Mit dem DM-Titel im Siebenkampf in der Frauenklasse hat Emma Kaul (USC Mainz) am vergangenen Wochenende einen goldenen Saisonabschluss gefeiert. Gleichzeitig durfte sie sich über den dritten Siebenkampf in Folge mit mehr als 6.100 Punkte freuen – und das im Alter von erst 20 Jahren. Nächste Leistungsschritte sollen folgen.
Sechs Jahre ist es her, dass Emma Kaul (USC Mainz) zum ersten Mal bei Deutschen Meisterschaften auf dem Treppchen ganz oben stand. In der Altersklasse W14 gewann sie damals Gold im Mehrkampf. „Damit hat eigentlich alles angefangen. Und das war ein total schöner Moment in der W14“, erinnert sie sich. Nach weiteren Titeln in der U18 und U20 kürte sich die Mainzerin vergangenes Wochenende in Hannover zur Deutschen Meisterin im Siebenkampf der Frauen. Nicht in der Altersklasse U23, der sie im ersten Jahr angehört, sondern in der Erwachsenenklasse.
„Das ist einfach unbeschreiblich, ich bin immer noch sehr glücklich. Ich kann das immer noch nicht ganz verstehen, dass ich jetzt wirklich bei den ,Großen‘ einen DM-Titel mitgenommen habe. Das ist noch nicht ganz bei mir angekommen“, sagt sie wenige Tage nach dem Triumph mit 6.125 Punkten. Wieso sie den Start bei den Frauen dem in der U23 vorgezogen hat? „Letztendlich ging es um Punkte für das World Ranking. Da hat man bei den Frauen einfach mehr Chancen auf Extrapunkte als bei der U23. Auch möchte ich damit nicht sagen, dass mir die U23 nicht wichtig ist. Das war es überhaupt nicht. Die Entscheidung fiel eher aus taktischen Gründen.“
Leistung muss an zwei Tagen passen
Ihre größte Herausforderung waren dabei weniger der Wind oder die starke Konkurrenzsituation, sondern vielmehr die Ungewissheit, ob sie nach zwei erfolgreichen Siebenkämpfen in dieser Saison in Götzis (6.104 pt) und Ratingen (6.152 pt) noch einmal in der Lage ist, auf diesem hohen Niveau zu performen. „Obwohl ich mir in meinen Leistungen und in meinen Fähigkeiten sehr sicher bin, ist es dann immer die Frage, ob ich es auch in den zwei Tagen des Siebenkampfes hinbekomme, sie abzurufen. Zudem hatte ich noch nie eine Saison mit drei Siebenkämpfen in einem Jahr, das war zusätzlich ein Fragezeichen“, sagt sie. Getreu dem Motto: „Alle guten Dinge sind drei“ gelang ihr schließlich auch bei der DM der dritte 6.100-Punkte-Siebenkampf des Jahres.
„Ich habe jetzt eine Baseline mit sehr soliden Wettkämpfen, die alle ohne große Ausfälle durchgegangen sind. Zugleich hatte ich aber noch keinen, bei dem ich gesagt habe, dass ich rundum zufrieden bin – was aber im Mehrkampf auch schwierig zu sagen ist. Den perfekten Siebenkampf gibt es eigentlich fast nie.“ Und wenngleich es den Ausreißer nach oben noch nicht gab, ist es genau das, was sie weiter motiviert, dafür hart zu arbeiten: „Zu wissen, dass da definitiv noch Potenzial ist und wir einfach noch an vielen Dingen arbeiten können, gibt mir direkt neuen Antrieb für das nächste Jahr. Denn unmöglich ist eine Steigerung definitiv nicht.“ Auch die hohe Leistungsdichte der national und international eng beieinander liegenden Konkurrenz sieht die Vierte der U20-EM im vergangenen Jahr nicht als Bürde, sondern als positives Zeichen für einen neuen Aufschwung im Mehrkampfgeschehen.
Erst die 800 Meter bringen die Entscheidung um DM-Gold
Spannend und auf einem hohen Niveau ging es auch in Hannover zu. Noch zur Halbzeit lag mit Mareike Rösing die Vereinskollegin von Emma Kaul in Führung. Und auch der zweite Tag begann für die beiden nahezu im Gleichschritt, sodass die Titelentscheidung erst bei den abschließenden 800 Metern fiel, die Emma Kaul in neuer Bestzeit von 2:11,33 Minuten absolvierte. Mareike Rösing gewann mit ihrem ersten 6.000-Punkte-Siebenkampf mit 6.105 Punkten Silber. Dabei sieht sich Emma Kaul selbst eher als sprintstarke Athletin, die vor allem über die Hürden und 200 Meter punktet. Eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat sie ihr Sprintvermögen einmal mehr auch im windigen Erika-Fisch-Stadion, als sie trotz schwieriger Bedingungen und Gegenwind mit 24,10 Sekunden Bestzeit lief.
