Mit 20,46 Metern hat sich Georg Harpf (LG Stadtwerke München) am Freitag nicht nur zum Deutschen Hallenmeister im Kugelstoßen gekrönt, sondern seine Hallensaison auch mit einer starken neuen Bestleistung abgeschlossen. Wie der 20-Jährige den Wettkampf erlebt hat und was ihm die 20 Meter bedeuten, verrät er im Interview der Woche.
Georg Harpf, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem ersten Deutschen Meistertitel im Kugelstoßen der Männer. Wie haben Sie den Wettkampf am Freitag bei der Hallen-DM in Dortmund erlebt?
Georg Harpf:
Dankeschön. Ich muss sagen, dass ich im Wettkampf ziemlich fokussiert war – und auch davor schon. Ich wusste, dass das Feld zu Xaver Hastenrath und mir ein bisschen Abstand hat und keiner sonst mit einer Weite über 19 Meter gemeldet war. Deswegen habe ich versucht, mich darauf zu konzentrieren, meine Leistung von den letzten Wettkämpfen abzurufen und zu bestätigen. Ich wollte es einfach so wie bei den letzten Wettkämpfen angehen, bei denen es immer gut lief. Und das hat funktioniert.
Mit Blick auf die Hallensaison hatten Sie in den vergangenen Wochen eine recht hohe Wettkampfdichte und haben sogar am Mittwoch noch unmittelbar vor den Deutschen Hallenmeisterschaften einen Wettkampf absolviert. War das nicht auch kräftezehrend?
Georg Harpf:
Ja, es waren tatsächlich recht viele Wettkämpfe. Dass ich am Mittwoch noch mal einen Wettkampf gemacht habe, fand ich im Nachhinein aber gut, um wieder reinzukommen, sodass ich dann am Freitag im Vorfeld ein bisschen entspannter sein konnte.
Das Kugelstoßen der Männer war am Freitagabend der Auftakt für ein langes DM-Wochenende und stand neben den 3.000-Meter-Läufen voll im Fokus. Hat sich der Wettkampf für Sie dadurch eher wie ein Kugelstoß-Meeting angefühlt oder haben Sie den Charakter der Meisterschaft dennoch als solchen erlebt?
Georg Harpf:
Ich muss sagen, dass es mir sehr gut gefallen hat. Das war die vergangenen Jahre auch schon so. Natürlich fühlt es sich ein bisschen wie ein Kugelstoß-Meeting an, weil man sehr im Fokus steht. Aber das ändert nichts am Gefühl der Meisterschaft. Obwohl ich im Vorhinein ein bisschen entspannter war und schauen wollte, dass ich nicht zu aufgeregt werde, habe ich es dann schon beim Einstoßen gemerkt. Wenn man dann vor Ort ist und das ganze Drumherum mitbekommt, dann merkt man schon, dass es eine Deutsche Meisterschaft ist. Dann ist die Anspannung schon ein bisschen höher und es liegt einfach mehr Spannung in der Luft. Und dann gab es ja noch den Fanblock, der wirklich gute Stimmung gemacht hat. Das hat auf jeden Fall sehr viel Spaß gemacht.
Den Spaß haben Sie dann auch direkt in Weite umgesetzt und im fünften Versuch erstmals die 20 Meter übertroffen. Was bedeutet Ihnen diese Weite und Ihre Steigerung um exakt einen halben Meter?
Georg Harpf:
Das Ziel nach den letzten Wettkämpfen war es, die 20 Meter auf jeden Fall anzugreifen und die im besten Fall auch zu stoßen. Ich wusste, dass die Bestätigungsnorm für die Hallen-WM mit 20,60 Metern doch sehr weit weg ist und war eher darauf fokussiert, dass ich dann im Sommer die 20,20 Meter stoßen kann, die für die EM in Birmingham als Bestätigungsnorm gefordert sind. Meine Einstellung war, dass wenn ich 20 Meter stoße, theoretisch auch 20,20 Meter stoßen kann. Die 20 Meter an sich sind zwar schön, aber ich will das ja auch stoßen für etwas, was mich weiterbringt – und das wären die 20,20 Meter. Am Ende hat das zum Glück auch funktioniert.
Verglichen mit dem letzten Jahr, als Sie die Kugel unter dem Hallendach nicht über 19 Meter stoßen konnten, sind die 20,46 Meter eine enorme Steigerung. Auf was führen Sie diesen Leistungssprung zurück, hat sich etwa im Training etwas grundlegend verändert innerhalb des vergangenen Jahres?
Georg Harpf:
Das ist eine sehr gute Frage. Ich kann es eigentlich nur damit erklären, dass ich den Aufbau nach der letzten Saison, die zum Ende hin noch ganz okay wurde, mit viel neuer Energie angegangen bin. Schon da hatte ich dieses Ziel im Kopf, es im Sommer nach Birmingham zur EM zu schaffen und die 20,20 Meter zu stoßen. Das hat wahrscheinlich dazu beigetragen. Zudem war ich den gesamten Winter noch in einem Ausbildungsabschnitt bei der Landespolizei, wo es eine Umstellung gab. Ich bin seit zweieinhalb Jahren in der Sportfördergruppe. 2025 wurden die Ausbildungszeiten so umgestellt, dass wir praktisch zweimal in der Woche mehr trainieren können. Das heißt, dass wir jetzt auch vormittags mehr trainieren können, vor dem Dienstbeginn. Ich denke, das hat bestimmt auch mit reingespielt, weil ich mich nochmal mehr aufs Training fokussieren und mehr Fortschritte machen konnte.
