| Ausnahme-Marathonläuferin

Mary Keitany bestätigt in London ihr Weltrekord-Potenzial

Zweitschnellste Zeit aller Zeiten, Afrika-Rekord, 30-Kilometer-Weltrekord und Weltrekord für ein reines Frauen-Marathonrennen – Mary Keitany hat mit ihren 2:17:01 Stunden beim London-Marathon für Furore gesorgt. Den 30-Kilometer-Punkte passierte die 35-Jährige am Sonntag in 1:36:05 Stunden. Im Gegensatz zu manch anderen Ergebnissen in diesem Jahr konnte diese Leistung der Kenianerin die Fachleute jedoch nicht überraschen.
Jörg Wenig

Dass Mary Keitany das Potenzial für derartige Ergebnisse hat, wurde bereits vor sieben Jahren offensichtlich, als sie in Berlin den 25-Kilometer-Weltrekord auf 1:19:53 Stunden verbesserte. Während sie zwei Jahre später beim London-Marathon mit 2:18:37 Stunden bereits einen Afrika-Rekord aufstellte, kam sie danach aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr an derartige Leistungen heran. Nach ihrem Rennen an der Themse ist auch klar, dass sie den 14 Jahre alten Weltrekord der Britin Paula Radcliffe (2:15:25 h in London 2003) brechen kann.

Mary Keitany ist im Great Rift Valley als Tochter einer Farmer-Familie mit drei Schwestern und einem Bruder aufgewachsen. Heute lebt sie mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und einem adoptierten Neffen in Iten (Kenia). Es war eine ihrer älteren Schwestern, die sie einst motivierte, mit dem Laufsport zu beginnen. „Meine Schwester rannte in der Schule. Ich sah, dass sie talentiert war und dachte mir, vielleicht sollte ich es auch versuchen“, erzählte Mary Keitany, die jedoch erst spät, mit 24 Jahren, zum ersten Mal bei Straßenrennen in Europa startete.

Häufiges Training mit Männern

Im Jahr darauf, im April 2007, schloss sich Mary Keitany in Iten der Trainingsgruppe des italienischen Managers Gianni Demadonna an. Die Läuferin erzählte, dass sie oft mit Männern trainiert, um dadurch ein qualitativ hohes Training zu erreichen. Nachdem Mary Keitany 2007 bereits die Silbermedaille bei den Halbmarathon-Weltmeisterschaften gewonnen hatte, unterbrach eine erste Schwangerschaft ihre Karriere. Nach der Geburt ihres Sohnes meldete sie sich 2009 mit dem Sieg bei der Halbmarathon-WM zurück.

Ein gutes halbes Jahr später brach sie beim bis dahin längsten Wettkampf ihrer Karriere auf Anhieb den 25-Kilometer-Weltrekord. Bei den Big 25 Berlin drückte sie die Marke gleich um 2:20 Minuten und blieb mit 1:19:53 Stunden als erste Frau unter 1:20 Stunden. Dieser Rekord steht noch heute. Am Sonntag passierte sie zwar in London die 25 Kilometer nach 1:19:43 Stunden, doch an diesem Punkt der Marathonstrecke erfüllt der Kurs nicht die Voraussetzungen für die Anerkennung von Rekorden.

Als Afrika-Rekordlerin 2012 nur Olympia-Vierte

Bei ihrem Marathondebüt konnte sie dagegen ihr Potenzial nicht auf Anhieb umsetzen. Auf der schwierig zu laufenden, welligen Strecke von New York (USA) wurde die Kenianerin Dritte mit 2:29:01 Stunden. Doch Anfang des Jahres 2011 meldete sie sich mit Glanzzeiten zurück: Im Februar gewann sie den Halbmarathon in Ras Al Khaimah (Vereinigte Arabische Emirate) in der damaligen Weltrekordzeit von 65:50 Minuten.

Dann stürmte Mary Keitany in London zu ihrem ersten großen Triumph über die 42,195 Kilometer. Mit 2:19:19 Stunden erzielte sie die schnellste Zeit weltweit seit knapp drei Jahren und etablierte sich in der Marathon-Weltspitze. Beim zweiten Start in New York verschätzte sich die Kenianerin auf der welligen Strecke. Viel zu schnell losgelaufen, brach sie ein und musste sich wiederum mit Platz drei in 2:23:38 Stunden zufrieden geben.

Nach dem Afrikarekord von 2:18:37 Stunden bei ihrem zweiten Marathonsieg in London 2012 war sie die große Favoritin auf Olympia-Gold. Doch in ihrem ersten Marathon-Meisterschaftsrennen wurde sie im Sommer 2012 bei den Spielen in London nur Vierte. Keitany war nicht in der Topform wie im Frühjahr.

Rio nach zweiter Schwangerschafts-Pause unglücklich verpasst

Danach folgte eine zweite Schwangerschafts-Pause. Nach der Geburt ihrer Tochter meldete sich Mary Keitany 2014 mit ihrem ersten von drei New-York-Marathon-Siegen in Folge zurück. Nach Sieg Nummer zwei im Big Apple schien wieder Keitany die Olympia-Favoritin zu werden. Doch sie kam gar nicht erst nach Rio. Ein Sturz beim London-Marathon vor einem Jahr hatte zur Folge, dass sie nur als Neunte ins Ziel kam. Dass die kenianischen Funktionäre Keitany danach nicht nominierten, war trotzdem nicht nachvollziehbar.

Ob Mary Keitany in drei Jahren noch das Potenzial hat, in Tokio (Japan) Marathon-Olympiasiegerin zu werden, erscheint fraglich. Doch zunächst hat sie andere Ziele. „Ich würde gerne bei der WM im Sommer in London für Kenia starten“, sagte Mary Keitany, die mit Charles Koech verheiratet ist. Er ist selbst Langstreckenläufer und hat Bestzeiten von 27:56 Minuten (10 km) und 61:27 Minuten (Halbmarathon). Schon lange konzentriert sich Charles Koech allerdings nicht mehr auf seine eigene Karriere, sondern auf die Unterstützung seiner Frau.

„Manchmal trainieren wir auch zusammen“, erzählte Mary Keitany bei einem früheren Interview. Während sie läuft, organisiert ihr Mann alles andere und kümmert sich um den Haushalt. In London erklärte sie am Montag, dass sie auch die Chance sieht, den Weltrekord von Paula Radcliffe mit Hilfe einer starken Konkurrentin und Tempomachern zu brechen. Berlin oder vielleicht auch Dubai wären da voraussichtlich die besten Optionen für Mary Keitany.

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