| Berlin

Top-Stars feiern beim ISTAF mit 41.000 Fans einen rauschenden Leichtathletik-Nachmittag

Der deutsche Zehnkämpfer Leo Neugebauer jubelt vor einer besetzten Zuschauertribüne, dabei hebt er seine Arme in Muskelpose, hat eine Goldmedaille um den Hals und eine Deutschlandfahne in der Hand. © ISTAF / Tilo Wiedensohler
Mitreißende Entscheidungen, eine grandiose Stimmung im Olympiastadion und absolute Weltklasseleistungen: Das ISTAF im Berliner Olympiastadion vor 41.000 Zuschauern – und damit eins der zuschauerstärksten Meetings der Welt – hat am Sonntagnachmittag mal wieder begeistert. Mit Leo Neugebauer, Julian Weber, Gesa Krause sowie den Lokalmatadoren Emil Agyekum und Gina Lückenkemper mit der deutschen Mixed-Staffel gab es gleich fünf deutsche Siege. Ganz nebenbei wurde im Kugelstoßring ein 42 Jahre alter Meetingrekord aus den Statistiken gelöscht. ISTAF-Chef Martin Seeber zog nach dem Leichtathletik-Spektakel eine positive Gesamtbilanz.
Martin Neumann

ISTAF 2026

Mit einem breiten Lächeln im Gesicht und ins Publikum winkend absolvierte Leo Neugebauer (VfB Stuttgart) am Sonntag die letzten 150 Meter im 1.500-Meter-Rennen des ISTAF-Dreikampfes. Der Welt- und Europameister im Zehnkampf hatte sich im Olympiastadion in den ersten beiden Disziplinen – 100 Meter und Diskuswurf – einen beachtlichen Vorsprung von fast 40 Sekunden erarbeitet und brachte diesen sicher ins Ziel.

Damit gewann der Deutsche Rekordhalter wie 2024 den „Leichtathletik-Triathlon“ im Olympiastadion. Dafür musste auch nicht lange gerechnet werden, denn der Stuttgarter ging nach der Gundersen-Methode mit dem entsprechenden Vorsprung aus den ersten beiden Disziplinen auf die 1500 Meter. Der erste Athlet im Ziel war dementsprechend auch neuer ISTAF-Champion.

Leo Neugebauer: Zittern vor dem großen Wurf

Dabei musste Leo Neugebauer bei seiner Paradedisziplin Diskuswurf lange zittern. Nach zwei missglückten Würfen musste unbedingt im letzten Versuch ein gültiger Versuch her – und der Publikumsliebling lieferte. Mit 58,54 Metern nahm er der Konkurrenz mehr als zehn Meter oder 200 Punkte ab und sicherte sich den großen Vorsprung für die 1500 Meter. Zwar kamen Niklas Kaul (USC Mainz) und Amadeus Gräber (Eintracht Frankfurt) noch einmal bis auf etwa 35 Meter an den Europameister heran. Gefährden konnte sie Leo Neugebauer aber nicht. Den Spurt um Rang zwei entschied Youngster Amadeus Gräber knapp gegen Vize-Europameister Niklas Kaul für sich. „Endlich konnte ich durch die Gundersen-Methode mal ein 1500-Meter-Rennen gewinnen. Ich wusste, dass ich mit dem Diskus so weit werfen konnte. Aber dann hieß es für mich nach den zwei ungültigen Versuchen nur: Augen zu und durch. Die 1500 Meter haben sich dann so angefühlt, als würde ich in die Saisonpause laufen“, strahlte Leo Neugebauer nach seinem erneuten Coup im Olympiastadion.

