Die deutschen Mehrkampf-Asse haben am Samstag beim Deichmeeting in Neuwied eine gelungene Götzis-Generalprobe hingelegt. Im Vierkampf trumpfte Youngster Amadeus Gräber auf, der nicht zuletzt aufgrund seiner Stärke im Stabhochsprung Leo Neugebauer und Niklas Kaul in Schach halten konnte. Bei den Frauen rettete Vanessa Grimm vier Punkte Vorsprung auf Sophie Weißenberg ins Ziel.
Auf dem Weg zum Mehrkampf-Meeting in Götzis (Österreich), das in zwei Wochen ansteht, machten die deutschen Top-Zehnkämpfer und -Siebenkämpferinnen am Samstag in Neuwied Station. Ein Vierkampf sollte zu Beginn der EM-Saison Aufschluss über die Form der Athletinnen und Athleten geben. Die Männer testeten im Hürdensprint, Diskuswurf, Stabhochsprung und über 300 Meter, die Frauen im Hürdensprint, Hochsprung, Kugelstoß und über 150 Meter.
Besonders gut aufgelegt war Youngster Amadeus Gräber (Eintracht Frankfurt). Der 21-Jährige startete über 110 Meter Hürden mit einer neuen Bestzeit von 14,53 Sekunden. Anschließend ließ er im Diskuswurf mit 46,89 Metern den nächsten Hausrekord folgen. Auch mit den leichteren Diskusscheiben, die in den Nachwuchsklassen verwendet werden, hatte der Youngster nie die 46 Meter übertroffen. Die Paradedisziplin von Amadeus Gräber ist jedoch der Stabhochsprung. Mit 5,20 Metern spielte er seine Stärke aus und übernahm die Führung, die er mit der zweitbesten 300-Meter-Zeit von 34,01 Sekunden noch ausbauen konnte.
„Die ersten beiden Disziplinen waren beide PB – besser kann man nicht starten!“, freute sich der Youngster. „Stab war schwierig am Anfang. Aber ich habe mich wieder eingegroovt und mit den 5,20 Metern bin ich zufrieden.“ Nun gilt die volle Konzentration des 21-Jährigen dem Start in Götzis. „Wenn es dort so läuft wie heute, bin ich optimistisch!“ Insgesamt sammelte er in Neuwied 3.631 Punkte – und konnte damit auch zwei Weltmeister hinter sich lassen.
Leo Neugebauer knapp vor Niklas Kaul
Im Kampf um Platz zwei zog Weltmeister Leo Neugebauer (VfB Stuttgart; 3.535 pt) über 300 Meter noch knapp am Weltmeister von 2019 Niklas Kaul (USC Mainz; 3.521 pt) vorbei. In 34,31 Sekunden war er etwas schneller unterwegs als der Mainzer, für den 35,10 Sekunden gestoppt wurden. Der Stuttgarter hatte zuvor seine Paradedisziplin Diskuswurf mit 52,64 Metern dominiert.
