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Sarah Vogel – Nach Absturz wieder auf Höhenflug

Die deutsche Stabhochspringerin Sarah Vogel überquert vor einem blauen Himmel die Latte. © Theo Kiefner
ME/CFS – diese Buchstabenreihe steht für die Multisystemerkrankung „Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom“. Stabhochspringerin Sarah Vogel (Eintracht Frankfurt) wurde von der Krankheit im Winter 2024 abrupt von 100 auf 0 ausgebremst. Die Leistungssportlerin konnte nicht mehr selbstständig leben. In dieser Zeit wurden der Sport und der Glaube an sich selbst zum Rettungsanker. Mittlerweile ist die 24-Jährige wieder zurück und krönte ihre Comebacksaison mit einer neuen Bestleistung von 4,42 Metern – und die nächsten Ziele hat sie sich bereits gesetzt.
Sophie Ritter

Neue persönliche Bestleistung, neue Zuversicht und vor allem wieder Freude am Stabhochsprung: Für Sarah Vogel (Eintracht Frankfurt) läuft es derzeit so gut wie lange nicht. Anfang August sprang die 24-Jährige beim 30. Stabhochsprungmeeting in Jockgrim 4,42 Meter – persönliche Bestleistung. Doch die Höhe steht für sie für weit mehr als zwei zusätzliche Zentimeter. Hinter ihr liegen Jahre mit Verletzungen, einer schweren Erkrankung und einer langen Rückkehr in den Leistungssport. Heute sagt sie: „Ich würde sagen, dass ich jetzt besser bin als je zuvor in meiner Karriere.“

Dabei fühlt sich der Sport für Sarah Vogel inzwischen wieder ganz anders an als noch vor einiger Zeit. „Mittlerweile macht es wirklich wieder richtig Spaß“, sagt sie. Viel Selbstbewusstsein sei zurück, dazu Klarheit und eine neue Selbstverständlichkeit. „Ich bin gerade sehr zufrieden damit, wie es läuft.“

Ein Wettkampf, den sie nicht vergisst

Als Vogel in Jockgrim über 4,42 Meter sprang, war ihre langjährige Trainerin Anastasija Steinbeck, unter ihrem Mädchennamen Ryzih wurde sie 1999 in Maebashi (Japan) Hallenweltmeisterin, nicht vor Ort. Seit 13 Jahren arbeiten beide zusammen. Normalerweise gibt ihr diese vertraute Zusammenarbeit im Wettkampf Sicherheit, weil sie sich auf das Springen konzentrieren kann. Sie weiß, dass der Anlauf und der Stab einfach stimmen. Außerdem hat man eine Person, die zu 100 Prozent hinter einem steht und an einen glaubt. Das ist hilfreich in Momenten, in denen es nicht so richtig läuft, und kann einen erden.

Dieses Mal war Anastasija Steinbeck in ihrer Funktion als Nachwuchsbundestrainerin bei der U20-WM in Eugene. Doch es gab noch einen zweiten Grund, warum dieser Abend für sie besonders emotional war: Eine Woche zuvor ist ihre Oma verstorben. „Sie war ein sehr großer Fan von mir und hat mich da auch immer sehr unterstützt“, erzählt Sarah Vogel. So wurde die Bestleistung zu einem emotionalen Moment. „Es war definitiv ein Wettkampf, den ich so schnell nicht vergesse, glaube ich.“

Die 4,42 Meter waren kein Zufall

Überraschend kam die Höhe nicht. In den Wochen zuvor hatte sich bereits angedeutet, dass Sarah Vogel wieder in der Lage war, solche Höhen zu springen. Im Training stimmte vieles, auch ihr körperlicher Zustand entwickelte sich in die richtige Richtung. Doch eine Bestleistung lässt sich im Stabhochsprung nicht einfach planen. „Man weiß ja schon ungefähr, was man springen kann“, sagt die Frankfurterin. „Aber trotzdem muss man es natürlich dann irgendwie auf die Bahn bringen.“ Gerade an diesem Abend war das alles andere als selbstverständlich. Beim Einspringen hatte die 24-Jährige große Probleme. „Es war echt so, dass man dachte: Um Gottes Willen, wie soll das irgendwie werden?“