Mit weit ausgebreiteten Armen, als wollte er alle 41.000 Fans im Olympiastadion umarmen, stürmte Emil Agyekum (SCC Berlin) am Sonntagnachmittag beim ISTAF ins Ziel. Dem frischgebackenen Vize-Europameister über 400 Meter Hürden und Berliner Lokalmatador war der Sieg da nicht mehr zu nehmen. Obwohl er auf den letzten Metern die eine oder andere Hundertstel verschenkte, war dem Deutschen Rekordhalter der Sieg nicht mehr zu nehmen. Mit 48,18 Sekunden gewann er nicht nur souverän, sondern lief auch die schnellste ISTAF-Zeit seiner Karriere. Ein Beweis für seine extrem starke Form. „Ich freue mich so, hier zu sein. Das Publikum war so fantastisch, ich habe den Support gespürt und den ganzen Tag genossen“, sagte der 27-Jährige nach dem Rennen mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Als Zweiter machte sein Trainingspartner Owe Fischer-Breiholz (Königsteiner LV) mit 49,03 Sekunden den deutschen Doppelsieg im Olympiastadion perfekt. Bei den Frauen lief über 400 Meter Hürden die Jamaikanerin Rushell Clayton mit 53,72 Sekunden zum Sieg.

Julian Webers fünfter ISTAF-Streich

Einen Tag nach seinem 32. Geburtstag machte sich Julian Weber (USC Mainz) ein besonderes Geburtstagsgeschenk. Der in Berlin lebende Speerwerfer schickte im sechsten Versuch, als ihm der Sieg nicht mehr zu nehmen war, das 800-Gramm-Gerät auf 89,54 Meter. Damit übertraf der Europameister, der in Birmingham ebenfalls im letzten Versuch mit 90,40 Metern geglänzt hatte, seine „ISTAF-Bestmarke“ um knapp einen Meter.

„Ich habe die Diamond League extra ausgelassen, um hier beim ISTAF zu starten. Das hat sich gelohnt. Ohne die tollen Fans hätte ich das nicht geschafft. Berlin ist geil, die Leichtathletik ist geil. Im letzten Versuch konnte ich einfach den Kopf ausschalten und alles oder nichts gehen“, jubelte Julian Weber, der nun zum fünften Mal in Folge beim ISTAF triumphierte. Rang zwei ging an Ex-Weltmeister Anderson Peters (Grenada; 83,32 m) sicherte sich Platz zwei, Nick Thumm (VfB Stuttgart), der bei der EM mit Sensationssilber überrascht hatte“, kam mit 83,10 Metern dicht an seine Bestleistung heran und wurde in einem starken Feld Vierter.

Die 2.000 Meter Hindernis wurden zum Schaulaufen der deutschen EM-Heldinnen. An der Spitze setzte sich Europameisterin Gesa Krause (Silvesterlauf Trier) auf den letzten beiden Runden ab und lief mit 5:56,79 Minuten ungefährdet zum Sieg. Schneller war in diesem Jahr keine andere Läuferin auf der selten ausgetragenen Distanz. Den Trierer Doppelsieg machte Olivia Gürth mit 6:02,65 Minuten perfekt. „Es war für mich ein tolles Jahr und wollte es unbedingt hier beim ISTAF ausklingen lassen. Ich werde auf jeden Fall noch weitere Jahre dem Hindernislauf erhalten bleiben“, sagte Gesa Krause.

42 Jahre alter Meetingrekord ist Geschichte

Einen echten Kracher ließ Chase Jackson los. Die zweimalige Kugelstoß-Weltmeisterin aus den USA beförderte die Vier-Kilo-Kugel gleich im ersten Versuch auf 21,02 Meter. Als die Weite auf der Anzeigetafel erschien, kannte die Freude kein Halten mehr. Denn mit dem ersten 21-Meter-Stoß ihrer Karriere steigerte sie nicht nur ihren US-Rekord um sieben Zentimeter, sondern auch den 42 (!) Jahre alten ISTAF-Rekord von Hallen-Weltrekordlerin Helena Fibingerová (Tschechien) um vier Zentimeter.

Auch dahinter erzielten die Athletinnen Weltklasseweiten: Sarah Mitton (Kanada) sicherte sich mit 20,10 Metern Rang zwei. Auch Olympiasiegerin Yemisi Mabry (MTG Mannheim) kratzte an der 20-Meter-Marke und wurde mit 19,73 Metern Dritte. Für die 27-Jährige war es der zweitbeste Wettkampf ihrer Freiluftsaison. „Auf diese Weite habe ich schon so lange gewartet. Ich freue mich riesig, dass es hier geklappt hat. Denn die Stimmung war einfach super“, jubelte Chase Jackson nach dem Rekordstoß.

