| Leute

Konstanze Klosterhalfen und der große Schritt

Konstanze Klosterhalfen hat im Alter von 22 Jahren bereits fünf deutsche Rekorde gebrochen. In den USA trainiert sie nun unter hochprofessionellen Bedingungen für den Schritt in die absolute Weltspitze. Die Resultate der abgelaufenen Hallensaison bestätigen die junge Läuferin in ihrem Entschluss, der zuletzt vieldiskutiert war.
Silke Bernhart / Alexandra Dersch

Am Sicherheitspersonal vor der Emirates Arena in Glasgow konnte Konstanze Klosterhalfen noch ungesehen vorbeihuschen. Aber es dauerte nicht lange, bis sie der erste kleine Fan entdeckt hatte. Glückwünsche. Autogramm. Selfie. Konstanze Klosterhalfen verwehrte diesen Wunsch nicht. Und auch nicht alle weiteren Anfragen, die auf sie in der Emirates Arena hereinprasselten. Freundlich und etwas zurückhaltend, fast schüchtern, lächelte sie in eine Kamera nach der nächsten und bedankte sich für das Interesse.

Bei der Hallen-EM in Glasgow (Großbritannien) zählte die 22-Jährige auch aufgrund ihrer Rolle als Herausforderin von Lokalmatadorin Laura Muir zu den Stars der Titelkämpfe. Noch ist der jungen Läuferin vom TSV Bayer 04 Leverkusen diese Aufmerksamkeit fast ein wenig unheimlich. „Mir macht das schon Spaß. Aber irgendwie frage ich mich immer: Meinen die wirklich mich?“ sagt sie. Sie wird sich an dieses Interesse gewöhnen müssen. Schließlich soll die fulminante Hallensaison – deutsche Hallenbestleistung über die Meile, 1.500-Meter-Durchgangszeit unter Hallenrekord und Hallenrekord über 3.000 Meter – nur eine Zwischenstation gewesen sein.

Herausragendes Talent

Die Läuferin mit den langen Beinen, dem langen Schritt und der schier unendlichen Laktat-Toleranz zählte schon in den Jugendklassen zur Reihe der großen DLV-Talente. Rückblickend hat man fast das Gefühl, sie machte damals gar nicht richtig ernst, als sie 2015 bei der U20-EM über 1.500 Meter zu Bronze rannte – schließlich folgte ein Jahr später schon 3.000-Meter-Bronze bei den U20-Weltmeisterschaften gegen die starke Konkurrenz aus Afrika und im Alter von 19 Jahren die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro.

Es war der Startschuss für ein Jahr auf der Überholspur, in dem sich Konstanze Klosterhalfen auch in das Bewusstsein der breiteren Öffentlichkeit rannte: Als jüngste Athletin der Geschichte blieb sie 2017 über 800, 1.500 und 5.000 Meter unter zwei, vier und 15 Minuten und stellte zudem einen deutschen Freiluft-Rekord über 3.000 Meter auf. Auf dem Weg zum WM-Halbfinale über 1.500 Meter nahm sie auf dieser Strecke Hallen-EM-Silber, Siege bei den Deutschen Meisterschaften und bei der Team-EM sowie Gold bei der U23-EM mit.

Im Sommer 2018 mit angezogener Handbremse

Wenige Monate später purzelte im Februar 2018 über 3.000 Meter der deutsche Hallenrekord. Wer gesehen hat, wie Konstanze Klosterhalfen in Dortmund im Alleingang zu einer Zeit von 8:36,01 Minuten lief, den wird kaum verwundert haben, dass sie sich im Jahr darauf bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Leipzig mit Tempohilfe der ebenfalls hochtalentierten Alina Reh (SSV Ulm 1846) sogar noch auf 8:32,47 Minuten steigern konnte.

Es waren wohl besonders zwei Faktoren, die dafür sorgten, dass sich dennoch zum Staunen und zur Bewunderung auf einmal Fragezeichen hinzugesellten. Denn nach einem Sommer 2018 mit Kniebeschwerden, in dem Konstanze Klosterhalfen bei der Heim-EM über 5.000 Meter mit Platz vier vorliebnehmen musste, war die Erinnerung an ihre spielerische Dominanz und Leichtigkeit des Vorjahres offenbar schnell wieder verblasst. Darüber hinaus hatte sie sich im Herbst dazu entschieden, im Training in Portland, Oregon (USA) bei hochprofessionellen Bedingungen den nächsten Schritt zu wagen.

