| Interview der Woche

Richard Ringer: „Mit negativem Split in Valencia Richtung 2:10 Stunden“

Am 6. Dezember gibt Richard Ringer in Valencia sein Marathon-Debüt. In Ost-Spanien peilt der Langstreckler vom LC Rehlingen eine Zeit deutlich unter der Olympianorm von 2:11:30 Stunden an. Im Interview spricht der 31-Jährige über seine Vorbereitung, die Vorteile der Olympia-Verschiebung, die Auswirkungen der Corona-Pandemie und sein Fernziel von 2:06 Stunden.
Martin Neumann

Richard Ringer, was macht Sie gerade nervöser: ihre anstehende Marathon-Premiere am 6. Dezember in Valencia oder die aktuelle Corona-Situation mit eventuellen Auswirkungen auf das Rennen?

Richard Ringer:

Nervös macht mich eigentlich beides nicht. Aber klar: Ich achte sehr genau auf meine persönlichen Kontakte und versuche diese so gut es geht zu minimieren. In dieser Woche trainiere ich zusammen mit Sebastian Hendel im Vogtland. Mehr Leute sehe ich da eigentlich nicht. Ich glaube, dass das Risiko gering ist, wenn man sich vernünftig verhält. Auf der anderen Seite habe ich natürlich Schiss, positiv auf Corona getestet zu werden. Dann wäre der Marathon gelaufen.

Und wie sieht es beim Marathon in Valencia mit den Bedingungen vor Ort aus?

Richard Ringer:

Wahrscheinlich werden wir einige Tage vor dem Flug nach Valencia und direkt vor Ort getestet. Ich hatte Kontakt mit einigen Triathleten, die dort vor zwei Wochen beim Weltcup gestartet sind. Die haben erzählt, wie gut die Umsetzung des Hygienekonzepts geklappt hat. Darum mache ich mir keine Gedanken über die Austragung und freue mich, dort zu starten. Ich hatte das Glück, dass ich schon im März meinen Startplatz sicher hatte, im April war das Eliterennen voll. Es gibt ja in diesem Herbst nur den Marathon in Valencia und den London-Marathon im Oktober, der hatte aber ein viel kleineres Starterfeld.

Kaum Wettkämpfe, schwierige Trainingsbedingungen: Seit einem dreiviertel Jahr müssen Profi-Sportler mit Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie klarkommen. Wie haben Sie die letzten neun Monate erlebt und welche Auswirkungen waren die gravierendsten?

Richard Ringer:

Bei mir war die Situation etwas anders. Ich hatte mich im Juni 2019 an der Ferse verletzt, das hat sich sehr lange hingezogen. Als dann die Olympischen Spiele im Frühjahr auf 2021 verschoben wurden, konnte ich in aller Ruhe eine zweimonatige Reha absolvieren, um wieder komplett gesund zu werden. Wenn man so will, habe ich von der Verschiebung profitiert. Trotzdem wünsche ich mir natürlich, dass Corona schon überstanden wäre. Für viele Menschen ist es eine schwierige Zeit. Denn zu den persönlichen Einschränkungen kommen oft auch finanzielle Sorgen.

Wie steht es bei Ihnen um die finanziellen Auswirkungen?

Richard Ringer:

Die treffen mich wie jeden Sportler, da es kein Antritts- und Preisgeld gibt. Allerdings habe ich Glück mit meinem Verein LC Rehlingen und meinem Ausrüster Asics, die mich normal weiter unterstützen. Außerdem arbeite ich bei MTU in Friedrichshafen als Controller und beziehe ein normales Gehalt. Außerhalb der Saison ist das ein Fulltime-Job, in der Saison bin ich freigestellt. Macht also eine Teilzeitstelle.

Wie beurteilen Sie Ihre aktuelle Form knapp drei Wochen vor dem Valencia-Marathon?

Richard Ringer:

Mein Trainer Wolfgang Heinig und ich sind sehr zufrieden. Ich konnte das Training voll umsetzen, einiges hat sogar besser funktioniert als gedacht. Durch die Reha im Frühjahr hatte ich eine lange Aufbauphase mit Skilanglauf, Schwimmen, Aquajogging, Spinning bzw. Rennradfahren. So hat sich eine gute Ausdauer-Grundlage entwickelt. Nur in den ersten vier Wochen der spezifischen Vorbereitung hatte ich ein paar Probleme. Durch die Umstellung vom Vorfußlaufen von der Bahn auf den Mittelfußaufsatz hatte ich permanent Muskelkater in den Oberschenkeln. Aber auch das hat sich mit der Zeit zum Glück gelegt (lacht).

