| Runder Geburtstag

Prof. Dr. Helmut Digel: Vordenker im deutschen Sport feiert 80. Geburtstag

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Der langjährige Sportfunktionär und DLV-Ehrenpräsident Helmut Digel begeht am 6. Januar seinen 80. Geburtstag. Der Jubilar kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken.
Peter Schmitt

Im deutschen Sport gilt der Vordenker und kritische Geist aus Tübingen zu den eher unbequemen Sportfunktionären, da er immer Klartext gesprochen hat, auch wenn es weh tat. Dabei scheute er sich auch nicht, dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) die Leviten zu lesen, wenn die Preisspirale bei Olympia unaufhaltsam nach oben gegangen ist. Ein halbes Jahrhundert hat er für den Sport gelebt.  Am 6. Januar 2024 feiert Professor Dr. Helmut Digel, DLV-Ehrenpräsident, im Kreis seiner Familie seinen 80. Geburtstag.

Doch von Ruhestand kann bei ihm keine Rede sein. Nach wie vor publiziert er regelmäßig in seinem E-Magazin www.sport-nachgedacht.de und lässt dabei auch kompetente Gastkommentatoren zu den Themen Sportentwicklung und Olympia zu Wort kommen. Seit zehn Jahren lebt der Tübinger Professor inzwischen in Bayern.

In Unterwössen hat er auch einen neuen Freundeskreis („die Donnerstags-Radler und „Montags-Turner“) gefunden, mit dem er regelmäßig auf Radtouren unterwegs ist oder im Winter seiner Leidenschaft, dem Skifahren, nachkommt. Einer seiner prominentesten Nachbarn ist der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler. War er früher regelmäßig in Monaco am Sitz des Weltverbandes unterwegs, so schwärmt er heute von Bayern als seiner neuen Heimat.

Frau Sabine Motor für Umzug

„Meine Frau Sabine hatte den Wunsch, unseren Lebensabend in den Chiemgauer Alpen zu verbringen. Wir haben unseren Umzug nach Unterwössen bis heute noch nie bereut. Wir leben in einem Naturparadies, das mir bei meinem Mountainbike-Touren und beim alpinen Skifahren die für mich denkbar beste freie Zeit ermöglicht“, sagte Digel. 1993 nennt er das Jahr der „neuen Weichenstellung in seinem Leben“, denn damals veränderte er sich vom ehrenamtlichen Mitarbeiter im Sport zur „Vollzeittätigkeit“ in nationalen und internationalen Sportgremien und zum „Senator-Vielflieger“ auf Lebenszeit bei der Deutschen Lufthansa.

Von 1993 bis 2001 war Digel Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) und brachte es immerhin bis zum Vizepräsidenten des Leichtathletik-Weltverbandes, kümmerte sich um Marketing und TV-Rechte im Council, dem er bis 2015 angehörte. Unzählige Ämter, darunter von 1993 bis 2002 als Vizepräsident des Nationalen Olympischen Komitees, 2002 als Präsident des OK der Leichtathletik-EM in München, als wissenschaftlicher Berater der IOC-Präsidenten Rogge und Bach.

All seine Ämter aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen. Unter anderem arbeitete er als Gutachter für die Bundesregierung, hatte Gastprofessuren in China und den USA, war Lehrstuhlinhaber und Direktor des Instituts für Sportwissenschaft der Universitäten Frankfurt, Darmstadt, Tübingen, schrieb weit über 300 wissenschaftliche Essay und war in wissenschaftlichen Beiräten Kuratorien und Kommissionen sowie als Gutachter tätig.

Viel Prominenz auf der Reise durch die Welt des Sports getroffen

Auf seiner Reise durch die Sport-Welt traf er auch zahlreiche prominente Menschen wie die Bundespräsidenten Lübke, Herzog, von Weizsäcker, Köhler oder die Kanzler Schröder und Merkel sowie den langjährigen Innenminister Dr. Schäuble. Aber nicht nur politische Prominenz bereicherte sein Leben. So traf er Box-Legende Muhamad Ali, Stones-Legende Mick Jagger sowie sämtliche Leichtathletik-Größen von Manfred Germar, Armin Hary, Martin Lauer, Heide-Ecker Rosenthal, Klaus Wolfermann bis hin zu unzähligen Olympiasiegern.

„Die Leichtathletik verfolge ich nahezu noch täglich“, sagt Helmut Digel. „Ich lese alles, was ich über die Leichtathletik in Tageszeitungen finden kann, und verfolge alle TV-Übertragungen, die mir allerdings leider viel zu selten vom deutschen Fernsehen ermöglicht werden.“

Schaut man in seine Biografie, so stellt man fest: Helmut Digels Leben ist und war der Sport. Neben der Leichtathletik und dem Skisport entwickelte er vor allem eine große Leidenschaft für den Handball, den er beim SV Möhringen aktiv ausübte. Selbst seine Promotion handelte von „Sprache und Sprechen im Sport. Eine Untersuchung am Beispiel des Hallenhandballs“. Sein Doktorvater war 1976 der berühmte Nestor der Sportwissenschaften, Ommo Grupe.

