In ihrer Altersklasse ist sie aktuell die Nummer zwei der Welt – beste Voraussetzungen in einem Jahr mit einer U20-WM. Vergangenen Samstag gelang der 18-Jährigen in Mannheim ein Sieg gegen ihre international größte Konkurrentin aus Finnland. Im Interview spricht Clara Hegemann (LG Stadtwerke München) über den bevorstehenden Saisonhöhepunkt, ihre Leidenschaft fürs Hammerwerfen und warum sie unbedingt die 70 Meter knacken will.
Clara Hegemann, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Sieg bei der Bauhaus Junioren-Gala in Mannheim. Wie lief der Wettkampf für Sie?
Clara Hegemann:
Dankeschön. Der Wettkampf lief eigentlich ganz gut, da ich zwei 69er-Würfe hatte, womit ich zufrieden bin. Etwas ärgerlich waren die ungültigen Versuche, die ich hatte. Diese hätten natürlich weiter sein können. Aber so ist es ist immer.
Der Hammerwurf-Wettbewerb hat in Mannheim nicht im Michael-Hoffmann-Stadion stattgefunden, sondern auf einer Außenanlage. Wie waren dort die Bedingungen – zum Beispiel der Wind und auch die Stimmung?
Clara Hegemann:
Es war zwar relativ viel Wind, aber es war auch warm genug, dass der Wind nicht gestört hat. Die Stimmung hätte schon besser sein können. Das ist immer der Nachteil, wenn auf einem Nebenplatz geworfen wird, und ist ein bisschen nervig. Aber das kenne ich schon, so ist das manchmal.
Das Besondere der Junioren-Gala in Mannheim ist, dass die Veranstaltung für Nachwuchsathleten eine der wenigen Möglichkeiten bietet, sich unter der Saison und unabhängig von großen Meisterschaften der internationalen Konkurrenz zu stellen. Mit der Finnin Pinja Kärhä war zum Beispiel auch die aktuelle Nummer eins der Welt am Start, die Sie wenige Tage zuvor von der Spitzenposition im Ranking der U20 auf Platz zwei verdrängt hat. Wie war es für Sie, solch ein Aufeinandertreffen schon einmal „testen“ zu können?
Clara Hegemann:
Ich finde, so ein international besetzter Wettkampf ist immer eine gute Vorbereitung, weil du dann schon ungefähr weißt, wie das bei den anderen Athleten abläuft. Also zum Beispiel, ob sie im Wettkampf mit dir reden oder wie sie sich vorbereiten. Das ist eine gute Übung für die großen Wettkämpfe, weil man sich sonst vorher kaum sieht.
Derzeit gehören Sie mit Rang zwei in der Weltjahresbestenliste der U20 zu den Favoritinnen bei der U20-WM im August. Was gibt Ihnen das für ein Gefühl, ausgerechnet in dem Jahr mit solch einem internationalen Höhepunkt in Ihrer Altersklasse ein so hohes Niveau erreicht zu haben, dass Sie Woche für Woche konstant starke Leistungen abrufen können?
Clara Hegemann:
Das gibt mir natürlich schon sehr viel Selbstbewusstsein. Es ist natürlich ein schönes Gefühl, dass man weiß, wo man steht, und dass man eine Chance hat, bei der WM etwas zu gewinnen.
Im vergangenen Jahr bei der U20-EM hat das noch nicht funktioniert und Sie haben Platz fünf belegt. Was haben Sie daraus gelernt, das Ihnen dieses Jahr vielleicht auch dabei helfen könnte, aufs Podium zu kommen?
Clara Hegemann:
Durch diesen fünften Platz bin ich sehr viel mental gewachsen. Davor war ich schon einmal Europameisterin in der U18. Deswegen bin ich auch viel entspannter geworden in Bezug auf das Gefühl, dass es darauf ankommt, international gut abzuliefern. Für mich habe ich an diesem Tag gut geworfen und das ist eigentlich alles, was dann an dem Tag zählt.
Neben der U20-WM gibt es noch einen weiteren Saisonhöhepunkt, bei dem Sie Chancen auf eine Teilnahme haben. Für die EM in Birmingham haben Sie bereits die Bestätigungsnorm geknackt und könnten sich mit einer entsprechenden Platzierung bei den Deutschen Meisterschaften das Ticket sichern – aktuell liegen Sie in der deutschen Jahresbestenliste der Frauen auf Rang drei.
