Nach eine holprigen Saisonstart und anschließender Wettkampfpause hat Hindernisläuferin Olivia Gürth bei den Europameisterschaften in Birmingham mit Bronze überrascht und im wichtigsten Rennen des Jahres noch rechtzeitig ihre Topform erreicht. Wenngleich sie auf solch einen nervenaufreibenden Saisonverlauf gern verzichtet hätte, hat sie viel daraus gelernt. Mit der ersten EM-Medaille bei den Aktiven ist ihr der nächste große Schritt in ihrer Karriere gelungen.
Zum Zeitpunkt des Interviews mit leichtathletik.de ist Olivia Gürth (Silvesterlauf Trier) gerade mit ihrer Hündin Amy auf einer Gassi-Runde unterwegs. Obwohl sie erst am Montag den Europameisterschaften in Birmingham (Großbritannien) nach Frankfurt zurückgeflogen ist, sagt sie lachend: „Seit ich hier wieder zu Hause bin, ist es dann doch erstaunlich, wie schnell der normale Alltag weitergeht. Bis dahin war man noch so mittendrin in der EM-Welt.“
Für die 24-Jährige, die sich nach einem holprigen Saisonstart noch in letzter Minute für den Saison-Höhepunkt qualifiziert hatte und als Sechste der Meldeliste angereist war, erfüllte sich im Alexander Stadium ein kleiner Traum. Denn im Finale über 3.000 Meter Hindernis behauptete sie nicht nur eine Platzierung in der Top Acht, die sie sich zuvor als Ziel gesetzt hatte, sondern überraschte mit dem Sprung aufs Podium: EM-Bronze. „Vor dem Rennen war ich sehr nervös. Zwar habe ich mir auch vorgestellt, wie schön es wäre, wenn Gesa und ich gemeinsam eine Medaille gewinnen. Aber realistisch gesehen war es mein Ziel, möglichst viele Läuferinnen aus der Achtergruppe, die im Vorfeld anhand der Bestleistungen dicht beieinander lagen, hinter mit zu lassen“, blickt sie zurück.
Mittelteil als größte Herausforderung
Bereits im Vorlauf hatte sich Olivia Gürth mit einem großen „Q“ den sicheren Einzug in das Finale gesichert und konnte entsprechend selbstbewusst ins Rennen gehen. Dennoch hat so ein Meisterschaftsrennen immer auch seine eigenen Tücken, wobei es weniger auf das Tempo als mehr auf die richtige Taktik ankommt. Während auf anderen Distanzen bei dieser EM jedoch auf den ersten Runden regelrechte Stehversuche unternommen wurden, waren die Hindernisläuferinnen von Anfang an zügig unterwegs.
„Ehrlich gesagt hätte ich auch nichts dagegen gehabt, wenn es langsamer zugegangen wäre. Aber mir war bewusst, dass dies nicht der Fall sein wird. Ich hätte es fast noch schneller erwartet, als es am Ende geworden ist. Ich war darauf eingestellt, auf jeden Fall den ersten Kilometer zügig mit anzugehen, um dann einfach zu schauen, wie lange ich dieses Tempo durchhalten kann. Ich wusste, dass es in diesem Feld Läuferinnen gibt, die versuchen werden, das Rennen schnell zu machen“, sagt Gürth.
