war zudem, dass Sie in jeden Versuch mit einem Lächeln reingegangen sind und auch im Ring selbst noch einen sehr positiven Gesichtsausdruck hatten. Ist das eine mentale Komponente, mit der Sie sich positiv auf den Wurf einstimmen?

Merlin Hummel:
Definitiv. Das war schon ein krasses Learning, was ich die Saison mitgenommen habe. Jedes Mal, wenn ich nicht mit einem Lächeln an den Wettkampf herangegangen bin oder nicht mit der Einstellung, dass ich jetzt Spaß habe, den Wettkampf genießen darf und locker bleibe, sondern unbedingt eine bestimmte Marke knacken wollte, dann lief es nicht gut. Das war zum Beispiel auch in Dresden beim Goldenen Oval so und ist mir dann über das Jahr hinweg noch ein paar Mal passiert. Daher ist es mein Ziel, einen Wettkampf wie in Tokio zu machen. In Tokio habe ich auch die ganze Stimmung aufgesaugt, die Stadt, das Pre-Camp und einfach alles genossen. Dadurch war ich in einem entspannten Zustand und wusste, was ich drauf habe. Und ich glaube, das ist die optimale Herangehensweise, wie ich es in Zukunft machen möchte. Das hat sich gut bewährt.

Sind Sie in Budapest angesichts der veränderten Modalitäten mit nur maximal vier Würfen anders in den Wettkampf gegangen als sonst?

Merlin Hummel:
Im Endeffekt war das kurz im Kopf drin, weil du in zwei Versuchen performen musst. Aber mein Sportpsychologe, mit dem ich noch einmal kurz gesprochen hatte, meinte zu mir, dass ich im Endeffekt zweimal einen Matchball habe. Und diese Einstellung habe ich dann mit in den Wettkampf genommen: Du hast zweimal eine Chance und die zwei Würfe müssen sitzen. Deswegen habe ich auch beim Einwerfen einen Wurf mehr gemacht. Im ersten Versuch bin ich in den Ring gegangen und wusste, dass ich keinen Sicherheitswurf machen werden. Dennoch bin ich nicht so schnell reingegangen, wie ich es hätte machen können. Ich musste einfach schauen, wo ich Abstriche machen kann, weil der Ring auch sehr nass war. Aber von der Einstellung her habe ich die vier Versuche – anders als die anderen – dankend angenommen und fand es auch für die Zuschauer cool, weil sechs Versuche manchmal etwas zäh sein können. Und auch für mich als Athlet fand ich vier Versuche ganz gut, da man bei großen Wettkämpfe ohnehin immer zwei misslungene Versuche hat. Die lässt man bei vier Versuchen dann einfach weg und dann hast du vier gute Würfe. (lacht)

Nachdem Sie direkt im ersten Versuch mit 81,46 Metern eine starke Weite stehen hatten, hat sich bei Ihnen eher eine Art Erleichterung eingestellt oder war da auch schon der Gedanke daran, dass es vielleicht für den Sieg gereicht haben könnte?

Merlin Hummel:
Es war eine sehr große Erleichterung, weil du, wenn der erste Versuch sitzt, definitiv drei oder gar vier Versuche sicher hast. Ich wollte dann natürlich noch mal einen drauflegen. Das ist dann das perfekte Fundament, um einfach loszulassen. Dann wollte ich ballern und die Rechnung kam dann direkt und mich hat es hingelegt.

Ungewohnt war nicht nur die Anzahl der Würfe, sondern auch die schwarze Kulisse im Stadion. Wie war es für Sie, in solch ein „schwarzes Nichts“ zu werfen? In eine schwarzgefärbte Weite anstatt auf strahlend grünen Rasen?

Merlin Hummel:
Ich habe das schnell angenommen. Auch fand ich die Athleten-Vorstellung cool, bei der wir uns nicht wie Soldaten in einer Reihe aufstellen mussten, sondern entspannt in unseren Gaming-Stühlen chillen konnten. Das ganze Konzept fand ich schon sehr cool. Auch das Stadion aus der Athletenperspektive fand ich wunderschön. Es ist ohnehin ein schönes Stadion. Ich war ja dieses Jahr schon einmal da. Aus dem Fernsehen und aus der Zuschauerperspektive ist es sogar noch zehnmal schöner.

Ein großes Thema der Ultimate Championships waren die hoch dotierten Prämien. Wenngleich das Preisgeld nicht der größte Ansporn für Athleten ist – denken Sie, dass solche Akzente ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung sind, um die Leichtathletik attraktiver zu machen?

Merlin Hummel:
Definitiv. Ich habe auch kurz mit Sebastian Coe gesprochen und fand es sehr interessant. Ich habe ihm auch gesagt, dass die Richtung, in die es geht, cool ist. Diese Preisgelder machen ein Meeting, das vom Prestige oder von der Wahrnehmung her vergleichbar zur Diamond League ist, zu etwas Besonderem mit mehr Adrenalin und mehr Motivation. Auch wenn die Ultimate Championships 2028 nach den Olympischen Spielen stattfinden. Ich glaube, dass dann solch ein Preisgeld-Pott noch mal ein cooles Tool ist, um Vollgas zu geben obwohl du denkst, dass nach dem Saisonhöhepunkt der Saft raus ist.

