| Interview

Richard Ringer: „Ich habe Chancen, auch auf den Titel“

© Jan Papenfuß
Der Startschuss für den EM-Marathon in Birmingham fällt am Sonntagmorgen. Mit dabei ist auf dem schwierigen Kurs auch Titelverteidiger Richard Ringer (LC Rehlingen). Im Interview spricht er über seine Vorbereitung, welche Erwartungen er an das Rennen hat und wie er seine Chancen einschätzt.
Jane Sichting

EM 2026 Birmingham  Zeitplan LIve-Ergebnisse 

Richard Ringer, Sie stehen kurz vor dem Marathon-Rennen bei der EM in Birmingham. Die wichtigste Frage zuerst: Wie geht es Ihnen?

Richard Ringer:
Danke, sehr gut. Ich war bis Mittwoch noch in St. Moritz in der Höhe. Es ist alles bestens gelaufen in den letzten vier Wochen. Ich bin sehr zufrieden.

Sie waren zusammen mit Samuel Fitwi in der Schweiz. Haben Sie auch das Trainingslager gemeinsam absolviert?

Richard Ringer:
Wir haben uns schon abgesprochen. Aber es hatte jeder seine unterschiedlichen Trainingseinheiten. Letztlich hat sich dann doch mehr zusammen ergeben, als wir gedacht hatten. Das waren nicht nur Dauerläufe, sondern auch mal Programme, die wir zusammen gemacht haben. Deswegen war es auf jeden Fall eine schöne Abwechslung, mal zusammen zu trainieren.

Worauf hatten Sie in der letzten Phase der Vorbereitung speziell den Fokus gelegt?

Richard Ringer:
Generell ist die Vorbereitung gar nicht so lange. Nach dem Boston-Marathon im April hatte ich drei Wochen Pause gehabt. Danach haben wir alles schon wieder sehr, sehr eng mit den Trainingslagern getaktet. Deswegen haben wir uns dieses Mal dazu entschieden, dass wir direkt vom Trainingslager im Grünen zum Wettkampf gehen. Sonst waren wir immer vier Wochen vorher schon unten. Hinzu kommt, dass es in Birmingham jetzt nicht so warm wird wie etwa in Paris oder Tokio. Deshalb sind wir davor auch nicht ins Hitze-Trainingslager gegangen, sondern haben das komplette Training in St. Moritz absolviert. Entsprechend sah das Training auch anders aus als sonst. Anstatt die letzten vier Wochen wie sonst eher noch ein bisschen in die Schnelligkeit reinzugehen, war das Training in der Höhe eher noch mal ausdauerspezifisch angelegt.

Haben Sie das auch in Hinblick auf den besonderen Kurs in Birmingham so angelegt, der doch einige Höhenmeter mit sich bringt?

Richard Ringer:
Birmingham ist eine spezielle Strecke mit gut 700 Höhenmetern. In St. Moritz gab es zum Beispiel eine 1,6 Kilometer lange Runde um den See, die sehr wellig ist. Das würde man im Training normalerweise eher meiden. Und auch bei meinem Long Run habe ich nicht auf flachem Terrain trainiert, sondern bin explizit im Gelände gelaufen und habe da gut an der Geschwindigkeit gearbeitet. Dabei kannst du natürlich nicht die Pace laufen, die du flach läufst, aber im Bereich des Pulses kannst du schon den aus dem Marathon erreichen, wenn dieser hochgeht. Das haben wir ganz gut hinbekommen. Davor haben wir noch ein bisschen am Krafttraining gearbeitet. Aber jetzt haben wir die letzten eineinhalb Wochen alles wirklich Anstrengende wieder vermieden, damit die Beine frisch sind. Das Training in der Vorbereitung ist dann deutlich wichtiger als kurz vorher. Der Schwerpunkt lag dann eher auf den Höhenmetern.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Form unmittelbar vor dem Rennen?

Richard Ringer:
Ich war wieder keinen Tag krank, seit die Vorbereitung losgegangen ist. Es hat auch keinen einzigen Tag gegeben, an dem es sich so angefühlt hat, dass ich das Training nicht absolvieren könnte. Klar ist man nach den harten Einheiten am nächsten Tag ein bisschen platt, das gehört dazu. Aber das ist dann so im Training auch vorgesehen. Wenn ich mich jetzt mit meiner Form von vor vier Jahren vergleiche, als ich in München gewonnen habe, bin ich sicherlich deutlich besser drauf. Ich denke, dass ich mich sehr gut auf den Marathon in Birmingham eingestimmt habe und nicht niedrig stapeln muss. Ich kann wirklich sagen, dass ich Chancen habe – auch auf den Titel. Aber das haben viele Läufer, gerade aus Israel, Frankreich und Italien. Die Konkurrenz ist sehr stark. Da wird es auch stark auf die Tagesform ankommen. Denn klar hat sich die Welt auch bei den anderen weiter gedreht. Also jeder ist besser drauf. 