Kampf gegen Doping

Nach seinem Rückzug vom Weltverband wehrte er sich gegen Vorwürfe, die ihm in Zusammenhang mit der Korruption des ehemaligen IAAF-Präsidenten Lamine Diack gemacht wurden. Immer wieder verwies er darauf, dass er im Weltverband vor allem ein großer Kämpfer gegen Doping gewesen sei und den damaligen Innenminister Otto Schily aufgefordert habe, sich für ein Anti-Doping-Gesetz einzusetzen. Digel selbst versuchte 1999 sogar neue Weltrekordlisten einzuführen, um einen Schlussstrich unter das Zwangsdoping in der DDR zu ziehen, doch der Weltverband lehnte dies ab.

„Die Welt-Leichtathletik war bereits während der Präsidentschaft von Diack zu einer wirklichen Reform nicht in der Lage. Unter Sebastian Coe hat sich dies nicht verbessert, die Verhältnisse haben sich sogar eher noch verschlechtert. Glücklicherweise hat die WM in Budapest ein kurzes Aufatmen ermöglicht. Doch weltweit nimmt die Popularität der Leichtathletik ständig ab und die erforderlichen Gegenmaßnahmen werden von den Verantwortlichen nicht ergriffen“, lautet sein Fazit zur aktuellen internationalen Situation.

„Es mangelt an kreativen Darstellungsformen“

Wenn man sich heute mit ihm über die Leichtathletik unterhält, unterbreitet er viele Vorschläge, um die Olympische Kernsportart Nummer eins medial wieder interessanter zu gestalten. Unter anderem sind es die Zeitpläne und die viel zu langen Veranstaltungen, die dringend geändert werden müssen. Hat er früher aktiv gewirbelt, so ist er heute ein Beobachter, dessen Wort allerdings nach wie vor gefragt ist, gerade wenn es um neue Strukturen geht.

„Unter technischen Gesichtspunkten gibt es heute die besten Voraussetzungen für die massenmediale Verbreitung der Leichtathletik sowohl im Fernsehen als auch über die sozialen Medien. Die journalistische Präsentation der nach wie vor wunderschönen Sportart Leichtathletik mit ihren interessanten Athleten und Athletinnen ist aber eher einfallslos. Es mangelt an kreativen neuen Darstellungsformen.“

Wichtige Persönlichkeit der Leichtathletik

Und was zählt zu seinen Wünschen für die Zukunft der Leichtathletik? „Dass die für die Leichtathletik verantwortlichen Funktionäre den klimatischen Herausforderungen mit klugen Maßnahmen begegnen, die angesichts des Klimawandels auch für andere Sportarten möglicherweise ein Vorbild sein können. Noch mehr wünsche ich mir, das alle, die im Sport beteiligt sind, erkennen, dass das Prinzip des Fairplay das wichtigste und schützenswerteste Gut ist, dass Menschenrechte unteilbar sind und dass man unschuldige Athleten und Athletinnen nicht für die Verbrechen und für die Unfähigkeit von Politikern verantwortlich machen darf“, sagte Digel.

Seinen 80. Geburtstag feiert er im kleinen Kreis. "Ich wünsche unserem Ehrenpräsidenten Professor Dr. Helmut Digel zu seinem 80. Geburtstag alles Gute, Zufriedenheit und vor allem Gesundheit", sagt DLV-Präsident Jürgen Kessing. "Für die Leichtathletik ist er eine wichtige Persönlichkeit, da er nicht nur viele Jahre erfolgreich im Weltverband in Monaco gearbeitet hat, sondern als streitbarer Geist und weltweit anerkannter Soziologe in seinem Leben viele Akzente für Olympias Kernsportart Nummer eins gesetzt hat. Im Namen des DLV sende ich ihm auch die Glückwünsche der 20 Landesverbände." 

"Gratulation, lieber Helmut Digel, zum 80. Geburtstag, den Sie am 6. Januar im Kreise Ihrer Familie feiern", sagt der DLV-Vorstandsvorsitzende Idriss Gonschinska. "Sie sind nicht nur ein langjähriger und treuer Förderer und Begleiter sowie Ratgeber der Leichtathletik. Vielmehr setzen Sie auch heute noch durch ihre Essays zur Sportpolitik wertvolle Impulse. Im Namen des DLV wünsche ich zum 80. alles Gute und vor allem Gesundheit.  Ad multos Annos!"

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