Meetingrekorde, Weltjahresbestleistungen, Landesrekorde und Spannung pur: Das Istaf Indoor am Freitagabend in der ausverkauften Berliner Uber Arena zeigte einmal mehr die ganze Faszination der Leichtathletik. Ein absolutes Highlight bestaunten die 12.000 Fans ganz zum Abschluss mit dem Weltklasse-Meetingrekord von Kugelstoß-Weltmeisterin Jessica Schilder (Niederlande; 20,69 m). Schon zuvor hatte es durch Hürdensprinter Jakub Szymanski und 60-Meter-Hallenweltmeister Jeremiah Azu zwei Meeting-Bestmarken gegeben. Dass nicht immer nur Rekorde für faszinierende Wettkämpfe sorgen, bewiesen die Weitspringerinnen. Der Zentimeter-Krimi mit Malaika Mihambo war ein echter „Nailbiter“.
Jessica Schilder tänzelte im dritten Versuch im Ring, konnte ihr Gleichgewicht halten und ballte im Anschluss die Fäuste zum Siegerjubel. Denn mit diesem Versuch verschob die Kugelstoß-Weltmeisterin aus den Niederlanden am Freitagabend die Leistungsdimension beim Istaf Indoor in Berlin. Mit 20,38 Metern steigerte Jessica Schilder den Meetingrekord von Yemisi Ogunleye (MTG Mannheim) im dritten Versuch gleich um fast einen Meter. Auch die weiteren Versuche landeten jenseits der 20-Meter-Marke. Zwar konnte die zweimalige Europameisterin ihr hohes Tempo nicht bei allen Versuchen halten, doch sie unterstrich eindrucksvoll ihre Extraklasse im Kugelstoßring. Denn im letzten Durchgang, als sie die Uber Arena ganz für sich allein hatte, legte sie noch einmal 31 Zentimeter drauf, steigerte ihre Weltjahresbestleistung um 20 Zentimeter und egalisierte exakt ihren niederländischen Landesrekord von 20,69 Metern. „Es war ein supertolles Meeting. Ich komme nächstes Jahr gern wieder. Vorher geht’s aber zur Hallen-WM nach Torun. Bis dahin heißt es weiterzuarbeiten“, jubelte Jessica Schilder nach ihrem Kugel-Coup.
Im finalen Versuch zog die ehemalige Hallenweltmeisterin Auriol Dongmo (Portugal) mit 19,18 Metern noch knapp an Olympiasiegerin Yemisi Ogunleye (MTG Mannheim; 19,08 m) vorbei, die Dritte wurde. „Das Ergebnis ist völlig okay. Der Fokus liegt jetzt voll auf den Hallen-Weltmeisterschaften. Die Vorbereitungen laufen gut und darauf vertraue ich. Dann hoffe ich, dass der nächste weite Stoß dort wieder kommt. Die Atmosphäre hier war unschlagbar. Ich habe schon vorher gesagt, dass die ISTAFs in Berlin und Düsseldorf meine Lieblingswettkämpfe sind. Schon seit dem vergangenen Jahr, als wir das erste Mal hier stoßen durften“, ordnete Yemisi Ogunleye das Ergebnis am Freitagabend ein.
Jakub Szymanski peilt nun Gold bei Hallen-WM an
Über 60 Meter Hürden riss Jakub Szymanski das Publikum von den Sitzen. Der Pole erwischte einen tollen Start, nahm alle fünf Hürden technisch elegant und lief mit maximalem Speed ins Ziel. Als seine Siegerzeit von 7,37 Sekunden bestätigt wurde, kannte der Jubel keine Grenzen mehr. Denn damit steigerte der Halleneuropameister nicht nur seinen eigenen Landesrekord um eine Hundertstel, sondern auch den zehn Jahre alten Meetingrekord Dimitri Bascou (Frankreich) um vier Hundertstel. Es war der erste Meetingrekord eines spektakulären Leichtathletikabends. Gleichzeitig stellte er exakt die Weltjahresbestzeit des US-Duos Dylan Beard und Trey Cunningham ein.
„Die Atmosphäre heute war super. Ich glaube, dass ich noch nie vor 12.000 Zuschauern gelaufen bin. Nach dieser Leistung will ich auch in zwei Wochen Weltmeister werden. Schließlich ist es mein Heimspiel“, jubelte Jakub Szymanski. Die Hallen-WM wird vom 20. bis 22. März im polnischen Torun ausgetragen – mit der großen Medaillenhoffnung Jakub Szymanski. Als bester Deutscher lief Stefan Volzer auf Platz sechs. Mit 7,77 Sekunden verpasste der Leverkusener seine Bestzeit nur um zwei Hundertstel.
