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Falk Wendrich – Bewegte Karriere, noch nicht vollendet

© Gladys Chai von der Laage
Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund haben sieben Athletinnen und Athleten erstmals in der Aktivenklasse ganz oben gestanden. Die meisten von ihnen sind neue Gesichter, andere waren schon mehrfach nah an ihrem ersten nationalen Titel. Wir stellen die neuen Meisterinnen und Meister vor, heute Hochspringer Falk Wendrich (LAZ Soest).
Jan-Henner Reitze

Falk Wendrich
LAZ Soest

Bestleistung:

Hochsprung: 2,29 m (2017)

Erfolge:

Siebter Hallen-EM 2019
Gold World University Games 2017
Fünfter U23-EM 2017
Fünfter U20-WM 2014
Silber U20-WM 2012
Silber Europäisches Olympisches Jugendfestival 2011

Ein früher, kometenhafter Aufstieg, ein außergewöhnliches Gefühl für seine Disziplin, Höhenflüge bis hin zu 2,29 Metern und Gold bei den World University Games. Seitdem er sich im Alter von 13 Jahren dafür entschieden hat, ist der Hochsprung der bestimmende Teil im Leben von Falk Wendrich. Neben seinen Erfolgen ist der inzwischen 30-Jährige auch immer wieder an Grenzen gestoßen. Einiges, was er sich sportlich zutraut, ist noch nicht umgesetzt.

Dazu gehörte bis zur zurückliegenden Wintersaison auch, bei einer Deutschen Meisterschaft ganz oben zu stehen. Mit dem Titel bei der Hallen-DM in Dortmund hat sich das geändert, auch wenn die Umstände einmal mehr nicht leicht waren. Bisher noch nie dabei gewesen ist der Hochspringer bei großen Freiluftmeisterschaften bis hin zu Olympischen Spielen. Zur Marke von 2,30 Metern fehlt ihm ein Zentimeter. Ändert sich auch das, bis im Sommer 2028 die Olympischen Spiele in Los Angeles (USA) über die Bühne gegangen sind?

Der Athlet vom LAZ Soest richtet alles darauf aus. Wegen seiner Verletzungsgeschichte spielen dabei die Wahl der Trainingsreize, Geduld und Fingerspitzengefühl eine noch größere Rolle als bei anderen Spitzenathleten. Hinter seiner ungebrochenen Leidenschaft für den Hochsprung steckt nicht nur die Jagd nach Höhen und Erfolgen, sondern auch die Faszination für Leichtigkeit und Eleganz, die ein gelungener Sprung mit sich bringt, für ihn als Athlet und das Publikum, das dabei zuschaut.

Bewusste Entscheidung für den Hochsprung

In seiner Kindheit in Soest in Nordrhein-Westfalen orientierte sich Falk Wendrich erstmal innerhalb seiner Familie. „Ich wollte alles machen, was eine meiner älteren Zwillingsschwestern gemacht hat“, erzählt er. „So habe ich zum Beispiel in Alter von sechs Jahren mit Ballett angefangen, habe Badminton gespielt, Fußball und bin auch zur Leichtathletik gegangen.“

Im Fußball schaffte es der damalige Schüler bis in die Kreisauswahl, entschied sich im Alter von 13 Jahren aber, mit dieser Sportart aufzuhören und sich komplett auf die Leichtathletik zu konzentrieren „Ausschlaggebend dafür war, dass ich in der Leichtathletik ganz allein für meine Leistung verantwortlich bin.“

Beim LAZ Soest bei Trainer Harald Bottin war schon damals der Hochsprung klar die beste Disziplin. Als U16-Athlet gehörte Falk Wendrich mit einer Bestleistung von 1,96 Metern zu den Top Drei seines Jahrgangs in Deutschland. Für erste Trainingseinheiten ging es zu Brigitte Kurschilgen nach Dortmund, die zu einer langjährigen Wegbegleiterin werden sollte.

Rasanter Aufstieg bis hin zur DLV-U18-Bestleistung

Die U18-Jahre entwickelten sich zu einem Aufstieg, der fast grenzenlos erschien. 2011 reichte es zwar nicht für die Qualifikation zur U18-WM, aber für den ersten Start im Nationaltrikot beim Europäischen Olympischen Jugendfestival in Trabzon (Türkei) und dort zur Silbermedaille (2,08 m). Dazu kam der erste von letztlich fünf Titeln bei Deutschen Jugendmeisterschaften, anschließend steigerte Falk Wendrich in Ahlen seinen Hausrekord auf 2,14 Meter.

Ein Jahr später ging es zur U20-WM nach Barcelona (Spanien), wo der damals erst 17-Jährige die DLV-U18-Bestleistung der deutschen Hochsprung-Legende Dietmar Mögenburg um einen Zentimeter auf 2,24 Meter verbesserte und sensationell Silber gewann. Diese Leistung bestätigte der junge Überflieger später auch noch einmal beim Meeting im Hochsprung-Mekka Eberstadt.

