| „Leichtathlet des Jahres“

Leo Neugebauer: Ein Rekordjäger im Wandel der Zeit

Leo Neugebauer winkt vom Siegerehrungspodium. © Stefan Mayer
Seit drei Jahren erlebt Zehnkämpfer Leo Neugebauer einen sportlichen Höhenflug. Im Vorjahr hat der 25-Jährige diesen mit WM-Gold gekrönt. Und hat zugleich gezeigt: Der „Leichtathlet des Jahres“ ist reifer geworden – und deutlich gefragter.
Alexander Dierke

„Ach, sehr cool.” Leo Neugebauer (VfB Stuttgart) reagiert in seiner gewohnt lässigen Art auf die Information, dass er zum dritten Mal in Folge die Auszeichnung als „Leichtathlet des Jahres” entgegennehmen darf. 2023, 2024, 2025 – drei Jahre, in denen er nicht nur jeweils die Trophäe als hierzulande Bester seiner Sportart einstreicht, sondern zudem ein Zeitraum, der viel über die Entwicklung des Sonnyboys erzählt.

Als der heute 25-Jährige vor zwei Jahren erstmals die Auszeichnung erhielt, war er dem Medienrummel in gewisser Weise bereits gewohnt: Denn der große Coup war ihm einige Monate vorher gelungen. Während in Deutschland Nachtruhe herrschte, sorgte Neugebauer in seiner Wahlheimat Austin im US-Bundesstaat Texas für einen Paukenschlag. Die Nachrichten am nächsten Morgen lauteten: „Deutscher Youngster knackt Zehnkampf-Rekord von Jürgen Hingsen”. 39 Jahre hatte dessen Bestmarke Bestand, doch im Juni 2023 ist diese dank 8.839 Punkten Geschichte. In diesem Moment begann der Höhenflug des Zehnkämpfers. Einer, der seitdem anhält.

Das Erfolgsrezept von Leo Neugebauer beinhaltet mehrere Zutaten: In Texas hat der frühere Student der Wirtschaftswissenschaften Verhältnisse vorgefunden, wie sie hierzulande nur schwer auszumachen sind: Stipendienmöglichkeiten, Trainingsbedingungen und Co. sind in den USA andere als in Deutschland. Für „Leo the German” passt das Setting in den Staaten – nur deshalb konnte sein Stern auch aufgehen. Denn, das betont er in der Vergangenheit wiederholt: Der US-Weg ist nicht für jeden der geeignete. Doch Leo Neugebauer startete dort durch.

Krönung zum „König der Athleten“

2024 verbesserte er den deutschen Rekord abermals – bei 8.961 Zählern steht dieser seitdem. In Paris (Frankreich) war er bei den Olympischen Spielen Top-Favorit. Und dennoch ist er noch ein vergleichsweise junger Athlet, der noch lernen muss, mit der Öffentlichkeit und dem Druck umzugehen. Wenngleich Neugebauer die Rolle als Fanliebling von Beginn an annimmt.

„Man muss bereit sein, Opfer zu bringen“, sagt er und arbeitete weiter akribisch an seinen Träumen. Bei den Olympischen Spielen gewann er Silber und eine weitere wichtige Erfahrung in seinem Reifeprozess. Das zeigte sich im zurückliegenden Jahr: Beim Saisonhöhepunkt, den Weltmeisterschaften in Tokio (Japan), ließ Neugebauer an seinem eigentlich stärkeren ersten Tag Federn. Zur Halbzeit belegt er „nur“ Rang vier. „Ich hätte in allen Disziplinen besser sein können“, lautet sein Urteil.

Doch er behielt die Ruhe, offenbarte seine hinzugewonnene Professionalität. Als andere Favoriten tags drauf strauchelten, war der Schwabe im Flow – speziell im Diskus- und Speerwurf machte er gegenüber der Konkurrenz ordentlich Punkte gut. Seine Entwicklung als Sportler untermauerte er im abschließenden 1.500-Meter-Lauf. Es ist nicht seine Disziplin, doch Neugebauer kämpfte. Kämpfte um seine Chance. Und lief zu einer persönlichen Bestzeit von 4:31,89 Minuten – „so schlecht wie danach habe ich mich noch nie gefühlt“, sagt er. WM-Gold (8.804 pt) ist die vorübergehende Krönung seiner bisherigen sportlichen Reise.

Glaube an sich selbst

Sein Erfolgsrezept beinhaltet jedoch noch mehr. Schon vor zwei Jahren bei einem anlässlich seiner ersten Wahl zum „Leichtathleten des Jahres“ geführten Interview hielt er die 9.000-Punkte-Marke für realistisch: „Es ist vor allem eine Frage der Konstanz und eben in jeder Disziplin noch ein bisschen mehr rauszuholen. Dann sind die 9.000 Punkte realistisch.“ Selbstvertrauen ist das Stichwort. Und doch braucht es für den Erfolg noch mehr. Man muss nämlich mit einem deutlich gesteigerten Interesse an der eigenen Person klarkommen.

Leo Neugebauer hat in den vergangenen Wochen viele Auszeichnungen entgegengenommen – die Sportjournalisten wählten ihn zum „Sportler des Jahres“, Sports Illustrated zur Sport-Person des Jahres und Bundeskanzler Friedrich Merz verlieh ihm für seinen Beitrag zur Integration den Talisman-Preis. Etwas sehr viel Trubel. Selbst für Sonnyboy Leo Neugebauer. Dieser will sich nun endlich wieder voll und ganz auf seine Trainingsroutine in Austin fokussieren. Denn am allermeisten liebt er nach wie vor eines: sportlich an seine Grenzen zu gehen.

Mehr: 
Malaika Mihambo und Leo Neugebauer sind Deutschlands „Leichtathleten des Jahres“ 2025

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