Für Favour Adesokan hätte das Heimspiel im Lohrheidestadion nicht besser laufen können: Die Wattenscheiderin holte sich mit dem Diskus den deutschen U20-Titel und löste damit zugleich das U20-WM-Ticket. Grund zur Freude hatten auch die Hindernis-Talente Lena Rossmanith und Levin Saveur, die sich mit taktisch klugen Rennen durchsetzten.
| WEIBLICHE U20 |
Wer sichert sich die ersten beiden Tickets für die U20-WM in Eugene (USA; 5. bis 9. August)? Diese Frage stellte sich am Freitag vor der ersten Titelentscheidung in den technischen Disziplinen. Und die Vorzeichen im Diskuswurf standen mehr als gut, gleich vier Athletinnen hatten den Richtwert in der laufenden Saison bereits übertroffen. Entsprechend spannend entwickelte sich der Wettbewerb zu dem erwartet engen Kampf um die vorderen zwei Platzierungen.
Nach einem ungültigen Versuch zum Einstieg war es zunächst Lokalmatadorin Favour Adesokan (TV Wattenscheid 01), die sich unter Jubelschreien im Stadion mit 53,55 Metern in Führung brachte und sogar noch auf 54,43 Meter steigern konnte. Eine Weite, die keine der Konkurrentinnen mehr überbieten konnte. Das erste WM-Ticket war vergeben.
Auf das zweite schielte vor allem die U18-Europameisterin von 2024, Nadjela Wepiwe (Frankfurt Athletics), die ihr Wurfgerät in Durchgang fünf auf 51,49 Meter schleuderte. Doch dann passierte das, was einen packenden Meisterschaftswettkampf ausmacht: Anna-Maria Weber (VfB Stuttgart), die in den ersten fünf Würfen die 50-Meter-Marke noch nicht übertroffen hatte, gelang zum Abschluss des Wettkampfes der bisher beste Wurf ihrer noch jungen Karriere. Im letzten Versuch sprang sie bereits freudeschreiend aus dem Ring, als die Anzeigetafel ihr Gefühl bestätigte: 54,38 Meter!
Anna-Maria Weber überrascht mit Platz zwei
Damit steigerte sie ihre Bestweite um knapp drei Meter und schob sich auf Rang drei der deutschen Jahresbestenliste ihrer Altersklasse. Im Kugelstoßen zählt die 18-Jährige am Samstag ebenfalls zu den Kandidatinnen auf das U20-WM-Ticket. Von der eigenen Leistung sichtlich enttäuscht, aber sportlich fair zählten die weiteren Normerfüllungen Nadjela Wepiwé (Frankfurt Athletics; 51,49 m) als Dritte und Chiara Wildner (SC Potsdam; 49,64 m) auf Rang fünf zu den ersten Gratulantinnen.
Den Sieg im Diskuswerfen feierte indes Favoritin Favour Adesokan, die anschließend sagte: „Ich freue mich sehr darüber, im eigenen Stadion gewonnen zu haben. Das war das Ziel. Dass Anna-Maria mit über zwei Meter PB geworfen hat, ist toll und hat mir am Ende noch etwas Druck gemacht. Ich freue mich sehr, nach dem Titel in der U18 vergangenes Jahr nun auch in der U20 gewonnen zu haben. Ich habe dieses Jahr meine beste Saison, die ich je hatte, und freue mich schon seit Wochen auf die WM. Jetzt gehen wir noch einmal ins Training, dann werde ich in zwei Wochen zum ersten Mal bei den Frauen bei den Deutschen Meisterschaften starten und danach geht es direkt nach Eugene.“
Lena Rossmanith krönt Titel mit Bestzeit
Über 3.000 Meter Hindernis setzte sich zunächst ein Quartett aus Hannah Lösel (Eintracht Frankfurt), Fiona Bünder (TSV Bayer 04 Leverkusen), Lya Bourgund (LAC Veltins Hochsauerland) und der Jahresbesten Lena Rossmanith (TSV Marktoberdorf) vom restlichen Feld ab. Doch zur "Halbzeit" machte dann die Jahresschnellste, die als einzige deutsche Hindernisläuferin schon die U20-WM-Norm erfüllt hatte, ernst und konnte ihren Vorsprung stetig weiter ausbauen.