Oliver Mintzlaff stellt Kontakt nach Portland her

Der Kontakt nach Portland, er war ganz nah. In direkter Nachbarschaft ihrer Eltern in Bockeroth bei Königswinter am Rhein leben auch die Eltern von Oliver Mintzlaff. Der Manager und Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten RB Leipzig war früher selbst ein deutscher Spitzenläufer und sagt: „Mein Herz schlägt noch immer für die Leichtathletik.“

Vor drei Jahren lernte der Sport-Manager bei einem gemeinsamen Lauf auch Konstanze Klosterhalfen kennen. „Konstanze ist ein Jahrhunderttalent. So eine Athletin wie sie haben wir in Deutschland noch nicht gehabt“, sagt er. Und begleitet sie seitdem auf freundschaftlicher Basis, wie er betont. Oliver Mintzlaff war es auch, der den Kontakt nach Portland zur dortigen Trainingsgruppe des Sportartikelherstellers Nike herstellte.

Da dem Sportlichen Leiter Alberto Salazar vorgeworfen wird, die Grenzen des Erlaubten maximal auszureizen und sogar zu überschreiten, wird dieses Projekt seit einigen Jahren kritisch beäugt. Oliver Mintzlaff ist das bewusst. Dass deswegen aber teils auch die Leistung von Konstanze Klosterhalfen, die im Übrigen dort nicht von Salazar, sondern Pete Julien betreut wird, in Zweifel gezogen wird, ärgert ihn. „Wir sind in Deutschland ein Land von Neidern und stellen alles infrage", sagt er. Er habe keine Bedenken, halte sich an das, was Klosterhalfen ihm berichtet, und nimmt sich auch selbst in die Pflicht. „Das hat auch immer mit einer moralischen Verantwortung zu tun, denn ich habe sie dort hingeschickt.“

Euphorie ohne Heimweh

Portland sei der nächste logische Schritt in Konstanze Klosterhalfens Karriere, die schon so vielversprechend begonnen hat. „Dass der Wechsel der richtige Schritt für Konstanze war, zeigt ihre sportliche Entwicklung“, sagt Oliver Mintzlaff. Diese Entwicklung schreitet im Übrigen weiterhin in enger Abstimmung mit Klosterhalfens bisherigem Heimtrainer und Bundestrainer Sebastian Weiß voran, der im regelmäßigen Austausch mit Athletin und Trainer Pete Julien steht.

Auch die junge Frau selbst fühlt sich bestätigt in ihrer Entscheidung, neue und ganz eigene Wege zu gehen. „Es ist eine besondere Trainingsphilosophie dort“, erzählt Klosterhalfen über ihren neuen Trainingsalltag. „Das sind alles Welt-Athleten, die dort trainieren“, sagt sie. „Die haben auch im Training einen anderen Standard, und das merkt man. Ich bin froh, dass ich meine Workouts dort machen kann.“  Ohnehin will sie – neben ihrem Sportstudium, das sie an der Sporthochschule Köln auch in der Ferne fortführen kann – nur eines: laufen. Und wo könnte sie das besser als in einer Trainingsgruppe und mit Trainingspartnern, die sich ebenso voll und ganz dem Laufen verschrieben haben?

Heimweh kam da bisher keines auf, sagt Klosterhalfen, zu viel sei dafür passiert in den vergangenen Monaten, und schließlich gebe es für den Kontakt in die Heimat ja auch Skype und What’sApp. Nach dem Abstecher in die Heimat für die Hallensaison, ihren 22. Geburtstag und die Hallen-EM steht nun der Aufbau für die Freiluft-Saison auf dem Programm. Endlich, wird sich Konstanze Klosterhalfen vermutlich denken, wenn sie in Portland wieder abseits des öffentlichen Interesses ihre Runden dreht. „Das ist da wie jeden Tag Trainingslager. Und ich mag Trainingslager!“

Teilen
#TrueAthletes – TrueTalk

Hier finden Sie alle Folgen des Podcasts des Deutschen Leichtathletik-Verbandes!

Zum Podcast
Jetzt Downloaden
DM-Tickets 2024