Mit EM-Silber im Speerwurf sorgte Julia Ulbricht in Birmingham für eine kleine Überraschung und schaffte zugleich einen Befreiungsschlag aus schwierigen Jahren. Dieses Jahr kamen die Freude und die Leichtigkeit beim Werfen zurück – gekrönt mit vom Erfolg.
Bereits im Kindergarten schaute Julia Ulbricht (1. LAV Rostock) neugierig durch einen Zaun, hinter dem sie begeistert einem Leichtathletik-Kurs für Grundschüler beim Training zuschaute. Und so dauerte es nicht lang, bis sie schließlich ab der ersten Klasse selbst mit auf dem Schotterplatz stand.
„Ein Stadion oder eine Tartanbahn gab es bei uns damals nicht dafür waren wir im Sommer viel am Strand“, erinnert sie sich an ihre Anfänge. Bis zum Wechsel auf das Gymnasium trainierte sie fortan einmal die Woche, danach fuhr sie gemeinsam mit einem Kumpel in das gut 45 Minuten Autofahrt entfernte Ribnitz zum Training. Und obwohl sie alle Disziplinen ausprobiert und sehr gemocht hatte, sich zwischenzeitlich sogar in Richtung Siebenkampf orientierte, war es der Speerwurf, der sich als ihre größte Stärke herauskristallisierte.
Mit elf Jahren der erste Speerwurf-Wettkampf
Eher zufällig kam sie zum ersten Mal damit in Berührung. „Mein Trainingskumpel aus der Heimat hatte von seinem Vater einen Speer geschenkt bekommen. Dann haben wir das zu Hause einfach mal auf der Wiese ausprobiert – da habe ich etwa sieben Meter weit geworfen. Mit elf Jahren hatte ich dann auch zum ersten Mal bei der Altersklasse über mir einen Wettkampf geworfen“, erzählt sie und hat auch gleich eine Anekdote parat, über die sie bis heute lachen kann: „Mit 14 Jahren habe ich an einem Tag gleichzeitig einen Blockwettkampf gemacht, zu dem auch Schlagball gehörte, und bin im Speerwurf angetreten. Während der Ball nur auf 35 Meter geflogen ist, habe ich mit dem Speer 40 Meter weit geworfen. Ich weiß nicht warum, aber ich war nie gut im Ballwerfen.“
Wichtiger als das Ergebnis im Ballwerfen war aber ohnehin der Spaß, mit dem Julia Ulbricht einst zur Leichtathletik gekommen ist und der sie auch bis zu den ersten großen Erfolgen in der Jugend begleitet hat. Nach einem vierten Platz bei der U18-WM 2017 folgte zwei Jahre später mit Silber bei der U20-EM international der Sprung auf das Podium. Einen Rückschlag erlebte sie dann 2021 bei der U23-EM, bei der sie sich in der Qualifikation verletzte und dennoch zum Finale antrat. „Im Nachhinein war das ein großer Fehler“, räumt sie ein. Ein MRT ergab einen Innenbandriss im Ellenbogen, der operiert werden musste.
Schulterprobleme und Technikfehler
„Dadurch, dass ich trotz der Verletzung das Finale geworfen habe, hatte ich mir eine Fehlstellung in der Schulter reingezogen, so dass ich nach der Reha, als mit dem Ellenbogen wieder alles in Ordnung war, Schulterprobleme bekommen habe“, erläutert die 25-Jährige. Die Schmerzen zogen sich über zwei komplette Saisons, kein Arzt oder Physiotherapeut konnte etwas finden. „Erst 2023, nachdem der damals für den DLV tätige Chiropraktiker Joan Monsterrat die Schulter für eine Stunde behandelt hatte, waren die Probleme plötzlich weg“, sagt Ulbricht.
