| Interview der Woche

Torben Blech: "Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich explodiere"

Torben Blech vom TSV Bayer 04 Leverkusen steigert sich am Sonntag beim ISTAF Indoor in Düsseldorf auf 5,86 Meter. Im Gespräch erklärt der 25-Jährige, warum diese Leistungssteigerung für ihn nicht überraschend gekommen ist, warum er nach einem starken Jahr 2019 in ein Loch gefallen ist und welchen Einfluss Bo Kanda Lita Baehre, Christine Adams und Raphael Holzdeppe auf ihn haben.
mw/sb

Torben Blech, herzlichen Glückwunsch zur neuen Bestleistung von 5,86 Meter und einem starken zweiten Platz in Düsseldorf. Wie geht’s Ihnen damit?

Torben Blech:

Ich bin sehr erleichtert, dass ich endlich das zeigen konnte, was in mir steckt. 2020 war ein schwieriges Jahr für mich, in dem wir hart trainiert haben, ich viele Fortschritte gemacht habe, ich aber nicht meine Leistung abrufen konnte. Es fühlt sich sehr gut an – auch die Tatsache, dass ich am Ende nur noch mit Mondo [Anm. d. Red.: Weltrekordler Armand Duplantis] im Wettkampf war, ist natürlich eine ungewohnte, aber sehr schöne Situation. Es war geil, in Düsseldorf zu springen.

Sie sprechen das Jahr 2020 an, das für Sie bei weitem nicht so gut gelaufen ist wie das vorherige Jahr, als Sie sich in Ihrem ersten Jahr als Spezialist bereits auf 5,80 Meter gesteigert hatten. Wie ist das zu erklären?

Torben Blech:

Es gibt oft das Phänomen, dass nach einem richtig guten Jahr ein Durchhänger folgt. 2019 war Jahr eins nach meinem Wechsel, ich bin aus der zweiten Klasse des Zehnkampfes sehr weit nach oben im Stabhochsprung gekommen. Das musste ich erst verarbeiten, da bin ich ganz ehrlich. Das hat gedauert. Zunächst steigen die Erwartungen an einen selbst, und von außen wird der Druck auch größer. Das ist schwierig. Ich bin keiner, der sich von außen großartig beeinflussen lässt. Aber natürlich macht das was mit dir.

Wie war daraufhin Ihre Herangehensweise an die Saison 2020? 

Torben Blech:

Wir haben sehr viel und sehr hart trainiert. Ich bringe sehr viel Physis mit, aber die Technik war und ist mein größtes Problem. Beziehungsweise liegt da das größte Potenzial. Im Training lief es sehr gut. Wir hatten Biomechaniken mit sehr guten Auswertungen, die Hinweise darauf gaben, dass ich definitiv 5,80 Meter und höher springen kann. Im Wettkampf lief es aber nicht nach Wunsch. Im Sommer bin ich nur 5,62 Meter gesprungen [Anm. d. Red.: in der Halle waren es 5,70 Meter von Düsseldorf]. Das war nicht das, was in mir schlummert. Das war hart. Viele haben gesagt: Ach, der Blech, das war ein Ausrutscherjahr 2019. Damit muss man umgehen können.

Wie war das Gefühl in diesem Winter?

Torben Blech:

Wir haben weiterhin sehr ordentlich trainiert und ich habe gemerkt, dass ich selten physisch so gut drauf war wie aktuell oder auch im vergangenen Jahr. Ich bin erleichtert, dass es endlich rausgekommen ist. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich explodiere.

Zwei Tage vor Düsseldorf haben Sie schon in Karlsruhe mit einer persönlichen Hallen-Bestleistung von 5,72 Metern überzeugen können. Mit welchem Gefühl sind Sie zum ISTAF Indoor nach Düsseldorf gereist?

Torben Blech:

In Karlsruhe habe ich gemerkt, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Sprünge waren besser als davor, aber nicht gut. Die 5,72 Meter habe ich nur mit Glück überquert. Aber das Gefühl war wieder da. Man muss eins sein mit dem Stab und das Gefühl bekommen. Ich wusste, dass ein solider Sprung über 5,72 Meter bedeutet, dass ich mit guten Versuchen viel höher kommen kann. Ich bin am Sonntag vor dem Meeting in Düsseldorf aufgestanden und war übertrieben nervös. Das ist immer ein gutes Zeichen, dass Spannung da ist und es in einem kribbelt. Die 5,86 Meter haben sich angedeutet, aber natürlich kannst du nicht damit planen im Vorfeld.