Jeremiah Azu nach Fehlstart-Festival schnell wie nie
Den zweiten Meetingrekord im Verlaufe des Abends schnappte sich Jeremiah Azu. „Mr. Istaf Indoor“ ließ die Konkurrenz im 60-Meter-Finale förmlich stehen und stürmte mit 6,47 Sekunden zum Sieg. Seine Bestzeit und den Meetingrekord seines Landsmanns Reece Prescod steigerte der Brite um zwei Hundertstel. Dabei ließ sich der Hallenweltmeister auch nicht von einer im Vorlauf streikenden – oder besser gesagt zu häufig arbeitenden – Startautomatik aus der Ruhe bringen. Nach acht vergeblichen Startversuchen wurde den Sprintern im ersten Vorlauf eine kleine Verschnaufpause gewährt. Sie durften nach dem zweiten Vorlauf ihre Finalisten ermitteln.
„Berlin ist immer fantastisch. Das Istaf Indoor ist das Meeting, an dem jeder Athlet teilnehmen möchte. Den Meetingrekord wollte ich unbedingt brechen und sogar noch ein wenig schneller laufen. Die Fehlstarts haben mich nicht sonderlich beeinträchtigt. Wir bereiten uns im Training auf solche Situationen vor. Das kann passieren“, jubelte Jeremiah Azu nach seinem Meetingrekord. Rang zwei ging an Emmanuel Eseme (Kamerun; 6,55 sec). Auf den Plätzen vier bis sechs folgte das DLV-Trio Heiko Gussmann (6,60 sec), Kevin Kranz (beide Sprintteam Wetzlar; 6,61 sec) und der Deutsche Hallenmeister Owen Ansah (Hamburger SV; 6,62 sec), der im Finale den Start etwas verschlief und so nicht mehr weit nach vorn kam.
Visser knapp vor Kambundji, Lobe zweimal stark
Ein Duell auf Weltklasseniveau lieferten sich die Hürdensprinterinnen: In einem engen Finale machte die zweimalige Halleneuropameisterin Nadine Visser (Niederlande) den Sieg quasi erst auf dem Zielstrich klar. Mit 7,81 Sekunden setzte sich die 31-Jährige mit dem Mini-Vorsprung von einer Hundertstel vor Tokio-Weltmeisterin Ditaji Kambundji (Schweiz) durch. Wie stark die Zeiten sind, belegt ein Blick in die Statistiken. Den mittlerweile zwölf Jahre alten Meetingrekord von Olympiasiegerin Sally Pearson (Australien) verpasste Nadine Visser nur um zwei Hundertstel. Zur Weltjahresbestleistung von Devynne Charlton (Bahamas) fehlten nur vier Hundertstel. „Ich war schon einmal beim Istaf Indoor. Als ich auf der Bahn stand, habe ich mich daran erinnert, wie schön es hier ist. Ohne die Rundbahn ist das Erlebnis ganz anders. Die Atmosphäre und das Publikum sind einfach großartig“, genoss Nadine Visser ihren Sieg.
Von diesem Tempo an der Spitze ließen sich die deutschen Hürdensprinterinnen anstecken. Mit 7,98 Sekunden stürmte Ricarda Lobe (MTG Mannheim) auf Rang drei. „Das mit dem guten Wein gilt immer noch, er wird immer besser im Alter. Spaß beiseite: Ich bin einfach froh, dass ich das Ergebnis von vergangener Woche bestätigen konnte. Es war ein bisschen schade im Finale, denn ich habe mich richtig gut gefühlt, habe aber ein, zwei Fehler gemacht. 7,98 Sekunden zeigen, dass Potenzial da ist. Ich genieße das einfach. Denn neun Jahre mit einer Bestzeit, das ist eine lange Zeit. Es tut gut, sie geknackt zu haben und ein neues Niveau abzurufen“, erzählte Ricarda Lobe. Mit 7,96 Sekunden im Vorlauf lief die 31-Jährige in der besten Hallensaison ihrer Karriere bis auf eine Hundertstel an ihre erst sechs Tage alte Bestzeit heran. Auf den Plätzen dahinter folgten die Deutsche Hallenmeisterin Marlene Meier (TSV Bayer 04 Leverkusen) und Lia Flotow (1. LAV Rostock), die beide 8,03 Sekunden liefen. Schon im Vorlauf hatte die Rostockerin ihre alte Bestzeit mit 8,03 Sekunden gleich um sechs Hundertstel unterboten – die blaue ISTAF Bahn ist einfach ein schnelles Pflaster.
Zentimeter-Krimi in der Weitsprunggrube
Einen Zentimeter-Krimi lieferten sich die Weitspringerinnen: Die Top 4 lagen nur vier Zentimeter auseinander, die Top 3 sogar nur einen – und das Top-Duo lag mit 6,57 Metern gleichauf. Das bessere Ende hatte dabei Pauline Hondema. Die Niederländerin sprang die Weite gleich zweimal. Olympiasiegerin Malaika Mihambo (LG Kurpfalz) kam ebenfalls auf 6,57 Meter, ihr zweitbester Versuch war allerdings „nur“ 6,49 Meter weit. So ging der Sieg an die Niederländerin. Die Plätze drei und vier belegten Annik Kälin (Schweiz; 6,56 m) und Imke Daalmann (TSV Bayer 04 Leverkusen). Die Deutsche Vizemeisterin steigerte ihre Hallenbestleistung dabei um vier Zentimeter auf 6,53 Meter.