Dazu kommt die interne Konkurrenz ...

Richard Ringer:
... es ist auf jeden Fall sehr schön, wenn die stärkste Konkurrenz mit Samuel und Amanal Petros aus dem eigenen Land kommt. Samuel ist der Jahresschnellste und Amanal ist allgemein der mit der schnellsten persönlichen Bestleistung und reist zudem als Vize-Weltmeister an. Da ist natürlich auch in Hinblick auf die Teamwertung zusätzlich noch einmal ein hoher Motivationswert drin. Ich bin auf jeden Fall gut vorbereitet und freue mich sehr auf das Rennen.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie sonst noch in den Wettkampf? Wird es ein typisches Meisterschaftsrennen werden?

Richard Ringer:
Die Strecke kenne ich schon gut, die habe ich mir bereits im Juni angeschaut. Weil es kein normaler flacher Kurs ist, war mir das wichtig, um etwa einen Sturz zu vermeiden. Man läuft dort auf jeden Fall deutlich langsamer. Dadurch, dass es so wellig ist, kann ich mir auch nicht vorstellen, dass sich an der Getränkestation ein großes Pulk bildet, wie etwa bei den Weltmeisterschaften. Eine zusätzliche Herausforderung wird sein, dass wir die Frauen überholen. Das wird hoffentlich relativ früh im Rennen bei uns sein. Und ich hoffe, dass es dann keine Probleme mit der Flaschenübergabe geben wird, da wir sechs deutsche Läufer und fünf deutsche Läuferinnen sind. Da ist eine gute Abstimmung gefragt. Zudem hatte ich schon vor zwei Wochen die Idee, dass Florian Bremm mein persönlicher Flaschenübergeber wird. Was mit seiner Silbermedaille jetzt natürlich super positiv ist. Ich denke, dass man auf jeden Fall eine Einzelbetreuung haben muss. Entgegen kommt uns auch, dass es nicht so heiß wird und eher so wie bei einem Herbst- oder Frühjahrs-Marathon ist, bei dem du nicht unendlich viel Wasser brauchst, keine Kühlwesten oder ein Käppi mit Crushed-Ice brauchst.

Setzen Sie bei der Verpflegung auf die üblichen Getränkemischungen mit Elektrolyten und Co.?

Richard Ringer:
Ja, genau. Da gibt es nur ein paar Kleinigkeiten, die man anpasst, die man noch ein bisschen verbessern kann. Da kommen auch immer ein paar Produkte neu auf den Markt – etwa im Bereich Hydration, damit man ausreichend mit Natrium versorgt ist. Aber an sich nutze ich das Klassische: ein Kohlenhydrategetränk mit geschmacksneutralen Salzen, eine Flasche und Gel. Das kommt dann immer auch darauf an, wie man sich fühlt und wie man gefrühstückt hat. Da bin ich eigentlich immer flexibel.

Der Start ist bereits um 8:10 Uhr, das heißt Sie werden gegen 4:00 Uhr aufstehen. Wie wichtig ist dann ein gutes Frühstück?

Richard Ringer:
Im Endeffekt passt man sich einfach an. Das heißt, dass man am Vorabend nicht erst um 20 Uhr isst, sondern da möglichst schon im Bett ist und schläft. Schlaf finde ich immer extrem wichtig – also wirklich im Bett liegen und die Augen geschlossen zu haben. Wenngleich man nie wirklich super gut schlafen kann, wenn um 4 Uhr bereits der Wecker klingelt.

In München führte der Marathon ebenfalls über einen Rundkurs – ist die Strecke mit Birmingham vergleichbar?

Richard Ringer:
In München war es so, dass es eine 10-Kilometer-Runde war. Jetzt in Birmingham sind es acht Runden. Auch gibt es hier keine so lange Zielgerade wie in München und dafür viele Kanten und Steigungen. Das wird sehr hektisch und die Geschwindigkeit wird sehr oft wechseln. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass es viele Angriffe geben wird. Stattdessen wird es eher ein Ziehharmonika-Rennen mit kleineren Gruppen geben.

Werden auch Ihr Trainer und Ihre Frau mit an der Strecke stehen?