Was hingegen längst nicht wieder weg war, waren die technischen Fehler, die sich aufgrund der Schulterschmerzen eingeschlichen und im Bewegungsmuster gefestigt hatten. Entsprechend machten sich die Verletzungspause und die daraus resultierenden Unsauberkeiten in der Technik auch in der Leistung bemerkbar. Die erzielten Ergebnisse waren weit von den jährlich steigenden Anforderungen für die Aufnahme in den Bundeskader entfernt. So musste die 25-Jährige ihren Sport fortan selbst finanzieren. Das Training leistungsorientiert auf dem Niveau einer Spitzenathletin aufrecht zu halten, parallel zu studieren und zusätzlich noch mit Nebenjobs den Lebensunterhalt zu finanzieren, all das wurde zu einem Balanceakt, bei dem immer irgendwas zu kurz kam.
Glauben an sich selbst nie verloren
Zwar konnte Julia Ulbricht stets auf den Rückhalt und die Unterstützung – auch finanziell – ihrer Eltern bauen, dennoch war auch diese nicht unerschöpflich. Zudem gibt sie zu, dass ihr mit der Zeit auch etwas der Spaß an der Freude verloren ging. Von all dem, was sie so sehr am Speerwurf begeistert hatte, war immer weniger zu spüren. Und so fragte sie sich, warum sie das alles noch macht, selbst Gedanken an ein Karriereende waren da.
„Ich habe mir dann in Erinnerung gerufen, dass es mir vor allem darum geht, Spaß zu haben. Zudem stand für mich immer fest, dass ich weiterkämpfe, solange ich noch der Überzeugung bin, dass ich besser sein kann. Ich wusste immer, dass mir diese eine Wurf – wie ihn etwa Julian Weber jetzt bei der EM erlebt hat – noch nicht gelungen ist. Dies zu schaffen, war und bleibt mein Ziel“, sagt sie. „Ich möchte das kleine Kind in mir noch immer stolz machen und weiß, dass ich Talent habe und es nicht unrealistisch ist, dass ich noch viel weiter werfen kann.“
Neue Impulse in Australien
Diese innere Überzeugung, gepaart mit viel Eigeninitiative, führte die Studentin der Kindheitspädagogik im März diesen Jahres auch nach Australien, wo sie gemeinsam mit der Ozeanien-Rekordhalterin Kathryn Mitchell unter Anleitung von Weltrekordhalter Uwe Hohn trainierte. „Ich habe die beiden bei ihrem Besuch in Rostock kennengelernt und seither Kontakt gehalten. Da ich dieses Jahr kein Trainingslager hatte, kam die Idee mit Australien. Mein Wunsch war es, etwas frischen Wind in mein Training zu bekommen und mir neue Perspektiven zu eröffnen“, sagt Julia Ulbricht.
Nach mehr als elf Jahren bei ihrem Trainer Mark Frank war sie dankbar für die neuen Impulse. „Natürlich haben die beiden das Speerwerfen nicht neu erfunden. Manchmal reicht es einfach, wenn dir jemand etwas mit einem anderen Blick erklärt und es macht Klick. Ich konnte wirklich viel Input über das Speerwerfen mitnehmen und bekomme es auch schon ganz gut hin, das zu Hause mit meinem Trainer umzusetzen“, sagt sie. Die letzten Jahre habe sie sich oft technisch im Kreis gedreht. Selbst nach ihrem ersten Wurf über die 60 Meter im vergangene Jahr funktionierte danach plötzlich nichts mehr, aus technischen Fehlern resultierten Schmerzen.
Insgeheim von einer EM-Medaille geträumt
Das passierte auch im EM-Finale von Birmingham. „Nach dem ersten Versuch habe ich plötzlich Schmerzen im Rücken und in den Rippen gespürt“, sagt sie. Im Verlauf des Wettkampfes haderte sie insbesondere mit ihrer eigenen Technik und achtete kaum auf die Leistungen der Konkurrenz. Entsprechend überrascht war sie von ihrem Silber-Coup. Zwar war ihr klar, dass sie im ersten Versuch eine gute Weite erreicht hatte, doch nicht, dass die 61,53 Meter am Ende auch für Silber reichen sollten. „Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sich an der Reihenfolge aus dem ersten Versuch nichts mehr ändern würde“, sagt sie.
