| Interview

Julian Wagner: „Ich fahre zur Hallen-DM, um zu gewinnen“

Für Julian Wagner (LC Top Team Thüringen) könnte es in diesem Winter kaum besser laufen – beinahe in jedem seiner bisherigen Rennen konnte sich der 24-jährige Sprinter aus Erfurt stetig verbessern. Mit starken 6,55 Sekunden zählt er bei den Deutschen Hallen-Meisterschaften in Dortmund klar zu den Favoriten auf den Titel über 60 Meter. Ob dort auch der deutsche Rekord fällt und wieso er lieber auf den Sommer als auf die Hallen-EM setzt, verrät er im Interview.
Jane Sichting

Julian Wagner, zunächst herzlichen Glückwunsch zur neuen Bestzeit sowie dem dritten Platz beim ISTAF Indoor in Berlin.

Julian Wagner:
Dankeschön.

Nachdem Sie in Düsseldorf bereits ein starkes ISTAF-Debüt gegeben hatten, sind Sie auch in Berlin direkt in die Top 3 gesprintet. Welchen Stellenwert hat dieses Event für Sie?

Julian Wagner:
Generell hat das ISTAF vor allem für uns Sprinter einen hohen Stellenwert. Allein weil es das einzige Meeting in Deutschland mit B-Kategorie ist – sowohl das ISTAF in Düsseldorf als auch das Berlin. Dementsprechend kann man da viele Punkte für das World Ranking sammeln. Das ist wichtig, weil die Normen für die WM und Paris sehr hoch angesetzt sind und es in erster Linie nur über das Ranking möglich ist, sich für die internationalen Höhepunkte zu qualifizieren. Hinzu kommt die tolle Stimmung in den Hallen. Das ist der andere Punkt, warum man sagt, dass man da gerne läuft.

Sowohl in Düsseldorf als auch in Berlin konnten Sie jeweils im Vorlauf Ihre Bestzeit verbessern. Im Finale mussten Sie hingegen wenige Hundertstel auf der Strecke lassen – was hat gefehlt, die Topzeit im Endlauf noch einmal zu toppen?

Julian Wagner:
Das ist etwas, woran wir gerade noch arbeiten. Dass ich dann noch einmal einen draufsetzten kann. Was in den Leistungsbereichen aber nicht ganz so einfach ist, weil schon Kleinigkeiten dazu führen, sich nicht noch einmal zu steigern. Ich bin in dieser Saison zum ersten Mal in diese Bereiche vorgestoßen, und da machen sich kleine Fehler natürlich bemerkbar. In Berlin bin ich 6,55 und 6,56 Sekunden gelaufen – das sind keine großen Unterschiede. Mir ist es wichtig, meine Leistungen stabil abzurufen, und das ist mir bei den letzten beiden Wettkämpfen sehr gut gelungen. Dass ich nicht nur in Erfurt vor heimischem Publikum in meinem „Wohnzimmer“ schnell laufen kann, sondern auch in einem international schnellen Feld.

Mit Blick auf Ihren Saisonverlauf fällt auf, dass Sie sich nicht nur von Rennen zu Rennen gesteigert, sondern sich auf einem hohen Niveau mit Zeiten unter 6,60 stabilisiert haben. In den Medien ist immer wieder von Ihnen als „Aufsteiger“ der deutschen Sprint-Szene zu lesen. Wie erklären Sie sich diese Konstanz?

Julian Wagner:
Zum einen habe ich aus den letzten zwei Sommer-Saisons viel gelernt habe und mir ein gewisses Grundniveau erarbeitet. Zum anderen sind wir sehr gut durch die Vorbereitung gekommen und ich habe schon im Training gemerkt, dass viele Werte besser sind als in den Jahren zuvor. Damit hat es sich schon angedeutet, dass ich gut drauf bin. Das Einzige, woran wir zum Sommer hin arbeiten müssen, ist der Startbereich. Da gilt es, die ersten 30 Meter vorn noch besser zu beschleunigen und dann schneller zu laufen als 10,11 Sekunden.

Im vergangenen Jahr konnten Sie im Februar erfolgreich Ihre Ausbildung als Mechatroniker abschließen. Seither konzentrieren Sie sich nur noch auf den Sport – was hat sich in Ihrem Alltag und auch im Training verändert? Wie nutzen Sie die hinzugewonnene Zeit?

Julian Wagner:
Im Alltag hat sich schon allein dadurch viel geändert, dass ich nicht mehr so früh aufstehen muss – statt 5:30 Uhr raus zu müssen, kann ich jetzt bis 8 Uhr schlafen. Und Schlaf ist die beste Regeneration. Zudem nutze ich die Zeit, um mehr zu trainieren und mich besser auf die Einheiten vorzubereiten. Zum Beispiel habe ich damit angefangen, jeden Montagmorgen zur Gymnastik zu gehen und die Muskulatur mit Yoga und Gymnastik für wichtige Einheiten vorzubereiten. Hinzu kommen mehr Behandlungen für Physiotherapie oder um mich in den Lymphomaten zu legen. Ich habe einfach mehr Zeit, mich um meinen Körper zu kümmern – und das tut mir sehr gut und ich bin auch nicht mehr so erschöpft, sondern gehe ohne den Stress mit Schule und Ausbildung viel frischer und erholter in die nächste Einheit oder auch in den nächsten Wettkampf.

