| Neue Meisterin

Svenja Pfetsch – Im zweiten Anlauf klappt es

© Theo Kiefner
Bei den Deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund standen sieben Athletinnen und Athleten erstmals in der Aktivenklasse ganz oben auf dem Podium. Die meisten von ihnen sind neue Gesichter, andere waren schon mehrfach nah dran an ihrem ersten nationalen Titel. Wir stellen die neuen Meisterinnen und Meister vor, heute die Sprinterin Svenja Pfetsch (Munich Athletics).
Jan-Henner Reitze

Svenja Pfetsch
Munich Athletics

Bestleistungen:

60 Meter: 7,42 sec (2025, 2026)
100 Meter: 11,43 sec (2024)
200 Meter: 23,29 sec (2024); Halle: 23,52 sec (2026)

Erfolge:

Bronze World University Games 2025 (4x100 m) 
Ersatzläuferin U23-EM 2023 (4x100 m)
Bronze U20-EM 2019 (4x100 m), Teilnahme 200 Meter
Deutsche Hallenmeisterin 2026 (200 m)

Schon im vergangenen Winter war Svenja Pfetsch bei der Hallen-DM 2025 in Dortmund topfit gewesen. In ihrem 200-Meter-Vorlauf lief sie als Erste durchs Ziel, die Uhr blieb bei 23,58 Sekunden stehen. Damit deutete sich an, dass die Münchnerin im Finale die stärkste Herausforderin von Favoritin Jessica-Bianca Wessolly (VfL Sindelfingen) sein würde. Aber daraus wurde nichts: In der Startkurve war die Sprinterin aus der Balance geraten, anschließend innen über die Linie ihrer Bahn getreten und wurde disqualifiziert. Endlauf und PB waren futsch.

In diesem Winter waren die Vorzeichen ähnlich. Nach einer erfolgreichen Hallensaison, in der Svenja Pfetsch unter anderem ihre 60-Meter-Bestleistung von 7,42 Sekunden einstellte, stand sie im 200-Meter-Vorlauf der Hallen-DM auf derselben Bahn wie im Vorjahr. Diesmal aber lief alles korrekt und auf der Uhr stand mit 23,59 Sekunden fast das gleiche Ergebnis wie ein Jahr zuvor. Und diesmal konnte die 24-Jährige im Finale einen draufsetzen und in 23,52 Sekunden Titelverteidigerin Jessica-Bianca Wessolly (23,60 sec) knapp hinter sich lassen.

Dass diesem Erfolg ein Rückschlag vorausgegangen war, passt zur Karriere von Svenja Pfetsch, die insgesamt nicht geradlinig nach oben führte. Kleinere und größere Verletzungen bremsten die Master-Studentin immer wieder aus, nachdem sie in der U18 und U20 zur DLV-Spitze gehörte hatte und auch international am Start war. Der Spaß am Sport ging trotz schwieriger Zeiten nicht verloren, auch dank des Zuspruchs von Familie und Freunden. Und die Deutsche Hallenmeisterin ist überzeugt: „Ich kann mehr, als ich bisher gezeigt habe.“ Das treibt sie weiter an. Eine Zeit unter 23 Sekunden ist das erklärte Ziel.

Aufbau in Vöhringen

Die erste sportliche Leidenschaft von Svenja Pfetsch, die im bayerischen Vöhringen aufgewachsen ist, war das Rhönradturnen. Im Nachbarort Senden stand bis zu viermal pro Woche Training auf dem Programm. Im Alter von acht Jahren kam beim SC Vöhringen Leichtathletik dazu. „Meine Mutter hat Leichtathletik gemacht, deshalb habe ich es auch ausprobiert.“ Beim Kindertraining ging es unter der Anleitung von Franz Müller darum, zunächst spielerisch alle Disziplinen kennenzulernen.