Valarie Sion regiert im Ring

Bereits zum Start des Meetings bewies Valarie Sion, dass sie die „Herrin des Rings“ ist. Die Diskuswurf-Seriensiegerin aus den USA war mit 67,89 Metern nicht zu schlagen und hätte auch mit vier ihrer sechs Versuchen gewonnen. Ganz stark präsentierte sich nach einer langen Saison Leia Braunagel. Die Frankfurterin sicherte sich beim Prestige-Meeting mit 64,60 Metern Rang zwei und kam bis auf einen halben Meter an ihre Bestleistung heran. Vize-Europameisterin Shanice Craft (SV Halle) belegte mit 61,61 Metern Rang drei. „Das ISTAF ist eins meiner Lieblingsmeetings. Die Energie der Zuschauer im Olympiastadion und seine Geschichte machen das Meeting so besonders“, bedankte sich die zweimalige Olympiasiegerin bei den Fans.

Die letzten Entscheidungen des stimmungsvollen Leichtathletik-Nachmittags fielen auf der Sprintgeraden. Bei den Männern stürmte Kadrian Goldson (Jamaika) mit 9,98 Sekunden zum 100-Meter-Sieg. Lucas Ansah-Peprah (Hamburger SV) belegte als schnellster Deutscher mit 10,23 Sekunden Rang vier. Den Schlusspunkt setzten die Sprinterinnen. Noch vorn gepusht von den 41.000 Fans fightete Lokalmatadorin Gina Lückenkemper (SCC Berlin) bis zum Zielstrich um den Sieg. Mit 11,22 Sekunden musste sich die 29-Jährige in ihrem zweitschnellsten Rennen der Saison nur der Jamaikanerin Sabrina Dockery (11,13 sec) geschlagen geben. Rebekka Haase (Sprintteam Wetzlar) belegte mit 11,39 Sekunden Rang fünf.

Deutsche Mixed-Staffel nicht zu schlagen

Das deutsche Duo hatte schon knapp zweieinhalb Stunden zuvor über einen Sieg jubeln dürfen. Zusammen mit Marvin Schulte (ASV Köln) und Lucas Ansah-Peprah stürmten sie in der Mixed-Staffel über 4x100 Meter in 40,99 Sekunden zum Sieg. Im Hürdensprint hatten die Athletinnen mit dem Gegenwind zu kämpfen. Den ISTAF-Sieg schnappte sich Danielle Williams (Jamaika) mit 12,78 Sekunden. Dahinter folgten Amber Hughes (USA) und Laeticia Bapté (Frankreich), die beide 12,88 Sekunden liefen. Als schnellste Deutsche lief Rosina Schneider (TV Sulz) mit 12,93 Sekunden auf Rang fünf.

Über 1.500 Meter biss Robert Farken (SG Motor Gohlis-Nord Leipzig) die Zähne zusammen. Denn an der Spitze drückte Cameron Myers unnachgiebig aufs Gaspedal. Lösen konnte sich der Australier aber erst auf der Zielgeraden. Mit 3:30,96 Minuten holte sich der Ozeanienrekordhalter über 3.000 Meter den Sieg. Robert Farken folgte als Zweiter mit 3:31,73 Minuten und bewies erneut auf großer Bühne, dass er aktuell der beste Mittelstreckler Deutschlands ist. Auf Rang zehn steigerte Hindernisspezialist Karl Bebendorf (Dresdner SC), EM-Dritter von Birmingham, seine Saisonbestzeit auf 3:36,16 Minuten.

Besonderes Gefühl auf der blauen Bahn

„Hier auf der blauen Bahn zu laufen, ist immer etwas Besonderes. Ich hatte eine Zeit unter 3:30 Minuten im Kopf. Aber mit der Zeit bin ich trotzdem zufrieden. In den vergangenen Tagen habe ich nun alle Medaillengewinner der EM geschlagen. Das bringt mir keine Medaille, aber es ist befriedigend zu wissen, dass ich in guter Form bin“, sagte Robert Farken.

