| Interview

Jonathan Hummel: „Ich habe mir diesen Moment so oft vorgestellt“

© Jan Papenfuß
Eine von vier deutschen Goldmedaillen bei der U18-EM ging am Samstag an Jonathan Hummel. Der Stabhochspringer von der LG Leinfelden-Echterdingen holte sich mit neuer Bestleistung von 5,15 Metern den Titel. Im Interview lässt er den Wettkampf Revue passieren, verrät seine größte Stärke und erzählt, wie er eher zufällig den Weg zum Stabhochsprung fand.
Svenja Sapper

Jonathan Hummel, herzlichen Glückwunsch: Du bist der neue U18-Europameister im Stabhochsprung. Kannst du das schon begreifen?

Jonathan Hummel:
Noch nicht wirklich. Ich kann nicht glauben, dass das wirklich passiert ist. Wahrscheinlich muss ich mir den Wettkampf noch einmal anschauen, um es wirklich zu realisieren. Ich habe mir diesen Tag locker 60-mal vorgestellt, vor mir gesehen, wie ich gewinne. Ich habe jedes Mal gezittert! Und jetzt ist es wirklich passiert!

4,70 und 4,85 Meter hast du sehr souverän im ersten Versuch gemeistert. Bei 4,85 Metern mussten viele deiner Kontrahenten schon in den zweiten oder dritten Versuch, entsprechend lang musstest du in der Hitze auf deinen ersten Sprung bei 5,00 Metern warten. Wie bist du damit zurechtgekommen?

Jonathan Hummel:
Die lange Pause hat mich schon genervt. Es haben so viele gerissen, dass ich schon dachte, es ist gleich zu Ende. Nach dem Fehlversuch bei 5,00 Metern habe ich mir kurz vorgestellt, wie es wäre, Vierter zu werden – oder noch schlechter. Aber ich wusste: Ich bin diese Höhe schon gesprungen, ich kann das noch mal machen. Und dann habe ich es geschafft.

Diese mentale Stärke unter Druck aufzubringen, schafft nicht jeder Athlet … Hat dich die Aufregung gar nicht beeinträchtigt?

Jonathan Hummel:
Bei mir ist der Abend vorher immer am schlimmsten, wenn man nicht schlafen kann. Oder morgens, wenn man vor Aufregung nichts essen kann. Im Wettkampf selber ist es einfach. Ich stehe am Anlauf und weiß: Ich muss jetzt drüber, dann habe ich noch eine Chance zu gewinnen. Wenn der Druck hoch ist, performe ich immer am besten. Das ist schon so, seit ich mit Leichtathletik angefangen habe. Wenn ich das dann eine Woche später noch mal Revue passieren lasse, bin ich selbst erstaunt und kann mir nicht mehr vorstellen, wie ich das geschafft habe.

Nach den 5,00 Metern hast du auch noch 5,10 Meter überquert. Genau wie der Franzose Axel Faye. Ihr habt euch zu diesem Zeitpunkt Rang eins geteilt. Bei 5,15 Metern ging es dann um den Sieg. Wie hast du diesen Zweikampf erlebt?

Jonathan Hummel:
Wenn ich ehrlich bin: Als ich gesehen habe, dass der Franzose im ersten Versuch bei 5,15 Metern durchgelaufen ist, war mir klar, dass er das nicht mehr schaffen wird. Er war ja auch schon 15 Zentimeter über PB. Da war ich mir schon sehr sicher: Wenn ich die Höhe überquere, dann habe ich’s. Ich habe schon überlegt, was ich mache, wenn ich nicht drüberkomme. Aber den Gedanken habe ich dann gestrichen und mir ganz fest gesagt: Ich kann das springen! So, wie ich im Training springe, habe ich das drauf.

Da warst du aber auch schon oberhalb deiner PB …

Jonathan Hummel:
Ja. Und ich muss noch erwähnen: Die Wettkämpfe in den letzten vier, fünf Wochen liefen gar nicht gut. Seit ich in Gräfelfing die 5,10 Meter gesprungen bin, habe ich keine fünf Meter mehr geschafft, auch nicht bei den Deutschen Meisterschaften. Ich dachte, das war’s jetzt für diese Saison. In der Qualifikation habe ich mir keine Sorgen darüber gemacht. Ich wusste, egal wie schlecht es läuft, 4,90 Meter kann ich immer springen und das reicht auf jeden Fall fürs Finale.