Der Plan ging auf – obwohl vor allem der Mittelteil für Olivia Gürth immer die größte Herausforderung darstellt. „Im Mittelteil ist es für mich mental wie körperlich gleichermaßen schwer. Zum einen weil du mit dem Gedanken daran läufst, wie weit es noch bis ins Ziel ist, und zum anderen weil dies dann auch dazu führt, dass sich das Tempo härter anfühlt. Was mir in den Rennen mit meinen besten Ergebnissen dann immer gut gelungen ist, war einfach die Zeit auszublenden und mich einzig darauf zu fokussieren, den Anschluss an die Gruppe zu halten. Wenn ich diesen Kampf im Mittelteil überstehe, dann bin ich mir bewusst, dass auch meine Chancen auf ein gutes Ergebnis oder eine gute Zeit steigen. Gleiches gilt aber auch für das Gegenteil. Wenn ich weiß, dass ich abgefallen bin, dann wird es hinten raus auch sehr schwer.“
Erste EM-Medaille bei den Aktiven
Einen Schlüsselmoment, in dem sie wusste, dass es an jenem Donnerstagabend für eine Medaille reichen könnte, gab es allerdings weniger. „Am ehesten klar geworden ist mir das auf der Zielgeraden“, verrät Olivia Gürth. „Vorher war es eher der Gedanke daran, dass von der Platzierung her noch alles möglich ist – vor allem eingangs der letzten Runde. Denn bis dahin hatte sich noch keine vorn abgesetzt und wir waren nur noch eine Fünfergruppe, die eng zusammen war. Damit war klar, dass das Rennen auf dieser letzten Runde entschieden wird und noch alle Optionen offen sind.“
Eine erste Entscheidung fiel am letzten Wassergraben, an dem Lea Meyer (VfL Löningen) zu Sturz kam und die verbleibenden vier Athletinnen zum Schlussspurt ansetzten. An der Spitze war es Olivia Gürths Vereins- und Trainingskollegin Gesa Krause, die zu Gold lief, gefolgt von der französischen Titelverteidigerin Alice Finot. Die beste Ausgangsposition im Kampf um Bronze hatte sich Olivia Gürth verschafft, die einmal mehr auf ihren starken Endspurt vertrauen konnte, das letzte Hindernis erfolgreich überwand und zu ihrem ersten Edelmetall bei einer internationalen Meisterschaft der Aktiven stürmte. In 9:15,33 Minuten blieb sie nur 15 Hundertstelsekunden über ihrer Bestzeit aus dem Jahr 2024.
Nach Gold bei der U20-EM 2021 sowie der U23-EM 2023 bedeutet ihr diese Bronzemedaille so viel mehr als nur der Einzelerfolg. „Das ist quasi der nächste Schritt“, sagt sie. „Es ist einfach schön jetzt sagen zu können, dass ich eine Medaille bei der EM gewonnen habe – ohne den Zusatz, dass es sich um eine Medaille in der Jugend handelt. Für mich war diese Bronzemedaille auch eine Art persönliche kleine Goldmedaille.“ Diesen besonderen Moment mit der erfahrenen Dreifach-Europameisterin Krause erleben zu dürfen, macht die EM in Birmingham für Olivia Gürth umso wertvoller. „Im Prinzip sind Platz eins und drei das perfekte Ergebnis für uns. Deswegen waren wir beide natürlich maßlos glücklich und einfach nur voller Freude.“
Gemeinsamer Medaillenmoment
„Ich glaube, dass man bei der ersten Medaille eventuell etwas überfordert sein kann und nicht so recht weiß, was hier gerade passiert. Umso schöner war es dann, mit Gesa direkt jemanden im Ziel zu haben, dem man in die Arme fallen konnte und mit dem man sich zusammen freuen durfte. Auch die gemeinsame Ehrenrunde war besonders. Ich glaube, dass war ein Moment, der uns beiden in Erinnerung bleibt. Gesa hat sich auf jeden Fall auch sehr für mich gefreut und ich mich natürlich auch für sie“, schwärmt Olivia Gürth vom Moment des Medaillengewinns.
Zudem war es für sie etwas Besonderes, dass in Birmingham auch ihr Trainer Wolfgang Heinig mit vor Ort war: „Im Verlauf der Saison, wenn wir zu Meetings fahren, sind wir meist allein. Dadurch bekommt diese EM nochmal einen besonderen Stellenwert. Es ist ein Zusatz, der hilft. Und auch nach dem Ziel war es schön, nicht nur per Telefon miteinander zu kommunizieren, sondern sich direkt in die Arme fallen zu können. Das ist dann auch menschlich viel näher. Es ist schön zu sehen, wie er sich mit uns freut und bei so etwas auch selber immer noch emotional wird – nach so vielen Jahren.“ Perfekt abgerundet haben diesen emotionalen Tag die Siegerehrung am selben Abend sowie ein kleiner Empfang in einer Location ihres Ausrüsters, bei dem sie gemeinsam mit Freunden, Familie und Partnern etwas feiern konnte.
Dass Olivia Gürth bei der EM allerdings überhaupt am Start stehen würde, war noch zu Beginn der Saison plötzlich völlig ungewiss. Anfang Juni standen nach vier Hindernisrennen, davon zwei in der Diamond League zwei „DNF“ in der Bilanz und zwei Zeiten, die fernab der Qualifikationsnorm für den kontinentalen Höhepunkt lagen. „Ich würde nicht sagen, dass in der Vorbereitung alles komplett rund lief, vor allem im Januar, da lief es eher mäßig und wir hatten ja auch keine Hallensaison gemacht“, sagt Olivia Gürth. „Aber kurz vor den ersten Sommerwettkämpfen war vom Training her alles nach Plan – den einen Grund zu benennen, ist schlussendlich schwer.“ So galt es, bis zu den Deutschen Meisterschaften das Ruder wieder herumzureißen und rechtzeitig noch einen erfolgreichen Angriff auf die EM-Norm zu starten.