Bereits Ihr „Vorgänger“ Julian Reus, der zusammen mit Kevin Kranz noch immer den deutschen Rekord über 60 Meter hält (6,52 sec), hatte stets vom guten Trainingsumfeld in Erfurt geschwärmt. Was macht den Standort für Sie so besonders?

Julian Wagner:
Das Besondere ist, dass das Team so gut miteinander funktioniert. Dazu gehört die medizinische Betreuung mit Gerald Lutz und Torsten Rocktäschel, die uns Tag und Nacht zur Verfügung stehen. Aber auch die präventiven Maßnahmen und das Athletiktraining. Und natürlich das Trainerteam mit Tobias Schneider und Gerhard Jäger aus Jung und Alt, die sich sehr gut ergänzen. Aber auch die gesamte Anlage und die kurzen Wege spielen eine große Rolle, da sind wir sehr gut aufgestellt. Und ich betone immer wieder gern, dass wir das auch ein Stück weit Julian Reus zu verdanken haben, der das über Jahre aufgebaut hat und wovon wir jetzt profitieren.

Lassen Sie uns einen Blick auf das kommende Wochenende werfen, die Deutschen Hallen-Meisterschaften in Dortmund. Sowohl 2020 als auch 2021 sind Sie beim nationalen Winter-Höhepunkt jeweils Zweiter geworden – ebenso wie 2022 über 100 Meter im Freien. Welche Medaillenfarbe soll es am Samstag werden?

Julian Wagner:
Mit meinen Vorleistungen möchte ich natürlich gewinnen (lacht). Nach wie vor bin ich aber vorsichtig mit solchen Aussagen. Bisher haben sich zu den Deutschen Meisterschaften hin jedes Jahr alle noch einmal gesteigert und deshalb wird es auf jeden Fall sehr spannend. Aber ich fahre mit dem Ziel nach Dortmund, dort auch zu gewinnen.

Dortmund scheint auf jeden Fall ein schnelles Pflaster für Sie zu sein. Sowohl Ihre Bestzeit 2021 als auch 2022 sind Sie dort gelaufen. Zuletzt sind Sie 6,58 Sekunden aus dem vollen Training gelaufen – ist am Wochenende endlich der deutsche Rekord fällig?

Julian Wagner:
Das ist schwierig zu sagen. Ich traue mir auf jeden Fall zu, in diese Bereiche vorzudringen. Aber vor allem in der Halle ist das auch stark von der Tagesform abhängig, da man sich nicht auf irgendeinen Wind verlassen kann und keine Fehler verziehen werden. Ich traue es mir zu und habe das mit stabilen Zeiten von 6,55, und 6,56 Sekunden auch bewiesen. Bekanntlich ist es auch so, dass es auf einem stabilen Niveau auch mal einen Ausreißer gibt. Aber ob der jetzt am Wochenende passiert, kann ich nicht sagen. Ich fühle mich auf jeden Fall gut und bin erholt. Ich möchte nach wie vor dort gewinnen – mit welcher Zeit, ist dann nebensächlich. Hauptsache das goldene Edelmetall, das wünsche ich mir schon sehr. Das wäre das erste Mal, bisher war ich nur Vize-Meister. Einen Meistertitel hätte ich gern auf meiner Agenda stehen.

Mit Joshua Hartmann (ASV Köln) wird ausgerechnet jener Konkurrent fehlen, der sich am Freitag auf der deutschen Jahresbestenliste an Ihnen vorbeigeschoben hat. Im vergangene Jahr waren Sie die Nummer eins – wie umkämpft ist das Ranking unter euch Sprintern?

Julian Wagner:
So ein Titel „Deutsche Jahresbestzeit“ ist zwar schön, aber wir können alle schnell laufen, so dass ich das gar nicht so sehr an objektiven Zahlen festmachen würde. Zudem zählt nach wie vor das, was draußen ist. Wer da im Winter zwei oder drei Hundertstel schneller war, spielt dann keine Rolle mehr, denn da geht es 40 Meter weiter und es kann noch viel passieren.

Sie sprechen es an, die Konkurrenz ist in der Spitze stark wie lange nicht. Spannend sind die Rennen vor allem auch, weil alle Sprinter unterschiedliche Stärken habten– bei dem einen ist es der fliegende Bereich, bei dem anderen die Beschleunigungsphase. Wie ist es bei Ihnen – sind Sie lieber Jäger oder Gejagter?

Julian Wagner:
Tendenziell bekomme ich gar nicht mit, was die anderen machen. Es sei denn, dass jemand vor mir ist, dann versuche ich schon, ihn zu bekommen. Wichtig ist dann, dass ich dabei nicht verkrampfe. Das ist auch die Kunst des Sprintens, nicht so verbissen zu sein, sondern locker zu bleiben. Für mich ist es schöner, vorneweg zu laufen und quasi der Gejagte zu sein. Aber das ist ja in den wenigsten Rennen so, dass man da ein Meter vor dem Feld läuft. Darum ist es andersherum besser, um daraus zu lernen und es in internationalen Rennen abrufen zu können, entspannt seine Sache durchzuziehen. 

