| Interview

Leia Braunagel: „65 Meter sind definitiv nicht die Grenze“

Die deutsche Diskuswerferin Leia Braunagel steht konzentriert bei der Ausholbewegung im Ring. © Stefan Mayer
Sie ist die deutsche Diskuswurf-Aufsteigerin des Jahres: Leia Braunagel. Die 25-Jährige von Eintracht Frankfurt war am Sonntag beim ISTAF mit 64,60 Metern beste Deutsche und übertraf die WM-Norm von World Athletics um zehn Zentimeter. Im Interview der Woche spricht Leia Braunagel über die Gründe für ihre starke Saison, die besondere Atmosphäre beim ISTAF und ihre Ziele für die kommenden Jahre.
Martin Neumann

Leia Braunagel, herzlichen Glückwunsch zu Platz zwei am Sonntag beim ISTAF.

Leia Braunagel:
Herzlichen Dank.

Ganz nebenbei haben Sie nicht nur die deutschen Konkurrentinnen allesamt geschlagen, sondern auch die WM-Norm für 2027 mit 64,60 Metern um zehn Zentimeter übertroffen. Haben Sie damit gerechnet, dass so spät in der Saison noch eine so große Weite für Sie möglich ist?

Leia Braunagel:
Gerechnet habe ich damit nicht unbedingt. Vor der EM war ich ja auch mit im Precamp in Kienbaum, weil ich als Ersatz nominiert war. Dort habe ich dann auch sehr gut geworfen und gemerkt, dass auf jeden Fall noch etwas geht. Nachdem ich dann leider nicht bei der EM dabei sein konnte, bin ich erstmal in ein Loch gefallen, aus dem ich wieder rauskommen musste. Ich muss ehrlich sagen, die zwei Wochen in Kienbaum waren mental schon total nervenaufreibend. Danach hatte ich mit dem ISTAF erstmal ein neues Ziel vor Augen. Es hat sich dann auch am Ende der Saison immer wieder abgezeichnet, dass ich weit werfen kann. In den letzten zwei Wochen hatte ich allerdings noch ein paar körperliche Problemchen. Umso mehr freue ich mich, dass es jetzt beim ISTAF so gut gelaufen ist und ich im Wettkampf meinen Kopf ausschalten konnte.

Sie haben sich ohnehin 2026 auf einem neuen Niveau etabliert. Die 10 (!) besten Wettkämpfe Ihrer Karriere stammen aus diesem Jahr. Was läuft 2026 anders als zuvor?

Leia Braunagel:
Es ist vieles anders, aber irgendwie auch nicht. Natürlich habe ich mit Markus Münch, mit dem ich seit September 2025 zusammenarbeite, einen sehr erfahrenen Trainer an meiner Seite. Auch mit unserem Athletiktrainer Leander Sielaff habe ich viel an meinen Schwächen gearbeitet und gleichzeitig meine Stärken weiter ausgebaut. Dadurch, dass ich außerdem meine Arbeitszeit reduzieren konnte, kann ich mich noch besser auf den Sport konzentrieren. Trotzdem ist es einfach die Saison, in der ich mal gezeigt habe, was ich eigentlich kann. Das konnte ich vorher auch schon, aber durch die Anpassungen in meinem Umfeld habe ich jetzt die Möglichkeit und auch die Sicherheit bekommen, das im Wettkampf umzusetzen. Auch mental habe ich viel an mir gearbeitet.

Sie werden im Oktober 26 Jahre alt, haben Sie mit diesem Leistungssprung von vier Metern überhaupt noch gerechnet?

Leia Braunagel:
Ich habe natürlich nicht unbedingt mit einer Steigerung von mehr als vier Metern gerechnet, vor allem nicht so früh in der Saison. Aber ich wusste, dass ich noch extrem viel Potenzial habe. Deshalb freue ich mich auch total, dass ich dieses Jahr schon ein wenig zeigen konnte, was in mir steckt. Mit 26 ist man natürlich auch in einer anderen Lebenssituation als vielleicht noch mit Anfang 20. Ich arbeite neben dem Sport und diese Doppelbelastung ist einfach kaum dauerhaft auszuhalten. Das hat mich schon sehr oft an meine Grenzen gebracht. Durch die Unterstützung von meinem Verein Eintracht Frankfurt konnte ich meine Arbeitszeit mittlerweile auf 25 Stunden pro Woche reduzieren, was mir natürlich sehr hilft. Mein Saisonziel war eigentlich die Kadernorm von 62 Metern. Tatsächlich hatte ich mir sogar gesagt, dass ich aufhöre, wenn ich dieses Ziel nicht erreiche. Ohne Bundeskaderstatus habe ich viele Trainingslager selbst finanziert. Da muss man irgendwann schon abwägen, wie lange man das überhaupt noch machen und aushalten kann. Umso schöner ist es natürlich, dass ich mein Ziel erreicht habe und jetzt sogar deutlich darüber hinausgeschossen bin.

Sie sind zum ersten Mal bei ISTAF gestartet. Wie haben Sie die Atmosphäre im Olympiastadion erlebt?

Leia Braunagel:
Leider waren wir schon um 12 Uhr und damit noch nicht im Hauptprogramm dran. Das hat man schon gemerkt, weil zu Beginn noch nicht so viel los war. Das war natürlich etwas schade, weil bei uns nicht nur die besten deutschen Diskuswerferinnen im Feld waren, sondern auch eine zweimalige Olympiasiegerin. Da hätte man sich natürlich gewünscht, zu einer Zeit im Hauptprogramm zu werfen und die komplette Atmosphäre mitzuerleben. Nichtsdestotrotz wurde es zum Ende unseres Wettkampfes auch richtig voll, und die Stimmung reißt einen natürlich total mit. Das war schon etwas Besonderes.