Der Sprint stellte sich schnell als ihre stärkste Disziplin heraus, die Trainer Eugen Buchmüller in den folgenden Jahren gezielt förderte. Dabei wurde das Training wettkampforientierter. Auf Landesebene stellten sich erste Erfolge ein, wie der bayerische Meistertitel 2015 über 100 Meter in der Altersklasse W14 (12,71 sec). Das war auch der Zeitpunkt, als sich die junge Sportlerin komplett für die Leichtathletik entschied und mit dem Rhönradturnen aufhörte. „Zum Leichtathletik-Training bin ich damals dreimal pro Woche gegangen, zusammen mit viermal Rhönrad war das zu viel“, blickt sie zurück.

Der kontinuierliche Aufbau brachte im zweiten U18-Jahr den nächsten Leistungssprung und die 200 Meter wurden zur Lieblingsstrecke. Bei der Jugend-DM 2018 lief die damals 16-Jährige in 24,27 Sekunden zum Titel. Ihre Bestzeit hatte sie schon vorher auf 24,03 Sekunden gesteigert. „Das war ein Erfolg, der mir bewusst gemacht hat, dass ich im Sport etwas erreichen kann.“

Start bei der U20-EM

Nach dem Nachwuchstitel auf nationaler Ebene richtete sich der Blick auf einen internationalen Start. Damit klappte es im ersten U20-Jahr durch die Steigerung der Bestzeit auf 23,82 Sekunden, was das Ticket zur U20-EM nach Boras (Schweden) einbrachte.

Auch wenn dort im Vorlauf schon Endstation war, und sich Svenja Pfetsch außerdem im Staffel-Vorlauf eine Verletzung zuzog und deshalb im Finale nicht zum Einsatz kommen konnte, war der erste Start im Nationaltrikot eine wertvolle Erfahrung. „Es war einmalig, vor internationalem Publikum zu laufen. Obwohl ich im Staffel-Finale nicht mitlaufen konnte, durfte ich mit aufs Podest bei der Siegerehrung“, erzählt die 200-Meter-Spezialistin. Das DLV-Quartett war ohne die Münchnerin im Endlauf auf Platz drei gesprintet.

Corona-Pandemie und Verletzungen hemmen die Entwicklung

Das zweite U20-Jahr ging 2020 in der Halle mit Silber bei der Jugend-DM und Rang vier beim ersten DM-Start in der Frauenklasse noch gut los. Dann kamen die Corona-Pandemie und Verletzungen, die weitere Erfolge verhinderten. Die Sommersaison fiel wegen eines Außenbandrisses komplett aus. Es folgten Probleme mit der Knochenhaut und dem Ischiasnerv, was zu Beschwerden im Beuger führte. Wenn Wettkämpfe möglich waren, dann ohne Bestzeiten. Teilweise waren 200-Meter-Rennen wegen des Trainingsrückstands sinnlos.

Svenja Pfetsch war dennoch sicher, dass sie ihr sportliches Potenzial noch nicht ausgeschöpft hat und suchte nach einer Möglichkeit, nach der Schule weiter an ihren Sprintfähigkeiten zu arbeiten. „Ich habe nach dem Abitur ein Jahr gejobbt und bin dann nach München gegangen“, erzählt sie. Dort nahm sie im Herbst 2021 ein Studium in Sportwissenschaften auf, das sie mit dem Bachelor erfolgreich abgeschlossen hat. Mittlerweile läuft das Masterstudium in Health Science, außerdem ist die Sprinterin als studentische Hilfskraft am Lehrstuhl Bewegung, Ernährung und Gesundheit tätig.

Sportlich schloss sich die Studentin der LG Stadtwerke München und der Trainingsgruppe von Michael Ehrenreich an und sammelte mehrere Deutsche Meistertitel mit der Staffel. Seit dem Jahreswechsel startet die Trainingsgruppe, zu der unter anderem auch Denise Uphoff und Daryl Ndasi gehören, für Munich Athletics.