Wie hat sich in den vergangenen Monaten Ihr Training im Gegensatz zum Bahntraining der vergangenen Jahre verändert?

Richard Ringer:

Insgesamt sind es weniger Einheiten geworden, die aber deutlich länger dauern. Auch vom Tempo ist es natürlich ruhiger geworden. Ein schöner Vergleich ist für mich: Bis 2020 bin ich als 5.000- und 10.000-Meter-Läufer im Training insgesamt nur dreimal 30 Kilometer oder länger gelaufen. Und in diesem Jahr hatte ich plötzlich innerhalb von drei Wochen sechs Einheiten mit 30 und mehr Kilometern. Da sieht man sehr gut, wie sich das Gewicht verschiebt. Was man dabei nicht vergessen darf: Das längere Training spürt man den ganzen Tag, sodass man auch länger regenerieren, sich ausruhen muss. Auch die Nahrungsaufnahme und das Trinken ist wichtiger geworden. Vor, während und nach den langen Trainingseinheiten.

Wie lang war denn bisher Ihr längster Dauerlauf? Haben Sie schon 40 Kilometer am Stück in den Beinen?

Richard Ringer:

Am Stück war es zuletzt ein Tempodauerlauf über 35 Kilometer, mit Ein- und Auslaufen waren es dann schon 40 Kilometer. Aber länger wird es auch nicht mehr. Da ich aus einer für mich kurzen Vorbereitung von 16 Wochen komme, wollen wir noch nicht alle Register ziehen. Da ist mir die Verletzungsgefahr auch zu groß. Valencia ist der erste Schritt für mich im Marathon-Geschäft. Weitere sollen folgen.

Die Valencia-Generalprobe am 8. November hat beim Halbmarathon in Dresden mit 62:26 Minuten sehr gut geklappt. Haben Sie damit gerechnet, aus dem vollen Training bis auf 16 Sekunden an Ihre Bestzeit heranzulaufen?

Richard Ringer:

Die Zeit so dicht dran an der Bestleistung hat mich schon überrascht. Ich hatte mich auf eine Zeit knapp unter 63 Minuten eingestellt, da ich auch eine harte Trainingswoche in den Beinen hatte. Erst in der letzten Runde habe ich das Tempo richtig angezogen. Es war für mich der erste richtige Wettkampf in diesem Jahr. Darum habe ich das Rennen richtig genossen und war richtig locker und gut drauf.

Nur sechs Sekunden nach Ihnen kam der Hanauer Aaron Bienenfeld ins Ziel, mit dem Sie regelmäßig trainieren. Haben Sie ihm eine Steigerung um fast sechs Minuten zugetraut?

Richard Ringer:

Wir haben vor Dresden zwei Wochen zusammen in Frankfurt trainiert. Da hat er schon gezeigt, wie gut er drauf ist. Unser Ziel war, unter 63 Minuten zu laufen. Das hat geklappt und wir waren sogar schneller als angepeilt. Ich freue mich sehr für Aaron, der normal in den USA studiert, aber durch die Pandemie nun länger in Deutschland geblieben ist.

Seit der Einführung der neuen Schuhtechnologie mit Karbonplatte durch Nike und dem Nachziehen anderer Ausrüster sind auf der Straße viele Rekorde und persönliche Bestzeiten gefallen. Laufen Sie auch bereits einen solchen Schuh und haben Sie diesen beim Halbmarathon in Dresden getragen?

Richard Ringer:

Ja, ich habe den Metaracer von Asics getragen. Im Gegensatz zu den Nike-Modellen, die Vorreiter bei dieser Entwicklung waren, sind in meinen bisher nur Karbonanteile im Schuh verbaut und deutlich flacher. Durch die Schuhe kann man die Zeiten bis 2015 und die danach gar nicht mehr vergleichen.

Wie verändert ein solcher Schuh das Laufgefühl und die Laufökonomie?

Richard Ringer:

Der Schuh pusht dich nach vorn. Du kannst schneller trainieren und einfach deinen Schritt ohne mehr Krafteinsatz länger ziehen. Allerdings kann es auch Probleme mit dem Rücken geben, weil der sich so nach vorn pusht, daher arbeite ich an der Kräftigung des unteren Rückens.