Konntest du den Fehler identifizieren und ausmerzen?

Jonathan Hummel:
Ja, ich wusste, dass es am Anlauf lag. Seit der Qualifikation habe ich mir immer wieder vorgestellt, wie ich richtig anlaufe. Und jetzt hat es funktioniert. 

Was war für dich der schönste Moment bei dieser EM – abgesehen von deiner Goldmedaille?

Jonathan Hummel:
Meine Sprünge über 5,10 und 5,15 Meter. Bei 5,10 Metern habe ich die Latte nicht mal berührt, das konnte ich in dem Moment gar nicht glauben. Dann bin ich auf der Matte gelandet und wusste: Ich liege in Führung. Ich kann das schaffen. Bei 5,15 Metern bin ich an der Latte hängen geblieben und habe gehofft, dass sie oben bleibt, bevor ich mich getraut habe zu jubeln. 

Wie bist du eigentlich zum Stabhochsprung gekommen?

Jonathan Hummel:
Ich wollte eigentlich für den Zehnkampf trainieren, hatte aber noch nie Stabhochsprung gemacht. Meine Mutter ist Trainerin und hatte sich für einen Lehrgang beim Württembergischen Landestrainer Stephan Munz angemeldet. Der hat dann aber kurzfristig nicht stattgefunden, weil sich nicht genügend Personen angemeldet hatten. Irgendwie war das aber trotzdem das Beste, was mir in meinem Leben passiert ist. Denn meine Mutter hat danach beim Olympiastützpunkt in Stuttgart angerufen und Marcel Breuer, Bildungsreferent beim WLV, hat mir eine Trainingseinheit bei Stephan Munz organisiert. Das war 2023. Danach hat er mir meine jetzige Trainerin Anjuli Knäsche empfohlen.

Demnach hat deine Mutter ja eine bedeutende Rolle in deinem Werdegang gespielt. Was hat sie dir mit auf den Weg gegeben?

Jonathan Hummel:
Meine Mutter und meine Familie generell sind meine wichtigsten Unterstützer. Meine Mutter hat früher auch Leichtathletik gemacht und ist unter anderem 1.500 Meter gelaufen. Sie hat mir gesagt, dass ich mir nicht zu viel Druck machen soll. Ich muss niemandem etwas beweisen. Ich soll einfach springen, weil es mir Spaß macht.

Du hast deine Trainerin Anjuli Knäsche eben schon angesprochen. Sie ist nicht nur Cheftrainerin der LG Leinfelden-Echterdingen und leitet das Stabhochsprungteam "Fly High", sondern gehört selbst zu den besten Stabhochspringerinnen in Deutschland und ist am Sonntag, also einen Tag nach deinem EM-Triumph, bei den Baden-Württembergischen Meisterschaften mit 4,60 Metern EM-Norm gesprungen. Wie hast du davon erfahren?

Jonathan Hummel: 
Ich habe das ganz zufällig erfahren! Ich war zum Zuschauen im Stadion und wollte das deutsche Team anfeuern. Von dort aus wollte ich meiner Trainerin eine Nachricht mit einem Dankeschön schreiben, dass sie mich so weit gebracht hat. Und dann kam auf einmal eine Nachricht in der Stabhochsprung-Gruppe unseres Vereins, dass Anjuli 4,60 Meter gesprungen ist. Das hat sie ja seit fünf Jahren immer wieder versucht und nie geschafft, und an diesem Wochenende hat es geklappt. Ich habe mich natürlich riesig für sie gefreut! Ich springe PB, sie springt PB, wir beide haben unsere größten Erfolge am selben Wochenende erreicht, das ist schon cool. Das habe ich dann in meiner Danke-Nachricht natürlich auch noch erwähnt. 

Mehr dazu:
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