Clara Hegemann:
Ja, das würde ich schon gerne machen. Allerdings hätte ich dann den Stress, dass mein Finale bei der U20-WM in den USA am Abschlusstag und die Qualifikation bei der EM in Großbritannien am ersten Tag der Meisterschaftswoche wäre. Das ist etwas schwierig, weil es direkt hintereinander ist. Deswegen würde ich wahrscheinlich trotz einer möglichen Chance auf die EM dann nur die U20-WM in Eugene machen, da es mein letztes Jahr in dieser Altersklasse ist.
Wie sieht aktuell noch eine typische Trainingswoche bei Ihnen aus und mit wem trainieren Sie?
Clara Hegemann:
Derzeit habe ich ungefähr zehn Einheiten pro Woche, manchmal auch neun. Schon seit ein paar Jahren trainiere ich bei meinem Heimtrainer Andreas Bücheler und das läuft immer ganz gut. Zu meiner Trainingsgruppe gehört zum Beispiel der Kugelstoßer Georg Harpf, wir sind bunt gemischt.
Ihr Trainingsstandort ist München, ein weiterer Hotspot für das deutsche Hammerwerfen hat sich in Frankfurt etabliert. Gibt es zwischen den Standorten viel Austausch untereinander?
Clara Hegemann:
Es ist eher so, dass jeder sein Ding macht. Mit den Athleten bin ich allerdings relativ gut befreundet, deswegen habe ich mit denen natürlich auch einen regelmäßigen Austausch – übers Training aber nicht.
Mit Blick auf die nationale Konkurrenz liegen Sie und Athletinnen wie Aileen Kuhn, Samantha Borutta und Nova Kienast alle eng beieinander. Wie ist das Miteinander, können Sie sich auch für die jeweils andere freuen?
Clara Hegemann:
Ich freue mich eigentlich immer für jeden. Es ist natürlich toll, bei großen Weiten und Erfolgen dabei zu sein und so etwas live mitzuerleben.
Wie sieht es mit Vorbildern aus? Haben Sie Vorbilder, zu denen Sie aufschauen, oder konzentrieren Sie sich einzig auf sich selbst? Das Hammerwerfen ist ja ohnehin sehr komplex und bei jedem ein bisschen anders.
Clara Hegemann:
Camryn Rogers, die aktuelle Olympiasiegerin von Paris, ist natürlich ein Vorbild für mich. In Hinblick auf die Technik mache ich aber schon eher mein eigenes Ding und schaue weniger auf das, was die anderen machen.
Was sind denn jeweils Ihre Stärken und woran wollen Sie noch weiter arbeiten?
Clara Hegemann:
Meine Technik ist auf jeden Fall etwas, woran ich noch sehr viel arbeiten muss. Das ist jetzt noch nicht perfekt. Was mir zugutekommt, ist, dass ich relativ schnell im Ring bin.
Kann das speziell bei Regen auch mal zum Nachteil werden?
Clara Hegemann:
Ja, das stimmt. Das ist aber von Ring zu Ring unterschiedlich. Es gibt ganz glatte Ringe, bei denen die Gefahr zu stürzen natürlich viel größer ist als bei einem stumpfen Ring, in dem richtig oft geworfen wird. An sich komme ich immer ganz gut mit Regen klar.
Dank jüngster Erfolge wie WM-Silber von Merlin Hummel vergangenes Jahr oder auch starken Leistungen und Medaillen im Nachwuchsbereich gewinnt das deutsche Hammerwerfen wieder etwas an Aufmerksamkeit. Sie haben im Alter von sechs Jahren mit Leichtathletik angefangen. Wie sind Sie zum Hammerwerfen gekommen und ab wann war Ihnen klar: Das ist meine Disziplin?
Clara Hegemann:
Ich war eigentlich Kugelstoßerin und hatte das Hammerwerfen dann mit meinem Trainer einfach mal ausprobiert. Irgendwie fand ich das toll und mein Trainer meinte, dass es auch gut aussieht. Also sind wir drangeblieben und dann wurde ich innerhalb des ersten Jahres so gut, dass ich mir gesagt habe, dass ich das machen möchte. Und dann ist es dabei geblieben.
Was macht für Sie die Faszination an der Disziplin aus, was lieben Sie daran besonders?
Clara Hegemann:
Dass Hammerwerfen so komplex ist und hinter jedem Wurf so viel mehr dahintersteckt, als nur weit zu werfen. Weil es so sehr komplex ist, kann man es nie wirklich richtig perfekt hinbekommen und sich immer wieder verbessern.
Wonach richten Sie Ihre Ziele aus – achten Sie eher auf konkrete Zahle und Weiten oder ist es mehr die Einstellung, jeden Wettkampf gewinnen zu wollen?
