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Nach langer Geduldsprobe: Ricarda Lobe mit Bestzeit zur Hallen-WM

Hürdensprinterin Ricarda Lobe startete beim Hallenmeeting in Mannheim. © Stefan Mayer
Der Vergleich mit dem alten Wein hinkt etwas, doch wenn Ricarda Lobe (MTG Mannheim) ihn selbst erzählt, scheint etwas dran zu sein. Nach neun Jahren hat die 31-Jährige bei der Hallen-DM in Dortmund endlich wieder ihre Bestzeit über 60 Meter Hürden gesteigert. Mit dem festen Glauben an sich selbst und an den Prozess hat sie es erfolgreich geschafft, Rückschlägen zu trotzen und sich gestärkt in Bestform zu präsentieren. Ihr Lohn neben der Bestzeit: der Start bei der Hallen-WM in Torun.
Redaktion

Einen langen Atem, den braucht es zwar beim Hürdensprint weniger. Doch im übertragenen Sinne war es genau das, was Ricarda Lobe (MTG Mannheim) in den vergangenen neun Jahren auszeichnete. Denn exakt so lang ist es her, dass für sie nach dem Zieleinlauf über 60 Meter Hürden  wieder eine persönliche Bestleistung in den Ergebnislisten stand. Es waren die Deutschen Hallenmeisterschaften im Februar 2017, als sie in 7,99 Sekunden zu Bronze lief. Seither blieben Zeiten unter acht Sekunden aus.

Auch in dieser Saison bewegte sich die Athletin der MTG Mannheim zunächst in einer Spanne zwischen 8,08 und 8,19 Sekunden. Bis der Knoten passend zu den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund endlich platzte und sie die Tendenzen aus dem vorangehenden Sommer auch unter dem Hallendach bestätigen konnte. Nur knapp hinter Siegerin Marlene Meier (TSV Bayer 04 Leverkusen; 7,92 sec) sprintete Ricarda Lobe in 7,95 Sekunden als Zweite ins Ziel – vier Hundertstelsekunden schneller als je zuvor.

„Grundsätzlich hatte ich mir für die Hallensaison vorgenommen, meine Bestzeit anzugreifen. Aber das ist nicht immer so einfach, wie man sich das wünscht und für eine Zeit unter acht Sekunden gehört sehr viel dazu. Das ist nicht mal eben locker flockig auf die Bahn gebracht. Zugleich bin ich gut durch die Vorbereitung gekommen – auch wenn ich vier Wochen auf einem Bundeswehrlehrgang in Hannover war und da nicht optimal trainieren konnte“, beginnt sie zu erzählen. „Ausgehend von meiner Zeit im Sommer über 100 Meter Hürden wusste ich, dass eine Zeit theoretisch möglich ist. Was für die Steigerung in Dortmund ausschlaggebend war, kann ich noch gar nicht genau sagen.“

Plötzlich hatte sie den Dreh raus

Eine mögliche Erklärung ist für Ricarda Lobe, dass es ihr bei der Hallen-DM gelungen ist, nicht die Fehler aus den vorhergehenden Rennen zu wiederholen: „Der Knackpunkt ist bei mir die Oberkörperposition. Meist ist es noch so, dass ich recht aufrecht laufe und es nur ein bis zwei Zentimeter sind, die ich vom Oberkörper her mehr auf die Hürde drauf gehen müsste. Das würde das komplette Laufbild verändern – und sich entsprechend auch zeitlich bemerkbar machen. In Dortmund scheint mir das dann gut gelungen zu sein.“

Und nicht nur in Dortmund – einmal den Dreh raus, wiederholte die 31-Jährige ihre Topform nur eine Woche später auch in Berlin. Sowohl im Vorlauf wie auch im Finale beim Istaf Indoor stoppte die Zeit für sie mit 7,96 und 7,98 Sekunden jeweils unter acht Sekunden. Dass sie im Finale einige Hundertstel liegen ließ, erklärt sie sich mit einem Fehler an der ersten Hürde: „Da wollte ich vermutlich zu viel und bin zu nah an die erste Hürde gelaufen und habe diese touchiert. Das nimmt einem dann direkt einen Teil der Beschleunigung und ich habe danach auch gemerkt, dass ich das komplette Rennen mit der Hüfte runtergesackt bin. Dadurch bin ich nicht in den Flow gekommen, wie etwa noch im Vorlauf. Das war kein flüssiges Rennen.“

Trotz der Freude, am Ende dennoch 7,98 Sekunden gelaufen zu sein, ärgerte sich die Mannheimerin am Abend über den Patzer und gibt zu, dahingehend sehr perfektionistisch zu sein. „Meist finde ich immer etwas, das mir noch nicht so ganz gepasst hat“, schiebt sie mit einem Lachen hinterher und betont: „Am Ende des Tages ist das Rennen vorbei, wird analysiert und das nächste Rennen beginnt wieder bei null.“ Dies gilt auch für die bevorstehende Hallen-WM (20. bis 22. März; Torun, Polen), für die sie sich qualifiziert hat. Letztmals war sie 2018 bei einer Hallen-WM am Start – ein Grund mehr, das Highlight trotz des späten Zeitpunkts mitzunehmen.