„Einerseits war ich damals unbeschwert, hatte im Wettkampf aber schon einen sehr hohen Fokus und bin die Sache absolut ernsthaft angegangen“, erzählt Falk Wendrich, der im folgenden Jahr für den TV Wattenscheid 01 startete, dann aber ins Trikot des LAZ Soest zurückkehrte.

Jahre mit Depression

Der Leichtigkeit dieses Aufstieges folgten schwierige Jahre, in denen der junge Sportler unter Depressionen litt. Es dauerte, bis er sich Hilfe suchte, schließlich auch bei der Robert-Enke-Stiftung. Unterstützung aus dem persönlichen Umfeld wurde in dieser Phase noch wichtiger als sowieso schon.

Bevor er vor diesem Hintergrund 2015 eine Wettkampfpause einlegte, stand Falk Wendrich weiter am Anlauf. 2014 wieder bei einer U20-WM, wo er in Eugene (USA) mit 2,22 Metern Rang fünf belegte, trotz seiner Erkrankung. „Angesichts der Umstände ist das eine meiner größten Leistungen.“

Ohne genau sagen zu können, was der Auslöser war und was schließlich zu einer Besserung führte, verschwand die Depression wieder. 2016 waren wieder Wettkämpfe möglich, aber nicht auf dem Niveau, dass eine Olympia-Teilnahme in Rio de Janeiro (Brasilien) in Reichweite kam.

Auf Tief folgt nächstes Hoch, dann wieder Rückschläge

Dass er sich endlich wieder besser fühlte, trug maßgeblich dazu bei, dass es sportlich wieder bergauf ging und 2017 nach fünf Jahren endlich wieder eine persönliche Bestleistung in die Statistiken einging. Auf 2,26 Meter in Bühl folgten der fünfte Platz bei der U23-EM in Bydgoszcz (Polen; 2,22 m) und der Sieg bei den World University Games in Taipei (Taiwan) mit der bis heute gültigen Bestleistung von 2,29 Metern. „Da ging mehr oder weniger wieder alles von selbst.“

In den folgenden Jahren waren es verschiedene Verletzungen, die kontinuierliches Training und stabile Spitzenleistungen verhinderten, dazu gehörten auch schwerwiegende. Die Qualifikation für die Heim-EM 2018 in Berlin war wegen eines Teilrisses der Plantarfaszie nicht möglich, bei der Heim-EM 2022 in München war es ein Teilriss der Achillessehne. Dazwischen lag 2019 die bisher beste Hallensaison mit 2,26 Metern und Rang sieben bei der Hallen-EM in Glasgow (Großbritannien; 2,18 m).

Zwischenzeitlich übernahm außerdem der Leverkusener Trainer Hans-Jörg Thomaskamp die Betreuung, was aber nicht zur angestrebten Teilnahme an den Olympischen Spielen 2021 in Tokio (Japan) führte. Schließlich schlugen Falk Wendrich und Brigitte Kurschilgen ein neues Kapitel ihrer Zusammenarbeit auf.

Schauspiel, Studium und Ausbildung

Was seine berufliche Zukunft angeht, verfolgte der Hochspringer neben dem Leistungssport verschiedene Ideen. Er bewarb sich bei Schauspielschulen. „Ich bin aber nie über die erste Runde hinausgekommen. Damit erübrigte sich auch die Frage, wie ich das mit dem Leistungssport hätte verbinden können.“

Mehrere Semester lief ein Studium in Wirtschaftswissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum. Abgeschlossen hat Falk Wendrich eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann im Küchenfachgeschäft seines Vaters in Soest. „Diese Arbeit macht mir großen Spaß und größer in dieses Geschäft einzusteigen, ist der Plan nach meiner sportlichen Karriere.“ Die geht mit neuen Wendungen bis heute weiter.

Nach Kreuzbandriss zurückgekämpft

Das Jahr 2023 brachte neben der bis dahin sechsten Silbermedaille bei Deutschen Meisterschaften die nächste große Verletzung, die sogar eine Fortsetzung der Karriere in Frage stellte. Am Ende der Saison beim ISTAF riss während des Absprungs das Kreuzband im linken Knie. „Danach wieder zurückzukommen, war auch eine mentale Herausforderung, denn diese Bewegung muss ich ja wieder ausführen.“

Aufgeben kam für den 30-Jährigen aber nicht infrage, auch wenn klar war, dass es mit den Olympischen Spielen 2024 in Paris (Frankreich) nichts werden würde. „Ich habe acht Monate nach der Verletzung wieder die ersten Schersprünge über 1,30 Meter gemacht. Wir haben sehr behutsam die Belastung gesteigert und ich habe Vertrauen zurückgewonnen.“ Eine aus der rechten Oberschenkelrückseite entnommene Sehne musste der Körper nach einer OP in das neue Kreuzband umwandeln. 