"Es war für mich ganz gut, dass die Tempoarbeit erst einmal andere gemacht haben", stellte sie anschließend fest. "Es war keine bewusste Entscheidung, wann ich das Tempo anziehe. Nach dem Hindernis war ich auf einmal vorn und dann dachte ich mir: Ich mache das jetzt einfach!" In 10:13,23 Minuten schraubte sie ihren Hausrekord um sieben Sekunden nach unten. Das U20-WM-Ticket gab's obendrauf. "Ich kann das noch gar nicht richtig realisieren", freute sie sich über Sieg und Bestzeit: "Wir haben vorher gesagt, wir schauen, was geht, und gucken auf die Medaillenränge. Dass so eine Zeit rausgekommen ist, ist einfach toll."
Silber sicherte sich, ebenfalls mit Bestzeit, Lya Bourgund (10:31,07 min), für die die U20-WM-Norm von 10:26,00 Minuten jedoch noch außer Reichweite war. Beide Athletinnen gehören dem jüngeren U20-Jahrgang 2008 an. Das Podium komplettierte Flora Grundmann (SC DHfK Leipzig; 10:37,77 min), die mit einem starken Finish Hannah Lösel noch abfing.
Staffelsieg für Leipzigerinnen
Wie könnte ein Meisterschaftswochenende voller Einzelentscheidungen schöner beginnen als mit der Medaillenvergabe in einem Teamwettbewerb? Entsprechend waren es die Staffelrennen über 4x100 Meter, die am Freitagnachmittag den Auftakt der U20-DM im Lohrheidestadion von Bochum-Wattenscheid bildeten. Aufgeteilt in fünf Zeitendläufe ging es für die Sprinterinnen im Quartett über die Stadionrunde. Das Staffelholz mit sauberen Wechseln am schnellsten ins Ziel brachten einmal mehr die Athletinnen des SC DHfK Leipzig 1.
In 45,29 Sekunden pulverisierten Jasmin Rothe, Mia Besser, Mathilda Amende und die Deutsche U18-Meisterin Lina Mühlenbrink nicht nur die deutsche Jahresbestzeit der Münchnerinnen, die nach einem Wechselfehler ausgeschieden waren, sondern jubelten auch gemeinsam über die erfolgreiche Titelverteidigung. Silber sicherten sich die Drittplatzierten aus dem vergangenen Jahr, die Staffel des LAC Erdgas Chemnitz (46,11 sec), und Bronze ging an die erste Staffel der Eintracht Frankfurt (46,33 sec). Bereits im ersten Lauf stark vorgelegt hatte mit der Startgemeinschaft Olpe/Lennestadt (46,73 sec) das Silberquartett von 2025, in der Endabrechnung reichte dieses Ergebnis zu Rang fünf hinter der LG Rhein-Wied (46,38 sec).
| Männliche U20 |
Das Hindernis-Finale der männlichen U20 gestaltete sich wie ein typisches Meisterschaftsrennen: Auf dem ersten Kilometer belauerten sich die Läufer, erst dann erhöhten die Favoriten das Tempo und das Feld zog sich auseinander. Zu viert gingen die Führenden in die abschließenden zwei Runden. Und dann setzte Levin Saveur (LG Stadtwerke München) seinen Rennplan in die Tat um und schob sich an Til Stephan (Erfurter LAC) und Jakob Rödel (SC DHfK Leipzig) vorbei. In seinem Windschatten folgte Marco Voggenreiter (LAC Passau).
"Das hatte ich mir mit meiner Trainerin so vorgenommen", verriet der Münchner anschließend. Und auch das restliche Rennen verlief ganz nach Plan: Wie entfesselt stürmte der 18-Jährige zum Titel. Seine Zeit von 8:59,05 Minuten war in dem taktischen Rennen Nebensache. Viel wichtiger: der Meistertitel und das Ticket zur U20-WM in Eugene. "Ich habe das ganze Jahr auf diese Meisterschaft hingearbeitet und wollte auf jeden Fall gewinnen", sagte er. "In den letzten Jahren war Jakob [Rödel] quasi unschlagbar. Ich habe mir aber gedacht: Irgendwann mal muss es endlich so weit sein, und ich bin echt froh, dass es heute war."