„Heute war ein Wettkampf zum Ausprobieren. Ich hatte keine hohen Erwartungen, weil ich vorgestern erst gelandet bin“, sagte der in den USA lebende Weltmeister. „Ich hatte einfach Bock, vor Götzis noch einen Wettkampf in Deutschland zu machen. Das Wichtigste ist immer, verletzungsfrei zu bleiben.“
Niklas Kaul auf einem guten Weg
Auch Niklas Kaul war zufrieden. Mit 14,33 Sekunden im Hürdensprint gelang ihm in der ersten der vier Disziplinen ein Auftakt nach Maß. Im Diskuswurf sah der 28-Jährige noch Potenzial. „Es ist ein bisschen ärgerlich: Da geht eigentlich deutlich mehr, ich treffe nur die Scheiben noch nicht“, sagte er. „Daran müssen wir noch feilen. Wir haben aber bislang auch kaum draußen geworfen, weil bei uns der Sportplatz umgebaut wird und das Wetter bislang auch noch nicht so gut war.“
Stabhochsprung klappte mit 4,90 Metern deutlich besser als bei seinem ersten Einzel-Wettkampf, bei dem vor einer Woche nur 4,60 Meter in die Ergebnislisten eingegangen waren. „In den Stabhochsprung habe ich mich reingearbeitet. Ich springe dieses Jahr mit einem anderen Trainer, einem anderen Sprungkonzept. Das braucht einfach noch Zeit. Ich merke, dass noch nicht alle Sprünge gut sind, aber es wird immer mehr“, erläuterte der Europameister von 2022. „Am Ende des Stabhochsprung-Wettkampfes hat der Beuger ein bisschen dicht gemacht, deshalb bin ich über 300 Meter ein bisschen lockerer angelaufen. Da habe ich dann am Ende etwas mehr Druck gemacht, das hat ganz gut funktioniert.“
Vanessa Grimm vier Punkte vor Sophie Weißenberg
Bei den Frauen gehörte die Bühne zwei Athletinnen, die sich nach Verletzungen stark zurückmeldeten. Vanessa Grimm (Königsteiner LV) hatte vergangenes Jahr den WM-Siebenkampf vorzeitig beenden müssen, Sophie Weißenberg (TSV Bayer 04 Leverkusen) musste nach ihrem Achillessehnenriss die ganze Saison 2025 pausieren. Beide hatten zuletzt bereits vielversprechende Einzelleistungen gezeigt und machten in Neuwied den nächsten Schritt nach vorn.
Die ersten beiden Disziplinen absolvierten beide nahezu im Gleichschritt: Mit 13,54 Sekunden setzte sich Vanessa Grimm über 100 Meter Hürden mit vier Hundertstelsekunden Vorsprung auf Sophie Weißenberg durch. Damit verpasste sie ihre Bestzeit nur um zwei Hundertstel. Im Hochsprung gingen für beide 1,74 Meter in die Wertung ein. Dem Kugelstoßen drückte dann erwartungsgemäß die Hessin ihren Stempel auf: Mit 14,99 Metern war sie unangefochten. Über 150 Meter machte dann Sophie Weißenberg mit 17,58 Sekunden viele Zähler gut. Mit 3.803 Punkten kam sie bis auf vier Pünktchen an die Siegerin heran.
Der Körper spielt mit
„Insgesamt bin ich echt zufrieden für einen Vorbereitungswettkampf bei den doch kalten Temperaturen“, bilanzierte Vanessa Grimm. „Über die Hürdenzeit freue ich mich am meisten – ich bin ja letzte Woche PB gelaufen und habe diese Zeit jetzt direkt bestätigt. Auch Hochsprung war wichtig. Nach der Erfahrung in Tokio, wo ich ja verletzt war, war es wichtig, jetzt wieder Vertrauen zu gewinnen. Es waren viele gute Sprünge dabei, auch wenn es für die 1,77 Meter heute noch nicht gereicht hat.“
„Ich traue mich gar nicht, es zu sagen, aber mein Fazit fällt durchwachsen aus“, gestand Sophie Weißenberg. „Ich glaube, ich sollte zufriedener sein, als ich bin.“ Mit den Hürden und den 150 Metern war sie „mega zufrieden“. „Im Kugelstoßen weiß ich, dass ich mehr kann – aber ich kann es gerade noch nicht zeigen und das nervt mich ein bisschen. Nach meinem ersten Wettkampf war ich sehr müde, das ist schon alles sehr aufregend. Aber ich habe mich besser gefühlt, als ich erwartet hätte. Mein Körper macht gut mit.“
Die Top Drei komplettierte beim Deichmeeting ein Gast aus den Niederlanden: Hallen-Weltmeisterin Sofie Dokter (3.785 pt), die mit 17,45 Sekunden zum Abschluss die 150 Meter gewann. Die WM-Fünfte Sandrina Sprengel (VfB Stuttgart) ließ es ruhig angehen und verzichtete auf den Hochsprung. Auch für sie steht in zwei Wochen in Götzis das Aufeinandertreffen mit der Weltelite bevor.
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