Sie sprechen es an: Der Diskuswurf war die erste Disziplin. Haben Sie im Anschluss noch die anderen Wettkämpfe verfolgt und die Stimmung wahrgenommen?

Leia Braunagel:
Ja, ich habe mich als Werferin natürlich vor allem noch für das Kugelstoßen der Frauen und den Speerwurf der Männer interessiert. Da fiebert man schon total mit. Und dann das Publikum zu erleben, das wirklich jeden – nicht nur die deutschen Athleten und Athletinnen – angefeuert hat, war echt super. Gern mehr von solchen Wettkämpfen in Deutschland!

Mit im Feld war auch die zweimalige Olympiasiegerin und ISTAF-Rekordlerin Valerie Sion. Können Sie sich von einer solchen Weltklassewerferin noch etwas abschauen?

Leia Braunagel:
Na klar. Sie ist natürlich eine absolut starke Athletin. Sie hat nicht nur eine extrem stabile Technik, die einfach sehr gut funktioniert, sondern auch extrem gute Kraftwerte, die sie dann in den Diskus übertragen kann. Da kann man sich natürlich noch einiges abschauen. Aber auch ihre Gelassenheit und Souveränität im Wettkampf sind Dinge, die man für sich selbst mitnehmen kann.

World Athletics hat die WM-Normen für 2027 deutlich angehoben. Kommendes Jahr sind im Diskuswurf 64,50 Meter gefordert. Diese Marke haben Sie am Sonntag übertroffen. Gehen Sie damit entspannter in die neue Saison?

Leia Braunagel:
Ich denke schon, dass mir das eine gewisse Sicherheit gibt. Aber ich unterschätze natürlich nicht die Konkurrenz. Wir sind im Diskuswurf in Deutschland extrem stark. Das hat man ja auch dieses Jahr gesehen, als wir das Luxusproblem hatten, sieben Athletinnen mit EM-Norm zu haben. Ich bin gespannt, was in der kommenden Saison alles passiert. Die WM-Norm im Diskuswurf hat ja zusätzlich die Herausforderung, dass man sie in einem Stadion bei einem Wettkampf mit mindestens C-Status werfen muss. Davon gibt es in Deutschland abseits der Deutschen Meisterschaften nicht viele. Da wird die Konkurrenz natürlich ziemlich scharf darauf sein, bei diesen Wettkämpfen dabei zu sein und gut zu performen. Es wäre schön, wenn es da noch ein paar mehr Wettkampfangebote geben würde, um mehr Chancen zu haben, sich zu qualifizieren.

Die drei deutschen EM-Starterinnen aus Birmingham sind alle deutlich älter als Sie. Sehen Sie sich als neue Generation im deutschen Diskuswurf?

Leia Braunagel:
Das kann man schon so sagen. Man sieht, dass jetzt einiges nachkommt, auch in der internationalen Spitze. Da sind einige Athletinnen in einem ähnlichen Alter wie ich. Den Generationenwechsel hat man vielleicht bei der EM schon ein bisschen mitbekommen. In einigen Disziplinen kommt der Nachwuchs jetzt vorn an und kann auch auf europäischer Ebene vorn mitmischen. Ich freue mich, in Zukunft Teil einer starken Leichtathletik-Generation zu sein, die irgendwie ihren ganz eigenen Ehrgeiz mitbringt und sich gegenseitig motiviert und pusht.

Sie haben in diesem Jahr schon zweimal an den 65 Metern gekratzt. Spielt diese Marke für Sie im kommenden Jahr eine Rolle?

Leia Braunagel:
Ja, auf jeden Fall. Ein Ziel ist, stabil über die 65 Meter werfen zu können und darauf basierend dann auch Würfe über diese Marke zu schaffen. Ich möchte einfach herausfinden, wie weit es noch gehen kann, wenn ich noch mehr Zeit und Energie in den Sport investieren kann. Dieses Jahr habe ich schon gemerkt, was möglich ist, wenn ich die entsprechenden Rahmenbedingungen habe und mich noch stärker auf den Sport konzentrieren kann. Deshalb reizt es mich natürlich sehr zu sehen, was dann noch möglich ist. Die 65 Meter sind für mich dabei ein wichtiger nächster Schritt, aber definitiv nicht die Grenze.

Noch ist das Leichtathletikjahr nicht ganz zu Ende: Was steht denn 2026 noch auf dem Programm?

Leia Braunagel:
Für mich ist die Saison jetzt erstmal vorbei. Das Diamond-League-Finale in Brüssel werde ich mir noch von zu Hause aus anschauen. Ansonsten habe ich jetzt erstmal frei und werde Urlaub machen. Seit Dezember hatte ich eigentlich weder vom Sport noch so richtig von der Arbeit mal frei, deshalb freue ich mich jetzt schon darauf, ein bisschen runterzufahren und die Zeit zu genießen. Und danach geht die Vorbereitung auf die nächste Saison auch schon wieder los.

Top 10: Die zehn besten Wettkämpfe von Leia Braunagel

64,96 m | Magdeburg, 14.05.2026
64,60 m | Berlin, 30.08.2026
63,15 m | Bochum-Wattenscheid, 25.07.2026
62,83 m | Darmstadt, 30.05.2026
62,65 m | Koblenz, 21.06.2026
62,10 m | Wiesbaden, 22.05.2026
62,05 m | Rehlingen, 24.05.2026
61,67 m | Ptuj, 31.05.2026
61,49 m | Sindelfingen, 22.02.2026
60,75 m | Halle, 16.05.2026

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