Richard Ringer:
Ja, da werden schon sehr, sehr viele kommen. Die Familie kommt komplett. Der Trainer kommt auch und dazu noch viele Freunde. Deswegen freut es mich auch, wenn ich dank des Rundkurses mehrfach an vielen bekannten Gesichtern vorbeilaufen kann.

Wie Sie es bereits angesprochen haben, kommt die stärkste Konkurrenz vor allem aus dem eigenen Team. Zugleich gibt es neben der Einzelwertung im selben Rennen auch eine Teamwertung – gab es da Absprachen oder zieht trotzdem jeder sein eigenes Ding durch?

Richard Ringer:
Die Teamwertung ist einfach eine zusätzliche Wertung. In München haben wir dann am Ende schon auch aufeinander geschaut. Ich hoffe, dass wir auf jeden Fall alle gut durchkommen. Das ist dann auch noch eine Motivation, wenn es irgendeinem an dem Tag vielleicht nicht so gut geht, dass man dann kämpft und weiß, dass jede Sekunde zählt – auch für das Team. Der Fokus liegt aber auf der Einzelmedaille.

Sie gelten als ein Meisterschaftsläufer, der genau an Tag X, wenn es um Platzierungen geht, abliefern kann. Haben Sie bestimmte Routinen vor solch einem Rennen?

Richard Ringer:
Ich habe einfach meinen normalen Ablauf: Dass ich sehr früh zu Abend esse, dass ich früh ins Bett gehe und dass die Flaschen schon zum Abend gerichtet sind, um morgens keinen Stress zu haben. Und dann läuft alles automatisiert ab. Ich aktiviere mich zum Beispiel morgens nach dem Frühstück noch einmal, dehne mich noch so ein bisschen, gehe dann noch einmal kalt duschen. Auch tape ich immer meine Füße und kontrolliere genau, dass da keine Falte ist, damit ich keine Blasen bekomme. Ich nehme mir da wirklich viel Zeit. Zudem schmiere ich alle Stellen, die reiben können, mit Vaseline ein und nutze Brustwarzenpflaster. Ich gucke einfach, dass es nirgends irgendwie scheuert.

Was passiert die letzten zwei Tage unmittelbar vor dem Rennen noch bei Ihnen?

Richard Ringer:
Im Endeffekt wird noch mal locker gelaufen – so zehn bis zwölf Kilometer. Und dann wird einfach noch einmal Energie getankt, das typische Carboloading, damit die Speicher komplett gefüllt sind. Ansonsten bleibt alles recht entspannt und man liegt viel herum (lacht). Das ist das Gute beim Marathonlauf.

Vor dem Boston-Marathon war die Ansage Ihres Trainers, dass Sie mit Herz statt mit Hirn laufen sollen. Was hat er Ihnen dieses Mal mit auf den Weg gegeben?

Richard Ringer:
Bis jetzt noch nichts Konkretes. Aber Birmingham ist jetzt auch etwas anderes. Im Endeffekt ist es wichtig, dass man jedes Tempo mitgehen kann und auch den Kopf nicht ganz ausschaltet. Weil die Strecke so wellig ist, muss man total konzentriert sein. Das ist extrem wichtig und da darfst du wirklich nicht mal eben nach rechts oder links schauen, vielleicht zu einem Zuschauer oder so. Denn wenn da ein unebener Punkt ist, dann kannst du schnell umknicken. Das wäre nicht so gut. Auch die 90-Grad-Kurven werden herausfordernd sein. Es gibt wirklich schönere Rennen, würde ich sagen.

Kann dann auch die Erfahrung zum Vorteil werden? Sie sind jetzt 37 Jahre alt – das perfekte Marathon-Alter?

Richard Ringer:
Ja, ich habe schon das Gefühl, dass beim Marathon die Erfahrung sehr viel wert ist. Weil, wenn man älter wird, der Körper durch die vielen Jahre Training und die Marathon-Wettkämpfe geprägt ist und dann automatisch besser damit umgeht, als wenn jemand im ersten oder zweiten Marathon-Jahr ist. Da geht man auch ein bisschen entspannter ran. Und ich laufe auch immer noch Bestzeiten, deswegen sehe ich noch nicht, dass das jetzt schon ein Ende ist. Aber das ist auch immer individuell. Ich zum Beispiel bin die ganzen Jahre jetzt verletzungsfrei durchgekommen, und darauf baut der Körper auch immer auf. Und im Marathon absolvierst du ein Training, das kontinuierlich aufeinander aufbaut – über Wochen, Monate und Jahre. Und da finde ich es immer wichtiger, das gesamte Bild zu betrachten anstatt einzelne Einheiten. Das Alter ist auf jeden Fall kein Nachteil.

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