Wettkampfpause und Höhentrainingslager
Anstatt ein Hindernis-Rennen nach dem anderen zu absolvieren, entschied sich Olivia Gürth gemeinsam mit ihrem Trainer Wolfgang Heinig dazu, nach jeweils einem Start über 800 und 1.500 Meter Mitte Juni zunächst eine Wettkampfpause einzulegen und noch einmal nach St. Moritz in ein Höhentrainingslager zu gehen. Am 18. Juli kehrte sie in Heusden-Zolder (Belgien) auf die Hindernis-Distanz zurück und hakte mit 9:21,73 Minuten die EM-Norm ab. Eine Woche später sicherte sie sich bei den Deutschen Meisterschaften hinter Gesa Krause Silber und somit das sichere Ticket nach Birmingham.
„Ich hätte auch nichts gegen eine weniger nervenaufreibende Auf- und Ab-Saison gehabt“, meint die 24-Jährige. Aus dieser Erfahrung mitgenommen hat sie für sich, dass es ihr mehr entgegenkommt, wenn sie ihre Saison nicht direkt auf der großen Bühne in einem international starken Feld beginnt, bei dem sie mit gut zwanzig Weltklasse-Athletinnen auf der Bahn steht und diese ein entsprechend hohes Tempo anschlagen: „In der nächsten Saison fahren wir vielleicht eher die Taktik, erst einmal kleinere Wettkämpfe zu wählen, um wieder das Gefühl für die 3.000 Meter Hindernisse zu bekommen.“
Dass es ihr noch rechtzeitig gelungen ist, wieder in Topform zu kommen, verdankt sie auch ihrem Trainer, auf dessen Trainingskonzept sie ebenso vertraute wie auf den neu entwickelten Plan, noch ein Höhentrainingslager einzuschieben. „Ich hatte schon das Vertrauen, dass es spätestens zur Meisterschaft wieder gut gehen würde. Weil das zum Beispiel letztes Jahr auch die Form von Gesa gezeigt hat – selbst wenn Gesa vor der Meisterschaft noch nicht in Topform war, war sie in der Meisterschaft selbst dann wieder da. Dass ich Probleme mit der Quali bekommen könnte, damit habe ich – oder wir alle – am Anfang der Saison natürlich nicht gerechnet. Zuversicht haben dann erst wieder die Rennen über 800 und 1.500 Meter gegeben, die sich schon deutlich besser angefühlt haben als die Hindernisrennen zu Beginn.“
„Birmingham wird 'meine' EM“
Nachdem sie bei der EM 2024 in Rom (Italien) mit Platz elf nicht zufrieden gewesen war, wuchs in ihr eine tiefe Überzeugung, dass die EM in Birmingham „ihre“ EM werden wird. „Vor den ersten Wettkämpfen war in meinem Kopf das Ziel oder der Traum von einer Medaille auch noch wesentlich realistischer“, sagt sie. „Das ist nach dem holprigen Start in die Saison dann erst einmal in weitere Ferne gerückt. Die Zweifel sind da gewesen, es war irgendwann auch sehr frustrierend. Umso größer war dann die Anspannung vor dem Rennen in Belgien, weil ich nicht wusste, ob das jetzt genauso wie am Anfang der Saison wird oder es nach der Pause ein anderes Gefühl sein wird. Diese Ungewissheit vor dem Rennen war dann doch sehr groß, auch wenn einem das Training auf dem Papier schon die Zuversicht gegeben hat, dass es klappen sollte.“
In Heusden-Zolder merkte Olivia Gürth jedoch schnell den Unterschied zu den Rennen früh in der Saison. „Das war einfach ein komplett anderes Laufgefühl und hat eine Art Kettenreaktion ausgelöst: Die positive Erfahrung in Belgien hat mit vor dem Rennen bei der DM geholfen und die DM wiederum für die EM und so weiter.“ Entsprechend ließ sie sich im EM-Finale auch nicht davon irritieren, als Lea Meyer in der letzten Runde unmittelbar vor ihr über den Wassergraben stürzte. „Als ich das so richtig realisiert hatte, war ich schon selbst mitten in der Überquerung des Wassergrabens. Beim Zulaufen auf dem letzten Balken hatte ich dann diesen Gedanken, dass ich es hier entweder als Dritte ins Ziel schaffen oder auch gleich auf der Bahn liegen kann“, erzählt sie.