Anders als bei anderen großen Meisterschaften wurden in Budapest keine Medaillen vergeben. Stattdessen gab es für Platz ein eine Trophäe. Wird diese einen besonderen Platz bei Ihnen bekommen?

Merlin Hummel:
Ich habe meine Trophäen, als ich letztes Jahr umgezogen bin, ein bisschen aussortiert. Da ist nur noch dieses Case von der WM, ein schöner Pokal aus Spanien und die EM-Medaille. In diese Sammlung wird sich der fette Betonklotz aus Budapest gut mit einreihen. Die Trophäe wiegt sicher um die drei Kilo.

Im Interview mit der ARD unmittelbar nach Ihrem Wettkampf hatten Sie gesagt, dass Sie mit dem Weg, den Sie mit ihrem Team aktuell gehen, sehr glücklich sind. Wohin kann der noch führen? Was ist am ehesten Ihr Ansporn: Die magischen 85 Meter, der Deutsche Rekord von 1988, der bei 83,40 Metern liegt, WM-Gold oder der Olympiasieg?

Merlin Hummel:
Alles, was Sie gesagt haben. (lacht) Ich mache das alles nicht, um nur Silbermedaillen oder Bronze abzuholen. Das Ziel ist hoch gesteckt – sowohl mit den Weiten als auch mit den Platzierungen. Aber das ist nichts, wo ich verkrampft drauf schaue und mir sage, das muss dann und dort geschehen. Gucke. Es geht darum, diesen Weg zu gehen und gesund zu bleiben. Weiterhin technische Fortschritte zu machen und den Spaß beizubehalten. Der Rest kommt von alleine.

Nach Ihrem eigenen Wettkampf haben Sie sich an den beiden Folgetage noch die anderen Disziplinen inmitten der internationalen Leichtathletik-Elite angesehen. Fühlt sich das noch etwas unwirklich an oder sind Sie stolz, selbst ein Teil davon zu sein?

Merlin Hummel:
Beides so ein bisschen. Es ist natürlich ein anderer Vibe. Aber ich habe auch mit vielen geredet und das sind alles liebe und freundliche Menschen – auch wenn sie von außen vielleicht etwas unantastbar wirken. Auch war ich am Sonntag noch auf der Abschlussparty. Es ist schon wild, wie viele verschiedene Charaktere da sind. Vor allem die Amerikaner haben noch einmal einen ganz anderen Spirit. Aber dort dabei zu sein, das ist schon cool, es mal mitzunehmen.

Spätestens seit Ihrem zweiten Platz bei der WM bekommen Sie bei Erfolgen auch viel Zuspruch und Support über Social Media. Was bedeutet es Ihnen, dass Sie von so vielen Fans off- wie online gefeiert werden?

Merlin Hummel:
Das ist schon cool. Was da online passiert, das schwappt auch bei Wettkämpfen mit rüber. Es ist einfach schön, wenn junge Menschen zusammenkommen. Auch wenn es nur ein kleiner Prozentanteil ist, den ich inspirieren oder motivieren kann. Ich freue mich auch immer, wenn ich bei Wettkämpfen ein paar Wurf- oder Handschuhe unterschreiben darf.

Nach einer langen Saison steht für Sie zunächst der wohlverdiente Urlaub an. Wie sieht Ihre Saisonpause aus – lieber Aktivurlaub oder gar nicht tun?

Merlin Hummel:
Komplett gar nichts habe ich jetzt die drei Tage nach dem Wettkampf gemacht. Das war erst mal genug. Wichtig ist es mir, mal keinen Hammer in die Hand zu nehmen – auch für den Kopf. Man braucht ein bisschen Ruhe von diesem Werfen. Aber ich habe Bock auf Wandern. Auch habe ich eine Unterkunft mit Sauna. Ich werde jeden Tag wunderschöne Wanderrouten machen. Das wird für die kommenden zwei Wochen meine sportliche Betätigung sein, die Ausdauer zu trainieren. Danach folgt ein Bundeswehr-Lehrgang und dann werde ich schon wieder mit der Vorbereitung anfangen.

Ist diese dann bereits auf den Sommer 2027 ausgerichtet oder werden wir Sie auch im Winterwurf in Aktion sehen?

Merlin Hummel:
Das kommt darauf an, wie die Planung ausschaut und wie wir die Sachen priorisieren werden, so dass alles passend auf die WM zugeschnitten ist. Ich werde keine Wettkämpfe machen, bei denen ich noch nicht bereit bin oder nicht gut drauf bin. Ich werde schauen, wie gut ich Fortschritte erzielen kann und wann ich ready bin, diese Fortschritte in Wettkämpfen zu zeigen.

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