Wie oft trainieren Sie durchschnittlich in der Woche?
Georg Harpf:
Während der Ausbildung habe ich acht- bis neunmal die Woche trainiert, meistens von Montag bis Freitag. Manchmal auch noch eine Einheit am Wochenende. Ich habe diesen Rhythmus schon seit ein paar Jahren so, weil ich am Wochenende meistens noch nach Hause fahre, von München nach Ingolstadt. Die letzten Jahre hat es sich so entwickelt, dass die Wochenenden mit ein oder zwei Tagen Pause immer gut zum Entspannen sind, damit ich dann in der Woche das Training gut gestalten kann. Seit Ende Januar bis September bin ich jetzt wieder für das Training freigestellt und habe weniger Stress, sodass ich ganz professionell trainieren kann.
Mit Silber bei der U18-EM und Bronze bei der U20-WM konnten Sie bereits in der Jugend große Erfolge feiern und haben auch schon Bronze bei den Deutschen Meisterschaften im Sommer gewonnen. Jetzt sind Sie Deutscher Hallenmeister geworden. Wie sind Sie den Umstieg 2025 auf die 1,26 Kilogramm schwerere Männerkugel angegangen?
Georg Harpf:
Ich glaube, es war schon in der Jugend meistens so, dass ich mit den schweren Kugeln und auch schweren Geräten im Training verhältnismäßig etwas besser war als mit dem wirklichen Wettkampfgewicht. Ich glaube, mir hat es in der Jugend oft noch an Geschwindigkeit gefehlt. Ich war immer mehr der kräftigere Typ, der keine makellose Technik hatte und hauptsächlich durch meine Kraft die Weiten erzielt hat. Das hilft mir jetzt für die Männerkugel, weil die Basis schon da war. An meiner Technik kann ich auf jeden Fall viel verbessern. Und es braucht natürlich mehr Tempo – da müssen wir weiter dran arbeiten.
Bei der Hallen-DM kam in diesem Jahr die Modifikation entsprechend des aktuellen Standards von World Athletics zur Anwendung, bei der das Feld jeweils nach dem dritten, vierten und fünften Versuch bis auf die Top Sechs reduziert wird. Sie gehören zu den Athleten, die bereits im ersten Versuch sehr stark sind und dann noch mal im letzten angreifen – welche Rolle spielt diese Modifikation für Sie als Athlet?
Georg Harpf:
Bei mir war das gefühlt schon immer so, dass ich den ersten Stoß bei wichtigen Wettkämpfen immer ganz gut getroffen und gute Weiten erzielt habe. Schon wegen der Anspannung, dass du einen ersten gültigen Versuch brauchst. Mich hat es aber die letzten Jahre auch aufgeregt, dass es dann oft der beste Versuch war aus dem ganzen Wettkampf. Der erste war dann okay, aber dann kam nichts mehr danach. Das ist auf jeden Fall diese Saison besser geworden. Meist war der erste Versuch zwar immer noch ein guter Stoß, mit dem man ein bisschen entspannter in den Wettkampf starten kann, aber ich habe es dann geschafft, mich in den weiteren Versuchen noch zu steigern. Somit ist der internationale Modus an sich für mich gar nicht so schlecht.
Haben Sie bestimmte Rituale vor oder in einem Wettkampf?
Georg Harpf:
Ich höre zum Beispiel beim Aufwärmen keine Musik mehr. Das habe ich mir ein bisschen abgewöhnt, damit ich besser auf meinen Körper hören und mich wirklich nur auf meinen Wettkampf konzentrieren kann.
Waren die Deutschen Hallenmeisterschaften Ihr letzter Wettkampf in dieser Hallensaison?
Georg Harpf:
Ja, die Hallensaison ist jetzt für mich vorbei. In zwei Wochen steht aber schon der EA-Wurf-Cup auf Zypern an.
Und wie sieht dann der Plan in Richtung Sommer aus?
Georg Harpf:
Ich werde auf jeden Fall nach dem Wettkampf in Zypern eine Woche frei machen, bevor wir mit einem neuen Aufbau starten, damit ich fit für die lange Sommersaison bin. Angestrebt ist, dass ich im Juli und August die Bestform erreiche, wenn die Deutschen Meisterschaften und Europameisterschaften anstehen.
Sind Sie bei der EM dabei, könnten Sie in Birmingham auch auf einige Weltklasse-Athleten treffen, die noch einmal gut anderthalb Meter weiter stoßen. Gibt es da jemanden, bei dem Sie sich etwas abschauen? Haben Sie Vorbilder?
Georg Harpf:
Ich finde, dass viele Kugelstoßer, die aktuell in der Weltspitze sind, schon auch Vorbilder sind. In dem Punkt, dass sie am Anfang ihrer Karriere, als sie in meinem Alter waren, auch noch nicht zur Weltspitze gehört haben. Sondern dort sind, weil sie das jahrelang gemacht haben und sich wirklich dafür den Hintern aufgerissen haben. Das ist auf jeden Fall für mich ein Ansporn, zu sehen, dass ich noch Zeit habe und viel daran arbeiten kann, irgendwann auch dort anzukommen. Jetzt schaue ich einfach, dass ich viel trainieren kann, sodass ich in ein paar Jahren noch einen guten Fortschritt machen kann.
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