Zweite Hallen-WM nach acht Jahren

„Mein Ziel ist es primär, noch einmal Zeiten unter acht Sekunden abzurufen. Auch wenn es am Ende nicht für den Einzug ins Halbfinale reichen sollte, wäre ich etwa mit einer 7,95 Sekunden sehr zufrieden“, verrät Ricarda Lobe mit Blick auf die Hallen-WM. Im Anschluss rechnet sie mit einer Woche Verschnaufpause, bevor es in die Vorbereitung auf den Sommer und ins Trainingslager nach Südafrika geht. „60 Meter Hürden sind etwas ganz anderes als die 100 Meter draußen. Dafür sind definitiv noch einige Tempoläufe und lange Hürdenläufe notwendig“, sagt sie.

In Anlehnung an die Ursprungsidee der Leichtathletik als eine Sommersportart mag Ricarda Lobe die 100 Meter Hürden im Stadion etwas mehr als die kürzere Distanz in der Halle. Nicht zuletzt auch, weil sie auf der längeren Geraden mehr ihre Stärke in der zweiten Rennhälfte ausspielen kann. „Wobei die Beschleunigung in den letzten Rennen auch gut war“, wirft sie ein und sieht ihre Aufgabe vor allem darin, beides im Sommer perfekt zusammenzufügen. Nachdem sie im Vorjahr ihre Bestzeit bereits auf 12,82 Sekunden steigern konnte, strebt sie auch in Richtung EM (10. bis 16. August; Birmingham, Großbritannien) wieder Zeiten im 12,80er-Bereich an.

Ein Ziel, das ihr in den vergangenen Jahren nicht immer gelungen ist. Immer wieder durch Verletzungen und Probleme ausgebremst, hatte sie einige Rückschläge einzustecken. Etwa 2021, als sie es zwar trotz ständiger Verletzungen zu den Olympischen Spielen geschafft hatte, dort aber nicht fit im Startblock saß: „In dem Moment war der Traum von Olympia allerdings größer“, gesteht sie sich heute ein. Zu einer großen Herausforderung wurden auch die beiden Jahre darauf, als bei ihr eine Thrombose diagnostiziert wurde und sie irgendwann alles hinterfragte. „Immer wieder solche Rückschläge zu verarbeiten, ist mental schwierig. Umso wichtiger ist es, immer an sich und den Prozess zu glauben“, spricht sie über ihre Erfahrungen.

Der Traum von den zweiten Olympischen Spielen

Getragen von dem großen Ziel, es zu den Olympischen Spielen in Paris 2024 zu schaffen, fand sie immer wieder neue Motivation, weiterzumachen. Dass schließlich ausgerechnet die Einsicht, es nicht zum Saisonhöhepunkt zu schaffen, zu einem Umdenken und regelrechten Befreiungsschlag führte, ist fast schon verrückt. Als der Sportsoldatin im Verlauf des Sommers klar war, weder die Norm erfüllen zu können noch über das Worldranking einen Startplatz in Paris zu bekommen, lief sie in Braunschweig plötzlich sichtlich befreit in persönlicher Bestzeit (12,89 sec) zum Titel bei den Deutschen Meisterschaften.

Viel Zeit der Freude blieb allerdings nicht, nur einen Tag später verletzte sich Ricarda Lobe erneut bei ihrem Start mit der Vereinsstaffel über 4x100 Meter. „Was ich aus all dem gelernt habe, ist, dass ich jetzt von Jahr zu Jahr denke“, sagt sie. Und dass man nie zu alt dafür ist, noch einmal das Beste aus sich herauszuholen. Wie gut das funktioniert, hat sie zuletzt sowohl über 100 wie auch über 60 Meter Hürden gezeigt. „Der Schlüssel zum Erfolg ist die Konstanz – ohne Verletzungen gesund durchtrainieren sowie lange an sich zu glauben.“

Letzteres möchte sie vor allem der jüngeren Generation vorleben. Im Gegenzug profitiert sie selbst von der noch unbeirrten Frische, die auch ihre Trainingskollegen um den Deutschen Rekordhalter über 100 Meter Owen Ansah (Hamburger SV) und Weitspringer Simon Batz (MTG Mannheim) mitbringen. Gemeinsam trainieren sie in Mannheim unter Bundestrainer Sebastian Bayer, in dessen Gruppe Ricarda Lobe 2021 gewechselt ist.

Starke Trainingsgruppe, starkes Mindset

Was die Konstellation besonders macht, ist vor allem die Vielfalt: „Jeder hat seine individuellen Stärken und zieht die anderen mit. Wichtig ist Sebastian vor allem, dass unser Mindset stimmt. So unterschiedlich wir auch sind, haben wir alle unsere Ziele und wissen, wofür wir es machen. Das ist einfach ein sehr stimmiges Bild und wir leben dieses täglich aus“, sagt Ricarda Lobe.

Seitdem sie bei Sebastian Bayer trainiert, haben die beiden viele neue Ansätze ausprobiert und entscheidend am Laufbild sowie dem Bewegungsmuster über der Hürde gearbeitet. „Ich bin eher ein Typ, der ein paar Jahre braucht, bevor das Training so richtig fruchtet“, sagt sie. Wie sehr es sich gelohnt hat, über die Jahre hinweg geduldig zu bleiben und einen langen Atem zu haben, zeigt sich nun endlich auch auf der Bahn.

Auf ihrem Weg lässt sich Ricarda Lobe dann auch nicht davon beeindrucken, dass gleich eine ganze Garde talentierter Nachwuchsathletinnen mit um nationale Titel und internationale Startplätze kämpft. Im Gegenteil: „Ich finde es sehr gut, dass endlich wieder Potenzial aufgekommen ist. Konkurrenz ist super und motiviert noch einmal mehr, sich intern durchzusetzen. Die Hürden leben vom gegenseitigen Pushen, da sie sehr technisch sind.“

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