Umso wichtiger sei es gewesen, sich auf die Details zu konzentrieren. Auf den Anlauf, die Technik, die richtige Entscheidung im richtigen Moment. „Es gibt einfach so viele Kleinigkeiten, die irgendwie zusammenkommen müssen, damit diese Energieübertragung funktioniert.“ Und manchmal entscheidet auch etwas, das sich nicht beeinflussen lässt. Wenn eine Windböe im falschen Moment kommt, können drei Versuche schnell vorbei sein.

Nicht nur zurück – sondern besser als zuvor

Für Sarah Vogel war die Bestleistung deshalb vor allem ein Zeichen dafür, wo sie heute steht. Nicht einfach wieder da zu sein, wo sie früher schon einmal war. Sondern einen Schritt weiter. „Ich würde sagen, dass ich jetzt besser bin als je zuvor in meiner Karriere.“ Ein Satz, der mit Blick auf die vergangenen Jahre besondere Bedeutung bekommt.

Denn der Weg zu dieser Form war lang. Nach dem U20-EM-Titel 2021 folgte zunächst eine Fußverletzung. Im Sommer 2022 musste sie am Zeh operiert werden. Eine Überlastungserscheinung am Vorfuß zwang sie für rund ein halbes Jahr zur Pause. Verletzungen kannte Sarah Vogel also. Doch was im Februar 2024 folgte, war etwas völlig anderes.

ME/CFS: Als der Körper plötzlich nicht mehr konnte

Zwei Wochen nach der Hallen-DM in Leipzig, bei der sie mit 4,30 Metern Silber gewann, fühlte sich Sarah Vogel zunächst einfach krank. Ein Infekt vielleicht, dachte sie. Doch die Beschwerden verschwanden nicht. Nach zwei Wochen ging es ihr nicht besser. Bei einem Belastungs-EKG eskalierte die Situation. „Da ist mein Herz dann auch tatsächlich für einige Sekunden komplett stehen geblieben, weil es einfach nicht mehr ging, nicht mehr konnte“, erzählt sie.

Es folgten Krankenhausaufenthalte und zahlreiche Untersuchungen. Schließlich wurde bei Sarah Vogel ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis / Chronisches Fatigue-Syndrom) diagnostiziert. In Deutschland leiden schätzungsweise 650.000 Menschen in unterschiedlich starken Ausprägungen an der Multisystemerkrankung. Die chronische Erkrankung tritt oft nach Infektionen wie viralen Infekten oder nach Long Covid auf. An Leistungssport war aufgrund des massiven Erschöpfungssyndroms für Sarah Vogel nicht einmal ansatzweise zu denken. Nicht einmal ein normales Leben war möglich. „Ich konnte teilweise kaum sprechen, kaum essen, bin zu meinen Eltern gezogen, weil ich halt echt nicht mehr selbstständig leben konnte.“

Jede Bewegung war zu viel

Eine dauerhafte Erschöpfung begleitete die Krankheit. Jede Bewegung konnte zu viel sein, Licht und Geräusche wurden zur Belastung. Hinzu kamen Konzentrations- und Wortfindungsstörungen. „Man liegt im Bett und einem tut einfach alles weh und jede Bewegung, die man macht, ist im Prinzip zu viel.“ Für eine junge Leistungssportlerin, die bis dahin gesund gewesen war und mit großen Zielen in die Zukunft blickte, war das kaum zu begreifen. „Das reißt einem einfach den Boden unter den Füßen weg.“ Besonders schwer sei die Ungewissheit gewesen. „Man weiß nicht, ob und wann und in welcher Form es jemals wieder gut werden wird.“