Womit sie in dieser Saison etwas zu hadern hatte, waren indes die Wurfdisziplinen, in denen sie nach eigener Aussage etwas unter Wert geblieben ist. „Vor allem im Sperrwurf hatte ich kein stabiles Jahr – und trotzdem steht eine persönliche Bestleistung da“, sagt sie. In Götzis übertraf sie mit 50,25 Metern die 50-Meter-Marke. Zurückzuführen sei dies in erster Linie auf fehlende Wurfeinheiten im Freien: „Weil unser Stadion umgebaut wird, konnten wir dieses Jahr leider nicht so viel draußen trainieren. Dass wir dann ausweichen mussten, hat es nicht ganz einfach gemacht. Zwar haben wir gute Wege gefunden, aber es ist natürlich etwas anderes und man muss sich darauf einstellen und daraus lernen. Für die Zukunft heißt es, die Erfahrung mitzunehmen, damit man sich davon dann nicht so aus der Ruhe bringen lässt.“
Große Fortschritte im Weit- und Hochsprung
Eine große Erleichterung waren hingegen die Sprungdisziplinen. Nachdem sie im Hoch- und Weitsprung der Marke von 1,70 beziehungsweise 6,00 Metern lange vergeblich hinterhergejagt war, konnte sie diese zwei Schallmauern endlich durchbrechen und sagt: „Ich weiß auch, dass da noch zukünftiges Potenzial ist, das noch ausgeschöpft werden kann. Die Frage ist zwar immer, ob es dann auch so kommt. Aber daran werde ich arbeiten.“
Und vielleicht mag sich der ein oder andere Mehrkampf-Fan jetzt denken, ob es da eine gewisse Parallele zu Niklas Kaul gibt. Auch für den älteren Bruder von Emma Kaul lief es nach einigen Schwierigkeiten im Hochsprung in dieser Saison endlich wieder besser mit dem Flop über die Latte. Noch immer wird Emma Kaul gern mit dem Nebensatz vorgestellt, die Schwester des jüngsten Weltmeisters in der Geschichte des Zehnkampfes zu sein. Gestört hat sie das allerdings noch nie – viel zu eng ist nicht nur das Band zwischen den Geschwistern, sondern auch der Familienzusammenhalt.
Mehrkampf ist Familiensache
Als kleiner Familienbetrieb arbeiten sie nicht nur beinah täglich zusammen im Training, sondern fahren auch immer häufiger gemeinsam auf Wettkämpfe. „Das ist immer deutlich entspannter. Denn ich bin immer viel aufgeregter für Niklas als für mich selbst. Und wenn wir zusammen Wettkampf haben, bekommen wir zwar auch etwas vom anderen mit, sind aber nicht so sehr darauf fokussiert, was er macht. Besonders schön ist es auch immer am Ende, wenn wir zum Beispiel gemeinsam auf die Ehrenrunde mit allen gehen können oder beide bei der Siegerehrung auf dem Treppchen stehen“, sagt sie.
Unter der Anleitung der Eltern, die beide hauptberuflich im Mainzer Bildungsministerium arbeiten und entsprechend nur für eine Einheit im Training dabei sein können, schätzt Emma Kaul vor allem das familiäre und freundschaftliche Umfeld ihrer Trainingsgruppe. „Wir haben ein sehr enges Verhältnis und die Kommunikation findet sehr offen und ehrlich statt“, sagt die Deutsche Siebenkampf-Meisterin. Zum einen wirke sich dies positiv auf die mentale Komponente im Mehrkampf aus, für die sie seit diesem Jahr zusätzlich mit der Sportpsychologin Lisa Urban zusammenarbeitet, um sich zwischen den Disziplinen noch besser fokussieren zu können. Und zum anderen schützt sie der enge Austausch auch davor, eigene Grenzen zu ignorieren oder gar Verletzungen zu riskieren.
Schon früh in den Mehrkampf verliebt
Am Siebenkampf fasziniert Emma Kaul besonders die Vielfalt: „Mir haben schon immer alle Disziplinen viel Spaß gemacht und es gab nie eine Einzeldisziplin, die mich so fasziniert hat, dass sie mich vom Mehrkampf hätte wegbringen können. Diese Vielseitigkeit und diese Dynamik im Mehrkampf, aber auch diese Freundschaften, die man über diese zwei Tage knüpft, machen es einfach so besonders, dass der Wunsch nach einer anderen Disziplin oder einer Einzeldisziplin eigentlich nie da war“, sagt sie.