In Ihrer Trainingsgruppe beim TSV Bayer 04 Leverkusen arbeiten Sie mit Ihrem größten Konkurrenten zusammen, zumindest auf nationaler Ebene: Bo Kanda Lita Baehre. Inwiefern ist das ein Vorteil?

Torben Blech:

Bo und ich sind emotionale Typen, die sich sehr gut gegenseitig pushen können. Die Konstellation mit Christine [Anm. d. Red.: Christine Adams, Heimtrainerin und Leitende Bundestrainerin Stabhochsprung] und Bo passt sehr gut, um nach vorne zu kommen. Bo ist im vergangenen Jahr einen Zentimeter höher gesprungen als ich 2019. Da war er wieder Erster in der Trainingsgruppe, und das möchte ich natürlich wieder drehen – am besten so schnell wie möglich. Im Training ist bei uns alles ein Wettkampf, egal ob Bankdrücken, Weitsprung, Kraftübungen oder Kugelschocken. Das treibt uns an. Dementsprechend profitieren wir viel voneinander. Natürlich sind wir Kontrahenten und jeder möchte gewinnen. Das schadet aber nicht unserem Verhältnis, ganz im Gegenteil.

Ihre Trainerin Christine Adams haben Sie angesprochen. Welchen Anteil hat sie an Ihrem Erfolg?

Torben Blech:

Ich bin froh, dass ich mich 2018 entschieden habe, zum Stabhochsprung zu wechseln und bei ihr zu trainieren. Sie ist eine unfassbar akribische Arbeiterin. Es gibt wenige Trainer, die so hinter einem Athleten stehen und ihnen alles ermöglichen. Sie ist selbst sehr hoch gesprungen und hat ein sehr großes Knowhow.

Welche Faktoren haben für Sie eine Rolle gespielt bei der Entscheidungsfindung, zum Stabhochsprung zu wechseln?

Torben Blech:

Ich wusste immer, dass ich viel Talent habe. Ich habe viel trainiert, war aber auch sehr oft verletzt. Wenn ich mal ein dreiviertel Jahr durchtrainiert hatte, konnte ich direkt sehr gute Leistung bringen. Das war 2017 so, als ich bei der U23-EM im Zehnkampf dabei war. Danach habe ich mich direkt wieder verletzt. 2018 habe ich gemerkt, dass ich keine Lust mehr auf den Zehnkampf habe und eine Pause brauche. Ich wollte einfach ein paar neue Dinge ausprobieren. Mit wenig Stabtraining bin ich 5,42 Meter gesprungen. Dann haben unser Geschäftsführer Jörn Elberding, unser Jugendnachwuchstrainer Marvin Caspari und auch Christine unabhängig voneinander mit mir das Gespräch gesucht und mir gesagt, welches Potenzial ich hätte und dass sie mich sehr bei einer Spezialisierung zum Stabhochsprung unterstützen würden. Dafür muss ich sie sehr loben. Sie sagten auch, dass ich 2019 nicht hoch springen werde, dass das auch drei Jahre dauern könne. Diese Aussagen haben mir sehr viel bedeutet und daher fühle ich mich in Leverkusen so wohl. Dann bin ich zu Christine gewechselt und alles nahm seinen Lauf.

Seit fast einem Jahr haben wir die Pandemie-Situation. Gab es seither einen Punkt, an dem Sie Motivationsprobleme hatten aufgrund der eventuell fehlenden Perspektive?