Ihr Trainer Tobias Schneider hat Sie einmal als „absoluten Wettkampftypen“ beschrieben, der sich zu 100 Prozent fokussieren kann. Woher kommt diese Stärke – vor allem die Anspannung bei absoluter Stille am Start verlangt schließlich auch mentale Stärke...

Julian Wagner:
Ja, das stimmt. Ich weiß gar nicht, wo ich das so herhabe. Vielleicht Naturtalent. Ich glaube, das liegt einfach in mir und ich kann mich, wenn ich will, zu einhundert Prozent auf eine Sache konzentrieren und alles andere um mich herum ausblenden. Bisher ist es mir gut gelungen, im Wettkampf auch das abzurufen, was ich drauf habe.

Bei der Hallen-EM in Istanbul (Türkei) Anfang März hätten Sie mit Ihrer Zeit gute Chancen auf die vordersten Plätze gehabt, verzichten aber auf eine Teilnahme. Warum haben Sie so entschieden und wird die DM Ihr letzter Hallen-Wettkampf in diesem Winter sein?

Julian Wagner:
Ja, genau. Die Hallen-EM wäre für mich einfach zu spät, da wir Anfang März schon wieder mit dem Aufbautraining anfangen wollen. Ich bin einer, der von einem langen Aufbautraining lebt, und das macht mich schnell. Das ist für mich wichtiger, als bei einer Hallen-EM zu laufen. Denn nach wie vor zählt der Sommer und dass ich dort stabil und gesund durchkomme. Daher haben wir entschieden, nach der Hallen-DM ein paar Tage frei zu machen, um auch den Kopf frei zu bekommen, und dann in der ersten Märzwoche schon den vollen Fokus auf die Sommersaison zu legen.

Dann lassen Sie uns gern auf den Sommer vorausblicken – was sind Ihre Ziele für dieses Jahr? Stehen die Weltmeisterschaften im Fokus oder planen Sie möglicherweise langfristig und richten bereits jetzt alles auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris aus?

Julian Wagner:
Natürlich richten wir auch schon auf Paris aus, deswegen laufen wir auch Wettkämpfe wie das ISTAF, um die Punkte für das Ranking zu sammeln und einen Einzelstart bei den Spielen zu bekommen. Aber jetzt auf den Sommer bezogen planen wir natürlich mit einem Einzelstart bei der WM und mit der Staffel. Da arbeite ich zum Sommer hin hart daran, dass ich da mein Debüt habe, in der Staffel zu laufen. Hinzu kommen die Team-EM und einige Meetings, aber als großes Highlight ist die WM mein großes Ziel.

Ihre schnellen Hallenzeiten sind sicherlich auch eine gute Basis für flotte Sprints über die 100 Meter im Sommer. In einem Interview vergangenes Jahr hatten Sie einmal gesagt, die Neun vor dem Komma sei eher ein langfristiges Ziel und dass Sie sich die nächsten zwei Jahre keinen Druck machen. Denken Sie inzwischen anders darüber? Spielt die 10-Sekunden-Marke eine Rolle in Ihrem Kopf?

Julian Wagner:
Die habe ich schon in meinem Kopf, aber hier ist es ähnlich wie mit dem deutschen Rekord über 60 Meter in der Halle: Es muss einfach alles stimmen und es kann immer viel passieren. So ein Winteraufbau ist leichter zu gestalten als ein Sommeraufbau. Da spielen viele Aspekte mit rein. Aber natürlich lassen solche Werte aus dem Winter darauf schließen, dass man die Marke etwas kurzfristiger betrachten kann. Nach wie vor mache ich mir da aber kein Druck. Entweder kommt das an dem Tag, an dem das passieren soll, oder auch nicht. Grundsätzlich denke ich aber, dass der deutsche Rekord über 100 Meter zeitnah fallen wird – ob das dann ich bin oder zum Beispiel Josh [Joshua Hartmann] oder Owen [Ansah], das ist schwierig zu sagen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es in den nächsten ein bis zwei Jahren vermehrt eine Rolle spielen wird. Einfach weil das Niveau so stark ist, dass das darauf schließen lässt, dass das einer von uns irgendwann mal schaffen wird.

Das sind doch gute Aussichten. Wie sieht denn Ihr Fahrplan bis zur Sommersaison aus, um diesen Prognosen so nahe wie möglich zu kommen? Geht es nach der Verschnaufpause direkt ins erste Trainingslager?

Julian Wagner:
Einen Großteil des Aufbautrainings bin ich in Erfurt. Aber wir fliegen mit allen schnellen Jungs aus Deutschland Mitte April für vier Wochen nach Clermont (USA), und das wird das Highlight an Trainingslagern sein, wo wir uns top auf den Sommer vorbereiten können.

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