Das zweite U20-WM-Ticket holte sich Marco Voggenreiter (9:01,65 min), der ebenfalls im Vorfeld die Norm von 9:00,00 Minuten abgehakt hatte. Bronze schnappte sich Til Stephan in 9:02,78 Minuten, dem dritten Normerfüller Jakob Rödel blieb diesmal in 9:04,16 Minuten Platz vier. Anschließend gaben die Hindernisläufer im Athletenbereich noch ein gutes Beispiel für fairen Sport ab: Bevor sie sich in Richtung Mixed Zone verabschiedeten, gaben sie allen Läufern die Hand und bedankten sich für ein spannendes Rennen.
Der erste Wurf bringt Max Louis Emmrich den Titel
Während bei den Deutschen Meisterschaften der Aktiven in zwei Wochen unter anderem der Diskuswurf der Männer im Fokus stehen wird, wenn es um die Tickets für die Europameisterschaften in Birmingham (Großbritanien) geht, hatte in der U20-Konkurrenz lediglich ein Athlet den Richtwert für den internationalen Höhepunkt seiner Altersklasse bereits in der Tasche. Mit 57,63 Metern, 63 Zentimeter über der U20-WM-Norm, galt Max Louis Emmrich (LV 90 Erzgebirge) bereits im Vorfeld als der große Favorit und wurde seiner Rolle am Freitagabend im sommerlichen Ambiente des Lohrheidestadions auch vollends gerecht.
Gleich im ersten Durchgang feuerte er seine Scheibe auf 55,82 Meter. Danach folgten vier ungültige Versuche und 51,39 Meter zum Abschluss. "Vielleicht ist nach dem ersten guten Versuch ein bisschen zu viel Druck abgefallen", resümierte er. Für ihn zählten Titel und WM-Ticket aber ohnehin mehr als die Weite. "Im Hayward Field in Eugene werfen zu dürfen, ist ein Kindheitstraum, der wahr wird", freute er sich. Bis zur Abreise in die USA will der 18-Jährige noch an der Technik feilen, um bestmöglich vorbereitet zu sein. Silber gewann Tom Hedtstück (LAG Mittlere Isar) mit Bestleistung von 54,63 Metern, Platz drei ging an Matti Sosna (Hamburg Athletics; 52,82 m).
Der letzte Durchgang im Weitsprung hatte es in sich: Erst sprang der drittplatzierte Henrik Scholz (Wiesbadener LV) mit 7,22 Metern neue "PB" und zog mit dem zu diesem Zeitpunkt zweitplatzierten Ernst Bruno Eltz (SV Halle) gleich. Der konterte prompt mit Hausrekord von 7,37 Metern und übernahm die Führung. Doch auch der vorherige Spitzenreiter Marvin Breuer (TSV Klausdorf) hatte sich seinen besten Sprung bis zum Schluss aufgehoben. 7,34 Meter reichten zwar nicht zum Titel, bescherten ihm aber Silber und eine neue Bestmarke.
Quartett des SCC Berlin nicht zu schlagen
Mit dem Startschuss des ersten Staffelrennens über 4x100 Meter der männlichen U20 waren die Deutschen Meisterschaften offiziell eröffnet. Und sofort war zu spüren, was hier in den kommenden drei Tagen zu erwarten ist: Spannung, Emotionen und ein enger Kampf um die Medaillen. Entsprechend gestaltete sich auch das Finish im dritten und letzten Zeitendlauf der Sprintstaffeln. Während etwa das Quartett vom TSV Bayer 04 Leverkusen 1 ausgangs der letzten Kurve noch klar die Führung inne hatte, waren es auf der Zielgeraden andere Athleten, die noch einmal den Turbo zünden konnten und ihre Staffeln auf das Podium führten.
Zunächst war es der Schlussläufer vom LAC Erdgas Chemnitz, der sich an die Spitze schob. Doch plötzlich schoss aus der Mitte noch Lennox Schmidt hervor und sicherte dem SCC Berlin um Jonas Höhne, Adrian Primus und Immanuel Julius Lee Long noch den Titel. Damit machte er nicht nur als ernstzunehmender Konkurrent für Favorit Jakob Kemminer (LAC Quelle Fürth) im Einzelfinale über 100 Meter auf sich aufmerksam, sondern schob sich mit seinen Goldkollegen in 40,71 Sekunden auch auf Rang eins in der deutschen Jahresbestenliste in der männlichen U20. Silber ging wie bei den Frauen an das LAC Erdgas Chemnitz (40,83 sec), über Bronze freuen durfte sich die erste Staffel des TSV Bayer 04 Leverkusen (40,95 sec).