Lichtblicke, obwohl nicht alles rund lief

Wegen immer wieder neuer verletzungsbedingter Rückschläge war im neuen Umfeld nicht immer durchgehendes Training über einen längeren Zeitraum möglich. Dennoch fiel im Jahr 2023 nach vier Jahren endlich wieder eine Bestzeit. Die 100 Meter legte Svenja Pfetsch in 11,56 Sekunden zurück und meldete sich als Vierte der U23-DM über diese Strecke in der deutschen Spitze zurück. Als Ersatzläuferin wurde die Münchnerin für die Staffel bei der U23-EM in Espoo (Finnland) nominiert. Auch wenn sie dort nicht zum Einsatz kam, war das eine Bestätigung, dass sich ihre sportlichen Anstrengungen lohnten.

Auch 2024 begann mit einem Bänderriss und vier Monaten Trainingsausfall. In der Sommersaison kam die 24-Jährige wieder auf Touren, belegte bei der DM Rang fünf über 200 Meter, steigerte ihre Bestzeit auf 23,29 Sekunden und stellte auch über 100 Meter ihre bis heute gültige PB (11,43 sec) auf.

Das vergangene Jahr brachte nach der Enttäuschung wegen der Disqualifikation im Vorlauf der Hallen-DM wieder ein Erfolgserlebnis in der Freiluftsaison. Bei den World University Games in Wattenscheid sprintete Svenja Pfetsch gemeinsam mit Louise Wieland (Hamburger SV), Talea Prepens (TV Cloppenburg) und Jolina Ernst (TV Wattenscheid 01) in 43,60 Sekunden zu Bronze mit der 4x100 Meter Staffel.

Verletzungsfreier Winter und Zuversicht für den Sommer

Im vergangenen Herbst und Winter konnte Svenja Pfetsch den Aufbau ohne Verletzung oder gesundheitliche Probleme durchziehen. Die zurückliegende Hallensaison ist ein erster Fingerzeig, was dadurch möglich ist. Der überraschende Titel bei der Hallen-DM motiviert noch einmal extra. Wie in ihren schwierigen Jahren ist die Sprinterin sicher, noch nicht alles gezeigt zu haben, was sie kann.

„Ich möchte eine Zeit unter 23 Sekunden laufen. Ich bin fit und glaube, dass es möglich ist.“ Größtes Ziel im Sommer sind erst einmal die Deutschen Meisterschaften in Wattenscheid (25./26. Juli). „Da möchte ich um die Medaillen mitlaufen, über 200 Meter und mit der Staffel.“ Im angepeilten Leistungsbereich liegen auch die Bestätigungs- (23,00 sec) und Direkt-Norm (22,85 sec) für die EM in Birmingham (Großbritannien; 10. bis 16. August). „22,85 Sekunden sind natürlich eine Hausnummer. Aber ich bin zuversichtlich, dass ich schnell sein werde.“

Video: Svenja Pfetsch überrascht über 200 Meter als Deutsche Hallenmeisterin
Video-Interview: Svenja Pfetsch: "Ich habe es noch nicht realisiert"

Das sagt Bundestrainer Alexander John:

Svenja hat sowohl über die 60 Meter als auch über die 200 Meter eine starke Saison hingelegt. Das Ergebnis bei der Hallen-DM ist eine Bestätigung dafür und der Winter insgesamt ist ein klarer Schritt nach vorn. Sie wurde auch dafür belohnt, in schwierigen Jahren weiter an sich geglaubt zu haben. Leistungssport ist oft keine stetige Entwicklung nur nach oben. Svenja hat eine Talsohle durchschritten, das ist kein einfacher Weg. Vor diesem Hintergrund ist die Leistung jetzt umso schöner. 

Für den Sommer sehe ich insbesondere die konstant schnellen Zeiten über 60 Meter mit der Bestzeit von 7,42 Sekunden als vielversprechende Basis. Das spricht dafür, dass es auch draußen über 100 Meter und 200 Meter schneller werden kann. Ich bin gespannt, wie weit Svenja ihre Zeiten nach unten drücken kann.

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