Wieder dran an der Bestleistung

In der Hallensaison 2025 meldete sich Falk Wendrich zum Jahresauftakt mit 2,02 Metern zurück im Wettkampf und gewann Bronze bei der Hallen-DM (2,18 m). „Da hat es sich erstmals wieder nach Hochsprung angefühlt. Vor dem Hintergrund meiner Rückkehr ist mir diese DM-Bronzemedaille mehr wert als all die silbernen vorher.“

Im Freien lief verletzungsbedingt nicht alles glatt. Schon der DM-Wettkampf, der wieder einmal Silber (2,23 m) brachte, deutete aber an, dass mehr möglich ist. Nachdem es mit der WM-Qualifikation nicht geklappt hatte, bereitete sich Falk Wendrich noch einmal gezielt auf die Stadtmeisterschaften Ende September in seiner Heimat Soest vor, bei denen er mit 2,28 Meter bis auf einen Zentimeter an seine bisher beste Höhe der Karriere heransprang. Das war der endgültige Nachweis, dass noch Weltklasse-Höhen in ihm stecken und Olympia kein unerreichtes Ziel bleiben muss. „Was jetzt noch fehlt, ist eine neue Bestleistung.“ Das wäre ein Sprung über 2,30 Meter oder mehr.

EM in Birmingham, WM in Peking, Olympia in Los Angeles?

Die zurückliegende Hallensaison war von Schmerzen in der Achillessehne geprägt, zuerst im linken Sprungfuß, dann im rechten Fuß. Nach einer vielversprechenden Abschlusseinheit im Training kam drei Tage vor der Hallen-DM eine Bronchitis mit Fieber dazu. Kurzfristig entschied sich Falk Wendrich, dass er sich dennoch fit genug für einen Wettkampf fühlt. In Abwesenheit von Titelverteidiger Tobias Potye (Munich Athletics) übersprang er 2,19 Meter und sicherte sich seinen ersten DM-Titel. „Das war ein versöhnlicher Abschluss des Winters und eine gute Grundlage für den Sommer.“

Auf die Freiluftsaison bereitet sich der Deutsche Hallenmeister im Moment im Trainingslager in Südafrika vor. Das Ziel ist die EM in Birmingham (Großbritannien; 10. bis 16. August), im Hinterkopf sind auch schon die WM im kommenden Jahr in Peking (China) und die Olympischen Spiele 2028. Es wäre jeweils die erste Teilnahme an diesen Meisterschaften.

„Zuversichtlich stimmt mich, dass ich in der Vergangenheit oft viel aus eigentlich gar nicht so guten Voraussetzungen gemacht habe“, sagt Falk Wendrich, der nach wie vor für seine Disziplin brennt. „Natürlich geht es vor allem um die Höhe, aber nicht allein. Der Hochsprung ist für mich die Verbindung aus Eleganz, Leichtigkeit und Intensität.“

Video: Hochspringer Falk Wendrich feiert Titel-Premiere
Video-Interview: Falk Wendrich: "Wenn ich meine Achillessehne in den Griff bekomme, schaffe ich es zur EM"

Das sagt die DLV-Teamleiterin Hochsprung Brigitte Kurschilgen:

Die Entscheidung, trotz des Infekts bei der Hallen-DM zu starten, habe ich Falk überlassen. Er hat am Tag vor dem Wettkampf gesagt, er möchte an den Start gehen. Schön natürlich, dass es mit dem Titel geklappt hat. Aber die Kräfte waren nicht voll da und hinterher musste Falk einsehen, dass es mit der Hallen-WM nichts werden würde. Statt der Qualifikation bei einem weiteren Wettkampf nachzujagen, hat er eine komplette Woche Pause gemacht, was für ihn eher ungewöhnlich ist.

Als Falk zu mir kam, habe ich sein Talent zuerst gar nicht erkannt. Er hatte einen guten Absprung, ist ansonsten aber nicht besonders aufgefallen. Was mich überzeugt hat, ist seine motorische Lernfähigkeit. Innerhalb von drei Monaten hat er sich technisch von einem Anfänger zu einem echten Hochspringer entwickelt. Sein Körpergefühl deckt sich fast immer mit meinen Beobachtungen. Das macht unsere Zusammenarbeit aus. Falk ist hochmotiviert, offen für neue Ansätze. Natürlich hat er auch seinen eigenen Kopf und ich bin nicht immer von all seinen Ideen begeistert. Es gab ja auch eine zwischenzeitliche Trennung, die uns gutgetan hat. Mehr Entscheidungen werden inzwischen gemeinsam getroffen.

Nach seinem Kreuzbandriss war ich skeptisch, was eine Rückkehr anging. Mit einer solchen Verletzung hatte ich keine Erfahrung. Aber Falk wollte es probieren und ich bin an seiner Seite geblieben. Den Wiedereinstieg ins Training haben wir sehr vorsichtig gestaltet. Beim Comeback im Wettkampf war ich überrascht, wie gut es schon wieder lief. Und das zeichnet Falk ebenfalls aus: Obwohl eigentlich unverzichtbare Trainingsinhalte wegfallen müssen und Zubringerleistungen auf dem Papier fehlen, ist er in der Lage, Höhen zu springen, die ihn zu den Olympischen Spielen bringen können.

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