Clara Hegemann:
Eigentlich eher Zahlen. Ich denke mir: Wenn ich eine gute Weite habe und damit dann trotzdem Vierte werde oder es nicht ins Finale schaffe und am Ende zum Beispiel Neunte werde, dann bin ich trotzdem zufrieden mit der Weite, dann ist die Platzierung gar kein Thema. Dann muss ich auch nicht gewinnen. Wenn die anderen an dem Tag stärker waren, dann ist es so.
Welche Rolle spielen Rankings wie die ewige Weltbestenliste für Sie? In der Altersklasse U20 stehen Sie in dieser aktuell auf Platz zehn...
Clara Hegemann:
So etwas ist schön zu sehen. In solchen Listen weiter nach oben zu rutschen, ist aber nichts, wofür ich das Hammerwerfen mache. Nein, ich mache das für mich, und wenn ich irgendwann entscheide, dass es mir keinen Spaß mehr macht, dann mache ich es auch nicht mehr. Gerade macht es mir viel Spaß.
Mit Spaß wirft es sich auch leichter. Wie sieht Ihr Fahrplan für die laufende Saison noch aus und welche Ziele haben Sie sich für diesen Sommer gesteckt?
Clara Hegemann:
Ich möchte vor der U20-WM auf jeden Fall 70 Meter werfen. Bisher habe ich immer nur dran gekratzt, aber wirklich gekommen ist die Weite noch nicht. Das zu schaffen, wäre gut. Zudem möchte ich gern bei den Deutschen Meisterschaften mit mir selbst und mit dem, was ich mache, zufrieden sein. Starten werde ich bei allen drei Deutschen Meisterschaften – sowohl in der U20 und U23 als auch bei der Aktiven-DM.
Der Vorteil dabei ist, dass der Hammer in allen drei Altersstufen das gleiche Gewicht hat. In der U18 waren es dagegen nur drei Kilogramm. War es für Sie eine große Umstellung, seit dem zurückliegenden Jahr mit dem vier Kilogramm schweren Gerät zu werfen?
Clara Hegemann:
Für mich war es schon schwierig, weil ich meine ganze Technik umstellen musste. Mit dem Dreier hatte ich eine ganz andere Technik entwickelt als jetzt mit dem Vierer. Deswegen war auch das vergangene Jahr, in dem ich bei der U20-EM Fünfte geworden bin, eher ein Überbrückungsjahr, in dem ich mich erst einmal an den neuen Hammer gewöhnen musste.
Mit dem Dreier haben Sie die 70 Meter bereits übertroffen. Wie ist das im Hammerwerfen: Gelingen die wirklich großen Weiten nur unter Wettkampfbedingungen oder ist es auch im Training möglich, solche Weiten zu schaffen?
Clara Hegemann:
Bei mit passiert das meist eher im Training, weil man da wirklich locker ist und nicht wirklich nachdenkt. Bei mir ist das Problem dann eher der Wettkampf, wo es nicht klappt. Aber ich glaube, dass man lernt, damit irgendwann umzugehen.
Haben Sie Präferenzen, bei welcher Art von Wettkampf Sie lieber werfen? Eher im Stadion vor voller Kulisse oder eher bei familiären Meetings auf einem Wurfplatz?
Clara Hegemann:
Ich mag es, wenn bei einem Wettkampf mehr Leute da sind. Das stört mich nicht – meinetwegen können da auch 100.000 Leute sein, das ändert nichts für mich. Im Stadion ist eine bessere Atmosphäre, wenn mehr Leute da sind, ist ja logisch. In einem Stadion zu werfen, ist immer schön, das mag ich auch. Da der Wind bei uns nicht wirklich etwas ausmacht, ist dann auch egal, ob der da ist oder nicht. Deswegen mag ich das Stadion schon mehr, weil du dann mehr das Gefühl hast, dass es eine große Meisterschaft ist, wo nicht nur geworfen wird, sondern viele Disziplinen parallel stattfinden.
Apropos große Meisterschaft. Aktuell wird in den USA die Fußball-WM ausgetragen, 2028 finden in Los Angeles die Olympischen Spiele statt. Ist eine Teilnahme daran für Sie noch ein Traum oder schon ein konkretes Ziel?
Clara Hegemann:
Eigentlich schon das Ziel, aber natürlich ist es immer noch ein Traum. Es ist nicht so, dass ich jetzt denke, dass ich in L.A. unbedingt starten muss. Es ist eher so, dass ich gern zu den Olympischen Spielen möchte. Wenn ich es schaffe, dann schaffe ich es. Wenn ich es nicht schaffe, dann ist es auch nicht schlimm, weil ich noch so jung bin, dass es immer noch unrealistisch ist, dass ich in zwei Jahren da starte.