Noch vor dem letzten Versuch fragte sie beinahe skeptisch ihre Teamkollegin Luisa Tremel (LG Stadtwerke München), ob sie tatsächlich eine Medaille gewonnen habe. Und dann war es amtlich: Im Alexander Stadium erfüllte sich für Julia Ulbricht bei ihren ersten internationalen Meisterschaften der Aktiven der Traum einer Medaille. Angereist war sie als Europas Nummer acht und hatte sich die Finalteilnahme zum Ziel gesetzt.
„Innerlich hatte ich von einer Medaille geträumt, da viele meiner Konkurrentinnen eine schwierige Saison hatten und es keine klare Favoritinnen gab. Somit war gewissermaßen alles offen“, sagt sie. Zuversicht hatte ihr zudem ihr deutscher Meistertitel sowie ein international gut besetzter Wettkampf in Luzern gegeben, bei dem sie zwar nur in der vermeintlich leistungsschwächeren Gruppe B antreten durfte, am Ende des Tages aber die zweitbeste Weite aller Werferinnen stehen hatte.
Gewohnt, mit Wind zu werfen
Die schwierigen Windverhältnisse im Finale machten Julia Ulbricht nicht viel aus. „Ich komme aus Rostock – bei uns ist immer Wind. Daher bin ich das gewohnt und mir ist es gelungen, den Speer im ersten Versuch gut in den Wind reinzulegen. Das Thema mit dem Wind ist bei mir aber nie so problematisch wie bei anderen – wenn sich manch eine Athletin über zu starken Wind beschwert, nehme ich diesen noch gar nicht als solchen wahr.“
Etwas anders als andere Athletinnen handhabt es die Norddeutsche auch mit der Videoanalyse im Wettkampf. „Innerhalb eines Wettkampfes kann man eh kaum noch etwas ändern und dann lenken mich Videos nur ab und ich denke zu viel nach“, erklärt sie. „Stattdessen konzentriere ich mich mit meinem Trainer vor einem Wettkampf auf ein oder zwei konkrete Dinge, auf die ich besonders zu achten habe, und den Rest schauen wir uns dann im Nachhinein an. Im Training haben wir dann genug Möglichkeiten, daran zu arbeiten.“
Glitzer und Glücksbringer im Finale
Sich selbst beschreibt Julia Ulbricht als Wettkampftyp: „Je größer die Herausforderung und je stärker die Konkurrenz, desto mehr Lust habe ich auf den Wettkampf und desto größer ist das Adrenalin und die Anspannung im Körper“, sagt sie. Schon bei den Deutschen Meisterschaften war sie mit einer großen Entschlossenheit in den Wettkampf gegangen, diesen auch zu gewinnen. Was allerdings nicht zu verwechseln sei mit Verbissenheit. Im Gegenteil: „Endlich spüre ich wieder diese Leichtigkeit aus meiner Jugend und habe Spaß daran, Speer zu werfen“.
Dieser war ihr auch optisch anzusehen. „So eine EM ist für mich etwas Besonderes und ich liebe es, mich für so ein Event fertig zu machen. Obwohl ich mich im Alltag nicht viel schminke, setzte ich dann gern auf Glitzer-Effekte – etwa auf den Nägeln, im Gesicht und auf den Haaren“, sagt sie. Die zwei geflochtenen Zöpfe waren hingegen ihre etablierte Wettkampf-Frisur, die sie seit Jahren so trägt, damit keine störenden Haare ins Gesicht wehen.
Zudem trug sie im Finale drei Perlenketten in den Deutschlandfarben Schwarz, Rot, Gold. „Die hat meine Nichte mir als Glücksbringer selbst gebastelt. Nach der Qualifikation, in der ich nur die rote Kette um den Hals hatte, war sie allerdings ganz enttäuscht. Darum habe ich bei der Vorstellung im Finale dann extra alle drei Ketten stolz in die Kamera gezeigt.“ Einen weiteren Glücksbringer ließ sie im Rucksack versteckt – ein selbstgemachtes Plüschtier ihrer Mutter. Diese war sogar live mit im Stadion und feuerte ihre Tochter gemeinsam mit der jüngeren Schwester und dem Freund von Julia Ulbricht tatkräftig an. „Die drei sind meine größten Fans und bei fast allen Wettkämpfen von mir dabei“, sagt die glückliche EM-Zweite.