Auch die 800 Meter der Frauen wurden erst auf den letzten Metern entschieden. Klaudia Kazmierska kam auf der Zielgeraden noch einmal stark auf, doch Nigist Getachew war ihr ein paar Hundertstel voraus. Mit 1:58,04 Minuten setzte sich die Äthiopierin vor der Polin (1:58,11 min) durch. Als schnellste deutsche Läuferin sicherte sich Smilla Kolbe (Eintracht Frankfurt) mit 2:00,68 Minuten Rang sechs.

Ernest John Obiena behält bei der Windlotterie die Ruhe

Beim Stabhochsprung mussten die Starter nicht nur enorme Höhen meistern, sondern auch mit dem frischen Wind zurechtkommen. Am besten meisterte das Ernest John Obiena. Der Landesrekordler aus den Philippinen übersprang als einziger 5,82 Meter. Hinter Ylio Philtjens (Belgien; 5,72 m), Robin Emig (Frankreich; 5,72 m) und KC Lightfoot (USA; 5,62 m) belegte der EM-Finalist Bo Kanda Lita Baehre (Düsseldorf Athletics; 5,62 m). Den Weitsprung der Frauen gewann nach der verletzungsbedingten Absage von Olympiasiegerin Malaika Mihambo (LG Kurpfalz) Tyra Gittens (Trinidad und Tobago) mit 6,79 Metern vor Marthge Koala (Burkina Faso; 6,71 m).

Längst Tradition hat das Para-Kugelstoßen beim ISTAF. Angetrieben von den 41.000 Zuschauern im Olympiastadion beförderte Weltrekordler Niko Kappel (VfB Stuttgart) sein vier Kilogramm schweres Arbeitsgerät auf 14,06 Meter. Damit war der Paralympicssieger in der Startklasse F41 (Kleinwüchsige) nicht zu schlagen. „Die 14 Meter sind immer eine Benchmark, da werden die internationalen Medaillen vergeben. Das Publikum war einfach geil – so wie immer beim ISTAF“, freute sich der Stuttgarter nach seinem Triumph. Beste Para-Kugelstoßerin war Charlotte Bolton (Kanada) mit 9,58 Metern. Im Para-Sprint über 100 Meter entschieden sieben Hundertstel über den Sieg. Felix Streng (Sprintteam Wetzlar) setzte sich mit 10,85 Sekunden vor Sherman Guity Guity (Puerto Rico; 10,92 sec), der 2024 in Paris triumphiert hatte.

Rudi Thiel ehrt „seinen“ neuen Meetingrekordler

Für einen Meetingrekord sorgten die Mittelstrecken-Youngster. An der Spitze der „Rudi-Thiel-Meile“ – benannt nach dem langjährigen ISTAF-Chef – folgte Bakr El Asri (Spanien) dem schnellen Tempo des Pacemakers. Der U20-Weltmeister über 3.000 Meter Hindernis ließ auch nach dem Ausscheiden des Tempomachers nicht nach und blieb als erster U20-Läufer bei der Rudi-Thiel Meile mit 3:58,89 Minuten unter vier Minuten. Den Spurt um Rang zwei entschied Tom Stephan (TV Lilienthal) mit 4:14,44 Minuten für sich. Seine Siegestrophäe erhielt Bakr El Asri aus den Händen von „Mr. ISTAF“ Rudi Thiel, der es sich auch mit 98 Jahren nicht nehmen ließ, sein Meeting im Olympiastadion live zu verfolgen.

„Das Zusammenspiel der Athletinnen und Athleten mit den Fans im Olympiastadion hat mal wieder gezeigt, wie faszinierend die Leichtathletik ist. Die Stimmung bei den 41.000 Zuschauern war fantastisch und eine echte Werbung für unseren Sport. Ich möchte mich ausdrücklich bei allen Athletinnen und Athleten, die Weltklasseleistungen gezeigt haben, den Fans, allen Sponsoren und Helfenden bedanken, dass sie so ein tolles Event auf die Beine gestellt haben“, zog Meetingchef Martin Seeber eine äußerst positive Bilanz des ISTAF 2026.

ISTAF 2026

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