Können Sie in Sekunden ungefähr schätzen, welchen Vorteil ein „Karbonschuh“ pro Kilometer bei Straßenläufen bringt?

Richard Ringer:

Zwei bis drei Sekunden pro Kilometer. Das ist eine ganze Menge. Das macht aus einem Marathonläufer, der mit „normalen“ Schuhen eine Minute zu langsam für die Olympianorm ist, einen Läufer, der die Norm um eine Minute unterbietet. Oder um es auf dem Halbmarathon zu übertragen: Mit Karbonschuhen wäre Carsten Eich bei seinem deutschen Rekord 1993 nicht 60:34 Minuten gelaufen, sondern klar unter einer Stunde.

Laut eigener Aussage von vor einigen Wochen ist eine „Zeit unter 2:10 Stunden“ Ihr Ziel fürs Marathon-Debüt in Valencia. Das haben überhaupt erst sechs deutsche Läufer geschafft …

Richard Ringer:

… die „ewige Bestenliste“ ist durch die neue Schuhtechnik gar nicht mehr vergleichbar, darum orientiere ich mich nicht daran. Mein Ziel ist es, schneller zu sein als der beste Deutsche im Olympia-Qualifikationszeitraum. Das ist mit 2:10:18 Stunden Hendrik Pfeiffer. Das würde mich in eine gute Ausgangsposition für Tokio bringen. Eine Zeit knapp unter der Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden wird wahrscheinlich nicht reichen. Man darf nicht vergessen: Die Konkurrenz um die drei Tokio-Startplätze mit Hendrik Pfeiffer, Amanal Petros, der nur wenige Sekunden langsamer war, Philipp Pflieger, Simon Boch und Tom Gröschel ist groß. Bei allen kann es Richtung 2:10 Stunden gehen. Auch Arne Gabius möchte ich nicht vergessen. Er hat uns den Weg geebnet und gezeigt, dass man auch als deutscher Läufer unter 2:10 Stunden laufen kann. An solche Zeiten denkt nun jeder, das war vor ein paar Jahren noch anders. Es ist eine tolle Entwicklung, die zeigt, dass Trainingsfleiß im Marathon belohnt wird. Generell glaube ich, dass in Deutschland der Marathon bei Männern und Frauen die Laufstrecke mit den meisten Normerfüllern für die Olympischen Spiele in Tokio sein wird.

Mit welcher Taktik werden Sie in Valencia ins Rennen gehen?

Richard Ringer:

Das hängt davon ab, welche Gruppen sich bilden. Eine Halbmarathonzeit zwischen 65:00 und 65:30 Minuten wäre für mich optimal. Ich möchte mich nicht vom Tempo anderer Läufer anstecken lassen, sondern mit einer schnelleren zweiten Hälfte einen negativen Split laufen. Diese Endbeschleunigung simuliere ich auch regelmäßig im Training. Valencia soll ein guter Einstieg werden, dann kann ich in den folgenden Jahren mehr riskieren. Ziel muss es sein, auch irgendwann in Regionen um 2:06 Stunden zu laufen. Eine solche Zeit entspricht meinen Zubringerleistungen von der Bahn.

Falls es in Valencia nicht auf Anhieb mit der Olympia-Norm von 2:11:30 Stunden klappen sollte: Wie sieht Ihr Plan B für die Olympia-Saison 2021 aus? Ist eine Rückkehr auf die Bahn denkbar?

Richard Ringer:

Das ist genauso denkbar wie ein weiterer Marathon im Frühjahr. Allerdings sind die Normen über 5.000 Meter mit 13:13,50 Minuten und über 10.000 Meter weitaus härter als die Marathon-Norm.

Eine generelle Frage zur Corona-Situation zum Abschluss: Wie hoch sehen Sie die Chancen, dass die Olympischen Spiele kommenden Sommer in Tokio stattfinden?

Richard Ringer:

Momentan kann ich mir gut vorstellen, dass die Spiele ohne Zuschauer stattfinden werden. Das wäre natürlich sehr schade, denn die Zuschauer und der Austausch mit anderen Sportlern im olympischen Dorf gehört absolut zu den Spielen dazu. Es wird für Sportler wie Fans anders werden, als wir es bisher gekannt haben. Die Voraussetzung dafür ist aber ein flächendeckend zugänglicher Impfstoff.

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