Auch Olivia Gürth hat schon Erfahrungen mit Stürzen gemacht. „Bei der EM vor zwei Jahren bin ich im Vorlauf an einem Hindernis gestürzt. So ein Sturz wie der von Lea bringt das nochmal mehr ins Gedächtnis. Und wenngleich es in einem normalen Rennen nicht so ist, dass der Gedanke vor jedem Hindernis ist: 'bloß nicht hinfallen, bloß nicht hinfallen', wissen wir Hindernisläuferinnen alle, dass das theoretisch jeden Moment passieren kann. Meine Mutter fragt mich auch immer, wieso ich mir ausgerechnet das Hindernis-Laufen ausgesucht habe, und meint, dass sie beim Zuschauen vor jedem Balken einen kurzen Zittermoment hat.“
Wassergraben als liebstes Hindernis
Trotz solcher Szenarien wie bei der EM ist der Wassergraben das Lieblingshindernis von Olivia Gürth. „Ich habe einfach schon immer das Gefühl gemocht, aus diesem Wassergraben wieder auf die Zielgerade einzubiegen. Vor allem wenn man einen guten Wassergraben hatte, kommt man mit so schön viel Schwung auf die Gerade. Bisher habe ich auch fast keine negativen Erfahrungen mit dem Wassergraben gemacht, das hilft sicherlich auch.“
Anders als in der Jugend, wenn teilweise auch bei Tempoläufen die Überquerung des Wassergrabens trainiert wird, um eine sichere Landung auf dem angeschrägten Boden zu festigen, ist dies heute kein Bestandteil mehr im Training. „Ich glaube, das ist ab einem gewissen Punkt irgendwann ein Stück weit Automatismus. Der Fokus liegt bei mir dann dann weniger auf der Landung, sondern eher beim Darauf-Zulaufen, dass man sich eine Lücke sucht und dass gerade keiner direkt vor einen springt“, sagt sie. „Meist fällt mir auch erst im ersten Rennen der Saison wieder auf, dass ich den Wassergraben seit Monaten nicht überquert habe. Dann bist du plötzlich 200 Meter vor dem Balken in der Situation, dass dir klar wird, dass du da länger nicht drüber gelaufen bist.“
Saison-Abschluss und dann Fokus auf Peking und L.A.
Noch ist sie aber voll im Wettkampfrhythmus drin. Bereits am Freitag stand in Lausanne (Schweiz) schon das nächste Rennen in der Diamond League an, das die 24-Jährige in 9:22,47 Minuten als Neunte und beste Deutsche beendete. In der kommenden Woche folgt noch das ISTAF Berlin, bei dem sie 2.000 Meter Hindernis laufen wird, bevor am 2. September beim Flutlichtmeeting in Trier der Saison-Abschluss folgt. „Darauf freue ich mich schon sehr“, sagt sie und ist gespannt, ob wie groß die Anspannung nach den Europameisterschaften noch ist und vielleicht noch für eine Bestzeit in der Late-Season reicht. Diese müsste sie spätestens im nächsten Jahr regelrecht pulverisieren, um sich mit Direktnorm (9:06,50 min) für die Weltmeisterschaften in Peking (China) zu qualifizieren.
„Die Norm wurde über zehn Sekunden angezogen und ich denke, dass sich die Hälfte über die Norm und die andere Hälfte der Teilnehmerinnen über das World-Ranking qualifizieren wird. Nach dem Ranking-Spiel vor der WM in Tokio letztes Jahr hatte ich gehofft, dieses Kapitel hinter mir gelassen zu haben. Das nimmt natürlich auch Einfluss auf die Saisonplanung und macht eine Saison weniger planbar. Aber letztlich ist es für alle neu – und ein guter Testlauf für die Olympischen Spiele 2028 in L.A. Dort am Start zu stehen, ist langfristig mein großes Ziel und darauf liegt meine volle Aufmerksamkeit“, sagt Olivia Gürth.
Bis dahin wird sie nicht nur selbst fleißig weiter trainieren, sondern auch mit ihrer zwei Jahre alten Hündin Amy: „Gemeinsame Dauerläufe sind aktuell eher schwierig, aber wir arbeiten diesen Herbst nochmal weiter dran, bis die Fitness nach oben geht.“
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