„Natürlich hätte ich das ISTAF Indoor gern gewonnen, aber das kommt wieder. Das Istaf ist eines der größten Hallenmeetings und hat wie immer riesigen Spaß gemacht. Wichtig ist: Wir sind auf dem richtigen Weg, das ist das Wichtigste und das Haupterkenntnis nicht nur heute, sondern aus der gesamten Hallensaison. Ich habe einige neue Bestleistungen im Training aufgestellt, bin bei den Deutschen Meisterschaften so schnell angelaufen wie noch nie“, erzählte Malaika Mihambo, die nach dem Istaf ihre Hallensaison beendet. Für sie geht’s am Wochenende direkt ins Trainingslager, um an ihrer Form für den EM-Sommer zu feilen.
Stab-Duo verpasst Sprung zur Hallen-WM
Die Stabhochspringer wollten die fast finale Chance nutzen, um sich beim Istaf Indoor für die Hallen-WM zu qualifizieren. Dafür sind aktuell 5,76 Meter gefragt, um unter die Top 12 des Jahres zu kommen. Darum lagen am Freitagabend in der Schlussphase des Meetings 5,78 Meter auf. Der Deutsche Hallenmeister Bo Kanda Lita Baehre (Düsseldorf Athletics) versuchte sich dreimal an der Höhe, konnte sie aber nicht überqueren. Besser lief es für den Sechs-Meter-Springer Ernest Obiena (Philippinen) und Simen Guttormsen (Norwegen), die mit 5,78 Metern auf eins und zwei landeten. Rang drei ging mit 5,70 Metern an Bo Kanda Lita Baehre, Torben Blech (TSV Bayer 04 Leverkusen) flog mit 5,60 Metern auf Rang sechs.
Im 60-Meter-Finale der Frauen unterstrich Sade McCreath ihr neues Weltklasseniveau. Erst vergangene Woche hatte sich die Kanadierin bei ihren nationalen Meisterschaften gleich um 14 Hundertstel auf 7,12 Sekunden gesteigert. Exakt diese Zeit lief die 29-Jährige in der Uber Arena ein weiteres Mal und war damit nicht zu schlagen. Maia McCoy (USA; 7,16 sec) und Minke Bisschops (Niederlande; 7,19 sec) folgten auf den Plätzen.
Philina Schwartz geht im Finale vom Gas
Nach ihrem Vorlaufsieg (7,22 sec) kam die deutsche Sprint-Aufsteigerin und Lokalmatadorin Philina Schwartz (Berlin Athletics) nicht richtig ins Rennen und wurde in 7,27 Sekunden Vierte. „Ich bin das erste Mal beim Istaf gestartet, es war toll – und laut! Im Finale hatte ich keine gute Position, es lief nicht rund. Da habe ich entschieden, hinten rauszunehmen, um die Verletzungsgefahr zu reduzieren. Jetzt geht's zur Hallen-WM“, sagte Philina Schwartz nach ihrem Debüt auf der ganz großen Sprint-Bühne.
Revanche für seine Niederlage beim Istaf Indoor Düsseldorf Ende Januar nahm Para-Sprinter Sherman Guity Guity (Costa Rica). Der Paralympicssieger zog nach einem tollen Start im 60-Meter-Finale schnell Düsseldorf-Sieger Jonnie Peacock (Großbritannien) davon und war nach 7,08 Sekunden nicht zu stoppen. Damit verpasste der unterschenkelamputierte Sprinter den Meetingrekord von Felix Streng (Sprintteam Wetzlar) nur um fünf Hundertstelsekunden. Jonnie Peacock, Paralympicssieger von 2012 und 2016, folgte mit 7,15 Sekunden auf Rang zwei. „Ich werde hier stets so toll empfangen und betreut. Hoffentlich kann ich hier noch öfter starten. Dass ich hier so viele junge Fans habe, motiviert mich ungemein“, so der Istaf -Indoor-Champion.
Meeting-Chef Martin Seeber zog ein positives Fazit nach der mittlerweile 13. Auflage des ISTAF Indoor: „Das Meeting hat wieder mit vielen emotionalen und sportlichen Höhepunkte beste Werbung für die Leichtathletik gemacht. Die Uber Arena war mit 12.000 begeisterten Zuschauerinnen und Zuschauern ausverkauft und unser überragendes Berliner Publikum hat die Akteurinnen und Akteure einmal mehr zu Weltklasseleistungen gepush. Das spricht für die sportliche Qualität des Istaf Indoor. Bei der Elektronik lief nicht alles rund. Das werden wir auswerten und für die Zukunft abstellen.“
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