Gutes Teamwork
Sie selbst habe die Europameisterschaften bis zu ihrer Anreise Mitte der EM-Woche primär im Fernseher aus dem Trainingslager in Kienbaum verfolgt, feuerte am Tag vor ihrem Finale aber noch die deutschen Speerwerfer an, die einen Doppelsieg feiern durften. „Das haben Luisa und ich uns nicht entgehen lassen. Wir wollten einfach auch schon mal die Atmosphäre im Stadion aufsaugen und haben es wirklich genossen“, sagt sie.
Auch teamübergreifend habe sie viel Unterstützung und Herzlichkeit erfahren – sei es das gegenseitige Gratulieren, Trösten oder auch der Sondereinsatz von zwei DLV-Physiotherapeuten nach der Siegerehrung, obwohl diese am letzten Wettkampfabend längst schon im Feierabend waren.
Auf Punktejagd für das World Ranking
Nach der EM und dem Meeting in Stettin (Polen), bei dem sie 54,79 Meter warf, steht für Julia Ulbricht noch ein C-Meeting in Serbien an. Denn die Punkte, die sie dort für das World Ranking sammelt, könnten nächstes Jahr ausschlaggebend dafür sein, ob es die Rostockerin zur WM nach Peking (China) schafft oder nicht. Die direkte Qualifikationsnorm des Leichtathletik-Weltverbandes steht bei 63,40 Metern. Diese Weite muss bei einem Wettkampf erbracht werden, der mindestens mit dem Bronze-Label des Weltverbandes ausgestattet ist.
„Ein Vorteil ist, dass mein zweiter Platz bei der EM jetzt schon für das Ranking zählt. Dennoch ist das Ganze etwas schwierig, da es nicht so leicht ist, in hochklassige Wettkämpfe und Meetings reinzukommen, bei denen es gute Punkte zu sammeln gibt. Selbst als EM-Zweite wurde ich zum Beispiel etwas frech von der Diamond League abgelehnt. Zudem wurden auch neue Kriterien eingeführt und es fallen einige etablierte Wurf-Meetings in Deutschland weg, was sehr schade ist“, erläutert Julia Ulbricht.
Gutes Gefühl mit Erfolg gekrönt und bereit für mehr
Sie hofft, dass sich mit der EM-Medaille einige Türen öffnen werden. Mit der EM-Silbermedaille hat sie die Anforderungen für die Aufnahme in den Olympiakader erfüllt. „Druck mache ich mit keinen großen. Mein Ziel ist ohnehin, dass ich Bestleistung werfe. Und im besten Fall werfe ich 'einfach' die Direktnorm“, sagt sie lachend. Wie selten etwas „einfach“ ist im Leistungssport, das hat Julia Ulbricht mehr als einmal erfahren müssen. Dass sie auch die Glanzseiten des – zumindest kurzzeitigen Ruhms – souverän händeln kann, wurde spätestens bei ihrem Auftritt im ZDF Sportstudio klar, als sie nicht nur eloquent und sympathisch über ihre Leidenschaft für den Speerwurf sprach, sondern auch im Torwandschießen zu überzeugen wusste und gegen zwei Männer gewann.
„Nach der EM ist sehr viel auf mich eingeprasselt. Neben vielen Medienanfragen habe ich auch unglaublich viele Nachrichten im Privaten erhalten, worüber ich mich sehr gefreut habe. Auch gab es schon positives Feedback auf meine Interviews“, sagt sie fast ein wenig schüchtern.
Nicht nur hat sie beim Speerwerfen den Spaß an der Freude wiedergefunden, auch konnte sie dieses „schöne Gefühl“ mit einem Erfolg krönen. Der Anfang ist gemacht. Und nach einem Urlaub sowie einem dreimonatigen Praxissemester im Kindergarten, bei dem sie darauf hofft, sich in den Wintermonaten nicht mit jeglicher Kinderkrankheit anzustecken, freut sie sich schon jetzt wieder auf eine starke Sommersaison.