Ebenso wenig, wie es sie zu einer Einzeldisziplin gelockt hat, ist sie auch nie in die Versuchung gekommen, nach Angeboten im Ausland zu suchen und sich wie andere Athletinnen und Athleten, einer internationalen Trainingsgruppe anzuschließen. „Ausschlaggebend war letztendlich mein Umfeld, ich wollte einfach nicht von meiner Familie und von meinen Freunden weg. Ich habe mir hier so etwas Schönes aufgebaut, was ich nicht verlassen wollte. Ich glaube, dass viele im Ausland eine sehr tolle Zeit haben und ich wünsche all denen, dass sie da wirklich ankommen und das gut nutzen können. Für mich wäre es persönlich einfach nichts gewesen“, erklärt sie. In Mainz hingegen hat sie alles, was sie braucht und was ihr guttut. Auch ihr Studium treibt sie hier parallel zum Sport noch voran – wenngleich sie mit dem kommenden Wintersemester das Studienfach wechselt und sich nach drei Semestern Psychologie für Lehramt mit den Fächern Englisch und Geografie entschieden hat.
World Ranking wird noch wichtiger
In den kommenden Jahren liegt der Fokus der 20-Jährigen jedoch weiterhin klar auf dem Sport und den persönlichen Zielen. In erster Linie konzentrieren sich diese darauf, in der Frauenklasse anzukommen und sich möglichst gut zu positionieren. Da die WM im kommenden Jahr für sie noch sehr weit entfernt ist, hat sie sich noch nicht eingehender damit auseinandergesetzt. Ist sich aber dessen bewusst, dass es einer klugen Wettkampfplanung bedarf, um möglichst viele Punkte und Bonuspunkte für das World Ranking zu sammeln. Denn die direkte WM-Norm wurde vom Weltverband noch einmal angehoben – auf stattliche 6.550 Punkte.
„Ich denke, da hilft es wirklich, ein bisschen zu taktieren und genau abzuwägen, welche körperlichen und mentalen Möglichkeiten ich überhaupt habe, bei bestimmten Wettkämpfen auch fit am Start stehen zu können. Denn es ist ganz klar, dass du nicht von April bis Ende September durchperformen kannst“, sagt die Mainzerin. Zudem setzt sie sich lieber Ziele in de Einzeldisziplinen und sagt: „Was dann an Punkten rauskommt, ist eher zweitrangig. Wenn ich weiß, dass ich meine Leistung stabil abrufen kann, so wie ich sie im Kopf habe, dann werden das automatisch mehr Punkte als im Jahr davor. Der Knackpunkt ist dabei, dass alles zusammenlaufen muss – denn genau das ist immer die Sache im Mehrkampf.“
Traum vom internationalen Start mit Bruder Niklas
Im nächsten Jahr hat Emma Kaul die U23-EM im Visier, langfristig träumt sie davon, bei einem internationalen Höhepunkt gemeinsam mit ihrem Bruder Niklas Kaul am Start zu stehen. Bevor die Vorbereitung auf 2027 startet, genießt sie aber erst einmal eine kleine Auszeit mit Urlaub und anderen sportlichen Aktivitäten: „Die Deutschen Meisterschaften waren mein Saisonabschluss. Jetzt heißt es erst einmal, die Energievorräte wieder zu füllen und Motivation zu sammeln. Und sich dann darüber Gedanken zu machen, wie wir danach wieder mit dem Training anfangen, um in den gewohnten Flow zu kommen.“
Ob sie auch im Winter einen Mehrkampf bestreiten wird, schließt sie nicht aus. Ihr Fokus liegt allerdings auf der Sommersaison und dem Siebenkampf. „Für die Halle bin ich eher weniger der Typ, da mir dann der Speerwurf und die 200 Meter fehlen“, erklärt die Mehrkämpferin. Denn in beiden Disziplinen sammelt Emma Kaul besonders viele Punkte. Und spätestens bei ihrem nächsten Erfolg lohnt sich auch ein genauer Blick auf ihre Startnummer. Denn seit Jahren trägt sie immer dieselben Sicherheitsnadeln in Hellblau, Dunkelblau, Helllila und Dunkellila als Glücksbringer. Sicher auch dann, wenn Emma Kaul die nächste Siebenkampf-Schallmauer durchbricht.
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