Aufzugeben war für Sarah Vogel in dieser Zeit dennoch keine Option. Im Gegenteil: Der Sport wurde zu etwas, woran sie sich festhalten konnte. „Für mich war eigentlich in der Zeit der Leistungssport tatsächlich das, was mich angetrieben hat oder was für mich irgendwie so ein Rettungsanker auch war.“ Immer wieder habe sie sich vorgestellt, was sie tun würde, wenn sie noch einmal die Chance bekäme, Leistungssport zu machen. Der Traum blieb. Auch die Olympischen Spiele 2024 in Paris spielten dabei eine Rolle. Während sie selbst nicht trainieren konnte, verfolgte die Frankfurterin die Wettkämpfe intensiv – und nicht nur die Leichtathletik. Sie schaute sich fast alle Sportarten an. „Das hat mich schon echt irgendwie gekriegt und motiviert, dass der Traum schon einfach irgendwie noch weiterlebt.“ Sie glaubt heute sogar, dass der Leistungssport ihr auf dem Weg zurück geholfen hat. Der Wunsch, wieder gesund zu werden und wieder springen zu können, sei ein starker Antrieb gewesen.

Der Weg zurück hatte keinen magischen Moment

Im Frühjahr 2024 traf Vogel schließlich auf einen Arzt, der sich seit Jahren mit der Erkrankung beschäftigte. Seine Erfahrung im Leistungssport gab ihr zusätzliches Vertrauen. Sie hielt sich konsequent an die Vorgaben und merkte einige Monate später erstmals Fortschritte. „Vielleicht im August oder so habe ich dann wirklich gemerkt: Okay, jetzt kann ich dann auch irgendwie wieder mal unter Menschen gehen, mich mal mit jemandem treffen.“ Eine Treppe hochzugehen, ohne danach völlig erschöpft zu sein – solche Dinge wurden wieder möglich.

Doch die Rückkehr in den Leistungssport dauerte deutlich länger. Ein Dreivierteljahr hatte Sarah Vogel nahezu komplett pausieren müssen. Danach kam die Zeit, in der der Körper zwar wieder mehr konnte, sportlich aber noch längst nicht wieder alles funktionierte. Auch im Sommer 2025 lief noch nicht alles zusammen. Gemeinsam mit ihrem Team stellte sie deshalb die Trainingsstruktur um. Weniger Einheiten, dafür mehr Qualität und mehr Regeneration.  Ende der Saison meisterte sie schon wieder 4,01 Meter. In diesem Sommer stellte sie zweimal ihre Bestleistung von 4,40 Metern ein und steigerte diese dann in Jockgrim im zweiten Versuch auf 4,42 Meter. Erst 4,52 Meter waren dann im Anschluss zu hoch.

Die 4,50 Meter sind längst im Kopf

Sarah Vogel geht es bei den 4,42 Metern nicht in erster Linie um die Zahl. Auf die Frage, ob ihr die Höhe selbst oder das, was der Sprung symbolisiert, wichtiger sei, antwortet sie sofort: „Das, was der Sprung symbolisiert hat.“ Natürlich seien zwei Zentimeter über der alten persönlichen Bestleistung schön. Aber eine Stabhochspringerin denkt immer schon an die nächste Höhe. Und die hat Vogel längst im Kopf: 4,50 Meter. „Eigentlich ist dann immer die nächste Höhe die richtige Bestleistung“, sagt sie. 

Langfristig liebäugelt sie auch mit Olympischen Spielen. Doch die vergangenen Jahre haben ihr gezeigt, dass sich nicht alles planen lässt. Aber auch, dass sie heftige Rückschläge meistern kann. „Das Leben kommt so, wie es kommt“, sagt sie. Deshalb richtet sie den Blick zunächst auf das, was jetzt ist: auf neue Bestleistungen, auf Wettkämpfe, auf die Menschen in der Leichtathletik, die sie lange nicht gesehen hat. Und vor allem auf die Freude, die wieder da ist. Sarah Vogel ist nicht einfach nur zurück. Ihre 4,42 Meter stehen für einen Neuanfang – und vielleicht für den Beginn eines Kapitels in ihrer schon jetzt sehr wechselhaften Karriere.

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