Torben Blech:

Es bringt nichts, alles doof zu finden und negativ eingestellt zu sein. Dann kannst du deinen Körper nicht in Topform bringen. Im ersten Lockdown haben wir uns gesagt: Viele Leute haben nicht die Möglichkeit zu trainieren, wir haben sie. Diese Chance müssen wir nutzen, um aus der Pandemie noch stärker rauszukommen, was die Physis angeht. Natürlich kam irgendwann im Zuge der Verschiebung der Olympischen Spiele und dem Wegfall der EM der Punkt, an dem dann „nur“ noch die Deutsche Meisterschaft der Höhepunkt war – und kein internationales Ereignis. Das soll nicht die Wertigkeit einer DM schmälern. Da fehlen dann aber mal fünf Prozent und du bleibst abends etwas länger wach. Nichtsdestotrotz haben wir sehr viele gute Einheiten gehabt. Es ist ein Privileg, in diesen Zeiten, in denen viele Leute finanzielle und gesundheitliche Probleme haben, den Sport, der unsere Leidenschaft und unser Beruf ist, so ausüben zu dürfen. Und dass es solche Meetings wie das ISTAF Indoor gibt. Dafür bin ich dankbar, auch den Meetingdirektoren.

Sie gehören zur Sportfördergruppe der Bundeswehr. Wie ist dort Ihr Stand?

Torben Blech:

Erstmal bin ich jetzt Gefreiter (lacht). Ich habe im September meine Grundausbildung abgeschlossen, das hat sehr viel Spaß gemacht. Auch hier bin ich dankbar, dass ich einen Partner an meiner Seite habe, der mir den Rücken freihält. Ende des Jahres würde ich gerne wieder einen Lehrgang machen. Ich halte zwar stetig den Kontakt nach Köln, kann mich aber voll auf den Sport konzentrieren. Das ist ein großer Vorteil.

Auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele, die sicherlich das Saisonziel sind?

Torben Blech:

Ja, das ist das große Ziel. Was in den nächsten Wochen und Monaten auf der Welt passiert, weiß keiner. Dennoch muss man die Zielsetzung haben, bei den Olympischen Spielen dabei zu sein und dort hoch zu springen. Solange nichts abgesagt ist, ist es wichtig, dass man diesen Fokus hat.

Über Bo Kanda Lita Baehre haben wir schon gesprochen. Wie sehen Sie den deutschen Stabhochsprung insgesamt? Auch mit Blick auf Raphael Holzdeppe, gemeinsam mit Ihnen und Bo der dritte deutsche Starter beim letzten internationalen Großereignis, der WM 2019 in Doha?

Torben Blech:

Wir sind in den vergangenen Wochen regelmäßig zu Rapha nach Zweibrücken gefahren und haben mit ihm Techniktraining absolviert. Man sieht immer, dass er sehr hoch springen kann. Im Moment fehlt ihm die Routine. Dennoch bin ich mir sicher, dass er in den nächsten Wettkämpfen wieder sehr hoch springen wird. In Zweibrücken sind wir auch im engen Austausch mit Bundestrainer Andrei Tivonchik, um von ihm Input und Rückmeldung zu bekommen. Ansonsten hat sich Oleg Zernikel sehr gut entwickelt, er kann höher springen [Anm. d. Red: sprang zuletzt zweimal 5,62 m]. Es ist sehr gut, dass wir vier Leute auf diesem Niveau haben.

Am Freitag geht’s mit dem nächsten ISTAF Indoor weiter, dieses Mal in Berlin. Mit welcher Zielsetzung fahren Sie in die Hauptstadt?

Torben Blech:

Ich freue mich riesig, ich habe große Lust. Ich kann es kaum erwarten, denn natürlich gibt ein Ergebnis wie Düsseldorf Auftrieb. Es wird wieder ein Weltklassefeld am Start sein. Die technischen Fortschritte, die ich zuletzt gezeigt habe, möchte ich stabilisieren.

Wie sehen die nächsten Tage aus bei Ihnen, nach einem Wochenende mit zwei Wettkämpfen und nur fünf Tagen bis zum nächsten Meeting?

Torben Blech:

Am Montag bin ich eine Stunde beim Physiotherapeuten, mache ein bisschen Gymnastik und lockere die Muskulatur auf. Am Dienstag und Mittwoch bewege ich mich, aber ohne Tempoläufe, und lasse den Körper zur Ruhe kommen. Dann heißt es, Spannung aufzubauen und am Freitag in Berlin wieder alles reinzuhauen.

Mehr:

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